Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 13 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Fvsnkfirvtev Zsraelilisches Jainiücnlilaü. Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeitungsciste 3741, Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). CS1 Keöaktinn und Haupt ^Erpr-Uton: FrsrrKfrrrk «. Mt. Bergerstrsße 25, parterre. ■ - Herausgeber: Sa ly Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 13. Freitag, den 2. Schebat 5663 (36. Januar 1663). No. 13. Zum Jahrzeitstage Wilhelm Carl von Rothschilds s. A.*) Bon Max Speier-Frankfurt am Main. Whoauscher whakowaud milvonecho! Und der Reichtum und die Ehre gehen von dir aus! Brausend und erschütternd hallte es durch den Saal. Da stand ein Greis. Schimmernde Milde in den Augen. Ein Glanz aus anderer Welt in den Zügen. Unter der hohen Stirne arbeitend Gedanken der Keduschoh und der Taharoh. Ueber ihr ein Diadem, das da sunkelte in schwarzer Pracht. Die demütig gebeugte Gestalt gehüllt in einen weißseidenen Königsmantel. Davon herniederhangend Fäden, Insignien der Königswürde. Sicherlich ein König! Ein König von altem Adel! Ja sürwahr ein König! Der, wollte er nur, sich die halbe Welt unterthan machen konnte mit dem Winke seiner Hand. Um den das Gold in Barren glühte. Bor dem Fürsten zitterten. Den's umflatterte von lieblichen, lockenden Schmeicheleien. Auf dessen Wort die Armut sonnig aufsproßte aus ihrem verkommensten Winkel. Dem alle Freuden, alle Ehren, alle Genüße auf Erden erreichbar waren. Und der dennoch, dennoch voll gewaltiger Hingebung ausrief: „Whoauscher whakowaud milvonecho!" „Ich bin nichts, nichts! Ich bin Thon, Lehm, Staub, Asche. Ich bin hinfällig, vergänglich. Dein ist die Macht! Dein ist das Ansehen! Mit Liebe geschaffenes Gebilde Deiner Hand, zittere ich vor Dir. Danke Dir für alles, was D u mir gabst. Und flehe Dich bebenden Herzens an: Lasse mich die Versuchung des Reichtums überwinden! Lasse mich nicht stolz, hochsahrend. überhebend werden! Auf das ich nicht mir zuschreibe, was Dein Werk ist. Auf daß ich nicht meine Schätze nenne, was Deine Schätze sind. Auf daß ich nicht Schlösser heiße meine Lehmhütten. Auf daß ich nicht für die Unendlichkeit gebaut wähne, was irdisch ist. Auf daß ich nicht höher mich dünke als alle Kinder Israels. Auf daß ich nicht vergeffe. daß wir allesamt Kinder eines himmlischen Vaters und Kinder Abrahams, Jizchaks uicd Jakows sind- Einen Reichtum nur, ich weiß es ja, giebts vor Dir. ein Ansehen nur, ich weiß es ja, giebts vor Dir! Einen Reichtum, ein Ansehen nicht für die Jahre hieniedigen Daseins: den Reichtum, das Ansehen jüdischer Seele! Die Schätze sammelt unentwegt, unaufhaltsam, unermüdlich für die Ewigkilt! Für das Leben des Jenseits! Die nach Ansehen trachtet und Ansehen erbittet vor Deinem Thron! Hilf mir, Allgütiger, auf diesem Weg! Aus Klumpen nichtigen Metalls laß mich Stücke echten Goldes machen! Aus Prunkgewändern des Leibes ein *) 5. Schewat. Die Thatsache, daß Freiherr W. C. von Rothschild bei seinem täglichen Minjan stets mit besonderer Bewegung die Worte „Whoauscher whakowaud milvonecho" ausrief, ist Kernpunkt der Skizze. reines Kleid der unsterblichen Seele! Damit ich, bin ich einst heimgekehrt, Reichtum und Ansehen und Würde und Bestand habe vor Dir!"- Heran, Ihr Juden des weiten Erdballs! Packt's euch nicht, rührt's euch nicht, das Bild dieses Greises? Bewegt's euch nicht, beschämt's euch nicht, sein feierliches Bekenntnis? Heran, ihr Thauroheber, Schützegräber, Jirohleber aus dem fernen Osten! Frohlockt, ihr Treuen, Edlen, Feinen, Reinen! Hier war in einem Lande, in dem kein Ruach Keduschoh webt, in dem eingeengt und eingepreßt jüdischer Geist und jüdisches Wesen, einer euresgleichen! Einer so voll Zartsinn, so voll Mitleid, so voll Strenge, so voll Ernst, so voll Heiligkeit, daß mich schier dünkt, die Seele von Rebbe Hakaudesch sei wiedergekehrt! Und heran aus der Nähe, ihr Genuffesschwelger, ihr Jchpocher! Senkt ihr nichtdie Augen, denkt ihr seiner? Habt ihr nur halbwegs erreicht, was er erreicht? Standet ihr je an Thronen und bliebet standhaft? Ragten euch Paläste wie ihm? Umringten euch Aladins Wunderfchätze? Und ihr wolltet dünkelhaft sein? Und ihr wolltet thöricht vermeffen als Ausfluß eurer Kraft betrachten, was eures Herrschers Gnadengeschenk ist, um Euch dermaleinst in furchtbarem Gericht Gnade zu erwirken? Und ihr wolltet in Scheinandachten euch bücken vor Ihm und im Thatleben euch emporheben über Ihn? Und ihr glaubt. Seine reine Nähe zu finden und hegt Lastergedanken im Gemüt? Und ihr begeifert mit leichtfertigem Wort die Ehre Eures Bruders, und wollt Ehre haben vor Ihm. Und heran, ihr Jünglinge, ihr vielverheißender Nachwuchs, ihr Knospen, in deren Frucht kein Wurm kommen möge! Lernt jüdische Lebenskunst von dem ehrwürdigen Greis! Lernt beherrschen eure Zunge, lernt zügeln euer Gelüste, lernt aufjauchzen eure Gebete, lernt läutern euren Handel, lernt verachten Weltnichtigkeiten, lernt an ihm lieben, lernt an ihm leben eure Thauro! .Und Du Großer, vor dem jetzt ausgebreitet ist aller wahre Reichtum und alles wahre Ansehen, den's jetzt umblüht von Farben, umtanzt von Wesen, umrauscht von Klängen, deren kein Sterblicher ein blaffes Ahnen hat: schicke Du auf unsere Geschlechter herunter etwas von der markigen, ehernen Beharrlichkeit, mit der Du Deine Lippe verschloffen, von der zurückhaltenden, selbst vergeffenen Demut, die Dein Haupt geziert, von der mächtig aufquellenden Inbrunst, die Deine Tfilloh beseelt, von dem lodernden Schmerze, den Du mitternächtiger Weile um Zion ausgeweint! Und sage dem Bes Din schel maalo, daß auch in uns angefreffenen von weltlicher Kultur, von den Sitten der Völker durchseuchten Spätgeborenen, in uns Zagen, Schwachen. Halben. Feigen, Kleinen, ein tiefes Sehnen, ein heißer Drang lebt nach Keduschoh und Taharoh, und daß wir uns in unserem siechen Zeitalter erwecken und aufrütteln, und aufrichten und aufranken wollen an Deinem Beispiel. Du Hoher, Weicher, Keuscher, Freier, Starker, Guter! — Uwo lziaun Gaueil! (Nachdruck verboten.) Die steinernen Tafeln und die irdene« Täfelchen. (Fortsetzung). 11.') Das alte Testament ist eine allein den Israeliten gewährte göttliche Offenbarung. Die Behauptung, daß es die größte Verirrung des menschlichen Geistes sei. zu glauben, das alte Testament sei eine allein den Jiraeliten gewährte Offenbarung Gottes, unterschreiben wir vollständig. Wer hat aber je so etwas behauptet? Keiner, der den Text dieser Offenbarung ohne Voreingenommenheit, ohne christlich-theologische oder heidnisch-assyriologische Brille liest. Die grundlose Anklage ist schon so oft erhoben und so oft widerlegt worden, daß es schlechterdings unmöglich ist, hier ein neues Argument vorzubringen. — Bor uns liegt eine anonyme Schrift, die ebenfalls der Abwehr dieser Ungeheuerlichkeit gewidmet ist. Sie führt den Titel: „Jüdische Anmerkungen zu den Bemerkungen eines Protestanten über die Confeffion der 22 Bremischen Pastoren". Bon einem Juden. Oldenburg 1841. Was sie über diesen Gegenstand sagt, erscheint uns so zutreffend und hat in den 62 Jahren, die seit ihrem Äscheinen verflossen sind, so wenig von ihrer zwingenden Beweiskraft verloren, daß Herr Prof. Delitzsch darin niil seiner Behauptung widerlegt erscheint, sechs Dezennien, bevor er sie aufgestellt hat. „Also der Gott der jüdischen Lehre." heißt es daselbst, „der Gott des alten Testaments sei nur der jüdische Stammaott", „der ausschließliche Gott Israels", nur dieses Häuflein Menschen sei Gegenstand seines Erbarmens, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit, seines Waltens. seiner Erziehung, nur-sie seine Kinder, und ausgeschloffen, ausgeschlossen alle übrigen Millionen der Menschengeschlechter von seinem Gottes- und Königuud Vaierblick! Ihnen, all den übrigen Millionen Menschenwesen, sei er nur „der Goit blutiger Menschenopfer", der ihre „Vertilgung zu seiner Ehre" forderte. Verzeih' es Allgütiger, daß ich diese Gedanken dem Manne nachschreibe, der dich nicht kennt und deine heilige Lehre lästert. Laß uns zusammen, Protestant, deine und meine Bibel ausschlagen und verfolgen, was dieses alte Testament, dieses alte Zeugniß von Gott und Menschen, diese jüdische Lehre, von Galt in seinen Beziehungen zur Menschheit lehrt. Sieh' gleich dies erste hohe Wort, mit welchem diese Lehre „des ausschließlichen Gott Israels" den Menschen in den Kreis der übrigen Schöpfung einführt, wirft nicht gleich dies einzige erste Wort, das Höchste, das noch je über Menschen ausgesprochen worden, das Wort, das den Menschen aufrichtet über Erde und Pflanze und Tier, das Wort, das den Menschen zum Bewußtsein seiner göttlichen Würde ruft, das Wort, mit welchem Gott selber den Menschen als sein Ebenbild, als den Erdengott auf Erden dahinstellt. wirft dieses einzige Wort nicht schon deine ganze Ansicht von dem jüdischen Srammgott in ihr Nichts zurück? Wie? „In Seinem Ebenbilde schuf Gott den Menschen", nicht nur den Genossen des jüdischen Stammes, „dem Menschen",nicht nur *) Indem ersten Teil bitten wir folgende Druckfehler zu berichtigen. Statt Nachrichtemum ist Nachrichtertuni und statt Mefarstein ist Mesastein zu lesen.