Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 44 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 44. „Er hat genug bereut, daß er es nicht getan hat/' erklärte er bestimmt. „Sie sprechen gegen Ihre bessere Ueberzcugung, Mynheer ter Borg. Sie wissen, Aaron Nnben hat sterbend seine Tochter zu seiner Men, jüdischen Mutter gesandt, sein geliebtes, verwöhntes Kind in die alte, häßliche Judenstadt geschickt, damit es als Jüdin unter Juden lebe." Dann wandte er sich wieder an Gerta. „Und die alte lebensmüde Großniutter hat bei der Nachricht, daß ihr Enkelkind eine neue Heinrat braucht, noch einmal «»gefangen sich zu mühen und zu Plagen, damit das Kind diese neue Heimat möglichst schön finden solle. Und nun kommt das trotzige Kind und giebt der weinenden, alten Frau nicht einmal die Hand." Gerta macht eine scheue Bewegung, um auf Mutter Rüben zuzugchen. Da bemerkte sie die neugierigen Blicke der Umstehenden. Die poesielose Kahlheit des Zimmers verletzte ihr schönheitgewohntes Auge. Ohne Adam Seelig anzusehen, sagte sie: „Großmutter, laß mich wieder gehen. Ich kann bei Euch nicht leben." Und dann zu ter Borg: „Kommen Sie, Jan, ich will zu Ihre» Eltern." Der Holländer machte Miene niit ihr das Zimmer zu verlassen. Adam flüsterte der weinenden Großmutter etwas zu. Dieselbe nickte. Dann legte er seine schmale, kräftige Hand auf Gertas Arm, um sie zurückzuhaltcn. Den Umstehenden machte er ein Zeichen, sich zu entfernen. Der noch junge Mann mußte über eine starke Autorität in dieser Gesellschaft verfügen. Das Zimmer leerte sich ziemlich schnell. „Legen Sie endlich ab, Gerta," sagte Seelig dann ruhig. „Oder sind Sie so wenig von der Reise ermüdet, daß Sie nicht einmal 'sitzen wollen?" Sie wandte ihm einfach den Rücken. „Ich will fort, Jan, hören Sie denn nicht?" fragte sie herrisch. Ter Borg nahm ihren Arm. „Gewiß, Kind, kommen Sie." Adam Seelig verlor auch jetzt leine Ruhe nicht. „Wenn Sie denn keinem guten Wort zugänglich sind, Gerta Rüben, dem unbedingten Befehl wird sich 'Ihr Verstand wohl fügen müsse». Aus'Anraten seiner Mutter hat Ihr Vater mich zu Ihrem Vormund eingesetzt, dessen Willen Sie zu gehorchen haben. Mynheer ter Borg ist nur die selbständige Verwaltung Ihres Erbes übertragen. Er mag Ihnen sage», daß er nun nicht mehr das Recht hat. Sie init sich zu nehmen. Mynheer ter Borg wird Ihnen den Abschied leicht machen und schnell gehen. Sie bleiben hier." „Jan, hat der Recht." Der blonde Holländer nickte. „Dann bin ich also seine Gefangene?" Sie war unheimlich ruhig. „Mer, Kind." Plötzlich schrie sie wild aus: „Nein, nein. Ich laufe Ihnen davon. Ich bin kein kleines Kind mehr." Dann stand sie vor Seelig und 'hob drohend die Fäuste vor sein Gesicht. „Oh, wie ich Sie hasse. Sie, Sie, Sie —" Er beugte ihre Arme kraftvoll herunter. „Psni, mäßigen Sie sich." Dann sagte er zu ter Borg: „Mynheer, Gerta wird sich erst beruhigen, wenn Sie fort sind. Sie können ja morgen wieder nach ihr sehen." Jan wollte gehen. „Adieu, Gerta, kleiner Liebling." Da hing sie plötzlich an seinem Hals. „Jan, bitte, bitte, lassen Sic mich nicht allein." Er nahm sie in den Arm und küßte sie wild. „Ich muß, Kind. Aber ich komme bald wieder, bald und hole mir meine Puppe, meine kleine, süße Braut." „Ja, ja," nickte sie willenlos. „Aber kommen Sie bald, Jan." Er ließ sie sanft aus das alte Sofa gleiten und ging. Eine Weile saß sie apathisch, dann löste sich ihre Scelenspannung in wildem Schluchzen auf. Dr. Seelig und die erschreckte alte Frau machten alle möglichen Versuche, sie zu beruhigen, aber Gerta stieß sie herb zurück. Endlich schlief sie erschöpft ein. Adam Seelig legte sie bequem zurecht. Und während die alte Frau den unberührten Tisch abtrug, hielt er die kleine, heiße Hand in der seinen. Entzückt betrachtete er die Schlummernde. Kein Kind, wie sie der tote, zärtliche Vater genannt hatte, sondern ein holdseliges Mädchen hatte man ihm anvertraut, das er ernst und väterlich leiten sollte. Und Dr. Adam Seelig war ja selbst noch jung. Und nur der tiefe Ernst seines Wesens und sein schwerer, ärztlicher Beruf hatten ihn früher als Andere reifen lassen. . Die Lippen der schönen Schläferin murmelten leise etwas. Adam Seelig beugte sich herab, um es zu höre». Der Dust ihres Goldhaares umwehte ihn. Jäh aufstöhnend vcrsankeu scine Lippen in der goldenen Flut. HL Es wird früh Tag gemacht in dem alten Judenwiertel 'Amsterdams. Arme Leute müssen als die Ersten den Kampf um die Existenz , beginnen. . , Die Stimmen früher Tempelgänger, die durch dic. Jodebrec nach 'der alten, portugiesischen Schul gingen, weckten Dr. Seelig aus seinem unruhigen Schlaf. Es war noch ganz dunkel, nur die trüben Gaslampen von der Straße warfen einen unruhigen Schein, ins Zimmer. Adam Seelig mußte sich erst aus die Wirklichkeit besinnen. Allmählig sammelten ich seine Gedanken., Der gestrige Abend wurde ihm wieder lebendig. Das trotzige, blonde Geschöpfchen, das in keinen Träumen holde, sanfte Gestalten angenommen hatte, wurde wieder die ungestüme Gerta Rüben, die zu erziehen man ihm als schwere und undankbare Pflicht aufgebürdet hatte. Er mußte daran denken, wie Gerta gestern erwacht war, ihm ungestüm die Hand entzogen hatte und ihm erregt ins Gesicht schleuderte: „Rühren Sie mich nicht an. Ich hasse Sie unsäglich." Das war kein kindisches Geschwätz geivesen. Adam Seelig wußte, daß er eine direkte Abneigung zu bekämpfen hatte. Gerta'mochte zum ersten Mal 'im Leben ein Mensch 'mit ernster Energie entgegengetreteu sein und das verwand das verwöhnte Geschöpfchen noch nicht. Gerta war offenbar vollkommen unerzogen. Der Tote, ein überzärtlicher Vater, wie ihn Dr. Seelig aus seinen Briesen kennen gelernt, hatte dem vergötterten, einzigen Kinde wohl 'jeden Willen gelassen. Jan ter Borg, - sein jüngerer Kompagnon, der mit ihm auch die elegante Billa in der vornehmen Gartenvorstadt Berlins bewohnte, hatte mit seiner leidenschaftlichen Zuneigung für das schöne Kind, den Eigenwillen desselben nur noch gestärkt. Außer diesen Beiden aber hatte Gerta nur Freunde ihres Vaters, bezahlte Erzieherinnen und Diener kennen kennen gelernt, die dem Prinzeßchen schmeichelten. Wie wenig Gerta für das Leben gefestigt war, hatte der Totkranke dann auch verzweifelt empfunden, als er die alte Mrttter bat, sein verwaistes Kind zu sich zu nehmen und auf den Rat derselben ihm, Adam Seelig, die Vormundschaft für dasselbe übertrug. Dr. Seelig war den Rubens eigentlich ganz fremd. Er hatte Gertas Vater nie persönlich gekannt. (Fortsetzung folgt.) Cheiderkmder. Novelle aus dem Emigrantenleben, von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Daß er sein Glück nicht erreichte, daran war ein unglücklicher Zufall schuld. Sein Weg zum Glücke bekam ein vorübergehendes Hemmnis, vielleicht um ihm das letztere nachher desto besser zu gestalten. Vielleicht verlangte dieses die neue Züchtung, die sein Leben, durch jenes Ereignis, durch das Zusammentreffen mit dem Mädchen seiner Träume bekam . . . Er hatte darum während seiner ganzen Leidensgeschichte das Vertrauen zu Gott und zur Menschheit nicht verloren. Er glaubte ans Glück und auch an seine Zukunft. — So verschieden aber die beiden Naturen waren, so führten doch die Gegensätze zu keinen llnzuträglichkeiten. Im Gegenteil! Sic suchten sich zu ergänzen und sich gegenseitig das zu bieten, woran es beiden mangelte. Scholcm sah in Milton Marksen die trockne Wirklichkeit, das nüchterne Leben. Eine verkörperte und verhärtete Lebenserfahrung, von der seine weichliche Natur viel lernen konnte. Dieser aber fand in Schalem nach und nach sein Leben wieder. Er fühlte sich zwar im großen und ganzen nicht bekehrt, noch weniger wollte er sich als belehrt und bekehrt crlenncn. Aber es war immer dasselbe himmlich-glücklichc Gefühl, das er in der Nähe seines Freundes empfand. Es freute ihn, noch einen alten Scholcm aus der lieben — verhaßten Heimat zu sehen, einen, der den Mut noch nicht verloren, unter diesen Umständen das Glauben und Hoffen nicht verlernt hat. Er empfand iminer mehr den selbstquälerischen Drang, von der Vergangenheit, hinter der er alle Brücken abgebrochen glaubte, zu sprechen. Das, woran er nicht mehr denken mochte, begeisterte ihn ohne es zu wissen und zu wollen, am meisten. Eine Spur des früheru Lebens, die ihm der Landsmann brachte, und er fand die anderen, ohne daß er sie suchte, von selber wieder. Er ärgerte sich im Innern darüber, vermochte aber nichts daran zu ändern. Er fühlte wie ein glühender Funken, den er längst verloschen glaubte, in einer entlegene» Ecke seines Herzens erst leise, dann immer stärker aufflackerte und nach und nach zur immer mächtiger werdenden Flamnie aufloderte. An einem Samstag Nachmittag, an dem sie beide Urlaub hatten, trafen sich die Freunde auf Verabredung auf ihrem Lieblingsplatze, in der vom Meer und Felsen umsäumten Talbüschuug vor dem englischen Konsulate. Scholcm hatte die Galauniform angelegt und seinen .Kopf bedeckte die runde, schwarz umrandete und mit rotem Einsätze und Quaste verzierte Feftmütze. Milton hatte dagegen den gewöhnlichen mattblauen und etwas verwitterten Marinenrock an. „Was habt ihr Russen heute für ein Fest?" fragte der Engländer nach der kurzen Begrüßung etwas verwundert. „Die Russe»? Ohne daß ich wüßte, aber wir" — Scholcm betonte mit scharfem Blicke auf seinen Freund das Wir — „lir Juden haben heute Scha b b o s." Der erstere lachte laut auf. „Aha! Ja so! Schabbos! Da wolltest Du wohl in die Synagoge gehen, wohl auch Mizwoh kaufen! . . . Von Deinem Wachtmeister etwa, he?!" Scholeni hörte kaum die Worte, aber im aLchen, das sie begleitete, glaubte er doch inehr bitter» Sarkasmus als Hohn zu vernehmen. Milton Marksen spottete weiter: „Nun ja! Auch mir fehlte es heute nicht an „Mizwans"; bin von meinem Wachtmeister ordentlich aufgerusen worden. Hatte den ganzen Vormittag Reinigungsdienst in der Kaserne, lind jetzt, Bruder in Jomtofkleidern, was wollen wir unternehmen?" „Ist mir gleich!" „Könnten wir nicht jetzt etwa in die „Schul" zu M i n ch o h gehen, dem Magid zuhören, dann . . Ja — was kommt dann? Richtig, Scholausch send aus einnehmen?" Der Tonsall paßte nicht zum Inhalte, denn er klang eher gefühl- und sehnsuchtsvoll, als ironisch und nahm dem Spotte jede verletzende Spitze ab. ' „Ich habe bereits das Minchogebet in der Kaserne verrichtet" — antwortete Schalem einfach — „bis Nacht ist noch Zeit. Wollen wir nun bis dahin am Strande promenieren?" Der Engländer war nach feiner spöttischen Rede ernst und nachdenklich 'geworden. Offenbar hatte er durch seine eigenen Worte Bilder der Vergangenheit in seinem Geiste heraufbeschworen, die ihm in der Qual einen Genuß boten. Traumverloren schaute er vor sich hin. Erst als Scholcm seinen Antrag wiederholte, rüttelte er sich etwas verlegen ans und war sofort einverstanden. (Fortsetzung folgt.) Personalien. Burgsinn (Bayern). Diese Woche scheidet von hier Herr Lehrer Jonathan Uhlfelder, um sich in der Gemeinde Pfaffenhofen ansässig zu machen. Herr Uhlfelder wirkte zur allgemeinen Zufriedenheit lange Jahre in unserer Gemeinde und sieht man ihn nur mit größtem Bedauern von dem Felde seiner fruchtbringenden Thätigkeit scheiden. Frankfurt. Seine Majestät der König haben aus Anlaß Allerhöchst ihrer Anwesenhci in der Provinz Heffen-Naffau bei den diesjährigen großen Herbstmanövern nachbenannten Personen Auszeichnungen verliehen: vr. Sommer, Landgerichtsrat zu Frankfurt a. M. den Kronenorden dritter Klasse; Kommerzienrat vr. Gans in Frankfurt a. M. den Charakter als Geheimen Kommerzienrat und Bankier Plaut in Caffel den Charakter als Kommerzienrat. In Marseille ist der Grandrabbiner Jonas Wehl nach langem Leiden gestorben. In Ludwigsburg feierte Herr Lehrer Schmal sein 25jähriges Dienstjubiläum. Briefkasten^ B. Ueber Herzl's Familiengeschichte können wir ihnen folgende Notizen geben: Sein Urgroßvater war ein Amigo aus Temesvar, welcher Rechte», der kleine König, genannt wurde, und überall in die Bresche trat, wo cs galt, die Juden zu schlitzen. Als Maria Theresia dieselben aus Böhmen vertteiben wollte, erwirkte er beim Sultan ein Handschreiben an diese, das durch einen Juden Coronel als Spezialgesandten nach Wien befördert, die Sistirung der Maßregel erlangte. Ein älterer Ahne mütterlicherseits war der berühmte Lehrer, der Berfaffer des Schulchan Aruch, Rabbi Josef Taitasac von Adrianopel (um 1500), ebenfalls Lehrer des Marannen Diego Perez, berühmt unter seinem jüdischen Namen Salomon Molcho. — Weiteres ist uns nicht bekannt. Familiennachrichten. Geburten. Ein Sohn, Herrn A. B. Ettlinger, Budapest. Ein Sohn, Herrn Jakob Reis, Karlsruhe. Eine Tochter, Herrn H. Sttauß, Frankfurt, Gutleutstraße 101. Eine Tochter, Herrn Siegstied Mündheim, Hamburg. Eine Tochter," Herrn Hermann Fuld, Frankfurt, Obermainstr. 3. Ein Sohn, Herrn Siegstied von Halle, Frankfurt. Bornheimerlandstr. 69. Ein Sohn. Herrn Gustav Spier, Frankfurt, Kl. Obermainstr. 28. Verlobte. Anna Wolf mit Ludwig Weinstock, Cöln. Elisabeth Loeb, Dürkheim, mit Berthold Jacobi, Grünstadt. Klara Simon, Echzell, mit Adolf Rais, Michelstadt. Eheschließungen. Helene Schwarzschild mit Joseph Offenbacher, Frankfurt. Marianne Bachrach, Frankfurt/mit Gustav Nathan, Bingen. Malwine Nußvaum, Frankfurt, mit Jul. May, Kaiserslautern. Sterbesälle Emil Mainz, Frankfurt.. Abraham Abraham,-Treysa