Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 22 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ferner nimmt in der nächsten Nummer eine sehr interessante und wertvolle Arbeit Die Entwicklung des jüdischen Gemeindewesens im neunzehnten Jahrhundert von Rabbiner vr. Salomo» Bamberger in Hanau, ihren Anfang, worauf hinzuweisen wir gleichfalls nicht verfehlen wollen. . Die Lehre vom Opfer. (Zu Paraschat Wajikro.) '■ , . Das dritte Buch der Thora, das in diesen Tagen ' in unseren Gotteshäusern zu uns spricht, beginnt mit . der Lehre vom Opfer. Sie gehört zu den Partien der Thora, die am öftesten und leichtesten verkannt wurden und. werden Ihr Gegenstand ist durch den Umstand, daß die Opferstätte schon seit Jahrtausenden in Schutt und Asche begrabe» darniederliegt, vielen so fern und fremd geworden, baß es einiger grundlegenden , Voraussetzungen bedarf, um ihre hohe Bedeutsamkeit in vollem Umfange zu würdigen. Wenn wir in einer milden Frühlingsnacht hinaus- . treten in die-geheimnitzvoll uns ümräuschende. neu erstandene Welt, über uns den Sternenhimmel, uuter uns das Blüteumeer, . und zwischen beiden der von all' diesen überwältigenden Schönheiten betroffene Beschauer, der den Glanz nicht fasten kann und der daher die Brust erleichtern möchte von allein, was so ergreifend - auf sie einstürmt, wenn es uns drängt, das, wovon das Herz so voll ist, nun auch m Worte »u kleiden, und ihm den rechtenungehemmten Ausdruck zu er- . möglichen, dann — empfinden wir. tiefer und nach haltiger als sonst, die ganze Unzulänglichkeit jedes Wortes, die Armutjeder Sprache, das Ungenügende alles besten, wodurch , ein bewegtes Herz seine Seligkeit mitteilen kann. Dann heben wir schweigend den Blick - zu den leuchtenden-Himmelskörpern, lautlos schweift das Auge von - Blüte zu Blüte, von Schönheit: 3» Schönheu, und dieses Schweigen feiert lauter und eindringlicher Gottes Allmacht, als die lauteste Jubel- Hymne es vermöchte. , Jede wahrhaft innere Erregung, :ste mag durch die uns umgebende Natur oder durch in uns selbst liegende Momente veranlaßt werden, raubt uns das - Wort um so rascher und sicherer, je tiefer gehend, je mächtiger sie ist. Die Sprache versagt , gerade da, wo - - wir.ihrer am 'meisten bedürfe». , Wenn Joseph seinen ' - .Brüdern entgegen tritt, und - durchsein bloßes Dasein den jähe« Abgrund einer längst-begraben geglaubten Vergangenheit plötzlich ausdeckt, so können sie m ihrer -Bestürzung nicht antworten. (I. B, M- C- 45, B- 3.) - Wenn Ahron -an dem-Freudenlage des ganzen Volkes seine beiden Söhne versiert. so — schweigt er. (M B. C-.lv, V- 3.) Wenn Elijahu sein irregeleitetes Volk wieder für die geächteteWahrheit gewinnt und ihm den ' ganzen Abstand zwischen Gott und Götzen wirklich zum ' Bewußtseingebracht hat, dannantwortet das Volk nicht mit einem> einzigen Worte. (I. Buch der Könige u C. 18. V. 21.) Aber alle diese gehobenen, durch besondere Beranlanungen erzeugten Momente, halten keinen Vergleich mit dem Augenblick aus, in welcher einer aus der Höhe ihrer Lebensbestimmung gesunkenen Menschenseele wieder die Sehnsucht nach Gott erwacht und das Verlangen in ihr lebendig wird, die Höhe wieder zu gewinnen, die zur Leitung Gottes, zn seiner Gnade und Liebe führt, die sie in Leichtsinn und Irrtum, in Abfall und Trotz eingebüßt hat und für immer zu verlieren Gefahr lief. Für den Vorsatz nun alles einzusetzen, um das begangene Unrecht zu sühnen, alles, Leben, Vermögen, Lebensglück und Lebensfreude nun voll und ganz Gott allein hinzugeben,. um diese höchsten Güter neu von ihm gewährt, nun in seinem Sinne, in seinem Dienste zu verwenden, sür dieses Einsetzen der. unverkürzten Menschenthat ist das bloße gelobende Wort.so unzulänglich und schwach, wie es in den angedeuteten, besonderen Weihemomenten des Lebens sich erweist. — Diesem Umstand, dieser Seelenstimmuna trägt Gottes Gesetz Rechnung, wenn es für solche Fälle das Wort zurücktreten und uns die That lehrt, mit der wir vor Gott hintreten sollen. Diese That ist d a s O p f e r. Diesem Gedanken geben die einlettenden Sätze des Psalm 65 Ausdruck. Lecho dumqoh Thilloh „Dir gegenüber ist Schweigen der höchste Preis 0 Gott, in Zijon wird Dir so jedes Gelübde erfüllt. (Durch die Opfer-Th at, in welche das vergeblich sonst nach einem Ausdruck ringende Schweigen sich kleidet). Du hörst jedes Gebet, zu Dir darf alles Fleisch kommen. (Auch als dosor, ohne den hohen Geistesflug, der zur Opferthat drängt, und schon im bloßen Gebete Befriedigung und Annäherung an Gott sucht, ist sie wohl zu erreichen.) Wenn auch die Worte, welche die Sünden mir abringen, stärker sind als ich. unseren Abfall sühnst Du. (Auch dann, wenn das Sühnebedürfnis nicht die Höhe erreicht hat, die sich im wortlosen Schweigen manifestiert. Wo die innere Erregung sich nicht mehr aussprechen kann, ist sie stärker als das Wort, ist die Sprache machtlos. Wo das Sühnebedürfnis ober noch Worte findet, find sie eben noch stärker als ich.) Glücklich aber, wenn Du erwählst. Dir im Opfer sich zu nahen, daß er in Deinen Höfen eine Stätte finde» So möchten wir uns sättigen an. der Güte Deines Hauses, dem Heiligtum Deiner Machtstätte." - Wer daher auch nur einer geisttgen Berirmng, wer sich bewußt war, daß das unveredelte Tierische, das in jeder Brust schlummert, auch nur vorübergehend einen Sieg über das bessere Selbst davon getragen hatte, der weihte 'dieses gegen Gott sich auflehnende Tierische, welches das Opfertier symbolisch repräsenttert, an der geheiligten Opferstätte seinem Vater im Himmel. lOIab). „Rabbi Schimeon ben Jochai lehrt, das Olah (Emporopfer) wird nur für geistige Verirrung gebracht." (Midrasch Rabbah Paraschat Zew). Wer zu der Erkenntnis gelangt war, daß er nicht nur im Geiste, sondern durch die That abgewichen war von der gottgebotenen Lebenspflicht, den zog es zu Gottes heiliger Tempelstätte mtt dem Vorsatz nunmehriger gänzlicher Hingebung an Gott und sein Heiligtum und dem Gelöbnis der ganzen Persönlichkett, jedem in den Adern kreisenden Blutstropfen dieRichtung zum Heiligtum zu geben, und die Besiegelung dieses Lebensentschlusses durch die Opferthat vollzog sich als Sünd- und Schüldopfer (Cbalos, Osahom), mit dem der reuig Zurückkehrende die verlorene Gottesnähe wieder suchte und—fand. Wenn dann dieser Unterstellung des ganzen Lebens unter Gottes Leitung und Schutz auch die der Mittel zum Leben sich noch verbandwenn der mit seinem Mehlopfer — Waedod — sich dem Heiligtum Nahende den wesentlichen Bestandteil seines täglichen Brotes Gott reichte, um es dann, von chm wieder geweiht, priefterlich zu genießen, dann hatte dieser Weiheakt den ihn Vollziehenden hoch über das Getriebe einer ganzen Wett gehoben, die unter der Last des Lebens seufzt und in der Sorge um seine Fristung sich aufzureiben droht. Frei von Schuld und Sünde, frei von dieser'einzigen Sorge, die ein. zu Gott emporttebendes Gemüt allein fürchtet, ist sein irdisches Glück vollständig, wie es auch äußerlich sich gestalten möge. Für diesen himmlichen Frieden in dem sonst zwiespältig geteilten Herzen, für dieses selige Glück, in der Gott zujauchzenden Menschenbrust, für welches es wiederum keine Worte gibt, ~ statuiert das Gottesgesetz seine Freuden- und Friedensopfer. (Lodslomiw). DiesenJdealen und ihrer Realisierung gehört die Zukunft der ganzenMenschh eit. Und man konnte sie. sowett väkennen, daß man sie als Rückstände des Götzenttuns, als Konzessionen an. das Heidentum ansehen, und von ihnen verächtlichen Weise, als von eistem mosaischen, von den Propheten perhorreszierten, blusigen Opfer-Kultus allen Eimstes reden zu dürfen glaubte! Wahrlich, wenn göttliche Anordnungen menschlicher Rechtfertigung bedürften, wie würde diese ihre vollständige Verkennung dafiir zeugen, daß sie hoch wie die Sterne über dem Horizont über ihrer Verächter stehen, und wie jene, gerade wegen, der Höheaus der sie herniederstrahlen, von Unkundigen für so klein gehalten werden (Schluß folgt). Hungern oder Stehlen? Ich will euch zählen ein Märchen gar schnurrig, es war einmal. — Es ist das allerdings schon ziemlich lange her, wett länger als drittehalbtausend Jahre. — D. h. das schnurrige Märchen, das ich erzählen will, hat sich erst vor wenigen Tagen ereignet, es ist demnach eigenttich gar kein Märchen, sondern eine wirkliche wahrhaftige Begebenheü allerjüngsten Datums, doch das, woran es mich erinnert hat, das ist schon länger als hrttlehalbtausend Jahre .her, und wird zuweilen als Mythuserklärt. Diese Ansicht teile ich jedoch keineswegs, denn ich habe einen riesigen Respekt vor Lykmgus s. A., dem weisen Gesetzgeber. Spartas. Nicht nur, weil ich die schwarze Suppe, die bei den öffentlichen Männermahlzetten den Hauptteil bildete, für ein sehr nahrhaftes Gericht halte, und auch nicht, weil ich übe^eugt bin, daß es dmch die weisen Gesetze in Sparta dort keine Kindsmörderin gegeben hat, sondern hauptsächlich deshalb, weil Lykmgus s. A. wenigstens meines Wissens der einzige Gesetzgeber war und ist, der den Mut hatte, offen und ehrlich das als Gesetz auszusprechen, was alle übrigen Gesetzgeber zwar quch-anerkennen, aber keineswegs als Gesetz aussprechen, daß nämlich das Stehlen erlaubt ist, aber das Ersiipptwerden strenge bestraft wird. Und' weil er den Mut hatte, offen und ehrlich diesen Grundsatz auszusprechen, darum hat er auch dafür gesorgt, daß die spartanische Jugend in dies«» Sinne erzogen worden ist. Unser Professor der Geschichte hat uns wenigstens versichert, daß die Knähe» in Spattä zum Mausen geradezu gezwungen waren, weil man ihnen zur Förderung ihrer Schlauheit nur höchst ungenügende Kost verabreicht hat. Wollten ste nicht hungem, so mußten sie mausen, ließen sie sich jedoch «tappen, so wurden sie sttenge bestraft. Im Grunde genommen ist es heute noch eben so, nicht nur da unten in Spatta, sondern auch hier bei uns, in dieser Beziehung hat die Menschheit keine besonderen Fortschritte gmiacht. Das heißt, in gewiper Beziehung ist allerdings ein Fortschritt unverkennbar. Heute läßt man die Jugend nicht mehr hungern und dennoch, wenn, sie herangereift ist, wenn unsere Jungen Männer geworden find, wie viele von ihnen verstehen nicht dennoch zu mause», und wissen sich dennoch vor dem Ertapptwerden zu schützen, namentlich wenn sie recht viel gemaust hüben. Aber zuweilen giebt es doch noch erzdumme grundehrliche KerL, die lieber verhungern als stehlen würden, und die dennoch ertappt werden. WM* Die nächste Rmnmer erscheint Mittwochs de» 8. April. "WU mm