Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 10 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Schon das erste Lesebuch ,des rumänischen Abcschützen nimmt sorgfältig Bedacht darauf, ihm die höchste Tugend seines Volkes einzuimpfen. Da giebt es keine Märchen von bösen Riesen und Gifttrank mischenden Hexen, sondern statt ihrer figurieren Juden mit langen Bärten, stechenden, wollüstigen Augen und mageren, habgierigen Händen. Und nun ist man anderswo neidisch geworden und mißgönnt den braven Rumänen ihr so mühsam erworbenes Szepter. Was war denn die Protestnote der Bereinigten Staaten in Sachen der unterdrückten und geknechteten Juden des gesegneten Moldaulandes anders, als der Ausfluß blaffen Neides? Doch damit nicht genug; — jetzt vergreist man sich auch schon an sein heiligstes Recht: das erste rein antiseniitische Lehrbuch ist erschienen und zwar nicht im barbarischen Rußland — sondern im Lande der Denker und Philosophen, in Deutschland. Unser Frankfurter Mitbürger. Herr - Rechtsanwalt Dr. Auerbach schreibt darüber im .Berliner Tageblatt:" .Zufällig kam mir dieser Tage die achte Auflage des sehr verbreiteten Werkes: .Referat, Votum und Urteil" vom Reichsaerichtsrat a. D. Hermann Daubcnspeck (Berlin 1902, Franz Bahlen) in die Hand. Wenn ich diese Schrift zum Gegenstaud einer Besprechung mache, so habe ich nicht die Absicht, eine Rezension zu schreiben. Hierzu fehlt mir nicht blos der Berrtf, sondern auch die Neigung; letzteres insbesondere im Hinblick auf die Vorrede Daübenspecks zur achten Auflage. Denn .Haß. Mißgunst, Neid" sind die gewöhnlichen Beweggründe, die der Verfaffer bei seinen Rezensenten zu vermuten Pflegt, welch Letztere er überdies noch mit Freundlichkeiten ähnlichen Charakters überhäuft. In solchem Falle ist es nicht angenehm, den Rezensenten zu spielen, selbst wenn man mir den ernsten und schönen Bestrebungen des Werkes im Interesse der Ausbildung unserer jungen Juristen im Allgemeinen einverstanden ist. Wohl aber fühle ich mich zu einem Worte der Abwehr und ernsten Verwahrung gedrungen. Das in den Kreisen der Gerichts-Referendare viel gebrauchte und gewiß in manchen Beziehungen äußerst nützliche Lehrbuch für den praktischen Vorbereitungsdienst enthält in der neuen Auflage eine Reihe antisemitischer Ausschreitungen, wie sie in einem ernsten, wissenschaftlichen Zwecken gewidmeten Buche nicht enthalten sein dürfen. Dies umsoweniger, als das Buch eine Vorschule für die hohe und ideale Aufgabe künftiger Richterthätigkeiten sein soll. Herr Daubenspeck hat das zweifelhafte Verdienst, den Antisemitismus offiziell in den juristischen Vorbereitungsdienst eingesührt und dort litteraturfähig gemacht zu haben. - Daß Herr Daubenspeck es für richtig findet, in den von ihm erfundenen Beispielen, soweit er überhaupt 'volle Namen nannte, den Prozeßparteien und Anwälten nur jüdisch klingende Namen zu geben, daß er von dem Kläger Salomon Cohn, dem Agenten Jtzig Mayer in Rixdorf, den Kaufleuten Simon Pintus, Abraham Levysohn und Anderen, sowie von dem Rechtsanwalt Cohn, dem neunundneunzigsten spricht, und daß er dem , einzigen, in seinem Buche erwähnten Christen, dem öffenbar bedauernswerten Maurermeister Kaspar Friedrich in Charlottenburg einen jüdischen Anwalt in der Person des Rechtsanwalt Levy XIII. zuteilen zu müssen geglaubt hat, das mag noch übersehen werden. Notwendig war es nicht; denn in Rixdorf giebt es wohl auch christliche Agenten, und der vielleicht gesinnungstüchtige, urdeutsche Kaspar Friedrich hätte.in Charlottenburg sogar einen tüchtigen antisemitischen Anwalt gefunden. Indessen über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten, und Jeder macht diejenige Witze, die seinen Geistesanlagen entsprechen; die des Herrn Daubenspeck reichen offenbar nicht weiter. Man könnte sogar über derlei lächeln, wenn die Sache nicht zu ernst und traurig wäre, ivenn nicht gerade ein gewesenes Mitglied des höchsten deutschen Gerichtshofes so schreiben und wenn nicht eine so angesehene Verlagsbuchhandlung dieses Geistesprodukt in vielen Tausenden von Exemplaren verbreiten würde. Ueber dieses vielleicht erlaubte Maß nicht ganz harmloser Scherze und geistloser Witze geht es aber hinaus, wenn Herr Daubenspeck an anderen Stellen des Buches das angeblich „nicht allzusehr geschärfte Sprachgefühl" „unserer semitischen Mitbürger" anzurempeln und ihnen im Gegensatz zu den Söhnen „arischer Mütter" zu unterstellen sich erdreistet, daß sie „in der Presse eifrig bemüht sind, in ihrer Weise die deutsche Sprache weiter zu bilden". Das erfordert denn doch einen energischen Widerspruch.' Es kann dem Herrn Reichsgerichtsrat a. D. nicht verübelt werden, wenn ihm, wie sich aus den von ihm beliebten Ausdrücken „arischer" und „semitischer" Abstammung ergiebt, die Forschungsergebnisse moderner Völkerkunde unbekannt geblieben sind, und wenn er außerdem auch grobe Unkenntnis der Werke deutscher Schriftsteller jüdischen Glaubens verrät; es würde auch zu weit führen, denk Herrn ein Privatissimum darüber zu halten, was Juden in der Wissenschaft sowie als Politiker, Schriftsteller. Dichter und Journalisten für die Entwickelung der deutschen Sprache geleistet haben. Herr Daubenspeck mag es in irgend einem Leitfaden Nachlesen. Nur zweierlei sei hier hervorgehoben. Vor allem muß der gerechten Entrüstung über dieses Verhalten eines hochstehenden Juristen Ausdruck gegeben werden, der in dieser Weise zersetzenden antisemitischen Geist ini Gewände scheinbarer Wissenschaftlichkeit in die Kreise derjenigen Männer trägt, die einstens berufen sind, als unabhängige, objektive Richter über den Parteien zu stehen. Dann aber, zum Zeichen, daß der traurigen Thatsache auch ein Moment der Komik nicht fehlt, noch einen weiteren Hinweis. Herr Daubenspeck schöpft den größten Teil seiner Weisheit auf dem Gebiete deutscher Sprachkunde aus den Schriften von Sanders; er zitiert ihn fortwährend und nennt ihn auch ausdrücklich eine „Autorität". Sanders aber war bekanntlich ein deutscher Sprachforscher jüdischen Glaubens oder, wie der Herr Reichsgerichtsrat sich geschmackvoll ausdrückt, auch ein „semitischer Mitbürger". Ob Herr Daubenspeck das wohl gewußt hat? Herr Daubenspeck zitiert überhaupt viel. Außer Juristen und seiner Hauptquelle, dem Juden Sanders, müssen noch der antisemitische Wustmann. der alte Romanist Becker und einige mir näher nicht bekannte, aber mir als Antisemiten geschilderte Autoren mit Belegstellen herhalten. Erstaunt war ich, unter den Zitaten gelegentlich auch Herders ,Griefe zur Förderung der Humanität" zu finden; Herr Daubenspeck scheint sie also gelesen zu haben. Vielleicht liest er sie noch einmal." - _ Das neue Kaiser Franz Joseph- Regierungs-Jnbiläums-Hospiz snr arme Israeliten in Karlsbad. Einem seit Jahren bestehenden dringenden Bedürfniste entsprechend, hat nunmehr auch die israelitische Kultusgemeinde sich zur Errichtung eines großen Kurhauses für arme Israeliten veranlagt gesehen, welches soeben fertig gestellt wurde und am 1. Mai 1903 eröffnet werden soll. Die Errichtung des ersten Karlsbader Jsraelitenhospitals ging von Prag aus. Bereits ini Jahre 1843 schritten mehrere Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde in Prag zur Gründung eines Stiftungssondes für ein Jsrnelitenhospital in Karlsbad, welches sodann ini Juni 1847 eröffnet wurde. Die von Jahr zu Jahr steigende Frequenz der Badebesucher, mit welcher sich auch die Zahl der armen Israeliten steigerte, die in Karlsbad Heilung suchten, hatte zur Folge, daß im Jahre 1885 mit deni Baue eines größeren zweistöckigen Kurhauses in der Helenenstraße für das Prager Direktorium begonnen wurde. Gegenwärtig stehen in demselben 31 Betten zur Verfügung, sodaß während der fünf Sommermonate 160 bis 165 armen Israeliten: welche beim Direktorium in Prag darum ansuchen, vollständige Gratisverpflegung gewährt werden kann. Seit Jahren erweist sich jedoch die Vorsorge, welche für israelitische unbemittelte Kranke in Karlsbad getroffen ist. als unzureichend. Es überschreitet nicht nur alljährlich die Zahl der berücksichtigungswerten Personen, welche beim Prager Direktorium des Krankenhauses um einen Kurplatz im Karlsbader Jsraelitenhospilale einkommen, bei Weitem den geringen gleichzeitig zur Verfügung stehenden Bclegraum. sondern an 500 arme, gänzlich mittellose und kranke Israeliten kommen alljährlich nach Karlsbad in der Hoffnung, durch irgend einen Zufall die vierioöchentliche Kur kostenlos durchmachen zu können; sie stützen sich auf die Mildthätigkeit der israelitischen Gemeinde und da derselben ausreichende Mittel nicht zur Verfügung stehen, so verlassen sie sich auf die Wohlthätigkeit jener besitzenden Glaubensgenossen, die hier als Badegäste weilen. Die Zahl solcher unbemittelter fremder Israeliten wächst nunmehr von Jahr zu Jahr und veranlagte schließlich den thatkräftigen Seelsorger der isr-Kultusgemeinde Herrn Rabbiner Ph.-Dr. Ignaz Ziegler zu einem denkwürdigen Entschlüsse. Er richtete an den zur Kur in Karlsbad weilenden Baron Hirsch ein Memorandum, in welchem er die Berhülmisse schilderte und derselbe nahm den Vorschlag, sich mit einem größeren Betrage an die Spitze eines Gründungssonoes für die Errichtung eines neuen isr. Kurgebäudes zu stellen, günstig aus. Leider aber fiel die gute Absicht durch den plötzlich eingetretenen Tod des Baron Hirsch ins Wasser. Allein nach einiger Zeit machte Dr. Ziegler einen neuerlichen Versuch. Er wandte sich nunmehr an die Frau Baronin Hirsch in derselben Angelegenheit und nach längeren Verhandlungen erklärte sich diese Wohlthäterin bereit, Herrn Dr. Ziegler, resp. der isr. Kultusgemeinde zu Karlsbad den Betrag von 80,000 Kr. zum Baue eines neuen isr. Kurhauses zur Verfügung zu stellen, wenn auch von österreichischer Seite mindestens derselbe Betrag gespendet würde. Die isr. Kultusgemeinde zu Karlsbad, an deren Spitze seit 28 Jahren als Kultusvorsteher Herr Fabrikant Ludwig Moser und seit mehr als zwanzig Jahren als Stellvertreter Herr Kaufmann Adolph Rosenseld stehen, faßte nunmehr den Entschluß, ein den Berhällniffen entsprechendes Kurhaus zu errichten, welches mit Allerhöchster Bewilligung den Namen Kaiser Franz Joseph-Regierungs-Jubiläums-Hospiz für arme Israeliten" führen und den Zweck verrolgen sollte, jedem wirklich Kranken die notwendige Verpflegung gratis zu gewähren, dagegen jede Geldunterstützung in Zukunft einzustellen. Nun Handelle es sich um die große Frage, wo jene 80,000 Kr. in Oesterreich auszutreiben seien, welche nach der Bedingung der Baronin Hirsch herbeigeschafft werden mußten. Diese Schwierigkeit fand jedoch dadurch ihre Erledigung, daß die Baröne Rothschild ebenfalls 30,000 Kr. zur Verfügung stellten, und nun wurde die Angelegenheit sowohl'von der isr. Kultusgemeinde!