Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 19 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3tc. 19. Du reitest schon wieder Dein Steckenpferds indem Du mich an meine Ignoranz -in religiöser Beziehung mahnen willst. Aber das nützt Dir doch nichts." „Das weiß ich, und darum komme ich aus Deine diesbezügliche Ignoranz nur dann zurück, wenn ich von Dir dazu gedrängt werde. Dys aber hast Du jetzt gethan. Du hast mich geradezu provoziert." „Das kann ich bezeugen," fiel Arnold ein. „Sieh, sieh, sieh, wie die Pfafsen für einander in's Feuer gehen, wenn sie auch von der verschiedensten Couleur sind. Das kommt davon, wie es in dem bekannten Gedicht heißt: Und die Königin spricht, es will mich schier bedünken, daß der Rabbi und der Abt, daß sie alle beide —" „Felix, Felix, Du vergissest Dich!" „Pardon meine ehrwürdigen Herren in spe, aber Ihr könnt Euch doch noch nicht getroffen fühlen." „Das thun wir auch nicht," versicherte Arnold, „aber wir wollen auch auf unsere abwesenden Eonfraters m sps nichts kommen lassen und darum ersuchen wir Dich, Dein allerdings hochinteressantes Thema mit einem andern vertauschen zu wollen." . „Gleich, gleich, nur noch ein paar Minuten müßt Ihr, oder wenigstens Du, Arnold, mir ein oder besser doch zwei geneigte Ohren leihen." >,Bin gern dazu bereit, aber den Heine mußt Du zu Hause lassen."- „Zugestanden, obgleich ich mich an Heine besonders gern anlehne. Aber was ich augenblicklich mit Dir besprechen möchte, dazu ist Heine gerade nicht unerläßlich." „Also ich neige meine beiden Ohren Dir zu," sagte Arnold. „Llsroi. — Sieh, Arnold, wir sind zwar nicht immer gleichen Sinnes, ich kann mich' sogar der Zeiten noch erinnern, in denen wir auch wohl handgreiflich geworden sind. Trotzdem halte ich mich überzeugt, daß wir einander gute, aufrichtige Freunde sind." Arnoll» ergriff seine Hand und drückte sie innig. „Dank für diese lieben Worte. In der schwersten Stunde meines Lebens warst Du an meiner Seite — daß ich das nie vergessen werde, davon kannst Du überzeugt sein." »Ach Unsinn, davon wollte ich nicht reden, ich wollte nur andeuten, daß das, was ich Dir sagen möchte, . aus treuestem Freundesherzen ich Dir sagen möchte aus treusten Freundes Herzen kommt. Da Tu morgen abzureisen gedenkst, sind wir heute hier wohl zum letzten Rial zusammen — wir kommen vielleicht überhaupt so bald nicht wieder zusammen — da wollte ich Dir doch nochmals sagen, was ich Dir freilich schon wiederholt gesagt habe, daß es mir immer so schwer auf's Herz fällt, wenn ich Dich von Deinem sogenannten Günstigen Beruf reden höre —" „Ich danke Dir," sagte Arnold lächelnd, indem er ihm die Hand reichte, „ich bin überzeugt. Du meinst es gut mit mir, aber sei unbesorgt, ich werde in meinem künftigen Beruf, zu dem ich mich wahrhaft berufen fühle, die höchste Befriedigung finden." Felix schüttelte den Kopf. „Jetzt bist Du davon überzeugt, d. h. jetzt glaubst Du es, ich aber bin vom Gegenteil überzeugt, es ist unmöglich. Du kannst in dem, was Du als Deinen künftigen Beruf erträumst. Deine Befriedigung nicht finden." „So glaubst Du als Weltkind, wie Tu Dich im Gegensatz zu uns zu bezeichnen liebst. Du bist eben der enragierteste Feind des geistlichen Standes." „Das bin ich nicht," erklärte der Andere, „ich bin doch mit Ernst ebenso befreundet wie mit Ar, aber es ist mir noch nie in den Sinn gekommen, ihn seinem künftigen Berufe abwendig machen zu wollen." „Darüber habe ich mich in der That gewundert," entgegnete Arnold. „Ich nicht," fiel Ernst ein, „Felix weiß, daß er bei mir nichts dürchgesetzt hätte." ' „Das könnte mich keinesfalls zurückhalten, mich nach dieser Richtung hin zu bemühen, wenn ich für Dich in der Wahl Deines Berufes ein Unglück sehenwürde." „Also nur mich hältst Du nicht zum Geistlichen geeignet, aber Ernst —" „O wenn Du vielleicht wie Ernst Rabbiner werden willst, dann werde ich mich auch nicht bemühen, Mch davon zurückzuhalten." „Besten Dank!" lachte Arnold. „Demnach ist es nur der. katholische Priesterstand, für den Du mich nicht geeignet hältst —" „Daß Tn nicht dazu geeignet wärest, kann ich nicht behaupten, aber daß Du. als katholischer Geist-, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. licher nicht glücklich würdest, davon bin ich überzeugt." „Als jüdischer Geistlicher würde ich glücklicher werden?" „Ganz gewiß. Ich habe zwar auch für die jüdischen Geistlichen keine besondere Borliebe, aber ich wüßte nicht,- weshalb sie nicht eben so gut glücklich sein sollten wie andere Menschen. Sie leben in der Welt und mit der Welt, können sich umschauen unter den Töchtern des Landes, eventuell auch des Auslandes, können in angenehmster Häuslichkeit leben —" „Der jüdische Geistliche ist sogar verpflichtet, sich zu verheiraten," bemerkte Ernst. „Wirklich?" rief Felix, „das gefällt mir, da werde ich am Ende auch noch Rabbi. — Ich wäre nicht einmal der Erste in unserer Familie, einer meiner Urgroßväter soll auch ein Rabbi gewesen sein, rn unserer Jiumpelkammer stehen noch fünf große Kisten mit Folianten, in denen mein Ahnherr studiert haben soll Tag und Nacht. Wenn wir nach Hause kommen, zeige ich sie Euch, wenn Ihr sie nämlich sehen wollt, und wenn Ihr sie haben wollt, schenke ich sie Euch, Mama würde sich freuen, wenn sie einmal fortkommen würden." „Ich werde Dich beim Wort nehmen," sagte Ernst, „eine derartige Sammlung könnte für mich von großem Wert sein." „Ich verzichte darauf," 'erklärte Arnold, „doch revenous ä nos montons. Was hat das für einen Sinn, weshalb muß der jüdische Geistliche heiraten?" „Weil jeder Jude, der eine Familie zu ernähren inr Stande ist, zur Heirat verpflichtet ist." ,Heder Jude, das lasse ich gelten, aber der Geistliche hat andere Pflichten." „Es wird aber angenommen, daß er jene andern Pflichten besser erfüllen wird, wenn er auch die Pflichten gegen seine Familie, erfüllt." .Llovseus!" entgegnete Arnold, „das versteht unsere Kirche besser. Wer für seine Familie lebt, lebt nur für Menschen, der Geistliche soll für Gott leben." „Wer für Menschen, lebt, lebt für Gott," sagte Ernst. „Man sollte glauben. Du wärest ein Götzendiener." „As you Iike it," spöttelte Ernst. „Ach nein, ich verstehe Dich 'wohl, d. h. ich weiß, was Du sagen wolltest, aber —" „Mer," fiel Felix ein. „sage mir doch. Arnold, im vorigen Jahre habe ich in unserer Klasse etwas munkeln hören, von einem Gedicht an eine schaumumhüllte, auf Wolken schwebende, blauäugige Emilia, das A. W. unterschrieben war. Es gab, wie sich herausaestellt, in unserer Kla'se nur einen einzigen A. W. und man hat sich berechtigt geglaubt, annehmen zu dürfen, daß dieser der Verfasser." „Ach, wer wird denn von solchen Kindereien reden!" rief Arnold, indem dunkele Röte sein sonst etwas blasses Gesicht überzog, „ich versichere Dich —" „Ereifere Dich nicht." entgegnete Felix gutmütig lachend, „ich bin der Letzte, der Dir aus derartigem ein Verbrechen machen möchte, hat doch wohl ein ieder von uns derartige poetische Ergüsse auf dem Gewissen, ich wenigstens gebe es ohne weiteres zu. Du, Ernst, vermutlich auch." „Ich muß dankend ablehnen," versetzte Ernst gleichfalls lachend. „Was? Du bist bald siebzehn Jahre alt und hättest noch nie ein schönes Mädchen besungen? das ist doch kaum glaublich." „Und dennoch wahr." „Wenn Du es sagst, so bin ich überzeugt davon. Und freilich bei Dir ist es ganz was anderes, iede freie Minute, die Tu hast, steckst Du den Kopf in Deinen schweinsledernen Folianten, da bleibt Dir keine Zeit, ein schönes Mädckien auch nur anzusehen, geschweige es zu besinnen. Mer wir' andern Menschenkinder — nicht wahr, Arnold?" - ,.Jch wein nicht, was ich bestätigen soll. Aber ich bitte Dich ernstlich, las>e diese alten Geschichten ruben. Ich gebe ja ganz offen zu. baß jenes sog. Gedicht von mir war. Wer was folgt daraus? Ms ich sieben oder acht Jahre alt war, habe ich leidenschaftlich gern mit Kuaeln gesvielt. — Nun. hast Du mich vielleicht in den letzten Fahren mit Kugeln spielen sehen?" und ich bin auch überzeugtdaß Du hmte keine solchen Gedichte schreibst. Ob Du aber nicht morgen da'u Lust hättest? — oder in einem Jahr, oder in zehn Jahren?" Seite 5. „Ach, hör' schon auf! — ich begreife gar nicht, wie Du auf derartige Gedanken kommst." -,Das wlll ich Dir sagen. Ich hatte eine Schwester, sie war mehrere Jahre älter als ich, ein liebes, schönes Mädchen, ich habe sie beinahe für einen Engel gehalten, und als sie vor ungefähr sechs Jahren während eines Gewitters mit mehreren Gespielinnen unter einen Baum flüchtete und dort vom Blitze getroffen wurde, da war ich der Verzweiflung nahe. Doch davon wollte ich jetzt nicht reden. Ungefähr ein Jahr' vor ihrem Tode hatte mein Papa sich den Arm verletzt, lag einige Zeit auf dem Sofa und mußte sich Eisumschlägc machen lassen. Tie nähern Bekannten und Freunde unseres Hauses haben den Papa besucht, unter andern auch der damalige Dechant Eilert.- Ihr werdet Euch seiner erinnern, er war ein sehr freundlicher, alter Herr, ich glaube, er ist por zwei Jahren gestorben. Er war mit meinem Papa sehr befreundet und hat deshalb seinen Besuch sehr ausgedehnt, weshalb sich meine Schwester veranlaßt sah, in des Dechants Gegenwart die Eisumschläge mehrmals zu wechseln. Und alle ihre Bewegungen waren so anmutig, so gewandt. Roch sehe ich sie neben dem Sofa knieen und den stark geröteten Arm vorsichtig mit dem Eistuch umhüllen. Und der Dechant hat sie auch beständig angesehen, und ich weiß nicht wie oft hat er zu Papa gesagt: „Wie sind Sie glücklich, Herr Kohn, wie sind Sie glücklich, ein solches Kind zu besitzen, eine solche Pflegerin. — Wenn ich dagegen bedenke, wenn mir 'was ist." — Als uns dann das Unglück getroffen und der Dechant auch .eine Eondolenzvisite gemacht hat, da hat mein Papa ihn gefragt, ob er sich noch erinnert, was er damals gesagt hat. Da ist er aufgestanden und hat die Hand auf Papa's Schulter gelegt und hat gesagt: „Ter Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, sein heiliger Name sei gelobt! — Mer Herr Kohn, was ich damals gesagt habe, das sage ich auch heute. Sie sind ein glücklicher Mann, denn Sie haben eine brave liebe Frau und einen hoffnungsvollen Sohn. Was hat dagegen Unsereiner?" — Und als Papa ihn in seiner letzten Krankheit besucht hat, da hat er auch wiederholt dasselbe gesagt. Der Papa ist im Allaemeinen nicht sentimental, aber mit dem Dechant hat er großes Mitleiden gehabt. Und darum, immer wenn Du von Deinem künftigen Beruf phantasierst, dann muß ich an den Dechant Eilert denken —" Arnold ergriff abermals seine Hand und drückte sie herzlich. „Ich bin überzeugt. Tu meinst es gut mit mir." „Freilich meine ich es gut mit Ar und darum bitte ich Dich nochmals, überlege es Dir nicht nur noch einmal, überlege es Dir noch zehnmal, bevor Du den entscheidenden Schritt thust." „Das will ich Dir gern versvrechen, ich werde wohl noch mehr als zehnmal an Deine Worte denken, aber ich glaube nicht, daß mein Entschluß dadurch beeinträchtigt werden wird." Felir zuckte die Achseln. „Ich habe das Weinige gethan." (Fortsetzung folgt.) Voranzeigen. Jüdisch-nationale Frauenvereinigung. Sonntag, den 22. März, abends 7 Uhr in der »Rosenau", Reuterweg 8: Vortrag des Herrn Herm. H. Kohn über: »Esther und die historischen Frauen des Judentums." Hierauf: Abendunterhaltung. Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 5 Uhr 55 Minuten. Sabbath-Ausgang: 7 Uhr 15 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. 1 Scliillerstrasse 4, l. j Gegr. 1879. | Frankfurt a. 9f. 1879. Immobilien, Hypotheken. ete. ete. 0000000000000000000000000000000000000000000000009 o Äüc ®uujeien g PAUL TÜBBEN? Silberne Besteeke | Bijouterien © Juwelier © 9 ' den feinsten. s 2 Goethestrasse 2. © OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO0OOO©© 0 Verkauf nach Gewicht. Enorme Auswahl.