Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 45 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 45 des Frankfurter Jsraelitischeu Famllienblattes. Schon jetzt nehmen sämtliche Briefträger und Postanstalten Abonnements für das IV. ©uarta£ entgegen Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" kostet in Frankfurt a. M. Mk. 1.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. 1.62 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der Post 12 Psg. weniger): Auch im Auslande nehmen sämtliche Postanstalten Abonnenients entgegen. ' Bei Einsendung des Postbestellschcines für das IV. Quartal liefern wir die bis zum I. Lktober erscheinenden Nummern von jetzt ab gratis. Verlag des Frankfurter Israel. Familienblattes Knrsaison-Wetter. Lieber Leser, ich will heute etwas tun, was unter tausend Artikelschrcibcrn 000 nicht tun werden, ich will offen, ganz offen beichten, wie dieser Artikel zustande kam, und statt eines Artikels, soll heute nur die Geschichte eines Artikels, hier stehen. Es gehört wahrlich nicht zu den Annehmlichleiten des hieniedigen Tafcins, einen Artikel zu schreiben ohne Stoff dazu. Aber noch viel weniger gehört'-; zu den Annehmlichkeiten des Journalistciilebens Stoff zu haben, ihn aber nicht verwerten zu könne». Also ist's mir aber passiert am ersten des Monats Etlul im Jahre 5<!I!3 der Wcltenfchöpfmig. Heute Morgen nämlich als ich iviedcr zum ersten Male feit dein 'Netto des letzte» Jom-Kivnr die Schofartvnc hörte, da wurden die Töne in mir lebendig und ich dachte zurück an die Zeit, da ich sie voriges Jahr hörte, dachte zurück an die Vorsätze und Entschlüsse, die sich damals an dieses Hören knüpften, und wie sich in der dazivischcnlicgcnden Zeit die Vorsätze zur Tat nmwandcltcn, und wie sie sich nicht uinwandelten: und an die Menschen dachte ich, deren tzieschick voriges Jahr beim Schofcirklang am Rofchhafchono zwar uns noch unbekannt, aber doch schon von dem Weltenrichtcr bestimmt toar. Inzwischen haben ivir'S gesehen, an uns selbst gesehen, an anderen gesehen, was damals bestimmt wurde „wer zum Leben, wer zum Tod, wer zur Armut, ivcr zum Reichtum, wer erhöht und wer erniedrigt ." Und wieder kommt der Schofar mit seinen mahnenden Fragen, sucht und packt uns, wenn wir uns vor seinem Ruse verbergen wollen und mahnt und beschwört uns, doch nicht «»gehört und ungcmahnt ihn, und mit ihm die Zeit vorüberziehcil zu lassen, die uns Gottes Gnade gewährt hat zur Selbsterkenntnis, Läuterung und Rückkehr .... Solche und ähnliche Gedanken erweckten in mir heute Früh die Schofarklängc, und jetzt war mein Unheil fertig, denn ich war sicher, das; in dem Artikel, den ich heute schreiben wollte, ich all' da» hineinverwcben würde, was mir da der alte Schofar vorgepredigt hatte. Nun schreibe ich 'aber im Allgemeinen meine Artikel mit dein Endzweck, das; sie gelesen werden. Hierfür ist aber alles andere tauglicher als Ellulgedankcn. Ein richtiger Zeitungsleser ivird schon durch, eine Ellulübcrschrift abgeschrcckt; er meint, im Grunde genommen seien diese „hohen Feiertage" mit ihren Ellultrabanten ein rechtes Essen — um parlamentarisch zu bleiben — für die Zeitungsschreiber, die mit einigen schönen Phrasen über Buße, Tod, Paradies und Hölle alljährlich den besten Schreibstoff hätten, lind kein Mensch wird weiter lesen, sogar wenn unter der Ueberschrift versichert wird, daß wir keine trübseligen Buß- und Hettage mir Quäkergesichtcrn und Passionsstimmungen kennen. Wollte ich also, daß mein Artikel gelesen würde, so durfte ich nichts von Ellulgcdanken hineinbringcn. Ich nahm nun ein großes iveißes Blatt Papier, und brachte auch eine Ueberschrift zu Stande „Judentum und Sozialdemokratie" — doch gewiß eine harmlose Ueberschrift. In hundert Fetzen zerriß ick; aber das Papier, als ich nach fünf Minuten unbewußt darauf hingekritzclt hatte: „Am Anfänge des Jahres, lehren unsere Weisen s. A., ziehen alle Menschen unterschiedslos, wie eine Herde vor ihrem göttlichen Hirten vorbei, vor ihm sind sie alle gleich fündig, und sie alle sind ja seine Geschöpfe. . . ." . Wie da überall sich der Schofar von heute Morgen verriet. Ich nahm eine Zeitung zur Hand. Sinnend blieb mein Auge auf der nun schon wochenlang stehenden Rubrik „Unruhen im Balkan" hasten. Ein - kleines Völkchen gegenüber dem osmanischen Riesen; der osmanische Riese , aber ist plump, steif, ein -„kranker Mann" und das Völkchen hat Leben, Bewegung und Kraft. Wer gäbe unserem Volke, wer gäbe Israel nur Bewegnugsdrana, die Kraft sie ist vorhanden. Wahrlich das sind die schliminften unserer Feinde, die lauen, kalten, lässigen, gleichgültigen, indifferenten unter unseren Brüdern, denen alles Jüdische fremd ist. Wer gäbe es, daß in der I n d c n h e i t das Indent» m als erster Faktor angesehen werde, daß wir wieder Juden hätten, denen das Judentum in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und wieder dachte ich an den Schofar — — durch „die Unruhen am Balkan". Ta sah ich, mit dem Artikelschrciben ist's heute 'Nichts und höchstens eine offene Beichte blieb mir übrig. Dazu fehlte mir aber auch ein passende» Titel, und so nahm ich den obcnstchenden, denn ich bin nun einmal steif lind fest überzeugt, daß ein Artikel „Kursaison-Wetter" übcrschrieben, bedeutend mehr Anzichungstraft hat, als etwa „Ellul- Gcdanken" u. dgl. Tamit aber, verehrter Leier, du doch nicht ganz enttäuscht bist, will ich auch etwas über's Wetter schreiben. Tas diesjährige war schlecht für unrrcisende. Unsere Hochsaison hat jetzt begonnen, und da können wir uns daS Wetter selbst machen. Für die Leute, die in „diesen hohe» Tagen" eine Entschädigung, gezahlt dem lieben Gott sür's ganze Jahr, erblicken, so ein Judentum für 3 Tage, für die freilich ist's trüb, denen mag wohl das ganze als eine Art Buß- und Bettage Vorkommen. Wer aber schon vor diesen Tagen, wer auch nach diesen Tagen nicht nur in der Synagoge, sein Leben, sein Tun und Lassen freudig Gott unterstellt, dem geht von diesen Tagen ein Licht und eine Sonne aus, die das ganze übrige Jahr verkläret.Schon wieder bin ich auf das leidige Schofarthema gekommen. Im Ellnl erinnert alles daran — Sozialdemokratie — Balkanwirren — und das schlechte Wetter .... —o— Ans dem israel. Lehrerverem für das Königreich Bayern. Aus dem jüngst in diesem Blatt erwähnten Rechenschaftsbericht des genannten Vereins war zu entnehmen, daß derselbe erfreulicherweise ein inneres und äußeres Wachsen der Vereinssache konstatieren konnte. Tie Zahl der Mitglieder beträgt bereits 170, d. h. so viele Lehrer oder ordentliche Mitglieder gehören zum Verein, der mithin der größte unter allen deutsch-israelitischen Lehrerverbänden ist. Das Bereinsvermögen wuchs in dem jüngsten Dezennium nicht unbedeutend und wenn auch für die dienstunfähigen Mitglieder des Vereins durchaus noch viel zu wenig geleistet werden kann, so ist doch die Hoffnung berechtigt, daß dereinst eine beffere Zukunft äubricht. Die Kollegen dürfen nur nicht erlahnien und erschlaffen in der Tätigkeit für die Vereinskape. Bei jeder Gelegenheit, bei freudigen Anlässen wie in ernsten Fällen sollte man an die Pensionslasse denken! Das kann gar nicht oft genug gesagt und gepredigt werden! Giebt es doch immer noch genug Laue und Gleichgiltige. die da meinen, man könnte melken ohne zu füttern, ernten ohne zu säen. Soviel ist sicher, daß bei regerem Eifer von vielen das Bercinsvernrögen um Tausende weiter sein könnte, als es z. Z. wirklich ist. Daß aber bis zum nächsten Jahre, wo der Verein sein 25jähriges Stiftungsfest, so Gott will, begehen möchte, ein merklicher Fortschritt zu verzeichnen ist. dazu sind jetzt die ersten Schritte eingeleitet. Das Jubeljahr soll zugleich ein Segensjahr werden, ein Markstein in der Entwicklungsgeschichte des Vereins. Der allezeit rührige Vorsitzende des Vereins, Herr Lehrer Goldstein-Heidingsfeld. versendet soeben ein Zirkular an sämtliche Mitglieder des bayerischen israelitischen Lehrer-Vereins, dem wir folgendes entnehmen: „In kurzer Zeit wird unser Verein sein 25jähriges Jubiläum feiern. Aus den Reihen der Mitglieder wurde vielfach der Gedanke ausgesprochen, aus Anlaß der Feier ein Lotterie-Unternehmen durchzuführen. Bei der diesjährigen Generalversammlung in Günzenhausen (20. Juli) erhielt dieser Gedanke greifbare Form, indem ein Plan in Vorschlag gebracht wurde. Es ist beabsichtigt, 50 000 Lose ä 50 Psg. auszugeben. Für die Gewinne soll die Hälfte der Einnahme, ca. 12 000 Mark, bestimmt werden. Der Preis von 50 Psg. wurde deshalb angenommen, weil bei solchen Lotterien leichter die bedeutende Steuer erlassen werden kann. Die Gewinnchancen sind sehr günstig, so daß auf vollen Absatz der Lose leicht zu rechnen ist, zumal für den Vertrieb ein ganzes Jahr in Aussicht genommen ist. Der Plan fand bei der Versammlung begeisterte Zustimmung und es wurden von den Anwesenden sofort 11000 Lose für feste Rechnung gezeichnet. Bei unserer Mitgliederzahl von 170 treten im Durchschnitt auf ein Mitglied ungefähr 300 Lose. Naturgemäß können an größeren Plätzen mehr abgesetzt werden als an kleinen; immerhin ist es notwendig, daß jedes Mitglied mindestens 200 Lose übernimmt. Wohl wird mancher denken, daß der Absatz von 200 Stück mit großen Schwierigkeiten verbunden sein wird. Wenn man jedoch in Erwägung zieht, daß der Geldbetrag für 200 Stück nur 100 Mark ausmacht. für den Verschleiß ein ganzes Jahr zur Berfiigung steht, und daß ferner der Kollege für den Absatz nicht nur auf seine Gemeinde angewiesen ist, sondern derselbe auch bei auswärtigen Bekannten und Verwandten und sonstigen Verbindungen gewiß willige 'Abnehmer findet, so sind die Schwierigkeiten nur geringe und können sogar bei ängstlichen Gemütern nicht schwer in die Wagschale fallen. Das Publikum ist leicht dahin aufzuklären, daß dasselbe beim.'«tauf der Lose nicht lediglich einen Wohltütigkeitsakt dem Vereine gegenüber ausübt. sondern daß ein Geschäft vorliegt, mit dem eine günstige Aussicht auf Gewinn verbunden ist, da, wie schon erwähnt, fast die Hälfte der Einnahmen auf die Gewinne verwendet wird; die Kosten für das Uniernehmen dürften sehr geringe sein, weil die Verwaltung die Durchführung übernimmt, wodurch die Ausgaben für Provision an ein Losgeschäft, für Inserate, Freilose rc. wegfalle». Um den verehrten Kollege» Anhaltspunkte zu geben, lassen wir nachstehend einen Auszug aus der Zeichnungsliste folgen und bitten Sie, uns innerhalb 8 Tagen die Zahl der von Ihnen fest übernommenen Lose kundzugeben, damit wir baldigst bei der Vorgesetzten Behörde unr Genehmigung nachsuchen können. Zeigen wir unseren Gemeinden und unseren Brudervcreinen, was Einigkeit und treues Zusammenwirken verniögen. 'N'ur wenn allerseits die rührigste Tätigkeit entfaltet wird, ist ein ganzer Erfolg zu erzielen Lassen Sie diese Mahnung, wie sie von Herzen konnnt, auch zum Herzen sprechen. Zeigen wir alle einen guten Willen und setzen ihn in Tatkraft um. Bleibe keiner zurück, und den süßen Lohn unseres Bemühens werden wir dann empfinden, wenn unsere Unterstützungskasse um eine bedeutende Summe reicher wird und wir imstande sind, das Los unserer Pensionisten und das unserer Witwen und Waisen erfreulicher zu gestalten." Der Aufruf seitens der Verwaltung dürfte sicher allgemeinem Wohlwollen begegnen. i!ln den Lehrern ist's, für ihr eigen Fleisch und Blut zu sorgen. Vielleicht wäre in dem Ausruf auch der Hinweis angebracht gewesen, daß der „Bayerische Bolksschullehrerverein" anno 1887 eine Verlosung veranstaltete, bei der 200 000 Lose spielten und jedes Stück 2 Mark kostete. Ein 50Pfg.-Los ist freilich leichter abzusetzen. —. Möge es nicht am nötigen Eifer fehle», dann wird der gewünschte Erfolg sich wie von selbst einstellen. Zuni Schluß sei noch bemerkt, daß dem Zirkular ein abtrennbarer „Coupon" angefügc ist. worauf jeder Kollege die Anzahl der fest zu zeichnenden Lose angiebt. um so den Coupon an die Verwaltung einzusenden. _ Stipendien. M önigliche A kademie der K ü n st e. Wettbewerb n m das Stipendium der E r st e n M i ch a e l B e c r f ch e n Stift u n g für j ü d i f ch e M a l e r aller Fächer für das I a h r 1 0 0 4. Ter Wettbewerb uni den Preis der E r st e n M i ch a e l B e e r f ch e n Stiftung für Maler und Bildhauer jüdischer Religion wird hiermit für daS Jahr 1004 für Maler aller Fächer eröffnet. Tie für die Preisbewerbung bestinnnten Bilder müsse» in Qel auSgeführt fein: die Wahl des darznstellenden Gegenstandes bleibt dein eigenen Ermessen deS Konkurrenten überlassen. Tie Ablieferung der für diesen Wettbewerb bestiinniten 'Arbeiten nebst schriftlichem Bewerbungsgesnche an die Königliche Akademie der Künste, Berlin VV. 35, Potsdamer Straße 120, muß bis zum l. M ä r z 10 0 4, M i t t a g s 1 2 11 h r, erfolgt fein. Es haben außerdem die Konkurrenten gleichzeitig einzusenden: 1) verschiedene bisher gefertigte Arbeite» und Studien nach der Natur, sowie Kompositionsskizzen eigener Erfindung, die zur Beurteilung des bisherigen Studiengangs des Bewerbers dienen könne»; 2, eine amtliche Bescheinigiiiig, aus der hervorgeht, daß der Bewerber zur Zeit der Einsendung ein Alter von. 22 Jahren erreicht, jedoch das 32. Lebensjahr noch nicht Überschritten hat und sich zur jüdischen Religion bekennt. 3) eine Bescheinigung darüber, daß der Bewerber seine Studien auf einer deutschen Akademie gemacht hat: 4) einen Lebenslauf, aus dem insbesondere der Studiengang des Konkurrenten ersichtlich ist; 5) eine schriftliche Versicherung an Eidesstatt, daß die eingereichten Arbeiten von dem Bewerber selbst erfunden und ohne fremde Beihilfe aus« geführt sind; L) ein Verzeichnis der für die Konkurrenz bestimmten Arbeiten. Eingesandte Arbeiten, denen die vorstehend unter 2 bis 6 aufgeführten 'Schriftstücke nicht vollständig beiliegen,, roetben nicht berücksichtigt. Die Kosten der Ein- und Rücksendung hat der Bewerber zu tragen. Ter Preis besteht in einem Stipendium von 2250 ,ü. zu einer einjährigen Studienreise nach Jta-