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Neue jüdische Presse · 1903-09-18 · Heft 46 (18.9.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 46 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 46 des Frankfurter Israelitischen FamüiMattes. Schon jetzt nehmen sämtliche Briefträger und Postanstalten Abonnements für das IV.. Quartal entgegen Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" kostet in Frankfurt a.M. Mk. 1.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. 1.02 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der Post 12 Pfg. weniger). Auch im Auslande nehmen sämtliche Postanstalten Abonnements entgegen. Bei Einsendung des Postbestellscheines für das IV. Quartal liefern wir die bis zum 1. Oktober erscheinenden Nummern von jetzt ab gratis. Verlag des Frailkfurter Israel. Familieublattcs Ein Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestrenen Judentums in Baden. Die traurigen religiösen Zustände im Großherzogtum Baden waren in den jüdischen Blättern schon öfters Gegenstand der öffentlichen Besprechung. Die Unkenntnis auf dein Gebiet des religiösen Schrifttums, die Entweihung des 'Sabbats und die 'Nichtbeachtung der 'Speisegesetze sind zwar Erscheinungen, die leider auch in anderen Gegenden Deutschlands zu beobachten sind. In Baden treten aber besondere Momente hinzu, welche jene Erscheinungen noch mehr als anderswo hervortreten lassen. Der Umstand, daß an der Spitze der badischen Judenheit eine Zentralbehörde steht, die sich ganz ans Vertretern des Reformjudentums zusamniensetzt, verleiht dieser Mchtung von vornherein ein Ilebergeivicht, das sich auch praktisch durch Zurückdrängnng der konservativen Elemente und in der Bekämpfung des überlieferten Jndentunis in der Schule wie ini öffentlichen Gemeindeleben geltend macht. Die Intoleranz der Reform, welche ohne Rücksicht auf die religiösen Gefühle eines großen Teils der Gemeindemitglieder die Orgel in der Synogoge einführte, hatte den Austritt dieser Mitglieder und die Bildung der Religionsgescllschast in Karlsruhe zur Folge. Da aber infoge dessen die gesetzestrenen Elemente nirgends in größerer Anzahl vereinigt waren, sondern zerstreut in de» kleinen Gemeinden lebten, so wurde dies ein neues Moment für den Oberrat, seine Prinzipien, unter gänzlicher Ignorierung des konservativen Judentums durchzuführen. Der Oberrat hat es verstanden, jeden, der auch nur in dem. Verdacht stand, ein Anhänger des überlieferten Judentums zu sein, aus seiner Dritte' fernzuhalten, und er hat sich bemüht, seine Anschauungen auch in den einzelnen Gemeinden mehr und mehr zur Geltung za bringen. Trotzdem nun alle Bemühungen des Oberrats eine Hebung des religiösen Lebens nicht herbeizuführen vermochten, holt er jetzt zu einem neuen radikalen Reformversuch aus: er will das Gebetbuch, die altheilige Tephilla, nach modernen Grundsätzen umgestalten. Dieses Vorhaben hat endlich die Gesetzestreuen den Ernst der Situation erkennen lassen, und am 19.. Juli d. Js. traten in Karlsruhe eine Anzahl von angesehenen, glaubenstrenen Männern zusammen, um einen Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzcstrenen Judentums in Baden zu gründen. Der Verein soll keinerlei aggressive Tendenz haben, er will eine Organisation der konservativen Elemente bilden, um die Angriffe der Reform zurückzuweisen, das geheiligte Erbteil der Väter zu erhalten und dem gesetzestreuen Judentum den notwendigen Einfluß aus das religiöse Leben zurückzugewinnen. Der Verein erläßt soeben folgenden Aufruf an alle badischen Inden, welchen die Erhaltung des gesetzestrenen Judentums am Herzen liegt: P. P. Die Gefahren, welche das gesetzestreue Judentum in Baden bedrohen, nehmen tagtäglich zu. Schon längst mußten die Verhältnisse, die sich hier im Laufe der letzten Jahrzehnte herausgebildet haben, jeden, dem das Wohl und Wehe der jüdischen Gesamtheit am Herzen liegt, mit ernsten Besorgnissen für die Zukunft erfüllen. Aus dem Lande schwindet der jüdische Geist immer mehr, besonders infolge mangelnder Kenntnis der Lehren - des Judentums. 'Nicht besser sieht es in den Städten aus. Während in fast allen Teilen Deutschlands selbst die eifrigsten Vertreter der sogenannten „Reform" nunmehr zu der Einsicht gelangt sind, daß in den Anhängern des konservativen Judentums die jüdischen Gemeinden ihren integrierenden Bestandteil zu erblicken haben, den nicht nur zu dulden, sondern zu fördern die vornehmste Aufgabe der Gemeindeleitung sein müsse, ist in Baden von - einer solchen Entwicklung nichts zu spüren. Hier werden die dem praktischen Judentum Treugebliebenen geflissentlich in den Hintergrund gedrängt, und darauf ist K wohl zurückzuführen, daß im Gemeindeleben völlige Stagnation herrscht, daß die Lebenstätigkeit der jiidischen Religionsgemeinschaft sich eigentlich nur noch in dem Funktionieren eines allerdings wohlgeordneten Verwaltungsapparates äußert. Der an der Spitze desselben stehende Oberrat der Israeliten hat sich bisher außer stände gezeigt, den Schäden abzuhelfen und triebkräftiges, religiöses Leben in den Kreisen der badischen Judenheit zu ivecken. Bon einer wohlwollenden Regierung zur Kräftigung und gedeihlichen Entfaltung des Judentums eingesetzt, kann jene Behörde, wie gesagt, unstreitig das Lob für sich in 'Anspruch nehmen, die äußeren Verhältnisse der badischen' Judenheit in mustergiltiger Weise geregelt zu haben. Indessen hat diese organisatorische Tätigkeit anscheinend ein Moment in den Hintergrund treten lassen, welches in erster Linie geeignet ist, ein religiöses Gemeinwesen lebensfähig zu erhalten, das ist das Gefühl der Verantwortlichkeit der Einzelnen für das religiöse Wohl der Gesamtheit. Nur durch Nichtbeachtung' dieses wichtigen Prinzips läßt sich ein Schritt erklären, den der Oberrat — unter Mitwirkung' badischer Konferenzrabbiner — dem Vernehmen nach zu tun beabsichtigt, und der am besten zeigt, wie leicht eine Behörde die schranken überschreitet, , die ihrem Wirken in der Rücksicht auf das religiöse Gewissen auch der verschivindeiidsten Minderheit gesteckt sein sollten. Es handelt sich nämlich um den Entwurf eines neuen Gebetbuches, welcher demnächst der Synode zur Beschlußfassung vorgelegt werden soll. Der Oberrat hat zwar aus unbekannten Gründen es für gut besunde», dieses Werk der Oeffentlichkeit vorzuenthalten, bis es der Synode unterbreitet ist. Indessen genügen die bekannt gewordenen Grundtendenzen des Entwurfs, um zu zeigen, von welchem Geiste dieses Gebetbuch getragen ist. Der jüdische Eharakter der altehrwürdigen Tephilla soll beseitigt, die uralten Gebete sollen nach subjektiven Anschauungen „verbessert" werden. Daß damit, von allen religionsgesetzlichen Bedenken abgesehen, das Prinzip altgeheiligter Autorität im Judentum in gröbster Weise verletzt, und ein sturmerprobtes Bollwerk gegenüber den auflösenden Mächten der Gegenwart zerstört wird, scheinen die Verfasser jenes Entwurfs nicht bedacht zu haben. lind dieses Gebetbuch will man, wie jetzt verlautet, auch in den Schulen einführen. Die Jugend soll also nicht einmal mehr aus der Tephilla den Geist des unverfälschten Judentums kennen lernen, für welches Unsere Väter gekämpft und gelitten, sür welches sie ihr Herzblut hingegeben haben. Man will offenbar eine Generation heranziehen, die ganz von denc Geiste des modernen Reformjudentunis erfüllt ist, desselben Reformjudentums, dessen Unfähigkeit zu positivem Schaffen die letzten Jahrzehnte auf's Klarste dargetan haben. Wohin dieser Geist führt, das zeigt die erschreckend hohe Zahl der Taufen in den größeren Gemeinden, das zeigt ferner der krasse, religiöse Jndifferentismns, der allenthalben zu beobachten ist, wo die „Reform" ihre Triumphe feiert. Wer selbst wenn der Oberrat unter dem Drucke der öffentlichen Meinung von der Einführung des neuen Gebetbuches in den Schulen abkommen sollte, würde schon die Benützung desselben in den Synagogen einen schweren Gewissenszwang für die gesetzestreuen Minderheiten bedeuten, dem nrit allen Kräften entgegengearbeitet werden muß. Es ist hohe Zeit, daß die Gesetzestreuen im Lande sich zusammenschließen und nicht allein gegen dieses Projekt, sondern gegen den ganzen Geist Front machen, aus dem heraus der Gedanke dieses modernen Gebetbuches geboren ist. Wir vertreten im wahrsten Sinne die Interessen der jüdischen Gesamtheit, wenn wir eine Zusammenfassung und Kräftigung der überall im Lande zerstreuten. konservativen Elemente anstreben, auf daß alles, was an religiöser Begeisterung und religiösem Ernst in diesen Kreisen vorhanden ist, der Gesamtheit unserer Glaubensgenossen in unserem engeren Vaterlande zugute kommen möge. Aus Grund dieser Erwägungen sind die Unterzeichneten zusammengetreten, um einen Verein zur Wahrung der Interessen des ge - jetzestreuen Judentums in Baden in's Leben zu rufen. Der Verein soll den Zweck haben, den' Einfluß des konservativen Judentums in Baden zu stärken, für Wiederbelebung und Verbreitung religiösen Wissens Sorge zu tragen und die Anhänglichkeit und Liebe zum alten Glauben der Väter wiederzuerwecken. Mitglied des Vereins kann jeder volljährige, in Baden ansässige Israelit. werden, der sich mit den Zielen des Vereins einverstanden erklärt und zu einem Jahresbeitrag von mindestens 2 Mark verpflichtet. In der Voraussetzung, daß sie ebenfalls bereit sind, für die Interessen des gesetzestreuen Judentums einzutreten, laden wir Sie hierdurch ei», sich dem Verein als Mitglied anzuschließen. Es handelt sich um eine Lebensfrage unserer Religion, cs handelt sich lim die Zukunft des Judentums in Baden. Da darf keiner zurückbleiben, darf keiner die geringen Opfer, die ihm zugemutet werden, scheuen. Dem ernsten Streben wird der Erfolg nicht versagt bleiben. Wir ersuchen Sie, die beigefügte Mitgliedskarte auszufüllen und an die Wresse des Herrn Samuel I e se l so h n, N e ck a r b i sch o f s h e i m, zu senden. Eduard Bauer, Mannheim. Leopold Blum, Hochhausen a. N. Bernhard Bodcnheimcr, Wiesloch. Jacob Daube, Königsbach. Jonas Daube, Freiburg i. B. Jacob Emsheimer sen., Karlsruhe. 'Aron Ettlinger, Mannheim. Julius Ettlinger, Mannheim. Ferdinand Fröhlich, Grötzingen. Joseph Greilsamer, Breisach. Leopold Haas, Karlsruhe. Samuel Jeselsohn, Neckarbischosshcim. Nathan Kahn, Karlsruhe. Bernhard Kausfmann, Mannheim. Dr. Latte, Mannheim. Max Marx, Wiesloch. Jacob Machol, Ettlingen. Nathan Nathan, Königsbach. Skegmund Rosenbanm, Mannheim. Earl Rosenthal, Konstanz. Berthold Rothschild, Randegg. Nathan Rothschild, Mosbach. Salomon Reutlinger, Königsbach. Leopold Simon, 'Mannheim. Dr. Stern, Baden-Baden. Machol Strauß,. Mannheim. Leopold Weil, Kippenheim. Salomon Weil, Freiburg i. B. Dr. Würzburger, Rappenau. Joseph Würzburger, Rappenau. Max Würzburger, Karlsruhe. Man darf die Hoffnung hegen, daß sich dem Verein recht viele Gesinnungsgenossen anschließen werden. Wenn auch die Zahl der Gesetzestreuen in den einzelnen Gemeinden klein ist, so wird die Zusammenfassung der Kräste ihren Anstrengungen den Erfolg sichern. Und was das wichtigste ist: die neue Organisation wird den Beweis liefern, daß die Praxis des Oberrats die religiösen Gefühle vieler badischen Inden verletzt, und daß gerade diejenigen die Prinzipien des Oberrats mißbilligen, welche an dem religiösen Leben das größte Interesse haben und den l e b h a f t e st e n Anteil nehmen. Zugleich aber wird der Verein sein Bestreben darauf richten, das religiöse Gemeindeleben im Sinne des überlieferten Judentums zu fördern und Thora-Kenntnis zn verbreiten. Dadurch wird er am besten imstande sein, den zerstörenden Einfluß des Oberrats zu bekämpfen und dem gesetzestrenen Judentum zu neuen Blüte zu verhelfen. (Nachdruck verboten.) Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Henny Rosenbaum. (Fortsetzung.) Die alte Mutter Rüben fand bei ihrem Eintritt zu ihrer Ucberraschung die ter Borgs schon vor. Jan begrüßte die Mutter seines toten Freundes mit ausgesuchtester Ehrfurcht und Frau Rate ter Borg, die praktische Tochter eines handeltreibenden Volkes, die über ihres Sohnes Hosfnungen und Absichten aus Gerta unterrichtet war, suchte durch größte Liebenswürdigkeit gleichfalls in deren Großmutter Hilfstruppen für diese Absichten zu werben. Die einfache, alte Judenfrau war von diesem Empfang so bestürzt, daß sie nur verwirrt stammelte: „Se tun mer ßu viel Kowett an, gutste Frau, Se tun mer ßu viel Kowett, gutster Herr." Nachdem eine Weile von den ter Borgs allerlei Höflichkeiten für Mutter Rüben verschwendet worden waren, rückte Frau Rate mit ihrer Bitte heraus, Gerta recht oft als lieben Gast ln ihrem Hause sehen zu dürfen. „Sie haben doch nichts dawider, Mewrouw Rüben," fragte sie. „I Gottbewahre, wie wer ich denn," nickte die gute, alte Frau. Und Gerta sagte hastig mit einem trotzigen Blick aus Wam Seelig: „Wenn sic gestatten, komme ich oft, recht oft, gnädige Frau."- Jan ter Borg schien jetzt den Augenblick für gekommen zu halten, ein geplantes Vorhaben auszuführen. Er nahm einen kleinen, kostbaren Ring, den er bei sich trug, und zeigte ihn Gerta. „Gefällt Ihnen der, Kind? Ich habe ihm meiner kleinen Braut, mitgebracht." Er wollte ihr den Ring an den Finger stecken, als Dr. Seelig hindernd die Hand auf seinen Arm legte.

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