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Neue jüdische Presse · 1903-05-28 · Heft 30 (28.5.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 30 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 30 des Frankfurter Israelitischen Faunlienblattes. (Nachdruck verboten.) > Aus «nsern. Tagen I von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Tie Erklärung leuchtet mir ein," sagte. Kohn, „ich kenne es zwar nicht, aber gehört habe ich es auch schon, daß das jüdische Religionsgesetz, der sogcnanute Talmud, alle inöglichen Verhältnisse behandelt. Und wenn man darin so bewandert ist, wie der Toktor Vogel es sein soll und beständig alles, was man tut, damit vergleicht, dann ist es allerdings einleuchtend, daß man sich dadurch eine gewisse Festigkeit aneignen wird. Aber ich gestehe offen, mir ist mein Sohn lieber, ohne jene Festigkeit, die man sich durch Hundcgehorsam gegen den Talmud erwirbt. Lass' er sich nur noch ein Weilchen austoben, es ist ein altes Sprichwort, Jugend hat keine Tugend — Hochwürden haben vollkommen recht, es wird nicht lange mehr dauern, so wird er genug davon haben und — Sie wollte antworten, aber der Besprochene trat wieder in das Zimmer. „Wie ist es, Mama, werden wir bald Abendbrod essen oder können wir zuvor noch ein bischen herumbunnneln? 'Also, Mama, auf wann sind wir zu dem Abendmahl —" er warf einen neckenden Blick ans den Freund, „befohlen?" „Jetzt ist es halb Acht, also in einer halben Stunde, spätestens in einer Stunde bitte zu Hause zu sein." „Schön, Mama, wir werden pünktlich wieder da sein, verlass' Tich drauf. Und wie ist's, Du wirst doch morgen der Kleinen etwas mitbringen, wirst Tu das besorgen oder soll ich's besorgen?" „Nein, dazu habe ich keine Zeit, das kannst Tu tun." „Gern, wenn Du mir nur sagen wolltest, >vas es sein, könnte, Tu verstehst das besser als ich —" „Vielleicht eine hübsche Casette mit Handarbeitsutcnsilien oder einen schwarze» Schmuck — ich wünschte auch, daß das Kind eine Freude davon hätte. Weißt Tu was, statt um elf stelle Tich morgen'um halb elf zu meiner Verfügung, dann werden wir zusammen etloas für sie aussuchen." „Mama, Tn bist ein Engel!" rief Felix, indem er die Hand der Mutter an seine Lippen zog. Sie streichelte ihni lächelnd die Wange. „Also spätestens in einer Stunde sind die Herren wieder hier." Tie jungen Leute grüßten und entfernten sich. Felix hatte den Arm in den des Freundes geschlungen, während er neben ihm einherschritt. „Wohin gehen wir, in die Promenaden? Tas war doch anno dazumal unser liebster Spaziergang." „Ich gehe, -wohin Tu mich führst," erwiderte Arnold, „ich folge Dir blindlings." „Besten Dank für dieses große Vertrauen, durch das ich mich überaus geehrt fühle. Aber sage, mir doch, über was hast Tu mit meinen Eltern gesprochen, während ich unten gewesen bin- Es hat auf mich den^ Eindruck gemacht, als ob Mama irgend etwas hätte sagen wollen, aber geschwiegen hat, weil ich herein gekommen bin." „Tas kann sein, aber ich erinnere mich in der Tat nicht " „'Aber Ihr habt über mich gesprochen —" „Tu kannst gut raten." „Was habt Ihr über mich gesprochen?" . „Tas mußt Tu gleichfalls raten." „Wird nicht allzu schwer sein, vermutlich wieder die alte Geschichte." „Neu scheint das Thema Teinen Eltern allerdings nicht gewesen zu sein." „Dil. hättest Mama beruhigen solle», tue es noch, ich bitte Dich." „Ich habe in dieser Beziehung bereits mein Möglichstes getan, indem ich die Ueberzeugung ausgesprochen habe, daß Tu in nicht allzu ferner Zeit von selbst des ivilden Treibens überdrüssig lverdeu wirst" „Sehr gut," lachte. Felix, „aber vorläufig hat es damit noch keine Eile." „Ich weiß nicht, Felix, aber ich glaube, Teine Mama hat recht. Du solltest —" „St, st, st! alter Junge, ich bitte Tich, verdirb uns beiden den schönen Abend nicht- Daß 'Deine diesbezüglichen Vorstellungen nutzlos wären, davon bist Du selbst überzeugt —" „Leider, leider—" . „So kannst Du sie Tir doch mit gutem Gewissen ersparen und mir auch. Tenn sieh' ich habe Dich viel zu lieb, als daß es mir nicht aufrichtig leid'tun würde, zu sehen, daß Du. Dich vergebens anstrengst" ' „Tu bist ein unverbesserlicher Spötter." „Ach nein, ich bin gar nicht so arg. Komm, lass' uns dort in die sogenannte Seufzerallee gehen, dort will ich Dir ein Geheimnis anvertrauen." „Bin sehr gespannt darauf,, über weshalb sollten wir deshalb in die Seufzerallee gehen? Dort ist es nicht nur dunkler, sondern auch dumpfer, bleiben wir lieber hier." „'Auch recht, bleiben wir hier. Ter Vollmond sieht auch hier so schön auf uns hernieder, das paßt grade zu meinein Geheimnis." — „Vermutlich eine Liebesgeschichte." „Ra, selbstverständlich. Aber eine zukünftige." „Was, eine zukünftige Liebesgeschichte? Das scheint in der Tat interessant zu sein." „Sag', ist es Tir vorhin nicht ausgefallen, wie rasch Mama sich hat bereit finden lassen, Vogels zu besuche» und der Kleinen etwas Hübsches mitzubringen und es sogar persönlich für sie auszusuchen, ist Dir das nicht ausgesallen?" „Es ist mir wohl ausgefallen, aber Deine Mama ist sehr gut und tut alles, was Tu willst." „Aber nein, Mama hat doch von selbst gesagt, daß sie sie besuchen, möchte." „9hm, was willst Du damit sagen?" „Daß ich glaube und zwar mit Bestimmtheit glaube, daß Mama da-s kleine reizende Persönchen gern zür Schwiegertochter haben möchte." „Dieser Wunsch von Seiten Deiner Mama würde mir sehr gefallen, und ich glaube. Tu wärest auch ganz einverstanden damit." „Wenn die Kleine sich so weiter entwickelt, woran ich gar nicht zweifle, so könnte ich mir doch keine Schönere und keine Bessere wünschen. Ich versichere Tich, ich hatte heute wiederholt Mühe, mich der Tränen zu erwehren." „Ich habe es Dir angesehen, Tn warst sehr ergrisfeu." „Wenn Tu sie gehört hättest, es hätte Dich auch ergriffen." „4hm, ich wünschte in der Tat, Tir in einigen Jahren zu Deiner Verlobung mit dem lieblichen Bögelchen gratulieren zu können, meiner Ansicht nach wäre diese Verbindung ein großes Glück für Tich und davon scheint Deine Mama auch überzeugt zu sein. 'Aber Felix, stelle Tir die Sache nicht zu leicht vor, glalibe nicht, daß Du nur die Hand nach ihr auszustrecken brauchtest —" „Sie ist mir gut, das süße. Kind." „Und wenn sie Tir auch gut ist und wenn sie selbst in einigen Jahren, wenn Tn um sie anhalten wirst, erklären würde, daß sie nie einen 'Andern heiraten würde als Tich — wenn ihr Vater seine Zustimmung nicht geben wird, so wirst Du sie nie bekommen." „'Aber ich bitte Dich ums Himmelswillen, warum glaubst Du denn, daß ihr Vater sie mir nicht geben würde? Er ist ein hochachtbarer Mann, aber lebt, wie man das nennt, von der Hand in den Mund, er wird nie im. Stande sein, seiner Tochter auch nur die geringste Mitgift zu geben. Mir ist das natürlich einerlei. Aber sonst dürfte es ihm gerade nicht leicht werden, seine Tochter zu versorgen. Also —" „Ich wiederhole trotzdem, mache Tir keine allzugroßen Hoffnungen." „Aber ich bitte Dich —" „Nun also, auf die Gefahr hin, wieder wie vorhin von Tir abgetrumpft zu werden, erkläre ich Dir dennoch, wenn Tu so weiter lebst, wie bisher, so wird Tir Vogel seine Tochter nicht geben, um keinen Preis." . Felix wechselte die Farbe, trotzdem sagte er in seinem gewöhnlichen leichten Ton: „Ach so, pfeift der Wind daher." „Felix, ich bitte Tich, nimm die Sache nicht so leicht. Ich habe es gesehen, obgleich die Kleine noch so jung, so ist der angebliche Wunsch Teiner Mama, Tir doch bereits an's Herz gewachsen, und ich habe mich darüber gefreut, aber —" „'Aber ich bitte Tich um's Himmelswillen, das holde Kind ist vor wenigen Monaten erst dreizehn Jahre alt geworden, mindestens drei Jahre muß ich noch, warten, bevor ich auch nur um sie anhalten kann. Ta brauche ich doch jetzt noch nicht daran zu denken, solide zu werden." „Wann glaubst Tu denn damit beginnen zu müssen?" „Ich dächte in ungefähr drittehalb Jahren. Wenn ich dann ein neues Leben beginne, ein Muster von Solidität und Tugend, dann glaube ich, wohl nach etwa einem halben Jahre vor den Vater meiner Erkorenen hintreten und mit Erfolg um sie werben zu' können." 'Arnold zuckte die Achseln. .Möglich, daß Teine Rechnung stimmen würde, für gewiß halte ich das jedoch durchaus nicht." „9htn freilich, mit vollster Bestimintheit läßt sich gar nichts Voraussagen." „Aber wenn man ein erstrebenswertes Ziel im Auge hat, so sollte man sich doch nicht selbst Hindernisse in den Weg legen, sollte vielmehr mit allen Kräften bestrebt sein, etwaige noch eintretenden Hindernissen vorzubeugen." „Wohlgesprochen, hochwürdiger Herr." „Spotte nur, spotte." „Nein, ich will nicht spotten. Aber sage mir klar nnd deutlich, auf was sür Hindernisse deutest Du hin, .denen ich Vorbeugen sollte?" „Siehe, in der vorigen Woche ist die Mutter der Kleinen gestorben und hat sich vor ihrem Ende veranlaßt gefühlt, dem Kinde zu verbieten, fernerhin wie bisher in vertraulicher Weise sich mit Tir zu unterhalten. Wenn nun aber, wir hoffen das nicht, aber die Möglichkeit ist doch nicht ausgeschlossen, ihr Vater vor Teiner beabsichtigten Rückkehr zur Solidität das Zeitliche segnen und sich veranlaßt sehen würde, ihrem Bruder zu erklären, daß er eine Verbindung seiner Schwester mit Tir nie zngebe» würde, und daher erwarte, daß eine solche auch nach seinem Ableben nicht erfolgt?" Felix wechselte p-'ie Farbe. „Tu bist ein abscheulicher Schwarzseher, das kommt von dem langen, schwarzen Rock, den Tu trägst." „Tu bist im Irrtum, nicht in meiner Eigenschaft als Geistlicher spreche ich zu Tir, sondern als Tein aufrichtiger Freund." „Ich weiß. Tu bist ein guter Kerl," entgeguete Felix, indem er die Stirn in Falten zog und mit seinem Spazierstock in der Luft hernmfuchtelte, „und ich kann sogar Teiner Schwarzmalerei eine.gewisse Berechtigung nicht absprechen —" „'Nun also —" „Was nun also? Du meinst, ich sollte nun Hals über Kopf ein Tugendbold werden? aber daü geht nicht so Knall und Fall." „Ich weiß nicht, was für Vorbereitungen Du dazu erforderlich hältst, aber gerade deshalb inüßtest Tu um so früher damit beginnen." „Sehr weise und sehr richtig, Herr Katcchat — aber — aber. — Ich kann Tir das nicht so erklären. Tu mußt Dich mit meiner Versicherung begnügen, daß ich nicht nur von Teiner guten Absicht überzeugt bin, sondern auch anerkenne, daß in Teinen Ermahnungen eine gewisse Weisheit steckt, über die ich Nachdenken werde, davon kannst Dir überzeugt sein. Wer nun bitte ich Tich, für heute genug von mir- Jetzt bist Tu an Her Reihe. Also, Bruderherz, aufrichtig wie gehts? — bist Tu zufrieden?" „Ich bin niit meinem Wirkungskreis zufrieden," erwiderte. 'Arnold ruhig, aber dem scharfen Ohr des Freundes war es nicht entgangen, daß sei» Tou bei diesen Worten einigermaßen verschleiert war. „Du bist mit Deinem Wirkungskreis zusriedeu — das heißt — das heißt —" „Tas heißt nichts anderes, als was in den ein- . fachen Worten liegt —" „Nun ja, das meine ich eben, in Teinen Worteir liegt nichts anderes, als daß Du mit Deinem Wirken zufrieden bist. Tas ist gewiß schön inrd ich freue mich darüber aufrichtig. Aber ich würde mich doch noch mehr freuen, wenn ich wüßte, daß Dil nicht nur mit Deinem Wirkungskreis zufrieden bist, sondern mit allem." „Mit allem?" wiederholte der junge Geistliche und ärgerte sich über sich selbst, daß er es nicht hindern konnte, daß das Blut ihm in die Wangen stieg, „aber ich bitte Dich, womit sollte ich denn noch zufrieden sein?" „TaS eben frage ich." (Fortsetzung folgt.) Bücherschau. Das Prager Ghetto unter Mitwirkung von Jgnät Herrmann, Dr. Josef Teige und Dr. Zikm. Winter. Zeichnungen von A. Kaspar. Verlagsbuchhandlung der böhm. graph. Gesellschaft „Unie" in Prag. 1903. 180° oblonges Oktav. Broch. Kr. 1», geb. Kr. 13. Ein eigenartiges Werk, das uns zur Besprechung vorliegt, man weiß nicht recht, soll man die zahlreichen Photo-Jllustrationen oder die ausführlichen textlichen Partieen als das Wesentliche des interessanten Buches bezeichnen. Text und Illustrationen sind so glücklich zusammengestellr, daß „e uns ein vollständiges Bild des Prager Judenviertels geben, sowohl in historischer als auch in architektonischer und topographischer Beziehung. Illustrationen und Zeichnungen sind so zahlreich und ,o künstlerisch, wie man es eigentlich nur von einem ausschließlichen Bilderwerk zu erwarten berechtigt sein sollte, und auch der historische, kulturhistorische und topographische Teil hat durch überaus fleißige Benützung der Prager Archive eine so glückliche Bearbeitung gefunden. wie es nach den äußerst mangelhaften Vorarbeiten auf diesem Gebiete nur möglich war. Freilich hätten wir eine eifrigere Benützung der jüdischen Quellen, so besonders des Prager Chronisten David Gans, der Responsen des R. Israel Bruna. des R. Salomo Luvia, R. Moses Jfferles. R. Joel Sirkes u. a. gewünscht. Auch die jüdische Literaturgeschichte, soweit sie das Prager Ghetto bettifft, hätte mehr berücksichtigt werden müssen, denn die Geschichte der Juden ist während eines langen Zeittmrmes mit ihr iüenttsch. — Bor allem aber beftemden uns zwei Grundzüge. die in dem sonst so trefflichen Werke fast auf jeder Seite hervortreten. Es ist wohl nicht zu leugnen, daß die Verfasser sich bemühen, die Verteidigung der Juden zu führen. Der Grundton des Werkes ist nach den Worten der Ankündigung, „die

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