Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 30 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692327--00289-2694649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 30. Seite 10. Juden ins hellste Licht zu stellen," aber — man wird mich vielleicht jüdischer Empfindlichkeit zeihen — wein Ohr hört laut und deutlich auch Nebentöne, die fast glauben lassen, man wolle die Juden nur deshalb im hellsten Lichte sehen, um auch ihre kleinsten Makel und Fehler besser zu erkennen. Mich dünkt es schier, daß der Verfasser für die Mauern und Steine des Ghetto mehr Liebe zeigt, als für seine Bewohner. Schlagen wir nur aufSette 21 nach, so finden wir, daßdieBestimmung des Privilegiums Ottokars, der Mautner, welcher den Juden für einen in die Stadt gebrachten Leichnam Maut abfordert, ist als Räuber zu bestrafen, dem Versager als „wahrhaftig allzu filosemitisch" erscheint. Wenn dann auf Seite 24 Herr Dr. Winter sagt: „mildernden jüdischen Berichten*) entsprechend sollen es Kinder getvesen sein, die im Jahre 1389 auf einen das Sakrament tragenden Priester Steine warfen, doch das ändert nichts am Sachverhall, denn Kinder pflegen aufrichtiger zu sein als Erwachsene," so klingt uns das „wahrhaftig allzuwenig filosemitisch," zumal auffallender Weise bei dem Berichte von Meisls Wohltätigkeit auf Seite 40 die von christlicher Quelle bezeugte Tatsache, das Meisl 100 Thaler zum Baue der Salvatorkirche' widmete, unerwähnt bleibt. Nicht vielmehr Synrpathic für die Juden bezeigt Dr. Teige, wenn er den geadelten Bassewi trotz seiner notorischen Wohltätigkeit, als derr abgefeimtesten Betrüger, als den Hauptschuldigen an der Münzkorruption hinstellt, während er ja selbst die Münzkorruption auf die Thätigkeit des Mieten Lichtenstein zurückführt und selbst berechnet, daß aus einer Mark Silbers, Lichtenstein 569 fl.. Michna 248, Waldstein 123 und Bassewi 48 fl., prägten. (S. 112). Der andere befrenrdende Zug ist die Berhinnnlung der tschechischen Nation, welche den Verfasser in allen .Ghettojuden radikale Tschechen sehen läßt, und welche sich am besten in der wehmutsvollen Betrachtung an dem Grabe des „böhmischen Judenschusters", welchen Herr Dr. Winter hinter dem Namen Svec") (tschechisch- Schuster) mutmaßt, kennzeichnet. Und doch ist es ebensowenig wahrscheinlich, daß alle Träger des Namens Schuster oder Tschechen gewesen sind, als es richtig wäre, anzunehmen. daß hinter dem ln den Grabinschriften des Prager Judenftiedhofes ungleich häufiger vorkommenden Namen Schuster, sich nur Schuster deutscher NationalitA verbergen. Nationale Kurzsichtigkeit laßt den Versager den Namen Males lieber von Mgzis — der Tfchechisierung des Nmnens Moses — ableiten, als von dem altjüdischen Namen Matisja, sie läßt auch Sroule als tschechische Bezeichnung für jisroel gelten, während es doch nur das verstümmelte Deminutiv jisrole ist, das sich heute noch bei Juden aller Länder findet. (Seite 60). Doch genug davon. Wir wollen nur noch die merkwürdige Unvertrautheit der Verfasser mit jüdischer Sitte und jüdischem Schrifttum hervorheben, wofür manche Stelle spricht. So wird auf Seite 64 ein Gojim in der Einzahl zitiert, es wird erwähnt (Seite 61) wie die Juden bald die Betriemen an der Stirne trugen, bald dieselben an der Herzseite um die Linke schlangen, wie sie om Purim sich nach der urallen Vorschrift richten, es möge sich der Hauswirt belustigen, so auch der Sohn, die Tochter, der Knecht, die Magd, auch Lewi und der Fremdling, d er Waise und die Wtttwe, alle die innerhalb der Thore weilen (Seite 89.) Das sind denn doch Sachen, über die sich der Versager bei dem kleinsten Talmudthoraschüler hätte informieren können. Wenn wir nur noch erwähnen, daß der alte Streit um das 1300 jährige Alter des Grabsteines der Sara Katz (Seite 7) etwas oberflächlich entschieden erscheint, wenn wir die Charakterschilderung der ©rumet, Gattin des Mordcchai Meise! für einseitig Hallen (S. ll), da ja der zeitgenössische David Gans nicht genug des Lobes über sie weiß, wenn wir noch darauf aufmerksam machen, daß wir bei der Aufzählung der Berufsarten unter den Ghettojuden (Seite 71), dm von Schottky gebrachten Orgelbauer R. Hirsch vermissen, und wenn wir endlich bemerken bei Scherer das Citat auf Seite 78 nicht gefunden zu haben, so glauben wir die Mängel des Werkes sattsam besprochen zu haben. Diese Fehler sind aber zum großen Teile wettgemacht durch das überaus eifrige Zusammentragen von Notizen aus den bisher nur zum geringsten Teile veröffentlichten Dokumenten des Prager Archivs. Wir erfahren da von einem jüdischen Statthalter in Böhmen (Seite 20), wir hören mit Verwunderung, wie ein Jude für seine Aeußerung, er gelle so viel als ein Prager christlicher Bürger, aus der Stadt vertrieben wird (Seite 83), wir wünschten uns auch ein ähnliches Privilegium wie das Ottokars, welches besttmmt, daß der Jude am jüd. Feiertage nicht gezwungen werden könne, ein Pfand herauszugeben (Sette 21) und Genugtuung erfüllt uns, wenn wir auf Sette 88 lesen, wie die Juden bei dem Mühlenbrande am Porte eifrig löschten, die Christen aber noch eiftiger stahlen. Eine Unterlassung wollen wtt noch erwähnen, die sich aber noch immer gut machen läßt, wtt vermissen nämlich einen Plan des Prager Ghetto, denn bald wird auch der letzte Rest davon geschwunden sein, und es wird einer kommenden Generation kamn möglich ') Sowett wir jüdische Berichte darüber kennen, geben sie nur ein zufällig«^ Herunterfallen von Steinen auf den Priester zu, nicht «wer ein Hcrunterwerfen. s) Svec ist Wohl nichts anderes als die tschech. Uebersetzung des Nam ens Schuster. Wir finden z. B. einen Mann namens Schuster, der Sofer war. (Grabsteine d. isr. Friedhofes.) Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sein, sich diese unzähligen Häuser auf dem so engen Raume vorstellen zu . können: darum wäre, es eine dankbare Aufgabe des Verlages, wenn er als Nachttag zu diesem WÄe einen guten Plan des Ghetto veröffentlichte, der, wenn er nur annähenid so gut ausgestattet wäre wie dieses Werk, gewiß viele Käufer finden würde. Wir können nun von dem Buche nicht scheiden, ohne die Ueberzeugung auszusprechen, daß es jedem, der es liest, eine Fülle von Interessantem bieten wird. Prag. ' S. H. L. „Die echten Hebräischen Melodien". Uebersetzungen von S. Heller. Aus dem Nachlasse herausgegeben von Prof. David Kaustnann. 2. Auflage 296 Setten 8". Breslau. Schlesische Verlags-Anstalt von S. Schottländer. Das Buch enthält hauptsächlich die Uebersetzungen der schönsten Gedichte. von Jehuda Halewi, Salomo iben Gabirol, Jbn Esra. Hat schon eine prosaische Uebersetzung von der einen in die andere Sprache ihre Schwierigkeiten, so wird sich an eine poetische llebertragung aus einer fremden Sprache einzig und allein nur ein geborener Dichter wagen dürfen; denn der Dichter nmß da nicht allein nachempfinden; er muß selber neu schaffen, wenn die Uebersetzung nicht den Geschmack der Uebersetzung behalten, sondern selbst zur echten Poesie werden soll. Von diesem Gesichtspunkt aus bettachtet, hat sich Heller häufig zu sehr an dem Wortlaut des Original gehallen. Wir leugnen ja nicht, daß so das Original in seiner Eigenart mehr zur Geltung kommt, aber die Nachbildung muß in ihrem poettschen Werte darunter leiden. Freilich ist dieser Mangel nur bei einem Teil der Gäichte bemerkbar, bei vielem schwingt Heller, der ein geborener Dichter gewesen ist, sich auf den Fittigen des Pegasus empor; so zum Beispiel in dem Gedichte: „Welch ein Morgen." -Wieder wie in Jugendtagen, . < Heißgeliebte! bist du mein; Wo des Tempels Zinnen ragen, Söll mein Voll voll Jubels sein. Ja, es soll zurück jetzt kehren Nach der langen, langen Flucht, Seinem Feinde will ich wehren, Der so schwer es heimgesucht; Von der Meervucht swlz, in Ehren, Thronen soll's zur Meeresbucht. Denn ich hörte seine Klagen, Denn, mich schmerzte seine Pein, eldenschlachten soll's nun schlagen, iehn im Land als Sieger ein. All der Jammer, unermessen, Kerkerhaft im fremden Land, Alle Sünde sei vergessen. All der Thoren Unverstand.' Kronen will in's Haar ich pressen, Das der Dornenttanz umwand. Ketten sollen sie jetzt ttagen, Die gekeltert seinen Wein, Nicht den Blick zu heben wagen, Funkelt seines Glanzes Schein. Komm, o Herr, die Brust umfangen. Seit sie attnet. lebt sie dir, Trägt nach dir allein Verlangen, Leitstern bist allein du ihr. O, laß Zion wieder prangen. Mit dem Voll in höchster Zier. Laß zu fröhlichem Behagen, Herrlich unser Land gedeih'n. Unfern Dank voll Lust dir sagen. Und dir unsere Lieder weih'n. . Fest besteht seit Ewigkeiten, Deines Glanzes Wunderpracht. Bon Geschlecht muß sich verbreiten, Zu Geschlecht, Herr! deine Macht. Strahlend wird dein Licht dann gleiten. Mir in der Verzlveiflung Nacht. Mög ich nur, was du willst, fragen. Impf in mich dein Licht hinein, Herrlich wird es mir dann tagen — „Welch ein Morgen bricht herein!" In dem Texte fällt unangenehm die Anwendung des für uns unaussprechbaren Namen Gottes auf, sowie außerdem der merkwürdige Gebrauch, das bei uns Juden nicht übliche Wort Heiland zu benutzen, so z. B. Seite 27: : Bis er den Heiland mir sandte dann. Und all' mein Dunkel in Licht zerann. Die Ausstattung des Buches ist eine gediegene, entsprechend dem Renommee der Schlesischen Verlags- Anstalt in Breslau. Neu eiugegangene Bücher. Jühling, Die Inquisition, 420 Seiten, Ladenpreis Mk. 4.—. Verlag H. R. Dohrn, Dresden. Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, Band 11, Das Judentum, von Georg Liebe, Preis br. Mk. 4., geb. Mk. 5 50. Verlag Eugen Diederichs, Leipzig. Vakanzen. Lind heim (Hessen). Lehrer und Vorbeter. 600 Mk. Gehalt, freie Wohnung. Meldung led. semin. gebildeter Bewerber an den Vorstand. Hottenbach (bei Trier). Religionslehrer, Borbeter und. Schächter. . 600—700 Mk. Gehalt, fteie Wohnung und Garten. Meldungen an den Vorstand. 'Schmalkalden. Religionslehrer, Vorbeter und Schächter. Gehalt Mk. 1200 und ca. Mk. 500Schächtgebühren. Meldungen an vr. Cahn, Fulda. Hirschbera i. Schles. Musikalisch gebild.Cantor und Religionslehrer. Mk. 1800 Gehalt. Schächter und Tempeldiener, Mk. 1200 Gehalt. Meldungen an den Vorstand. ' Löbau i. Westpreußen. Religwnslehrer, Vorbeter und Schächter. Gehalt Mk. 2400. Meldungen an den Vorstand. Zinten i. Ostpreußen. Religionslehrer, Vorbetcr und Schächter. Gehalt Mk. 900, Nebeneinkommen Mk. 400. Meldungen an den Vorstand. Malsch (Baden). Vorbeter und Schächter. Gehalt Mk. 800 und Nebeneinkommen Mk. 600—700, Meldungen an Bezirks-Synagoge in Bühl. Labiau i. Ostpreußen. Religionslehrer, Borbeter und Schächter per 1. Juli. Gehalt Mk. 1000 und Nebeneinkommen Mk. 350. Meldungen an den Vorstand. L eo b sch ütz i. Schles. Religionslehrer u. musik. Cantor. Gehalt All. 1900. Meldungen an den Vorstand. Familiennachrichten. Geburten. Eine Tochter. Herrn Hugo Goldschmidt, Frankfurt- Bockenheim, Schönhofstraße 5. Ein Sohn, Herrn Martin Kaustnann. Mainz Ncuthorsttaße 12. Eine Tochter, Herrn Anselm Hirsch, Frankfurt, Grünestraße 36. Ein Sohn, Herrn Marx, Frankfurt, Ottostraße 19. Sterbefälle. Moritz Bacharach. 70 I., Hamm i. W. Eduard Loeb, 70 I., Neustadt a. Hardt. Jda Rau geb. Müller. Nürnberg. Bertha Israel, veriv. A. Bloch, 78 I., Riesa. Meine geehrte Kundschaft wollte hierdurch aufmerksam machen, daß der Erew Jomtof Schwuaus auf den ersten christlichen Feiertag fällt und daher das Austtagen von Backwaren bezw. Offenhalten der Läden nur morgens bis '/»9 und von 11—12 Uhr an diesem Tage gestattet ist. Ersuche deshalb meine geehrte Kundschaft, sich darnach richten zu wollen; ferner Kuchen- und Taaschirteige Samstag abend bringen und Sonntag früh abyolen zu lassen. Simon Klanberg, Hermesweg 8—12, Börnestr. 30, Bergerstr. 27. Telephon 3862. Abonnements und Inserate für das „frankfurter Israelit, Jamilienblatt“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, BSrnestrasse 83, A. J. Hofmann, illerbeiligenstrasse 87 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg. das Exemplar zu kaufen. Hierdurch erlaube mir, meinen werten Kunden, sowie Freunden und Bekannten mitzuteilen, daß ich zu meiner Wiener Brot- und Feinbäckerei noch Konditorei beigelegt habe. Gleichzeitig empfehle auf S ch w u o s feine Torten und Kaskücheu. Bernhard Karpf, Sandweg 28. Die Zusendung an nufere Abonnenten wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; Unregelmätzigkeiteu bitte» wir, «ns. sofort zu melden. Wir bitten unsere geehrten Leser sich bei Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.