Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 12 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692310--00110-2694459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. / draußen gesehen, hat dann vorsichtig in dieses Zimmer gelugt und hat mich vielleicht hier am Schreibtisch sitzen fehen in meine Arbeit vertieft. — Da kann,, oder vielmehr da mutz es Jemand gewagt haben, hinter meinem Rücken sich in das Zimmer dort zu schleichen und — Sie haben es dem Diebe gar zu bequem gemacht." Der alte Mann wechselte die Färbe. »Ich sehe ein. ich habe einen Fehler gemacht und bin selbstverständlich bereit, das Lurch meine Schuld abhanden Gekommene zu ersetzen. Aber Herr Kohn, es handelt sich Loch nicht allein um das heute in Verlust geratene." ' „Freilich nicht, bald fehlt dieses, bald fehlt jenes." „Das eben wollte ich sagen. Und darum wollte ich mir erlauben. Ihnen einen Vorschlag zu machen." »Reden Sie, Weimann, was würden Sie raten? wie glauben Sie, daß ich wieder zu dem Meinigen kommen könnte?" »Das weitz ich nicht. Verloren ist verloren und gestohlen ist gestohlen. Wieder bekommen werden Sie nichts." Kohn lachte verdrietzlich. »Das meine ich auch und ich fange an. Ihre Weisheit zu bewundern, Weimann." ’ »Ich wollte Ihnen keinen dummen Vorschlag machen, Herr Kohn," sagte der Alte beleidigt, »aber ich tarn auch schweigen." »Na. na, na, seien Sie mir nicht gleich so — ich weitz doch sehr wohl, datz unser Weimann kein dummer Kerl ist." »Ich habe es ja gleich zugegeben, datz ich da heute einen Fehler gemacht habe. — Aber'man ist doch auch nur -ein Mensch. — Und übrigens werde ich es ersetzen." — »Aber Sie wollten mir -och einen Vorschlag machen, Weimann. ich bin doch schonöfter ihrem Rate gefolgt." — »Und sind sich nicht schlecht dabei gestanden, Herr Kohn. Und ich glaube, wenn Sie meinem heutigen Rat folgen, werden Sie sich auch nicht schlecht dabei stehen." »Also heraus mit Ihrem Rate, Weimann!" »Ja. datz Sie das, was Ihnen gesuchten worden ist, zurückbekommen, dazu weiß ich Jhnüi keinen Rat Aber meiner Ansicht nach, müßte Ihnen vor allem daran gelegen sein, sich vor weiteren Diebstählen möglichst zu schützen " »Wahr, sehr wahr. Und was würden Sie zu diesem Zweck raten?" »Ich würde Ihnen raten, datz sie heute Abend, bevor die Leute nach Hause gehen, Ihr ganzes Personat, cs sind dies mit meiner Wenigkeit hundertsiebenundneunzig Personen, zusammenkommen laffen und Ihnen folgendes erklären. Sie wissen, daß Sie seit einiger Zeit bestohlen werden und wissen auch genau, von wem Sie bestohlen werden. Aber sie wollen wegen des Vergangenen keinen Lärni machen, wollen wegen des Vergangenen niemanden unglücklich machen. Aber Sie wollen auch keinen Dieb mehr um sich dulden. Darum warnen Sie denjenigen, der sich schuldig weiß und den Sie sehr wohl kennen, sich je ivieder hier blicken zu laffen. denn wenn er die Frechheit so weit treiben würde, sich morgen hier noch sehen zu lassen, so würde er sofort dem Strafgericht übergeben werden." /»Das ist kein übler Vorschlag. In der That, Weimann, ich mache Ihnen mein Kompliment " ' »Kann es nicht acceptieren, Herr Kohn, der Vorschlag ist zwar gut. sogar ausgezeichnet, aber er kommt nicht aus meinem Kopfe." '»Wie Sie gewissenhaft sind!" lachte Kohn. »Habe es mcht nötig, mich mit fremden Federn * zu schmücken." enigegnete der Alte selbstbewußt. »Aber wie Ms,, werden Sie meinen Rat befolgen?" »Unverzüglich, geben Sie nur gleich Ordre, daß alle zusammenkömmen. daß keiner früher fortgeht. Bin in Wirklichkeit neugierig, ob morgen jemand ausbleibt?" »Ich zweifle gar nicht, daß jemand ausbleiben wird, bin nur gespannt, wer?" »Also frisch an's Wett! geben Sie Ordre, Weimann. Ich werde mir inzwischen meinen Spreech im Kopfe zurechtlgge«. Es soll sehr feierlich werden. Weimann." Er lachte vergnügt in sich hinein und auch Weimann entfernte sich läcbelnd., Kohn, obgleich im Allgemeinen durchaus rein Narr, ward doch von seinen näheren Bekannten als Redefex bezeichnet, denn er that sich etwas zu Gute auf die kleinern oder größern Tischreden, die er hin und wieder vom Stapel laufen ließ und mit ganz besonderer Vorliebe befolgte er den ihm von seinem Kassier erteilten Rat. Mit feinem vollen Organ, Mit lauter, weithinschallender Stimme hielt er in dem erwähnten Sinne eine Anrede an sein gesammtes Personal, die Leute waren geradezu perplex. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. No. 12. »Und nun guten Abend. Kinder! - Wer ein gutes Gewissen hat/der möge sanft ruhen, wer aber kein gutes Gewissen hat/ der möge sich, bei Zeiten aus dem Staube machen, morgen wäre es zu spät."-" Mit diesen Worten schloß er seinen Sermon, nickte seinem Audftoriuni mit Gönnermiene zu und begab sich in seine Wohnung. Es war schon ziemlich spät, später als er gewöhnlich heimzukommen pflegte,.er begab sich daher sofort in das Speisezimmer, wo, wie er vermutete, seine Familie mit dem Nachtessen auf ihn warten würde. Aber seine Frau war allein, und kam ihm mit verstörter Miene entgegen. »Weißt Du nicht, wo Felix ist?" »Was? Der Junge ist noch nicht zu Hause? Das ist eine Ungezogenheit, die man ihm nicht so hingehen lassen kann." : »Er war auch nicht zum Kaffee zu Hause, ich habe hin seit heute Mittag nicht gesehen." »Ich auch nicht." entgegnete er, ohne 'des Auftrittes zu gedenlen, den er Nachmittags mit dem Knabe gehabt hatte. »Schicke doch mal zu Vogels, vielleicht ist er dort." . »Nein, er ist nicht dort. Ich. habe nämlich schon dort flogen lassen, Ernst ist zu Hause, aber er hat Felix heute nicht gesehen." »Aber das ist ja, um aus der Haut zu fahren!" poltette ihr Gatte, »mit denr Buben wird es alle Tage ärger. Ich bin in jüngster Zeit viel zu nachsichtig gegen ihn gewesen, das darf nicht so fort gehen." »Wenn ich nur wüßte, wo man ihn suchen könnte," klagte die Mutter. »Ja wenn, wenn! — Der vermaledeite Hundskerl soll mir nur unter die Äugen kommen, ich —" Das Wort erstarb ihm auf den. Lippen, die Thüre hatte sich langsam in den Angeln gedreht, der Besprochene ttat in das Zimmer. Aber so müden Schrittes und so bleichen Angesichtes und so verstört wie die Eltern den sonst so lebensftohen Knaben noch nie ge- Gotteswillen, Felix!" schrie Frau Kohn, was ist Dir?" Er blickte wie abwesend zu ihr/auf. »Ich — weiß nicht. —' „Du weißt nicht, was Dir ist?" — Kind, ich bitte Dich um's Himmels willen, wo bist Du denn so lange geblieben?" .Ich — weiß nicht." „Wart', ich will Dich wissen lehren," schrie Kohn und schien mit-erhobenem Ärnr aus ihn zustürzen zu wollen. Seine Frau hielt ihn zurück. „Rühr' ihn nicht an" flüstette sie, „er scheint krank zu sein." „Ach was krank! — frech ist er. Wo hast Du Dich so lange herumgettieben? sprich! —" Ein leises Beben durchflog die Gestalt des Knaben aber wiederum flüsterte er nur: „Ich weiß nicht." Die geängstete Mutter brach in Thränen aus. sie schlang den Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf an ihre Brust. Kopf und Hände glühten wie Feuer. „Mein liebes Kind, wenn Du mir nur sagen wolltest, was Dir ist. —" „Ich weiß nicht," stammelte er abermals „im Kopf summt es. —" Kohn fuhr zusammen, jetzt erst fiel es. ihm ein, wie. sinnlos ex den Knaben am Nachmittag mißhandelt hatte. Kalter Angstschweiß ttat ihm auf die Stirne. Auf den Fußspitzen schlich er näher und neigte sich über den bleichen Knaben, dessen 'Haupt mit geschlosseneir Augen im Arm der Mutter lehnte. „Wir müssen den Sanitätsrat kommen lassen," flüsterte er „er scheint in Wirklichkeit ttank zu sein. Aber hier liegt er nicht gut, ich werde ihn hinüberttagen und auf sein Bett legen." . Sie nickte zustimmend und vorsichtig hob er den schlanken Knaben in seinen kräftigen Arnten, trug ihn in sein Zimmer und legte ihn vorsichtig auf das Bett. Die Mutter folgte leise weinend, so hatte sie ihr Kind noch nie gesehen. „Schicke sofort zum Sanitätsrat," flüsterte sie händeringend, „er muß sofort kommen. — Aber gleichzeittg lasse Eis holen, er hält es nicht lange aus in dieser Gluth." Kohn stürzte sott. Er befahl einem seiner Leute, Eis in das Zimmer seines .Sohnes zu bringen, er selbst aber, eilte zu dem Arzt, den er dadurch rascher Herbeizübringen hoffte. Er ttaf ihn zu Hause und wie ein „Gott sei Dank" entrang es sich seiner Brust. Der Arzt war im höchsten. Grade -erstaunt.' den reichen und sonst so ruhigen Geschäftsmann in .dieser maßlosen Auflegung bei sich. zu . sehen. „Um des Himmelswillen, Herr Kohn! was ist denn geschehen?" „Kommen Sie nur mit! — sofort — um Gotteswillen!" Der Sanitätsrat griff nach seinem Pelzüberrock und nach seiner Pelzkappe und war sofort bereit, und raschen Schrittes machten sich beide auf den Weg Im Gehen ließ sich Kohn doch bereit finden, dem Arzte mitzuteilen, um was es sich handelte. „Ist Ihr Sohn nicht vielleicht, gefallen .oder ist in sonst irgend einer Weise mit dem Kopf an etwas gestoßen? wenn derartiges der Fall wäre,, würde ich . nach Ihrer Schilderung auf eine Erschütterung d.es Gehirns schließen." ■ „Ist. das gefährlich?" fragte Kohn gepreßt. „Unter Umständen, allerdings. Aber , das kann ich nicht beurteilen, ohne den Patienten gesehen 511 haben." . . Schweigend eilten beide weiter. und hatten sehr . bald das Kohn'sche Wohnhaus, erreicht. Der Hausherr trug den Schlüssel bei sich, er steckte ihn in das Schlüsselloch um aufzuschließen, doch mitten im Umdrehen des Schlüssels hielt, er inne. „Bevor wir in's Haus gehen, muß ich's Ihnen sagen," flüsterte er, den Arm des Sanitätsrates umklammernd. (Fortsetzung folgt) Vereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschammg. (Nachlas Z'wi.) Sonntag, den 25. Januar, abends 6 Uhr. Realschule am Tiergarten 52. Vorlesung für Danien: Inhalt und Bedeutung unserer Gebete. (Vorlesungszyklus des Herrn Dr. Lange). Mittwoch. 28. Januar, abends 8^/« Uhr in der „Loge zum Adler", Seilersttaße 22. Tagesordnung: .1) Gedächtnisfeier für Samson Raphael Hirsch (zum 27. Tewes). Rede des Herrn Julius Hirsch b, lll. Lehrgang: Jüdisches Genieinderecht und Gemeindeleben. . 2. Abend: Die Organe der Gemeinde. Referent: Herr Leopold Oppenheimer. Leitung: Herr Dr. I. H. Bondi. (Diskussion.) Gäste willkommen- Ans dem Geschästsleben. Wir machen darauf aufmerksam, daß der bekannte und sehr beliebte Automat-Frankfurt sich nicht Zeit 37, sondern Zeit 4l befindet. Derselbe fällt schon durch seine elegante Fayade. jedem Vorübergehenden auf; ihm grade gegenüber liegt unser herrliches Hauptpostgebäude. Außer allen Sorten der beliebtesten Liköre und sonstiger.Getränke, findet man in dem Automaten zu jeder Tageszeit ein frisches, echtes Münchener Bier vor. Briefkasten. M. In Frankreich giebt es gegenwärttg 4 jüdische Senatoren: Cremieux. Millaud, Rahnal, Strauß. Streitende. Der Reformrabbiner Dr. Leirudörfer in Hamburg ist unseres Wissens nach von Geburt ein Oesterreicher, denn sein Vater, der erst jüngst gestorben ist, war in Hlinik wohnhaft. L. Das französische Heer zählt eine stattliche Anzahl jüdischer Offiziere, ohne daß darunter die Disziplin — der Entschuldigungsgrund für die Ausschließung. der. , - Juden vom Offiziersstande bei' uns — leidet. So . wurden z. B. bei der letzten Beförderung Kapitain Lcphiier zum Eskadronschef, Oberstleutnant Heymann zum Oberst und Oberstleutnant Banmgarten zum Bataillonschef ernannt. Wilhelm Glücklich Gegr. |j ScWllerstrasse 4,1. Hjegr, . 1879.: |i Frankfurt a» 51. 1879 ■;. Immobilien, Hypothekei^ Für den Inseratenteil übernehmen wir nur die pretzgesetzliche Verantwortung. @' __ ___ ■ - © 0:0:010 0:0:OIOIOlOIOIOIOIOIOlOIOIO I mu *»«eie» | PAUL TÜBBEN I Si,berne Besteßke I X sa' - - » 8 , S e*c' etß- Sf © ittijouterien © Juwelier © ® von den einfachsten bis zu '9 ■ ..; . den feinsten/ § 2 Goethestrasse 2. >0 o o O O OIOIO CTO OIOIO O Verkauf nach Gewicht. Enorme Auswahl. O