Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 15 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FvAnkfuvler Israclitischrs JaitiiliniMaü. B B Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Uostzeilurrgsciste 274t. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-Expedition: a JTrsutftfurf «. Ml. Bergerstraßr 25, parterre. Herausgeber: Saly Geis. Jnsertionspreis für die diergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 15. Freitag, den 16. Schevat 5663 (13. Februar 1963). Rn. 15. Bon No. 5 ab liefern wir unseren Abonnenten sämtliche Nummern gerne gratis nach! Verlag des Frankfurter Israel. Familienblattes. (Nachdruck verboten.) Falsche Propheten. Im elften Band der Geschichte der Juden von Grätz, in der Abhandlung über Börnes und Heines Bedeutung findet sich folgender Passus: »Die Judenheit hat oiesen ihren beiden abtrünnigen Söhnen, Börne und Heine viel zu verdanken. Sie haben, wenn auch den deutschen Judenhaß nicht vertilgt (das ist schwer), doch gebändigt. Was Heine einst bei der Erinnerung an die Hep-Hep-Tollheit sagte: »Auch dergleichen kann nicht wieder Vorfällen, denn die Presse ist eine Waffe, und es gibt zwei Juden, welche deutschen Styl haben, der eine bin ich. der andere ist Börne." »Diese Prophezeihung hat sich so ziemlich erfüllt. So arge rohe Ausbrüche gegen die Juden sind seit ihrem Auftreten nicht wieder vorgekommen. Die Nühs und Fries und andere Judenfresser, welche den Juden alle höhere Begabung absprechen, konnten seit der Zeit nicht mehr einen so hochfahrenden Ton anstimmen." Und derHerr Geschichtsprofeffor fährt fort, diebeidenApostaten zu verherrlichen und glaubt, in ihnen die Bahnbrecher einer, messianischen Zeit zu sehen. Nur der religiöse, oder richtiger gesagt, der irreligiöse Standpunkt des Verfassers des 11 Bände enthaltenden Geschichtswerks, dessen wissenschaftlicher Wert durch das Werk eines früher in Homburg, jetzt in Hamburg lebenden Privatgelehrten, der aus den Urquellen geschöpft, wesentlich herabgestimmt worden, läßt die gen. Prognose verstehen. Vielleicht auch erinnerte sich Grätz des talmudischen Ausspruchs, nach welchem der Messias nur dann naht, wenn alle Menschen den Pfad der Tugend und der Gottesfurcht wandeln, oder des Lasters Wege gehen, d. h. mit dem Religionsgesetze gebrochen haben werden. Daß Heine sich als Lügenprophet erwiesen, erkennt jeder Jude, der nur eine von Antisemiten bewohnte Gegend durchstteift hat. Aus allen Winkeln ertönen die Hep-Hep-Rufe. Ja, sogar zur Schule gehende Kinder entbieten den still und bescheiden dahinziehenden Juden diesen Schamröte erzeugenden »Gruß". Wissen sie doch, daß eine beim Lehrer erstattete Anzeige sich wirkungslos erweist; sie haben es wiederholt erfahren und — Erfahrung macht weise Die Rühs und Fries gehören nicht einer geschichtlichen Vergangenheit an; sie leben und entfalten eine unheilvolle, verderbenbringende Thätigkeit. Daß die Presse eine Wage ist, kann nicht geleugnet werden. Leider wird diese Waffe nur zu oft gegen uns Juden gerichtet. Wie viel Lügen werden ersonnen und in der Presse zum Ausdruck gebracht; wieviel Anklagen..erhoben und durch die Presse der leichtgläubigen Menge bekannt gegeben. Anläßlich der Obstruktion im Reichstage bei Beratung der Zolltarifvorlage hat man die Gesamtjudenheit verantwortlich zu machen gesucht für die Haltung einiger Reichstagsmitglieder, die zwar im Schoße des Judentums geboren, ihre Zugehörigkeit zu demselben aber längst aufgegeben haben. Aber selbst wenn der eine oder der andere noch Jude, ja sogar gläubiger Jude wäre, würde jemand dazu berechtigt sein, die Zornesschale über die Gesamtudenheit auszugießen? Findet hier nicht das Bibelwort eine tteffende Anwendung: »Der eine Mann hat geündigt, und über die ganze Gemeinde willst du zürnen!" Thut nichts, der Jude wird verbrannt. Unterschätzen wir nicht die Bedeutung der Presse jener Partei, die die Vernichtung der Juden anstrebt und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln herbeizufiihren sich bemüht. Angesichts solch bettübender Wahrnehmungen ist es doppelte Pflicht des Einzelnen, sich der Gesamtheit anzuschließen, und Pflicht der Gesamtheit, den Einzelnen zu schützen. Für uns soll die Presse nicht eine Waffe, vielmehr das Organ des Weckrufes zum Sammeln sein. Jemehr wir das Panier der heiligen Gotteslehre Hochhalten, jemehr wir uns um dasselbe scharen, desto zuversichtlicher dürfen wir der Zukunft enlgegensehen, desto mutiger den uns aufgedrungenen Kampf aufnehmen. Wie oie Nacht dem Lichte, so muß die Lüge der Wahrheit weichen. _ Spiro. Welche Bedeutung hat der Jude im Wirtschaftsleben Deutschlands? Das jüdische Element hat zu allen Zeiten und überall im Erwerbsleben der Völker, eine tteibende. chaffende Kraft dargestellt. Der Jude muß infolge einer 'Ausnahmestellung von jeher unter schwierigeren Verhältnissen als jeder andere sich sein Stück Broo erringen, er ist daher gezwungen, seine Intelligenz in erhöhtein Maße anzuspannen. Wenn klarsehende, praktische Staatsmänner auch schon früher seine Bedeutung für die Entwickelung der socialen Verhältnisse eines Landes erkannten und zu würdigen wußten, so bekonimt diese Bedeutung doch jetzt erst eine wissenschaftliche Grundlage, seitdem die Gelehrten mit Hülfe der Statistik das Wirtschaftsleben selbst zu einer Wissenschaft gemacht haben. Wir finden in »Deutschland, Monatsschrift für das gesamte Kulturleben Deutschlands" von Werner Sombart, einer unserer bedeutendsten Nationalökonomen, eine Arbeit über das deutsche Volkstum in seiner Bedeutung für Deutschlands Wirtschaftsleben, in welcher Arbeit Sombart natürlich auch auf den Wert des jüdischen Elements zu sprechen kommt. Wie bei einem Nichtjuden selbstverständlich, steht in den Ausführungen Sombarts Verschiedenes in sehr falscher Beleuchtung. Ganz besonders aber müssen wir uns dagegen verwahren, daß er sich auf Aus spräche von Marx und Spinoza stützt, denn beide waren nur ihrer nattonalen Abstammung nach Juden, während sie sonst dem Judentum und der Judenheit durchaus fremd gegenüber standen. Trotzdem halten wir Sombarts Ausführungen für wichtig genug, sie unseren Lesern mitzuteilen, sombart sagt: »Wenn man auch in der Abschätzung dieses Einflusses nicht so weit zu gehen braucht, wie der größte Jude, den das 19. Jahrhundert hervorgcbracht bat, Karl Marx, der schlechthin meint, daß »der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden" sei und »die Juden sich insoweit emanzipiert haben, als die Christen zu Juden geworden sind," daß »das reale Wesen des Juden sich in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht," daß mit anderen Worten kapitalistische und jüdische Wirtschaft identische Begriffe seien, so wird man doch zugeben müssen, daß unser Wirtschaftsleben, wie es sich im 19. Jahrhundert gestaltet hat, ganz undenkbar wäre ohne die Mitwirkung der Juden. Stellt man sich auf den Standpunkt der neuzeitlichen Entwickelung des Wirtschaftslebens, bettachtet man die Entfaltung kapitalistischen Wesens und damit die Freisetzung starker produktiver Kräfte als einen Fortschrstt, legt man Wert auf den Rang, den ein Land heute auf dem Weltmärkte einnimmt, so kann man gar nicht umhin, die Existenz jüdischer Wirtschaftssubjeve als einen der größten Vorzüge anzuerkennen, über die dieses Land in ethnischer Hinsicht verfügt: si Io juif n’existait pas, il faudrait 1’ inventer. (Wenn der Jude nicht existierte, müßte man ihn erfinden). Das werde ich wohl, umsttitten wie diese wichtige Frage ist, etwas eingehender begründen müssen, so schwer es fällt, in völlig einwandsfreier Weise hier die Zusammenhänge klar zu stellen. Ist es schon in jedem Falle ein gewagtes Beginnen, von einem Volke oder einer Raffe bestimmte Eigenschaften auszusaacn, so erscheint dies bei dem jüdischen Volke ganz besonders bedenklich: denn kein Volk ist so voller Gegensätze, wie diese wundersame Rasse in ihrer bunten Mischung aus allerhand disparaten Elementen. Immerhin wird man doch, denke ich, wenn man (um wieder mit Marx zu reden) nicht den „Sabbathjuden", sondern den wirklichen weltlichen Juden, den „Alltagsjuden" bettachtet, wie er doch allein für die wirtschaftlichen Verhältnisse in Betracht kommt, einige typische ttharakterzüge feststellen können, die in ihrer Bedeutung für das Wirtschaftsleben leicht zu ermessen sind Wiederum scheint mir die Zeichnung des jüd. Nationalcharakters, wie sie der eigene große Stammesgenoffe vornimmt, nicht völlig getteu, wenn er schreibt: „Welches ist der weltliche Zug des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist derweltlicheKultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld."') Aber mir scheint doch, daß wesentliche Seilen des jüdischen Wesens, wenn auch stark stilisirt, in diesen Sätzen richtig bestimmt sind. Ich möchte in etwas anderer Fassung drei Seiten des jüdischen Nationalcharakters als besonders bedeutsam für die Rolle bettachten, die die Juden im modernen Wirtschaftsleben spielen: das Borwalten des Willens, den Eigennutz und die Abstraktheit ihrer Geistesbeschaffenheit. Daß in der jüdischen Rasse die hervorstechende Eigenschaft ein durch nichts von seinem Ziele abzubringender Wille ist, darin stimmen alle aufmerksamen Beobachter überein. Die Zähigkeit, niit der der Jude einen Vorsatz ausführt, befähigt ihn aber in eminentem Maße dazu, im Wirtschaftsleben, ich möchte sagen, eine große dynamische Wirkung ausüben: Schritt vor Schritt, unentwegt, zieht er seineStraße; aus meist kleinsten Anfängen, wie wir alle wissen, durch alle Stufen der wirtschaftlichen Thätigkeiten hindurch, sie alle einzeln durchmessend vom Nächstliegenden zum Naheliegenden schreitend, ohne sich durch noch so viele Widerwärtigkeiten irre machen oder abschrecken zu lassen, die kleinsten Vorteile wahrnehmend, klettert er in die Höhe. So oft ihn Mißgeschick ereilt, immer wieder rappelt er sich aus. Wie die Katze fällt er immer wieder auf die Beine. Der starke Familiensinn, die große Nüchternheit der Lebensführung, (so lange er noch nicht am Ziele ist) befördern seine Besttebungen; was er selbst nicht erreicht hat, wird der Sohn, wird der Enkel erreichen. Jnimer unverdrossen weiter! Immer betriebsam! Ein rechter Sauerteig! Eng im Zusammenhang mit diesem starken Willen steht die unzweifelhafte Veranlagung der jüdischen Raffe zum Eigennutz oder, wie es Marx nennt, praktischen Bedürfnis. Jedermann kennt den Ausspruch eines andern größten Stammesgenoffen — Spinozas —: „Um das, was wir zu unsernr Heil und zu unserer Ruhe fordern, zu erlangen, bedürfen wir keiner andern als allein, daß wir das beherzigen, was zu unserem eigenen Vorteil gereicht." Wenn wir so viele Juden mit gerade entgegengesetzter ' Denkweise ' finden, mit einem, fast kann man sagen, überspannt altruistischem Sinne, einer rigorosen Selbstlosigkeit und zelotischem Eifer gegen alles eigensüchtige Wesen, so dürfen wir gerade aus diesen Reaktionserscheinungen aus die Existenz des gezeichnetenNationalcharatterzuges schließen. Man hat oft und mit Recht hervorgehoben, wie gerade das wahrhaft heroische Prophetentum, das einzelne Angehörige der jüd. Rasse auszeichnet, eine volkliche Veranlagung voraussetzt, die in ganz besonders hohen! *) Dieser Ausspruch Marr's ist in der Art, wie er ihn formuliert, der denkbar größte Unsinn und nur verständlich als ein Ausfluß jener antisemitischen Gehässigkeit, mit der jüdische Renegaten jeden Anschein ihrer Zugehörigkeit zur Judenheit abschütteln wollen. Anm. der Redaktton.