Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 44 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 44 des Frankfurter Israelitischen Familieublattes. Srhon jrtzL nehmen sämtliche Briefträger und Postanstalten Abonnements für das IV. GucrrrtclL entgegen. Das „Frankfurter Israelitische Familicnblatt" kostet in Frankfurt a.M. Mk. 1.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. 1.02 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der Post 12 Psg. weniger). Auch im Auslande nehmen sämtliche Postanstaltcn Abonnements entgegen. Bei Einsendung des Poslbestcllschcines für das IV. Quartal liefern wir die bis zum 1. Lktober erscheinenden Nummern von jetzt ab gratis. Verlag des Frankfurter Israel. Familieublattes. Deutschland. Leipzig. Die Vereinigung Adaß Jeschurun, die gegenwärtig ihren Rechenschaftsbericht pro 1801—1903 verschickt, verfolgt bekanntlich den hohen Zweck, eine Stätte der Vereinigung aller Glaubensbrüder in Leipzig zu sein, die die Forterhaltung und lebensvolle Ausgestaltung des gesehestreuen Judentums wollen. Sie hat Herrn Dr. R. A. Nobel zu ihrem Rabbiner gewählt. Eine Synagoge wurde gegründet, in der üer Gottesdienst nach altjüdischem Ritus gepflegt wird. "Die Religionsschule der Adaß Jeschurun, die aus schwachen Anfängen sich entwickelte, wird gegenwärtig von mehr als 120 Kindern besucht. Die Einnahmen im Jahre 1901 betrugen Mk. 10,581.25 und 1902, ' Mk. 10,947.47. Limburg (Lahn), 23. Aug. Die Einweihung der neuerbauten Synagoge findet Samstag, 5. September, statt. Anläßlich derselben plant die israelitische Gemeinde am Vorabend einen Festzug mit Musik durch die Stadt, darnach Konzert im „Preußischen Hof". Am eigentlichen Festtage soll außer der gottesdienstlichen Feier nachmittags ein Kinderfest mit Konzert und abends ein Ball in der „Alten Post" stattfinden. Deidesheim, 24. August. Die israelitische Kultusgemeindc läßt zur Zeit ihren Friedhof, der ini 16. Jahrhundert nachweislich angelegt wurde, mit einer Mauer umfassen, da nun ein großer Teil des Friedhofes ins Alignement fallen würde, es aber ausgeschlossen ist, daß in seine Nähe Häuser zu stehen kommen, so hat das kgl. Bezirksamt von einem Einrücken in das Gelände hiervon ausnahmsweise Umgang genommen. Der Friedhof wird auch, da er vollständig ausgenützt ist, eine Erweiterung erfahren müssen und ist ein Herrn Louis Feis-Erben gehörendes, anstoßendes Feldstück hierzu ausersehen. Zu bemerken wäre noch, daß mit der zu erbauenden Mauer der im 16. Jahrhundert angelegte „lebende Zaun", jedenfalls der älteste hier, fällt. Mnllheim i. B.» im August. Gartcnbauk u r s u s für Lehrer. Am 23. v. M. ging ein Kursus zu Ende, der bis jetzt einzig in seiner Art sein dürfte. Eine edle Spenderin, Frau Dukas in Freiburg, deren verstorbener Gatte, der Bezirksälteste Dukas, die Gewinnung der Juden für die Landwirtschaft als sein höchstes Ziel erstrebte, hat. um das Andenken ihres Gatten zu ehren, 25 000 Mark gestiftet, um aus deren Zinsen die Mittel zu diesem Zwecke bereit zu stellen. Der Großherzogliche Oberrat suchte nun zunächst die Lehrer auf dem Lande für Obst- und Gartenbau, sowie für Bienenzucht durch dazu geeignete Veröffentlichungen zu interessieren. Hierauf setzte sich derselbe mit Herrn Hauptlehrer Seligmann hier, der schon viele Jahre Obst-, Gartenbau- und Bienenzucht mit Erfolg betreibt, und mit dem Großherzoglichen Landwirtschaftsinspektor Bach-Emmendingen in Verbindung, welche sich zur Uebernahme eines Kursus in genannten Gegenständen bereit erklärten. 12 Herren, darunter 11 Lehrer, nahmen daran teil. Außer einer namhaften Tagesvergütung wurde auch freie Fahrt gewährt. Mit großem Eifer und unermüdlichem Fleiße gaben sich' die Lehrer dem zu erlernenden Stoffe hin, was jedoch hinsichtlich ihrer Kräftigung und Gesundheit von bester Wirkung war. Egelsbach, 1. September. Nachdem die neue Synagoge eingeweiht und chrer Bestimmung übergeben, dürfte ein Rückblick auf die Entwickelung gewiß angebracht sein. Nachdem die hiesige israel. Gemeinde lange Zeit zu der Nachbargemeinde Langen gehört hatte, wurde derselben in den 40er Jahren von Wolf Simon ein Betsaal zur Verfügung gestellt (später Simon Simon). Es war in dem jetzt Lazarus Simon'schen Wohnhause. Im Jahre 1850 erwarb sich die Gemeinde das setther inne gehabte Betlokal, Mikwe und Lehrerwohnung. Es sei hierbei erwähnt, daß noch zwei Männer am Leben sind, die damals den Kauf abschließen halfen, nämlich Herr Lederhändler Moses Katz in Darmstadt und Herr Privatter Vogel Kahn in Worms, beide sind jetzt hoch betagt. Nach unermüdlichem Fleiße ist es der strebsamen Religionsgcmeinde möglich gewesen, im vorigen Frühjahr den Grundstein zu der jetzigen Synagoge zu legen. Leider sollte einer der bei der Grundsteinlegung Mitwirkenden die Einweihung nicht mehr erleben. Herr Herz Katz starb Anfangs dieses Jahres im Alter von 85 Jahren. Als Religionslehrer waren nach einander hier tätig, die Herren Levy, Heinebach, Alumann, Stern. Zopf, Ehrmann, Bloch. Gordan, Mannheimer, Katz, Agulink, Heilmann, Schafheimer, O.uittner, Ausbccher. Eisenberger und seit vorigem Jahre zum zweitenmale Herr Lehrer Heilmann. Bei Beginn des Baues waren Vorsteher Lazarus Simon, Mox Katz und Simon Grünebaum; in die Baukommission wurden gewählt Daniel Katz, Ferdinand Lederer und Elias Levy. Bei der im vorigen Jahre notwendig gewordenen Neuwahl wurden in den Vorstand gewählt: Adolf Hosmann.Elias Levy und Salomon Reis I. In die Baukommission neu: Daniel Katz. Max Katz und Ferdinand Lederer. Das unter Ersterem freudig angefangcne Werk ist unter Letzterem glücklich vollendet,worden. Möge der wohltuende Frieden auch in das Gotteshaus eingezogen sein, insbesondere möge aber Friede und Eintracht unter den beiden hiesigen Confessionen wohnen. Die neue Synagoge, eine Zierde unseres Ortes, in der unteren Rheinstraße gelegen, ist von Herrn Architekt Enk in Tarmstadt erbaut, der Bauplatz von Herrn Landwirt Becker dahier gekauft. Auch die hiesige politische Gemeinde hat einen Bcittag irr anerkennendster Weise zur Verfügung gestellt. Wir schließen unseren Bericht mit dem Wunsche, daß die Gemeinde sich weiter entwickeln möge zur Ehre des Judentums und zur Freude eines jeden aufrichtigen und begeisterten Bekenners desselben. Oesterreich-Ungarn. Prag. Der isr. Landeslehrerverein in Böhmen hielt am 24. v. im Hotel „Bristol" die 30. ordentliche Generalversammlung ab. Zu derselben hatten sich u. a. eingesunden: Obcrrabbiner vr. Nathan Ehrenfeld und Rabbiner vr. Aladar Deutsch, sowie das Mitglied des Weinberger Bezirksschulrates vr. Alfred Hamburger. Der Vorsitzende. Herr Religionslehrer S. Springer, widmete zunächst dem verstorbenen Mitglicde Kraus aus Prag einen Nachruf. Hierauf hielt Herr Oberlehrer I. Robitschek (Sttaßnitz) einen Vorttag über das Thenia: „Wie ist der Unterricht aus der Religionslehre in der Volksschule zu gestalten?" Nachdem der Vorttagende zuerst die spezielle Methodik dieses Unterrichtszweiges dargelcgt hatte, zeigte er sodann in einer niusterhast aufgebauten Probelektion die Berwertting der aufgenommenen Unterrichtsgrundsähe in der Praxis. Der ttessliche Vorttag wurde mit reicheni Beifall ausgenommen. Dem Rechenschaftsberichte des Schriftführers Herrn Rabbiner M. Freund (Bodenbach) ist zu entnehmen, daß der Ausschuß des Vereins auch im verflossenen Jahre bemüht war, für das Wohl der Mitglieder jederzeit einzustehen. Aus dem vom Kassier, dem Herrn Religionslehrer D. Löwy (Prag), erstatteten Berichte ist zu ersehen, daß sich die Kranken- und Darlehenskasse des Vereins als eine wahre Wohltat für kranke und notleidende Mitglieder erweist. Beide Berichte wurden einstimmig genehmigt. Ebenso wurde das Referat des Herrn Rabbiner Freund als Redakteur des Bereinsblattes ".Mitteilungen" genehmigt. Auf Antrag des Ausschusses beschloß die Hauptversammlung, an die Statthalterei das Ansuchen zu stellen, Fragebogen in Bezug auf Regelung des Religionsunterrichtes, wie sie in Deutschland äur Verwendung gelangten, an die Kultusgemeinden abzusenden. Ferner beantragt Herr Rabbiner Freund, der isr. Lehrerverein möge dem Verbände „Zion" und zwar dem jüdischen Bolksverein in Prag beitteten. Beide Anttäge wurden angenommen. Der Ausschuß wurde in seiner bisherigen Zusammensetzung wiedergewählt. Demselben gehören an die Herren: Obmann S. Springer, Religionslehrer (Prag), Obmannstellvertreter Rabbiner S.Abeles (Kuttenberg), Schriftführer Rabbiner M. Freund (Bodenbach), Kassier Religionslehrer D. Löwy (Prag), Rechnungsführer Direktor I. Schwager (Prag), Rabbiner S. Hoch (Tschaslau), Rabbiner A. Stein (Randlitz). Nach Absendung einer Huldigungsdepesche an die kaiserliche Kabinetskanzlei, schloß der Vorsitzende mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser die Sitzung. Begrüßungsschreiben waren eingelangt von Herrn vr. L.Bendiner, Mitglied des k. k. Landesschulrates, von Herrn vr. M. Lichtenftein, Präsident der Landesjudenschaft u. A. Frankreich. Paris. Bernard Lazare, Verfasser von „Der Rechtsirrtum in der Dreyfuß-Angelegenheit", ist gestorben. Dänemark. Kopenhagen. Rabbi Hirsch Göttern, Rabbiner zu Kopenhagen, ward am Montag, den 31. v. M., zu Grabe getragen. Ein heimtückisches Leiden hat seinem segensreichen Leben uns Wirken ein vorzettiges Ende bereitet. Mcht nur die Gemeinde Kopenhagens bettauert ihren allseitig beliebten Lehrer, sondern das gmrze jüd. Volk beweint einen seiner besten Söhne. Rabbi Husch Goitein war ein Sprößling zweier hochangesehener Rabbinerfamilien Ungarns, des berühmten Verfassers des .Kesses Niwchow väterlicherseits und des Gaon Rabbi Jccheskel Bauet mütterlicherseits. Seinem Vater, Rabbi E. M. Goitein, Rabbiner zu Högyesz, den er nur um ein Jahr überlebte, verdankt er seine gründliche rabbinische Vorbildung, und in seinem 14. Lebensjahre zog er nach Paksch, um in der „Jeschiva" des dortigen rühmlichst bekannten Rabbiners Rabbi Joel Ungar sich dem Thorastudium hinzugeben. An dem Hildesheimerschen Seminar hat er mit kurzen Unterbrechungen seine ganze Studienzeit zugebracht. Seine Dissertation: „Optimismus und Pessimismus im Judentum" zeugt auch von seiner tiefen philos. Bildung' und hat seiner Zeit u. a. die Aufmerksamkeit eines Eduard von Hartmann erregt. Gleich nach Beendigung seines Studiums wurde er als Rabbiner nach Nachod in Böhmen berufen, wo er 8 Jahre wirlte. Bon seiner allseitigen Beliebtheit zeugt die Tatsache, daß er anläßlich seiner Berufung nach Kopenhagen zunr Ehrenbürger von Nachod ernannt wurde und von eincnr christl. Kriegervereine als Ehrenmitglied gewählt ward, er, der ein gesetzestteuer Rabbiner im wahren Sinne des Wortes gewesen ist. Leider hat der übliche Studiengang unserer Rabbiner, die zumeist von unbegüterten Häusern stammend so sehr der Hilfe bedürfen, aber sie nur selten in ausreichendem Maße finden, auch seine Lebens-' und Jugendkrast aufs äußerste erschöpft. So kam es, daß er der seinem Wissen und seiner Tugenden würdigen Stellung sich nur einige Jahre hat erfteuen können. 5>/2 Jahre nur währte sein Wirken in Kopenhagen, aber diese kurze Zeit reichte hin, unr ihin die Liebe aller zu sichern. Rabbi Hirsch Goitein war der Nachkomme einer erlauchten Familie in Israel und ihrer in jeder Beziehung würdig. Er gehörte auch dadurch den alten Rabbinern an, daß er bei allem Guten und Edlen stets die Führung in der Gemeinde hatte. Jeder Bedrängte und Hilssuchende fand in ihm zu jeder Zeit einen Förderer und Anwalt. Bei diesen Herzens- und Geisteseigenschaften ist es erkärlich. daß' er der erste war unter den westeuropäischen gesetzestteuen Rabbinern, der das Erwachen des jüdischen Volkes zu neuer Tatttaft und neuem Hoffen freudig begrüßte. Bald nach dem ersten Kongresse veröffentlichte er in der „Jüd. Chronik" zwei Anfsätze: „Zionismus und Nationalismus", in dem er es aussprach, daß mit religiösen Gründen der Zionismus unmöglich angegriffen werden könne. Und wer sich in jene Zeit zurückversetzt, wird gestehen, daß es damals noch eines gewissen Mutes und einer unverrückbaren Wahrheitsliebe bedurfte, um dies offen auszusprechen. Ist dem teueren Entschlafenen auch kein Kindersegen zu Teil geworden, so wird sein Name doch in seinen Taten fortleben. Bunte Chronik. Einer merkwürdigen Fügung verdankt Israel Z a n g w i l l seinen litterarischen Ruhm. Als Zangwill noch ein ganz junger Lehrer an der jüdischen Schule in Spitalfields war, ging er einst am Sttande eines an der Südküste gelegenen Badeortes entlang, als ein Blatt einer bekannten englischen Wochenschrift ihm durch den Wind auf den Pfad geweht wurde. Er nahm es auf und überflog es flüchtig, wobei seine Aufmerksamkeit durch eine Bemerkung gefesselt wurde, in der ein Preis für eine kurze Geschichte ausgesetzt war. Der junge Lehrer hatte niemals vorher eine Zeile für den Druck geschrieben und war sehr fleptisch, ob er überhaupt eine Erzählung schreiben könne; aber es konnte ja nichts schaden, wenn er einige Stunden mit dem Versuch verbrachte. Und so kam es. daß er seine Geschichte geschrieben und abgeschickt hatte, ehe er an dem Tage zu Bett ging. Einige Wochen später lag die Erzählung (gedruckt vor, die dann die erste einer Reihe wurde, die einen Namen bekannt gemacht hat. (Nachdruck verboten.) AmMon Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Bon Henny Rosenbaum. Der blonde Holländer zögerte, dann gab er zu: „Es stimmt, Gerta. Aber Ihre Mutter war Christin." Das letzte Argument wirke nicht, wie er erwartet hatte. Das Mädchen erwiderte tonlos: „Die Mutter habe ich nicht gekannt und mein lieber Bater war Jude." „Aber ein vollkommen fteidenkender. Hätte er auch sein Kind zur Jüdin stempeln wollen, er hätte es anders erzogen, als er tat," sagte ter Borg hastig. Adam Seelig maß den großen Mann mit ernstem Blick.