Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 25 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kedaktron und Haupl - GrpeüMon - Bergerstrsße 25, parterre. Herausgeker: Kaly Gers. Jnfertionspreis für die viergespallene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—. im kleinen. Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis H.— das Tausend. Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kollzeitungskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich . (Ausland Mk. 2.—). Ro. 25. Mittwoch, den 27. Nissan 5663 (24. April 1963). Ro. 25. Dr. Brüll. „Se. Majestät haben geruht, Herrn Dr. ^ldolf Brüll, anläßlich , seines Scheidens aus dem Schuldienste den Roten-Sldler-Orden vierter Klasse zu verleihen", so könnte man dieser Tage in den Zeitungen lesen. Doch dieses für Herrn Dr. Brüll sicherlich erfreuliche Ereignis ist es nicht, das uns die Feder in die Hand drückt, sondern ein Bortrag, den Herr Dr. Brüll in Prag gehalten hat. Hierüber schreibt das Jüdische Volksblatt Nämlich: „Sabbat, den 21. März hielt Herr Dr. Adolf Brüll aus Frankfurt a. M. ei»en vom Wiener Vereine >,Afike Jehuda" zur Verbreitung der Kenntnisse und Wissenschaft des Judentums veranstalteten Vortrag über das jetzt akut gewordene Thema „Babel und Bibel". Bei uns in Böhmen herrscht leider, die böse Sitte, nur vom Auslände Kräfte zu Vorträgen zu berusen, als ob wir ihrer hier nicht genügend: hätten^ Leider gilt auch hier das Wort: „kiomv propheta in patria sua.“ Dies bezeugt auch die Berufung von Rabbinen und Kantoren in den .großen Gemeinden Böhmens, Prag nicht-. ausgenommen. Allein nicht deswegen wollen wir unsere'Feder in Bewegung setzen, daß die bestdotierten Stellen unserer Kultusgemeinden von Ungarn, Polen, Russen und Rumänen besetzt sind, während die einheimischen Kräfte höchst selten, nur dann, wenn sie einer ausgiebigen Protektion sich erfreuen können, solche Stellen erhalten. — Dr. Adolf B rüll istj ein Gelehrter, ein Philosoph, ein Redner — das alles bleibe ihm unbenommen; allein, welchen Wert hat eine Kuh, die täglich 20 Liter Milch giebt, wenn sie selbe durch, einen Stoß mit ihrem Fuße wieder ausschüttet? Was nützt die Gelehrsamkeit des Dr. Brüll, wenn er dieselbe dazu verwendet, das schwache Pflänzlein vom Glauben an das. Judentum und dessen oberstes Geschichts- und Gesetzbuch zu erschüttern — ja zu zerstören?! Was soll man sich dabei denken, wenn er zum Beispiel sagte: Glauben Sie denn wirklich, daß Gott die Bibel von Bereschith bis Leejne kol jisroel geschrieben??" Er spricht „vom Märchen der Sündflut" — aber die Hauptsache kommt erst — wenn er sagt: Auch die Offenbarung am Sinai sei ein Märchen; „sollte vielleicht Gott herab- und Moses hinaufgestiegen sein??!!" Wirdenken, diese wenigen Zitate aus diesem Bortrage dürften wohl genügen, zu beweisen, wie wahr Jesaias ausrust: „Deine Zerstörer, deine Verderber, sie ,werden aus deiner Mitte ausstehen". Das hätte sich wohl kein evangelischer Geistlicher und Professor erlaubt. Welcher Lärm wurde in allen Zeitungen gegen Professor Delitzsch erhoben, als er auf Grund feiner archäologisch-assyrischen Forschung auf Grund von Täfelchen mit diversen Inschriften Nachweisen wollte, daß alles, was die Bibel an Lehr- und Glaubenssätzen enthalte, von den Affyrern übernommen worden seil Und nun kommt ein pensionierter israelitischer Religionslehrer aus Frankfurt a. M. nach Präg und geht in seinem Bortrage noch weiter, er negiert die Bibel und ihre Lehren und Erzählungen überhaupt. Wie stark diese Ableugnung ging, erhellt daraus, daß ein Herr aus dem Auditorium ihm wörtlich sagte: „Herr Doktor, Sie haben mir das schwäche Pflänzlein von meinem Glauben an die Heiligkeit der Bibel zerstört." Solcher Zurechtweisungen mußte sich der Herr Doktor mehrere gefallen lassen. Noch schlimmer aber wird die Sache, wenn man bedenkt, daß. der Borträg ein öffentlicher,, allgemein zugänglicher war, bei'dem das Laienelement und viele nicht der Intelligenz angehörende Zuhörer anwesend /waren. - Der;,Ä f i k eJe h u d a," 5 .He r e.in,iMag?sich in der,Folge seine.Käste'woher WaübMmoH.meWtber-J n d i f f e r^e nti sm u s hat bei uns in Böhmen, wie überall, nicht nur Wurzel gefaßt, er ist leider bereits ein starker Baum geworden." „Comme chez nous" kann man beim Lesen dieser Zeilen ausrufen. Auch bei uns in Deutschland rekrutieren sich zum größten Teile die Rabbiner und Kantoren aus Ausländern und zwar häufig zum Schaden für die deutsche Judenheit, da ein nicht in unserer Mitte Geborener in der Regel unserem Denken und Fühlen fern stehen wird. Aber: die Produkte, die ein Land nicht selbst hervorbringt, muß es vom Auslande beziehen. Man würde bei uns z. B. in Großgemeinden gern einem deutschen Rabbiner den Vorzug geben, wenn es nicht unter den aus dem Auslande Gebürtigen bedeutend mehr für diesen Beruf begabte Elemente gäbe, als bei uns. Aus der Eigenart der Verhältnisse entsprungene Thatsachen ändert man nicht, wenn man darüber Zeter und Mordio schreit. Auch hafte schon so mancher unserer Rabbiner, auf den d'ie Deutsche Judenheit stolz ist, seine Wiege nicht in unseren heimatlichen Gefilden. Also nur kein Chauvinismus, denn der ist nicht menschenwürdig und deshalb auch nicht jüdisch. Doch da hätten wir beinahe über die Rabbiner Herrn Dr. Brüll vergessen. Das „Jüdische Volksblatt" schüttet über Herrn Dr. Brüll die volle Schate seines Zornes. Wir wissen nicht warum, denn wir wünschten, das Judentum hätte lauter solche offene, ehrliche Gegner, wie Herr Dr. Brüll,. Unsere verkappten Feinde, die der leider ach so unwissenden deutschen Judenheit gegenüber ein religiös-jüdisches Interesse heucheln und dabei im Grunde ihres Herzens nicht anders denken, als Herr Dr. Brüll, können uns eher 4n Wut versetzen. Herr Dr. Brüll hat aus seinen Gesinnungen nie ein Hehl gemacht. Herr Dr. Brüll interessiert sich für das Judentum, wie er sich für die Geschichte und die Kultur der Babylonier, Griechen und Römer interessiert, und wir glauben, daß Herr Dr. Brüll, der ja bekanntlich sehr für die Mischehen schwärmt, garnichts dagegen hätte, wenn wir Juden da wären, wo die Babylonier und Griechen schon seit einigen Jahrtausenden sind. Wir können es Herrn Dr. Brüll auch garnicht verdenken, daß er seine Ansichten materiell verwendet. Er hätte, wenn es verlangt worden wäre, seinen Babel-Bibel-Bortrag nicht sechs-, s andern auch sechzigmal gehalten. Wundern müssen wir uns nur über die „jüdischen" Vereine, die Herrn Dr. Brüll berufen. Schachtverbote. Frankfurt a. M. Wie uns von gut unterrichteter Seite mitgeteilt wird, sind jetzt sowohl Ascherslebest als auch Stendal dem guten Beispiel, das ihnen Angermünde gegeben hat, Iesolgt, und hahen das rituelle Schächten in den östentlichen Schlachthäusern: verboten. Es wäre sehr zu wünschen, daß das Oberverwaltungsgericht, von denn im Fall Ängermünde schließlich die prinzipielle Rechtsstage geprüft werden wird, sich den mannigfaltigen Gründen, die gegen das Verbot der Städte als gegen den Geist der Verfassung und gegen den gesunden Menschenverstand verstoßend, gellend gemacht werden, anschließen würde, damit die Stadtverwaltungen auf. diese.Weise genötigt wären, das Schächten auch weiter zu gestatten. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß wir sonst in Preußen schweren Zeiten entgegengehen, da es sich offenbar um ein ganz planmäßiges und wohlberechnetes, hinterlistiges Vorgehen der Antisemiten handelt, welche unter der heuchlerischen Maske des Tierschutzes die Stadtverwaltungen zu bestimmen suchen, das Schächten in ihren Schlachthäusern zu verbieten. Mit Ängermünde hat der Tanz begönnen, dann kam Potsdam, dessen einsichtsvollere Stadtverwaltung dem Berkaugen der antisemitischen Heißsporne nicht ohne weiteres nachgab, sondern erst die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts abwarten wird, und jetzt Aschersleben und Stendal. In diesen beiden Städten haben die Gemeinden Eingaben an den Magisttat eingereicht und auf die schweren Schädigungen hingewieseu. die ihnen und auch der Stadt infolge des Verbots erwachsen können Hoffen wir, daß diese Berufüngeu Erfolg haben und daß die vernünftigen Köpfe die Oberhand gewinnen, um es durchzusetzen, daß die Verbote wieder aufgehoben werden; nach allen Gutachten für die ausgezeichnete Schlachttnethoüe der Juden, wie sie von Hunderten berühmten Gelehrten. Professoren. Schlachthofdirektorcn. Rabbinen u. s. w. rühmend gepriesen wird, klingt es geradezu wie ein Hohn; wenn die Stadwerwaltungen ihre Verbote in absoluter Unkenntnis der wirklichen Sachlage mit dem Deckmantel der ..Tierquälerei!' begründen, während für die Ausübung der Jagd, und Treibjagd auf wehrlose Tiere, die für diese ungleich qualvoller ist. kein tadelndes Wort gesunden wird, während Froschschenkel, die lebend ausgeriffen werden, als zarte Delicateffe gelten, während Hummern, und Krebse lebend in kochendem Wasser gesotten werden, während Muscheln lebend gebrüht. Schweine lebendig in. kochendes Wasser geworfen werden u. s. w. Wenn die Herren, die beim Schächldersahren. der Juden ein solch rührendes Zartgefühl an den Tag legen, doch mal die Güte hätten, gegen die vorbezeichneren grausamen wirklichen Tierquälereien energisch Front zu machen, hätten sie uns gerne als Mitarbeiter zur Seite; wir müssen uns aber energisch dagegen verwahren, daß unter dem wohlfeilen Borgeben, es handle sich, um den Schutz der Tiere, ein anerkannt vorzügliches Schlachtverfahren. wie das der Juden, bekämpft wird, um uns hinterrücks da zu überfallen, wo wir am verwundbarsten sind, in unserer religiösen Ueberzeugung und der Liebe und Achtung, die wir unseren Gesetzen, entgegen, bringen. Die Städte aber würden gut thun, gegen die Liebenswürdigkeiten des in diesem Fall durchaus nicht angebrachten Tierschutzesmit dem sie die Antisemiten so selbstlos beglücken wollen, energisch Front zu machen, und ihnen zuzurusen: guiägoiä ick est timeo Drwavs st don-.v ferentes. Seher in her Kaserne. A msterda m. Wie gewöhnlich,, so hatte auch diesmal der Oberrabbiner die nötigen Schritte geHan, um von der Militärbehörde für die israelitischen Soldaten den Urlaub während des Pesachfestes zu erwirken. Obschon die Militärbehörde sanft stets das größte Entgegenkommen zeigh, erhielt der Oberrabbiner den- Bescheid, daß der KnnmanLant zu seinem tiesstest Bebauern im Hinblick auf den herrschenden Streik diesmal feinem Wunsche nicht Folge leisten könnet Donnerstag Nachmittag kam der Befehl, daß. auch nicht einmal rituelle Speisen in die Kaserne hineingebracht werden dürsten. Freitag, den Tag vor Erew-Pesach, machte der Oberrabbiner noch einest Versuch, um, hinweisend auf die religiöse Bedeutung des Verbotes von Jsur Chomez (Genuß des Gesäuerten), die Eclaubnis des . Hineinbringens ritueller Speisen in die Kasernen zu erwirkest 20 Minuten vor Sabbathanstmg wurde plötzlich die Erlaubnis er» teilt, und wurde dieselbe dann auch in den verschiedeneu Synagogen zur Kenntnis der Angehörigen gebracht. Nun galt es sehr schnell zu handeln, damit die in der Kaserne internierten 60 jüdischen Soldaten den Seder feiern konnten. Herr Heertjes unternahm sofort die nötigen Schritte.. Das Osfiziersznnmer wurde bereitwilligst abgetreten. Herr Boutelje verrichtete das Abendgebet. Herr L. M. Hes spendete für 60 Mann djie Mazzcms und hielt eine warme Ansprache, die mit einem Hoch auf die Wnigiu en-