Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 45 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ften und ist zahlbar in vierteljährlichen Rate», deren erste im Betrage von 900, Vte beim Antritt der Studienreise, die ferneren mit je 450 M. in Rom durch. Vermittelung der Bankfirma Nast-Kolb n. Schumacher daselbst zur Auszahlimg gelangen. Ter Stipendiat ist verpflichtet, sich acht Monate in Rom «uszuhalten und über seine Studien vor Ablauf der ersten sechs Monate an die Akademie unter Beifügung eigener Arbeiten schriftlichen Bericht zu erstatten. Tie Kosten für Ein- und Rücksendung dieser Nachweise werden zu Lasten der Stiftungsfonds übernommen. Während der Tauer des Stipendienjahrcs wird dem Stipendiaten eins der von der Akademie im Interesse ihrer in Rom studierenden Stipendiaten gemieteten Ateliers mietsfrci überlassen werden, wenn Ältere Ansprüche auf mietssreie Ateliers nicht zu berücksichtigen find. Der Genus; des Stipendiums beginnt mit dem 1. Oktober 1904. _ ' (Nachdruck verboten.) Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Hcnny Rosen bäum. (Fortsetzung^) Derselbe war schon in Deutschland ein reicher, angesehener Kaufmann, als Adam Seelig vor fünf Jahren von dessen alter Mutter die drei Stuben in dem alten Haus auf der Jodebree abmictctc, um dort in dem Viertel der Aermsten der Arincn feine ärztliche Tätigkeit auszuüben, «seitdem hatte er, sich urit fast kindlicher Zuneigung an Mutter Rüben angeschlossen, die mit der liebevollen Sorgfalt eines mütterlichen Herzens, das nichts für das eigene Kind tun kann«, für ihn sorgte. Adam Seelig stainmte aus einer reichen Rhederfamilie und war durch den frühen Tod seiner Eltern selbst jung in. den Besitz eines großen Vermögens gekommen. Nachdem er im Ausland und in Holland studiert hatte, führte er seinen Vorsatz aus und ließ sich in; ehemaligen Ghetto als Arzt nieder. Seine ärztlichen Hilfeleistungen ließ er sich nicht vergüten, und wo es Not tat, gab er seinen bedürftigen Patienten mit offener Hand. Dagegen klopften berufsmäßige Schnorrer vergebens an seine Tür. Adam Seelig lebte streng nach den religiösen Vorschriften. Im Judenviertel verehrte man den jungen Arzt wie einen Heiligen, «eine Verwandten in den großen, reichen Häusern am Damronk -schätzten und liebten ihn, aber glaubten doch insgeheim, er habe 'einen ' kleinen Spleen, weil er sich ohne Not, Ehre und Vorteil davon zu haben, in der häßlichen Judcnstadt vergrub. In seine Studien versenkt und an seiner heiligen Lebensaufgabe arbeitend, Licht in die dunkeln Häuser des Judenviertels zu bringen, hatte Dr. Seelig nie Zeit gesunden nach häuslichem Glück für sich selbst zu suchen, und hatte cs auch noch nicht entbehrt. — Mutter Rüben, die an die Tür klopfte und den Kaffee brachte, unterbrach den jungen Arzt in seinen Reflekttonen. Adams erste Frage war nach Gerta. „Se schlaft noch, Herr Dotta. Abbcr wenn das gebenschte Kind aufwacht, was wird denn sein," fragte die alte Frau angstvoll. „Lassen Sie nur, Mutter Rüben. Gerta wird und muß sich beruhigen. Sie ist gänzlich unvorbercttet in völlig fremde Verhältnisse gekommen. Wir werden mit Liebe des Trotzköpfchen schon Herr werden." „Ja, ja, mit Liebe, Herr Dokta." lind dann erwachte die großmütterliche Eitelkeit. „Und was is is auch for e wunderschönes Mud!" ' „Ja, Großmutter, ein wunderschönes Kind," wiederholte Adam Seelig träumerisch. Er glaubte plötzlich wieder den Duft ihres Goldhaares an seinen Lippen zu spüren. Stürmisch wallte ihm das Blut zum Herzen.' Da durchfuhr ihn mit jähem Schreck die Erinnerung an Jan tcr Borgs gesttige Worte: „Tann komme ich und hole mir meine, süße, kleine Braut." — — — „Nein, noch nicht, Mynheer," sagte er plötzlich so laut, daß Mutter Rüben, die gerade heransging sich erschreckt umwandte. „Sagten Se was, Herr Dokta?" Der Arzt schüttelte verneinend den Kopf und machte sich mit seinen Instrumenten zu schassen. Dann glitt sein Blick im Zimmer umher. Zu»; ersten Mal prüfte er seine schlichte Umgebung auf den (Andruck hm, den sie wohl aus einen fremden Beschauer.machen würde und konstatierte, daß sie - an nüchternster Einfachheit nichts zu wünschen übrig ließ. Infolge dieser Erwägung nahm er aus einer Ledermappe ein paar kostbare, alte Kupferstiche, die Szenen aus der heiligen Schrift darstelltcn, und befestigte sie an den Wänden. Und schwere, antike Silbergcsäße, die bisher ein verborgenes Dasein in einem der großen schränke geführt hatten, stellte er auf. Als sein befriedigter Blick über'' das' getanen«: Werk glitt, schien . es, als lachte die marmorne Büste Spinozas,- des größten Sohnes des lichtlosen Amsterdamer Ghettos, ironisch über den Frankfurter Israelitisches Familienblatt. jungen Heiligen der Judcnstadt, der die ernste Stätte seiner Wirksamkeit so unvermittelt zu schmücken begann. II. „Ja, was wollen Sic den» eigentlich? Ich verstehe Sic nicht." Tiefe Worte Gcrtas, die er aus dem - lauten Stimmengewirr im Nebenzimmer endlich unterschied, veranlaßten Tr. Seelig seine Betrachtungen abznbrechen und drinnen nach dein liechten zu sehen. Er fand Gerta und mehrere holländische Lastträger, die Koffer gebracht hatten, bemüht, sich gegenseitig über die Bezahlung zu einigen, was aber bei der beiderseitigen Sprachverschiedenheit nicht möglich war. „Guten Morgen, Gerta. Wo ist denn die Großmutter," fragte Adam Seelig eintretend. „Weiß ich nicht," gab die Angeredete unfreundlich zurück, ohne seinen Gruß zu erwidern. „Tann hätten Sic mich rufen sollen," ignorierte er ihre Ungezogenheit. „Sie werde ich nie rufen." In ihren Blauangen lag riefe' Feindseligkeit. Adam Seelig fertigte die harrenden Leute mit ruhiger Freundlichkeit ab. Nachdem sie gegangen waren, trat er an den blonden Trotzkopf' heran und sagte ernst: „Zur Strafefür Ihre ungezogene Art hätte ich Sie eigentlich mit den Leute» ruhig allein verhandeln lassen müssen. Aber Sic sehen doch einmal schon aus wie eine junge Dame und darum wollte ich Sie vor Fremden nicht wic> ein kleines Kind behandeln." Gerta wurde bei seinen Worten dnnkelrot. Tic feinen Nasenflügel bebten nervös. Die großen Augen füllten sich mit Tränen. Tr. Seelig wurde cs bei ihrem Anblick schwer seinen gemessenen Ernst zu bewahren. „Wollen wir nicht lieber Friede» machen, Gerta," fragte er weich. „Sie müssen nun einmal hier bei uns leben. Freiwillig werde ich meiner Pflicht, Ihre Erziehung zu vollenden, nicht untreu werden. Erschweren -sie mir dieselbe nicht unnötig." Ob Gerta mit der instinktiven Scheuheit des erwachenden Weibes von den innigen, vibrirenden Tönen seiner Worte, von dem Ausdruck tiefer Erregung in seinem schönen, durchgeistigten Gesicht geängstigt wurde und ihre Beklominenheit nicht merken lassen wollte? Aus einer unklar abwehrenden Empfindung heraus antwortete sie herb: „Ich brauche Ihre £r° ziehung nicht, denn ich mag Sie nicht leiden." In des Arztes bleichem Gesicht zuckte cs leicht. Nach sekundenlanger Pause aber erklärte er freundlich : „Sie sagten, Sic werden mich nie rufen. Sollten Sie es aber trotzden; einmal tun, Gerta, dann stehe ich jederzeit zu Ihrer Verfügung." Er machte eine leichte Verbeugung und wollte gehen. Gcrtas Ausruf „Ach, sehen Sie, da kommt Jan," hielt ihn doch wieder zurück. Wenige Minuten später trat Mynheer ter Borg ins Zimmer. Ihm auf dem Fuß folgte keuchend ein starke, blonde Tome, seine Mutter, welche die erstaunte C-erta „ihr süßes Töchterchen, die arme, kleine Waise" mit zärtlichen Küssen begrüßte. Und kaum, daß sie das Mädchen sreigab und sich verpustend auf das Sopha niederließ, nah»; der große Jan Gcrtas Hände und küßte sie zärtlich wieder und wieder. Sein Versuch, sie in seine Arme zu nehmen, wurde durch eine brüske Bewegung von ihr vereitelt. Aber sie lächelte ihm doch wieder zu wie ein dankbares, frohes Kind, als er Blumen und Konfekt herbcibrachte und sie wie ein Baby zu füttern begann. Seine besorgten Fragen „Wie bloß Sic anssehcn, Gerta! Haben Sie Kopfschmerz? Konnten Sie denn schlafen?" machten sic aber bald wieder ungeduldig. Sic ließ ihn stehen und setzte sich zu seiner Mutter. Tie mütterliche Art der Holländerin, aus deren bäuerlichen, aber klugen Gesicht sie ein Paar wohlwollende Augen anblickten, mochte den; junge», wunden Mädchenherzen wohl tun. Mit einer anmutigen Lieblichkeit, die Adam Seelig, der sich mit den ter Borgs nur kühl begrüßt hatte, zum ersten Mal an ihr wahrnahm, plauderte sie mit Mewrouw ter Borg und barg, als die Dame von Gcrtas totem Vater sprach, den sie gekannt und geschätzt hatte, aufschlnchzend den Kopf am Herzen der großen Frau. Tie beiden Männer folgten dieser Szene mit sehr verschiedenen Empsindungcn, Tr. Seelig mit einem ihm bisher'fremden Gefühl leisen Steides, Mynheer ter Borg mit innigster Befriedigung. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Der rühmlichst bekannte ^Orientalist Prof, von Soden teilt in seinem von Professor Dr. Adolf- Harn ack der Akademie der Wissenschaften vorgelegten Bericht über die Handschriftenfunde aus der Kubbet zu Damaskus, mit, daß die h ebräisch en Literaturfrägmente zu den bemerkenswertesten Schätzen der iM klebrigen nicht sehr interessanten Sammlung zählen. Ihre Gruppierung und Würdigung hat Professor Barth übernommen Sie vetteilen sich auf profane Schriftsätze (Ehekonttakte u. a.), Synagogenliturgien und - älttestamentliche Fragmente. Ein höheres Interesse.'dürften die Bruchstücke in samaritanischer Sprache und - Schrift beansprüch'ett. Nr. 45. Eins von ihnen ist als Kalendarium festgestellt. Das Ganze bietet einen weiteren Beleg ftir die Existenz einer samaritanischen Diasporagemeinde in Damaskus: Zweifellos das Wertvollste der Sanimlung sind umfangreiche, teilweise zusammenhängende Fragmente in palästinensisch-aramäischer Schrift und Sprache auS dem alten Testament. Bücherschau. Israel und Babylonien. Der Einfluß Babyloniens auf die israelitische Religion. Von v. Hermann Gunkel, außerord. Prof, an der Universität Berlin. Güttingen, Vandcnhoeck u. Ruprecht 1903. 48 Seiten 8». Preis 1,20 Mk. Eine Entgegnung auf des Babelft rundes und Bibelfeinds Delitzsch „Bibel u- Babel"-Vorttäge, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, das Christentum, besonders das lutherische, unabhängig von Babel erscheinen zu lassen. In diesem Bestteben läßt sich Gunkel zu manchem hinreißcn. was wohl ein objektiver Bibel u, Babel-Rezensent nicht gesagt hätte. „Das Judentum mag Angst haben, daß ihm eine Perle seiner Krone geraubt werden soll, was aber geht uns der nationale Anspruch des Judentums an!" (S. 15). Als ob nicht jede Perle des Christentums nur eine umgcfaßte Perle aus dem Diadem Judas wäre. Freilich Gunkel weiß sich zu helfen. Er stellt die Abhängigkeit des Christentums vom Judentum auch da in Abrede, wo sie für jedermann sonnenklar ist, so jagt er (S. 27): „Der christliche Sonntag ist nicht eine Ueberttagung des Sabbaths, sondern etwas Neues und Anderes." Welche Willkür! Auf diese Weise kann man fteilich leicht deduzieren, daß der Sonntag nicht von Babel herrühre, selbst wenn der jüdische Sabbath babylonisch ist, was übrigens auch Gunkel bezweifelt. Selbst da wo Gunkel dem Judentum die Priorität vor Babel zuerkennt, setzt er es doch dem Christenttin; hintan, wie z. B. bezüglich des Monotheismus. Er räumt Delitzsch ein — bewogen von den vielen Anttopomorphismen, daß das Judentum der Propheten die Geistigkeit Gottes nur ersttebt aber nicht erreicht hat, wie kann aber Delitzsch eine Parallele zwischen den babylonischen Götzenbildern und den Darstellungen Gottes seitens der christlichen Kunst zu ziehen wagen. (S. 48). D. h. doch klipp und klar, das Judcnthum hat — wie die Anttopomorphismen beweisen — die Geistigkeit Gottes nicht erreicht, das Christenttim aber ttotz seiner unzähligen Abbildungen Gottes sehr wohl. Immer dieselbe Tendenz! das Christentum unabhängig erscheinen zu lassen und sei es auch auf Kosten des Judentunis. Im übrigen ist das Büchlein sehr gut geschrieben, das entschiedene ne sator ultra erspltaw, das Gunkel als Bibelforscher dem Assyriologen Delitzsch zürnst, wird Wohl allgemein Beifall finden; die äußere Ausstattung läßt nichts zu wünschen übrig. 8. 2. L. Nen ciugegaugene Bücher. Die Renaissance des alten hebräischen Leseunterrichts im Lichte moderner Methodik von Nathan Adler, Lehrer an der israelitischen Realschule zu Fürth. 31 Seiten. Druck von Lions Buchdruckerei, Fürth. Vakanzen. Hülfsvorbeter für die hohen Feiertage: Meseritz und Meckesheim bei Heidelberg. Religionslehrer, Vorbeter und Schächter: Homburg a. Main (Einkommen ca- Mk. 1400). — Hottenbach, Bcz. Trier (Einkommen Mk. 1100 u. Wohnung). Familieunachrichten. Gebürte«. Ein Sohn, Herrn Moritz May, Darmstadt. Ein Sohn, Herrn Rosenberg, Frankfurt, Mainzer Landstraße 17. Verlobte. Frieda Eschwege. Fulda, mit David Ansbacher, Homvurg v. d. H. Eheschließungen. Johanna Simon, Roßdorf bei Darnistadt, mit Abraham Meyer, Hahn bei Pfungstadt. Babette Mainzer, Lorsch a. d. Bergstr., mit Simon Mainzer, Darinstadt. Sterbefälle. Fanny Sttauß, Bäckermeisters-Gattin, 59 Jahre, Karlsruhe. Wir bitten unsere geehrten Leser sich bej Einkäufen auf das -Frankfurter Israel. Familien-; hlatt beziehen zu wollen.;■ ... % i «ÄokSbmstää&iforij.