Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 16 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wie sehr gerade die spezisiscb-kapitalistischen Züge des Wirtschaftslebens dem jüdischen Charakter adäquat sind, vermögen wir am deutlichsten an der Thatsache zu ermessen, daß wir am meisten die Juden in denjenigen Sphären wirtschaftlicher Thätigkeit zu Hause finden, in denen das reine ' qualilätslose, abstrakte Geldverhältnis am ausschließlichsten herrscht: das sind der Geld- und nach iqm der Warenhandel, und zwar in diesem wiederum der Zwischenhandel oder der Detailhandel, während in der Produktionssphäre längst die Betei.igung der Juden nicht in gleichem Maße stattsindet. Und daß trotzdem ihnen seit mehreren Menschenaltern die Wirksamkeit auch auf diesen Gebieten völlig freigegeben ist. Aber es ist ersichllich, daß in der Landwirtschaft und Industrie, auch wo sie schon kapitalistisch organisiert sind, doch noch in weiterem Umfange eine Beziehung zu den konkreten Gü.ern, die erzeugt werden, sowie zu den lebendigen Menschen, die sie erzeugen, bestehen bleibt, während im Geldhandel ausschließlich, aber auch im Warenhandel diese konkrete Bestimmung entfällt. Ich sagte : was letztere angeht, namentlich im Zwischenhandel, der von Händler zu Händler die Ware umfttzt, oder im Detailhandel. Während beispielsweise im Einfuhr- Handel, sofern er die Erzeugnisse der fremden Länder direkt herbeischasft, wiederum eine stärkere konkrete Färbung der Beziehungen zu den eigenartig gestalteten Kulturen der Bezugsgebiete stattfindet: wes- . halb wir in diesen Branchen des Handels abermals eine geringere Beteiligung der Juden finden. Diese wird in dem Augenblick stärker, wenn der Handel ein abstrakter Handel mit fungibler Ware wird, wie neuerdings., der Getreideimport. \ Je reiner also: kapitalistisches iWesen'im Wirtschaftsleben sich Mchsetzt, desto Ärehr''Spielraum erhält die jüdische Eigenart. Was' man nun auch so ausdrücken kann: je mehr sich jüdisches Wesen durchsetzt, desto ausschließlicher kommt hie kapitalistische Organisation zur Anwendung. Und nun wird es nicht mehr verborgen sein, worin die eminente Bedeutung des Judentums für die modernen Volkswirtschaften liegt: es beschleunigt deren Umbildung in die kapitalistische Organisation, die h:ute die schlechthin vollkommendste ist. Ganz besonders deutlich kommt diese jüdische Mi'sion — den Uebergang zum Kapitalismus zu bejördern — dort zum . Ausdruck, wo es gilt, die heute noch konservierten Reste vorkapitalistischer Organisation aus dex Welt . zu schaffen: in oer Zersetzung der letzten Hand- ’ werke und der handwerksmäßigen Krämerei.. Man kann getrost sagen, daß beispielsweise Schneiderei, Schuhmacherei, Tischlerei, und viele Baugewerke als Handwerke zum großen Teile der rastlosen Thä.igkeit jüdischer Geschäfismänner ihren Untergang verdanken. Weshalb denn sich gerade in jenen Kreisen des sinkenden Handwerks ein durchaus natur - wüchsiger Antisemitismus entwickelt hat, der sich, . wie.es solchen blinden Volksbewegungen eigen zu sein ~ pflegt, an die sichtbare Form (das Judentum) statt an den inneren Kern (den Kapitalismus) hält. ' Erinnere' mim ' sich nun, bitte,. was - den Anlaß zu diesen Auseinandersetzungen über die ökonomische Veranlagung des Judentums und seine Funktion im modernen Wirtschaftsleben gegeben hatte: es war die Feststellung gewesen, daß Deutschland seinen wirtschaftlichen Aufschwung während des 19. Jahrhunderts (soweit er durch die Eigenart seiner Bevölkerung bedingt ist) unter anderem dem Vorhandensein seiner jüdischen Einwohner verdankt. Um die Richtigkeit dieser Behauptung zu erweisen, wird es nun aber noch einiger ergänzender Bemerkungen bedürfen. Zunächst der Konstatierung» in welchem Verhältnis jüdische Elemente in unseren Bolkslörper eingestreut sind. In Deutschland sind von 10000 Einwohnern 111 jüdischer Konfession. Mit dieser Ziffer wird natürlich der Prozentsatz der Bevölkerung jüdischer Rasse nicht vollständig ausgedrückt, aber die Statistik kennt keine andere Ziffer als die der Konessionen, wir müssen uns also mit diesen begnügen. Sie genügen aber auch für unsere Zwecke. Für diese kommt es nur darauf an, festzustellen, in welchem Verhältnis sich Juden im Deutschen Reiche aushalten im Vergleich zu anderen Ländern, von denen wir ebenfalls nur die Konsessionszi.fern kennen. Da ergiebt sich denn, daß gerade so groß wie in Deutschland der Anteil der jüd. Berö.kerung in den Vereinigten Staaten von Amerika ist. Ist es da voreilig zu sagen: daß wir gerade im richtigen Verhältnis mit Juden durchsetzt sind, in solchem Verhältnis, wie es für den wirtschaftlichen Aufchwung, der in den beiden genannten Ländern während des letzten Menschenalters am größten ist, am sördersamsten erscheint? Und daß Skandinavien, Italien, Spanien, Frankreich, ja se.bst Großbritannien hinter uns und den Vereinigten Si arten auch deshalb Zurückbleiben, weil sie zu wenig Juden haben? In Großbritannien sind von 10100 Einwohnern 20 Juden, in Italien nur 15, in Frankreich 14, in Schweden 7, in Spanien noch nicht 1. Während umgekehrt Länder, in denen die Juden allzu zahlreich sind, in ihrer wirtschaftlichen Entwickelung aus naheliegenden Gründen aufgehalten werden. Ein Beispiel dafür ist Rumänien, wo auf 10000 Einwohner 450 Juden entfallen. Für Deutschlands Juden kommt aber noch ein anderer Umstand in Betracht, der ihnen für unser Wirtschaftsieben eine ganz besondere Bedeutung verleiht: ich meine ihre immer erst halb durchgesührte G.eichberech igung im Staatsleben. Es ist eine bekannte Thatsache, daß der Jude heute bei uns noch immer auf Schranken bei der Wahl seines Berufes stößt. Armee und Verwaltung sind ihm gänzlich verschlossen, der Lehrerstand, die Justiz und andere Berusssphären noch keineswegs völlig fteigegeben. Dadurch wird bewirkt, daß gerade viele der intelligentesten Juden im Wirtschaftsleben festgehalten werden. Während beispielsweise die wenigen Juden, die Frankreich hat, im Staatsdienst, in der Armee und Zivilverwaltung größtenteils aufgegangen sind, so daß nun das Mehl der französischen Volkswirtschaft doppelt empfindlichen Mangel an dem Sauerteige leidet, den die jüdischen Elemente mit ihren geschilderten stimulierenden Eigenschaften heutigen Tages darstellen. (Nachdruck verboten.) I. Synagoge und Gemeinde. Von Albert Wahrmund. Das jüdische Volksleben ist i n t e r e s s.a n t! Auch da. wo man Morsches und Gebrechliches gewahrt, auch dann, wenn man sich anschickt, auf die Schwächen und Thorheiten der Zeit hinzuweisen, auch da wird unser Interesse lebhaft angeregt. Selbstredend muß dieses Interesse ein liebevolles sein. Von der hohenWarte derjüdischenWeltnfchauung aus müssen wir ein Herz ab en für all unsere Brüder und Schwestern m Ost und West, im Süd und Nord! Wenn im alten Israel die heiligen Gottesmänner mit ihren Mahn- und Strafpredigten vor das Volk traten, so war es gerade die Liebe zu diesem, die sie so in Harnisch brachte. Die Liebe zu Israel gebar den Schmerz, der die Brust der Propheten durchwühlte; die Liebe zu Israel erzeugte den Gram im Herzen des mit unerbittlicher Strenge mahnenden Nywi. Und dem strenggläubigen Israeliten ist es heute noch keine leere Floskel, wenn er im Gebete die Worte Kol jisroeil ebraucht; er ist religiöser und barunr auch nationaler Jude, der für sein Volk ein zartfühlendes Gemüt, ein reges Interesse besitzt. Möge der geneigte Leser, die steundliche Leserin die hier dargelegken Gedanken sich stets vergegenwärtigen, wenn ich in. Folgendem einige „jüdische Charaklerstudien" so darbiete, wie ich ste gemacht bezw. angestellt. Ich wende mich dem jüdischen Gotteshause zu. Für den aufmerksamen Beobachter findet sich da genug des Interessanten, das er — wenn zugleich kritisch angelegt — etwas scharf unter die Lupe nehmen kann. Die Juden wieder teilen sich ein In zwei verschied'ne Parteien; Die Alten gehen zur Synagog, And in den Tempel die Neuen. So meinte seiner Zeit Heinrich Heine von unseren Glaubensgenossen in Haniburg. Die Synagoge ist bis heute noch das äußere Wahrzeichen einer jüd. Genteinbe geblieben, sie ist — seitdem es ein Reformjudentum gibt— noch mehr das unterscheidende Signum der Parteien geworden. Wer jedoch etwas - näher vertraut ist mit der geschichtlichen Vergangenheit des Judentums, wird vielleicht sagen: Die Synagoge ist erst in neuerer Zeit so sehr in den Vordergrund gedrängt worden: Der Schwerpunkt im Judentum war nämlich früher — nicht etwa, wie heute, das „Gotteshaus" — sondern das Lehrhaus, das Bet hamidrasch! Israel ist ja das Volk der Lehre und mußte seine wichtigste Lebensaufgabe darin erblicken, das Wort G ottes in seiner Mitte heimisch zu machen. Und diese hohe und hehre Aufgabe hatte das Lehrhaus übernommen. Sie zu lösen, erhob sich das-Det hamidrasck^ als--alma Mater in jeder Gemeinde, z« deremp flicht gemDße n öffentlichen JnstitutionenÄtSbsin erster LiMe-'zählte. Das Bethamidrasch sollte das Leben befruchten, das Bethamidrasch gibt unserem Gebete, unserem synagogalen Leben erst Verständnis, Kraft und Weihe, was Wunder dann, wenn der Satz' proklamiert ward: Nachdem der Tempel auf Zions Höhe in Staub und Asche gesunken,gibt es für das zerstreute Israel keine heiligere Stätte mehr als das Lehrhaus, in welchem unausgesetzt man dem Stud ium der Thora obliegt. Das Bet hamidrafch steht über der Synagoge. - Das ist heute anders geworden Man will Israel gar zu gerne nur — fremdem Beispiele folgend — als „kirchliche Gemeinschaft" gelten lassen. Das Bet hanndrasch kennt man kaum dem Namen nach. Daher das Streben, womöglich durch prunkvolle Gotteshäuser sich hervorzuthun. Wollte man nach der Größe und Ausstattung unserer Gotteshäuser das heutige Israel beurteilen, man müßte zu keinen! schlechten Urteile gelangen Wer jedoch jedem blendenden' Schein abhold ist. der blickt der Sache auf den Grund und vergleicht Mittel und Zweck, um erst dann sein Urteil zu fällen. Denn daß die Synagoge nicht Selbstzweck ist, dürfte klar sein. „Welches ist das Haus, das ihr mir bauen wolltet, und welches der Ort meiner Ruhe? Der Himmel ist mein Thronsitz und die Erde meiner Füße Schemel." (Jes. 80.) Das jüdische Gotteshaus