Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-02-06 · Heft 14 (6.2.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 14 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692312--00125-2694476
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Fvankfuvtev Israelitisches iaiiiiliniMflll. R: Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Wostzeitirngskiste 2741. ' Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich lAusland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt - Expedition Frslnkfrrrk «. Mt. Bergrrstrahe 28, psrtrrrr. Herausgeber: Saty Geis. Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 14. Freitag, den 9. Tchebat 5663 (6. Februar 1963). Ro. 14. Bon No. 5 ab liefern wir unsere» Abonnenten sämtliche Nummern gerne gratis nach! Verlag des Frankfurter Israel. Familienblattes. (Nachdruck verboten.) Die steinernen Tafeln und die irdenen Täfelchen. (Schluß). III. Wir glauben an der Hand zahlreicher biblischer Aussprüche den Beweis erbracht zu haben, daß der Gott der Offenbarung an Israel nichts mit der Exclusivität des Delitzsch'schen Gottes zu thun hat, den er den Israeliten zuerkennen möchte, und den auch wir für eine Verirrung des menschlichen und in unserem speziellen Falle des Delitzsch'schen Geistes erachten. Damit erledigt sich die nun folgende zweite Delihsch'sche These von selbst. 2. DerGottesgedankeseivon denJsraeliten den Heiden entlehnt worden, und sei daher keine israelitische, sondern eine ältere, heidnische Eigentümlichkeit. Der Gottesgedanke, darin stimmen wir Delitzsch unbedingt zu, ist keine israelitische Eigentümlichkeit. Aber daß der Gottesgedanke, wie wir ihn in den vorgeführten Aussprüchen der Bibel ausgeprägt gefunden haben, heidnischen Ursprungs sei, das ist eine so sinnwidrige, in die Augen springende Unmöglichkeit, man möchte sagen, Unaussprechlichkeit, daß man sie einem Schulkinde nicht Nachsehen würde. Sind wir denn auf einer Maskerade oder welcher Spuk sonst ist es, der hier sein Wesen treibt? Bis jetzt hat unser Sprachgebrauch doch die Götzendiener als Heiden bezeichnet. Wenn nun die Heiden den Gottesgedanken hatten, dann waren sie eben keine Heiden, dann waren wir Juden die Heiden. Die Lippen, über welche zum ersten Male sich das Bekenntnis rang: »Höre Israel, Gott unser Gott, ist einzig!" das waren dann heidnische Lippen, und die Verehrer des Götzen Bal, Nabo und wie sie alle heißen, das waren die ursprünglichen Träger des Gottesgedankens I Sollte vielleicht der alte Horaz schon diese Weisheit gekannt und sie ihm in seinen Satiren den Ausruf entlockt haben: Orodat Judaeus Apella?! Wir bescheiden uns gern zu erklären, daß wir für das Erfassen dieser These nicht das nötige Verständnis besitzen und gehen, um nicht länger als nötig bei diesem Beweis unserer unzulänglichen Einsicht zu verweilen, möglichst rasch zur folgenden These über: 3. Selbst die zehn Gebote sind heidnischen Ursprungs und keine den Israeliten gewordene göttliche Offenbarung. Wenn das richtig ist, dann wären die Juden in der That große Schelme. Dann hätten sie gleich bei der Promulgirung ihrer zehn Gebote das achte übertreten, und ihre »Taseln des Zeugnisses", wären die verkörperte Uebertretung des neunten. Aber Herr Professor Delitzsch hat zwingende Beweise. Er führt dafür jedoch nicht seine Täfelchen, sondern unsere Tafeln selber ins Treffen. , »Ebenso wie der Gottesgedanke, ist in Babylon der Ursprung und die Vorbildung der sogenannten mosaischen Gesetzgebung und der zehn Gebote zu finden" heißt es in dem vorliegenden Referat. Dasselbe fährt fort: »Das ist eine grundlegende neue Erkundung, die thatsächlich, wie es der Kaiser formulierte, eine Weiterbildung der Religion erheischt, eine tiefgreifende Umbildung unserer religiösen Anschauungen, da der Offenbarungsgedanke des Alten Testaments wissenchaftlich unhaltbar geworden. Profeffor Delitzsch berief Ich auf die Bibel selber. Wie konnte Moses, wenn es sich bei den Gesetzestafeln um eine Offenbarung Gottes handele, dieses göttliche Dokument willkürlich umändern? Aber schon Dillmann hat festgestellt, dag mehrere Texte der zehn Gebote vorliegen, die von verschiedenen Zeiten abweichend formuliert sind. Moses hat jedenfalls nichts anderes gethan, als die überkommenen Bräuche und Satzungen, die schon tausend Jahre zuvor in Babylon Geltung hatten, gesammelt und redigiert und den israelitischen Anschauungen angepaßt." Wenn die hier aufgeworfene Frage das einzige wuchtige Argument ist. vor welchem die Göttlichkeit unserer Bundestafeln weichen soll, so spricht hier Herr Prof. Delitzsch nicht als Affyriologe, sondern als Theologe zu uns. Auf diesem Gebiete, das er so nachdrücklich bekämpfen möchte, scheint der Herr Profeffor in der That wenig bewandert zu sein, sonst hätte er sich als Gewährsmann für die Verschiedenheit der Texte nicht auf Dillmann berufen. Denn das wußte und weiß man längst ohne Dillmann; das weiß jedes jüdische Schullind, welches die zehn Gebote im 2. und 5. Buche Mosis ja gelernt hat Aber an der Hand unserer Ueberlieferung lernt es gerade diese Verschiedenheit als wertvollen Beweis ffa die Göttlichkeit der Bundestafeln und ihres Inhalts schätzen. Wir wollen zur Erklärung beispielsweise eine dieser Verschiedenheiten herausgreifen. Das Sabbatgebotwird im 2. Buche mit den Worten: »Sochaur" d. h. denke des Sabbattages ihn zu heiligen, eingeleitet. Im V. Buche heißt der Wortlaut: »Schomaur" d. h. hüte den Sabbattag ihn zu heiligen. — Diese Berschiedenheit wird in der Machilta <zu II. 6. M. Kap. 20, B. 8) dahin erkärt, daß Gottes Allmacht bei der Offenbarung beide'Worte gleichzeitig gesprochen, eine Gleichzeitigkeit, die bei menschlichem Sprechen und Hören sonst völlig ausgeschloffen ist. — Diese Verschiedenheit als Beweis für die Göttlichkeit der Offenbarung ist der großen jüdischen Gesamtheit so geläufig, daß sie diese Thatsache in die erste Strophe des Sabbatliedes ausgenommen hat, mit dem der Sabbat allwöchentlich von der ganzen Diaspora bei seinem Einzug begrüßt wird. — Schomaur bezw. Sochaur bedibbur echod. Für diejenigen, welche außerhalb des jüdischen Bekenntniffes stehen und diese unsere Ueberlieferung nicht kennen und anerkennen, gebeu die Bibel-Commrntare eine solche Fülle rationeller Erklärungen dieser Verschiedenheiten, daß es einem Sohn von Franz Delitzsch nicht schwer fallen kann, sich Einblick in dieselben zu verschaffen, auch wenn er kein zünftiger Theologe ist. — Aber wie dem auch sei, uns Juden braucht diese neue Weisheit nicht an unserer alten Wahrheit irre zu machen. Die Rolle, die heute Delitzsch den Babyloniern zue,teilt, hat man schon in früherer Zeit den Aegyptern und speziell den ägyptischen Priestern zuerkannt, bei welchen Moses in die Schule gegangen sein soll. Die Wahrheit, welche diese Unterstellung längst überwunden hat, wird sich auch stärker als die alten Babylonier und ihre Panegyriker erweisen. Freilich giebt es Irrungen und vorgefaßte Meinungen, die ttotz ihrer Unmöglichkeit sich dennoch mit einer Zähigkeit wiederholen, daß die nüchterne, unbefangene Wiederlegung oft an der Möglichleit eines siegreichen Durchdringens der Wahrheit verzweifeln möchte. Dazu gehört in ganz hervorragender Weise auch der Mythus, der sich um 4. Die Stellung der Frau bei den Israeliten gebildet hat. — Dieses Märchen ist sogar schon von jüdischen Wortführern nacherzählt worden. Reu ist hier nur, daß die Inferiorität der Israeliten an der freieren, sittlicheren Stellung nachgewiesen werden soll. die das Weib bei den alten Babyloniern eingenommen habe. Was die steinernen Täfelchen über die Würdigung der Frau bei den alten Babyloniern berichten sollen, vermögen wir nicht zu konttollieren. ^Daß aber die unwürdige Stellung, welche die Bibel der Frau anweisen soll, durch und durch aus tendenziöser Verkennung der thatsächlichen historischen Wahrheit beruht, das ist schon so oft und so überzeugend nachgewiesen worden, daß wir aus der Fülle der hierhergehörigen Litteratur nur irgend eine der uns vorliegenden Schriften zum Beweis herauszugreifen brauchen. Wir lassen hier aus einer größeren klassischen Abhandlung »Das jüdische Weib" von Samson Raphael Hirsch einige markante Stellen folgen, welche die Delitzsch'schen Insinuationen schon vierzig Jahre vorher widerlegten. Die Abhandlung findet sich im zehnten Jahrgang von Hirsch's Jeschurum. »Obgleich jedes Blatt der jüdischen Bibel", heißt es daselbst, »jedes Wort der jüdischen Tradition, jede Seite der jüdischen Geschichte, jedes Haus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart laut und unzweideutig das Gegenteil bezeugte, so mußte doch die Meinung, die man sich von der Stellung des Weibes im Orient gebildet hatte, ohne weiteres herhalten, um von der Herabwürdigung und Unterordnung des Weibes in Israel die unbegründetsten Vorstellungen zu verbreiten" -Versuchen wir uns einmal die Züge zu vergegenwärtigen, in welchen das jüdische Gotteswort dieBestimmung des Weibes offenbatt, die Bestimmungen des jüdischen Gesetzes, die seine Stellung regeln, die Thatsachen der jüdischen Geschichte, die seine Erscheinung zeichnen, die Aussprüche jüdischer Weisen, die die jüdischen Bolksanschaungen hinsichtlich des Weibes enthalten Wir mögen vielleicht ein Lebens- und Charakterbild erhalten, vor dem die gepriesenen europäischen (und gar die alten babylonischen! Anm. d. Vers.) Anschauungen und Galanterien wie leuchtender Dunst vor dem Strahl der ausgehenden Sonne erbleichen dürften. „Es schuf Gott den Menschen in seinem Ebenbilde, im Ebenbilde Gottes schuf er ihn; Mann und Weib, beide schuf Er! Und es segnete sie beide Gott und zu beiden sprach Gott: Seid ftuchtbar und vervielfältigt euch und füllet die Erde uno bezwinget sie und henschet über den Fisch des Meeres und über den Vogel des Himmels und über alles lebendige, das einherttitt auf Erden l“ (j. B. M. 1, 27. 28). Schon der Pronominalwechsel von Singular zu Plural, den wir in'der Uebersehung dieser ersten Einsührungsstelle des Mannes und des Weibes in die Schöpfung wiederzugeben versuchten, offenbart die völlig gleiche Dignität, ja bieiitnige Einheit des Mannes und des Weibes im Begriffe und in der Bestimmung des Gott ebenbildlichen Menschen. Der Begriff: Gott ebenbildlicher Mensch umfaßt beide Geschlechter, Mann und Weib zusammen umfaßt der Begriff: Mensch und beide hat Gott in gleicher, zweckbeabsichtigender Willensthätigkeit geschaffen. Sochor heißt das männliche Geschlecht, Nekewah das weibliche. Das männliche Geschlecht — Sochor — ist der Depositär der Gottesoffenbarungen und der geistigen Errungenschaften der Menschheit, ihm ist das Sikkaron. die Tradition des Menschengeschlechtes in seinen Entwickelungen überantwortet, in ihm bildet sich die geistige Kette, die den Anfang und das Ende der Menschengeschichte zu einer Einheit verknüpft, das männliche Geschlecht ist Sochor, es ist der Träger der Geschichte. Das weibliche ist Nekewah, das Bestimmung empfangende. Der Mann wählt sich einen Berus, schafft sich eine Stellung, das Weib empfängt beides, indem es sich dem Manne anschließt und in seinen Beruf und seine Stellung entgeht. Zum Menschen, zur Jüdin blüht die Jungftau heran, und erst ihrem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.