Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 11 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir glauben. unter diesen Umständen den Wünschen unserer-Leser zuvorzukommen, wenn wir ihnen einen Einblick in das Leben und Treiben unserer Brüder in Marokko geben. .Das Kaiserreich Marokko hat eine zahlreiche jüdische Bevölkerung; die Hauptstadt Marokko jMarralesch allein zählt unter 50000 Einwohnern ungefähr 14000 jüdische Seelen. DieJuden wohnen in besondern Stadtvierteln. Mellah genannt, die mit ihren in der Regel engen Gäßchen und. dem unsagbaren Schmutz darin einen . trostlosen Eindruck gewähren und so wieder einmal be- - weisen, daß. der jüdische Reichtum eine Fabelest. Ein Brief, den Herr Moise Levy. Direktor der . Allianzschule in Marokko, an das Zentralkomite der Allianze Jsraelite Universelle richtete, giebt ein getreues Bild . der traurigen sozialen Verhältnisse, unter denen die Marokkonischen Juden ihr Dasein ftisten. In diesem Brief heißt es: Treten wir in eine dieser elenden Räume,' ein niedriges Th örführt auf einenvonvierSeiten einaerahmten Hof;; nachdem man die Schwelle des Hauses über- ■ schritten hat. zieht dem Besucher ein ekelhafter Geruch : die Kehle zusammen; keine Lust, kein Fenster, höchstens . kleine Luken, die ihr Licht auf einen schmalen Gang längs den Mauern werfen; eine stagnierende Pfütze läßt-ihre-Dünste inmitten des Hofes aufsteigen; kein Abort; mit einem Worte, nichts hemmt und alles bt . günstigt die Entwickelung der Keime und Miasmen, . woraus, die Epidemien entstehen. Das-wären die äußeren Zustände; man kann sich danach vorstellen, wie das Leben in diesen Nestern geführt wird. Die'15000 Juden des Mellah sind in der That über einander geschachtelt. Eine Familie von 10 Personen lebt in demselben Zimmer; die Miete dafür beträgt monatlich 5 Francs, eine Summe übrigens die sehr schwer zu erschwingen ist, wenn der Familienvater: täglich kaum 75 Centimes verdient; als Nahrung dient Brot und Oliven; als Kleidung schmutzige und farblose Lappen. Eine auf dem Boden ausgespreitete Matte, ist das Bett, worin das ganze Nest voll im schrecklichen Durcheinander schläft; das Küchengeschirr ist das. einfachste; ein Kohlenbecken, zwei Kasserollen, einige Näpfe und hölzerne Löffel; die Suppe verteilt die. Mutter unter die Knaben, und wenn im Topfe etwas, übrig bleibt, so ist es für die Mutter und Töchter. Die Frau arbeitet. Mehrere Jüdinen von Maria kesch flnd Näherinen; in einem zwischen dem Mellah und der'Medina gelegenen umzaumtcn Raum kann man .fünfzig der Unglücklichen sehen, auf der Erde niedergekauert, in Summen gehüllt und alte Soldatenmäntel ausbessernd;- der Lohn eines Arbeitstages, eine halbe Paseta d.i i. 0 Frs. 40; die bestbezahlten: 0 Frs. 50. Die jüdischen Dienstmädchen, ziemlich zahlreich, verdienen von 3 bis 5 Pesetas im Monat.? Andere Weiber, nackten Fußes, einen schweren Kmg auf der Schulter, bewegen sich den ganzen Tag zwischen dem öffentlichen Reservoir und den Häusern, die sie mtt. Wasser versorgen. _ t . Bei der. Abwesenheit von Mann und Frau kann man; sich einen Begriff machen, wie die. Kinder sich selbst überlassen sind, zerlumpt, schrecklich.schmutzig, mit Ungeziefer bedeckt, mit triefenden Augen, lungern sie 'auf den.Straßen und auf dem Friedhofe herum, einige Centimes bettelnd. , , , r. . Gleichzeitig ist selbst bei den Reichen oder besser bei Lew weniger Armen die Erziehung ganz vernachlässigt - Die von Den Eltern gegebenen und.von den Kindern, so--früh befolgten Beispiele sind beklagenswert. Frühzeitige Heiraten — die Mädchen tteten bereits mit dem 13. Jahre in den Stand der Ehe — verdüstern noch dieses traurige Sittenbild, von dem wir uns nunmehr .abwenden, um zum Schluß noch in einer statistischen Aufstellung einen Rückblick über die Beschäftigung der jüdischen Bevölkerung zu geben. Es diene hierzu die Stadt Mcguinez zur Vorlage; die jüdische Gemeinde dieses Ortes zählt: „Wollkämmer: 6, Beleger von Gold uno Silber auf Waffen: 4, Scheidenmacher: 3, Destillierer: 10, Fm ber: 5, Wachszieher: 15, Sammet-und Lederstricker: 11, Wechsler: 8, rabbinische Lehrer: 18, Uhrmacher: 3, Blasebalgmacher: 4, Bäcker: 6, Schnupstabakfabrikanten: 2, Mauleseltteiber: 6, Schuhflicker: 17, Schuhflickerarbeiter: 42, Schuster: 22. Schusterarbeiter: 59, Fellhändler: 19, Pächter: 5, Gärtner: 15, Bandmacher: 150. Schneide rinnen: 62, Weber: 13. Geldverleiher: 13. Maurer: 2. Seidenfädenverkäufer: 7, Mehlhändler: 22, Spezereihändler: 14, Friseure: 7, Eisenhändler: 42, Kattunhändler: 50, Schächter: 7. Schreiber:?, Schreiner: 14, Blechschmiede: 14, Blccharbeiter: 38, Buchbinder: 3. Goldarbeiter: 48, Schneidermeister: 34, Schneid-rarbeiter: 102 und öffentliche Ausrufer: 5." Björnfon und der Antisemitismus. v^^Als ich meine Pelzmühekaufte,"so nennt Björnson eine kleine Geschichte, die er soeben zum besten gibt: Es war am 31. Dezember 1881. Ich ging in Chicago von einem Peizwarenladen zum anderen; es war plötzlich kalt geworden und ich wollte mir eine warme Pelzmütze leisten. Die vorrätigen waren nicht groß genug, und auch kein Kürschner wollte mir fest versprechen, zum nächsten vormittag 11 Uhr eine fertigzustellen. „Jetzt bleibt nur noch ein Geschäft," sagte mein Begleiter, „steilich das größte von allen, vielleicht gelingt's dort!" Bald standen wir vor 101—106 Washington Stteet, Hatter and Manufacturing Furier, D. Ledemer. Während wir von dem langen Ladentisch Mütze auf Mütze probierten, und alle wiederum zu klein waren, kam der Geschäftsinhaber. Wir stugen ihn. ob er bis zum nächsten vormittag II Uhr eine Kappe fertigsteüen könne und auch er verneinte umgehend. Ich sagte zu meinem Begleiter: „In Norwegen würde der Kürschner bejaht haben — und hätte die Mütze zwei Tage später geschickt." „Nicht allein in-Norwegen," antwortete mein Begleiter mit amerikanischer Ueberlegenheit, „sondern in ganz Europa, vielleicht Frankreich ausgenommen. Wenn ein Handwerker so in Amerika Verfahren wollte, würde er als unzuverlässig angesehen werden und könnte seine Bude schließen." Während dieses Gespräches hatten wir auf den Geschäftsinhaber nicht geachtet. Er hielt jetzt ein Fell in der Hand und sagte: „Sie sollen die Mütze morgen um 11 Uhr haben." Er breitete das Fell auf dem Ladentisch aus und bemerkte, wir müßten es wählen, nur einmal habe er schon ein ähnlich schönes gehabt. Er belehrte uns, wie wir uns selbst von dem Wert eines solchen Felles überzeugen könnten. Ich mußte den Mann -ansehen, denn er hatte feine Gesichtszüge. Er war dunkelhaarig und schlank, glich weder einem Engländer, noch einem Deutschen. Mein Begleiter sagte, er sei Franzose. Am nächsten Morgen stand er selbst um 9 Uhr mtt der Btütze in meinem Zimmer in PalmerHouse. „Sie. kommen selbst? Und so stüh?" „Ja. Während Sie vor dem Ladentisch ständen und Mit'Ihrem Freunde sprachen, kam eines meiner Ladenfräulein zu mtt und bot mir an, zusammen mtt einer Freundin-- nach. Geschäftsschlüß die Mütze herzustellen."; Ich war förmlich gerührt. „Wohl eine Norwegerin?" sagte ich. „Ja, sie ist aus Norwegen." Ich bat ihn, sie und ihre Freundin von mir zu grüßen, und ihr zu versichern, sie habe mir eine Freude gemacht. Ich probierte die Mütze vor dem Spiegel und fand sie ersten Ranges. Ich bezahlte, vergaß die beiden Mädchen nicht, beschaute die Mütze und wunderte mich, daß der Mann nicht fortging. In meiner Freude hatte ich gar nicht bemerkt, daß er sich ganz anders als gestern benahm, sah kaum, wie bleich er war. Er sagte: „Da ich jetzt weiß, wer Sie sind, komme ich selbst, um eine Frage an Sie zu richten." Er stockte und blickte vor sich hin. Ich ließ ihm Zeit, denn ich begriff, daß ihm etwas schwer am Herzen lag. „Ich bin Jude", sagte er. „Ich habe gehört — aber ich habe es nicht glauben wollen, in Europa wäre eine Judenverfolgung ausgebrochen. Ist es wahr?" Er blickte mich jo seltsam an, daß es mir schwer fiel, antworten zu müssen: „Ja, es ist wahr." Er fuhr etwas zurück, wich meinem Blick aus, setzte sich hin und weinte. Er weinte wirklich! Schon lange hatte ich mich selbst über die Sttömung geärgert, die man später Antisemitismus nannte. Ohne ihren späteren Umfang zu ahnen, ohne zu wissen, wieviel. Böses sie anrichten würde, empfand ich sie als einen unheimlichen Barbarismus, einen Apell an schlechte Leidenschaften. Aber es wirkt doch seltsam. vor einem Manne zu stehen, der die Leiden seines Volkes mit seinem Jnnengefühl verschmilzt und es mitbeweint. Auch in diesem Falle werden die feinsten Naturen am tiefsten verletzt, selbst wenn sie tausende von Meilen entfernt sind. Aus dem innersten Berwandlschaftsgefühl schluchzte er über das Unglück seines Stammes. Es hörte ja nie auf. Dieses Volk konnte ja keinen Frieden genießen und darin die gesunde Selbstvergeffenheit finden, deren wir Anderen nicht entbehren können. So oft mir seitdem die Spuren jener unauslöschlichen Vorurteile schrecklich entgegengetreten sind, sah ich dieses seine ttaurige Gesicht vor mir. hörte ich dieses Schluchzen. Während der Dreyfus-Frage in vielen wachen Nächten, an machem bangen Tage. Ich deutete es mit einigen Worten an, die ich auf ein Bild schrieb, das ich ihm kürzlich schickte. Hanfstängel in München hatte es mit der Mütze ausgenommen. Er photographierte auch ein Portät, das Franz Lenbach mit der Mühe gemalt hatte. Herr Ledemer hat mir wiederholt geschrieben. Ein Brief den er mir zum letzten Geburtstage schickte, brachte mich auf den Gedanken, ich solle vielleicht Anderen erzählen, was ich am Neujahrsmorgen 1382 in Palmer House in Chicago lernte. Björnstjerne Björnson. Der rusftsch-pulnische Jude m Rew-Aork. Bon Edward A. Steiner.*) .La, bei Gott Sie haben Rechr. das ist wirklich der Himmel!" Das waren die Worte, welche mich aus den Lippen eines jungen jüdischen Russen grüßten, an dem Morgen, als das Schiff mit feinem unaufhörlichen Klopfen innehielt und wie ein schlafende: Riese vor dem großen Schloß, „dieStadt New-Jork" ankertt- Eine stürmische Reise über den atlantischen Ozean ist an und für sich schon ein Schrecken für den der See Fremden» der während seiner Reise Räume bt wohnt, die gar nicht für menschliche Wesen paffen, mit wenig Raum zum Atmen und in Gesellschaft von 800—1000 Menschem Männer, Frauen und Kinder. Der russische *) AuS der New-Jorker Halbmonatsschrift „Tlie Outlook.“ — Der Autov ist Christ.