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Neue jüdische Presse · 1902-12-30 · Heft 9 (30.12.1902) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 9 (30.12.1902)
Date
1902-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ I f Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeiturrgski ste 2629 a. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). fg Redaktion und Haupt-Expedition: JTmttftfutf «. Ml. Bergerstrsße 25, parterre. -- Erscheint jeden Freitag Mittag. jj Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. I.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. Mo. 9. 39. Mezernbvv. 1992. An das jüdische Publikum Frankfurts! Als wir vor nunmehr 2 Monaten an die Oeffentlichkeit traten, da versprachen wir, daß unser Blatt ein Unternehmen sein soll, das sich würdig den jüdischen Institutionen Frankfurts anreiht. Die vielen Beweise von Sympathie, die uns inzwischen aus allen Kreisen und Richtungen der hiesigen jüdischen Bevölkerung, ja sogar von christlicher Seite aus, geworden sind, haben uns zu unserer Genugthuung gezeigt, daß wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Unser Programm, das Judentum zu zeigen, wie es sich unverfälscht nach der Ueberlieserung giebt, uud ein Spiegelbild des jüdischen Volkes in seinen Leiden und Freuden zu sein, ist ein Programm, dem ein jeder Jude, der sich noch nicht außerhalb der jüdischen Gesamtheit gestellt hat, sein Wohlwollen entgegenbringen muß. . Der geringe Abonnementspreis von Mk. 1.— pro Vierteljahr (frei ins Haus) ermöglicht es auch dem Minderbemittelten, auf unser Blatt zu abonnieren. Der heutigen Nummer unseres Blattes liegt eine Bestellkarte bei, die unfrankiert in den nächsten Postkasten zu werfen ist, und hoffen wir, daß ein jeder Frankfurter Jude, der noch irgendwelches jüdisches Jntereffe besitzt, die Bestellkarte ausfüllt. Verlag t>es „Frankfurter Israelitisches Familienblatt". Nachdruck verboten. Ein Wort über Bibelkundc. Der Jude ist im Allgemeinen besser als sein Ruf; Nur in einem Punkte haben die Nichtjuden eine bessere Meinung von uns, als wir ste verdienen, indem sie glauben, daß wir Israeliten samt und sonders den gesamten Inhalt unserer heiligen Schrift kennen; ja viele Nichtjuden meinen sogar, daß wir Alle unser ganzes Leben streng nach den Grundsätzen der Bibel einrichten: Die letztere Anschauung kommt daher, daß ■ diese Kategorie Nichtjuden die Grundsätze unserer heiligen Schrift als solche gar nicht kennt und die erstere Meinung ist leider ein Irrtum, weil die wenigsten von uns Juden die heilige Schrift jemals mit Verständnis gelesen haben, geschweige denn in ihren tieferen Inhalt eingedrungen sind. Gewiß lernten wir alle als Kinder die Thora übersetzen — Wort für Wort — Satz für Satz; waren,: wir aber als Jungen mit dem rein mechanischen Uebersetzen des Pentateuch fertig, so war damit auch unser gesamtes Thorapensum erledigt. Später hörten wir zwar beim Sabbathgottesdienst die . jeweiligen - Wochenabschnitte vortragen — ,aber das waren, uns. ja, nach unserer Meinung, längst, bekannte Sachen; wir wissen ja den Inhalt der Bibel, die Erschaffung der Welt, Adam und Eva, die Schlange und der 'Sündenfall Noah, die Sintflut, die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, Josef und seine Brüder, Moses, der Auszug aus Egypten, die 10 Gebote und .noch einige Gesetze," 40 Jahre in der Wüste, Moses Tod — Schluß. -- Es fällt mir nicht im Entferntesten ein. an dem Bibelunterricht unserer bewährten Religionslehrer irgendwie Kritik zu üben; das Eingehen in den Geist unserer heiligen Schrift erfordert vorheriges Verständnis unseres sozialen Lebens, eine gereifte Lebensanchauung. Um wie vieles inhaltsreicher erscheint uns las heilige Buch, wenn wir es als Männer lesen — nein studieren. Als Kinder ist uns die Bibel nichts weiter als Geschichtsthema, die Urgeschichte unseres Volkes; die in der Thora enthaltene ethisch-soziale Gesetzgebung in ihrer erhabenen Größe, vermag der unreife Mensch gar nicht recht zu würdigen und gerade diesen ethisch-sozialen Gesetzesstellen wohnt eine von Vielen ungeahnte Werbekraft inne, sie bilden einen sittlichen Kern, der, wenn wir uns seiner bewußt werden, uns das Judentum erst recht menschlich achtenswert und lieb macht, und um wie viel weniger gleichstltig ständen viele unserer Brüder und Schwestern rem Judentum gegenüber, wenn sie den herrlichen ethischen Schatz, den unsere heilige Schrift enthält, erst heben würden — an der Quelle, nicht erst aus dem Umwege der christlichen oder allgemeinen Äorallehre. Das fünfte Buch Moses z B. enthält in gedrängter Kürze eine wahre Fundgrube sozialer Etsik — noch mehr, die einzig mögliche dauernde Lösung der sozialen Frage; man muß nur diese klassisch lapidaren Sätze ausbauen, sich mit jüdischem Verständnis darin vertiefen und gehobenen Herzens und gefeit gegen alle Anstürme unserer religiösen Widersacher werden wir das Buch unseres Gottes aus der Hand legen. 'Aber nicht nur einmal — zehnmal — hundertmal müssen wir es lesen, bis wir den göttlichen Geist, der daraus zu uns spricht, erfassen, und mit Stolz werden wir es dann erkennen, daß es ein wahrhaft göttliches Buch ist, das Gott uns gegeben, ein Jahrtausende alter, glänzender Beweis für die Allweisheit, Allgerechtigkeit und Allgüte unseres Gottes. Vor mir liegt ein Zeitungsblatt, das einen Be weis für die wunderbare Werbekraft unserer Bibel enthält, die Schilderung einer neuen amerikanischen Sekte: Dowie, ein Schottländer kommt als junger Mensch nach Adelaide in Austtalien, woselbst er die Kaufmannschaft erlernt. Dort kommt ihm die lieber setzung des sog. Alten Testamentes in die Hand, die er Mangels anderer Lektüre wiederholt liest.' Da erfaßt ihn, den wenig gebildeten Kommis, der' Drang nach Wahrheit und Erkenntnis — die Lernbegier; er kehrt nach England zurück, studiert Theologie, nur um die Bibel im Urtext lesen zu können, erlangt 1872 die katholische Priesterweihe und geht dann wieder nach Austtalien. Seine religiöse Intelligenz ist so groß, daß, als Kardinal Baughan nach Austtalien hinüberkommt und die im alttestamentarischen Sinne gehaltene Begrüßungsandacht hört, er seine eigene vorbereitete Rede nicht hält, sondern erklärt, daß er nach einem solchen glänzenden Redner nicht reden wolle, um den Eindruck nicht abzuschwächen. Dowies hat das Alte Testament in seiner großartigen Bedeutung erkannt — allerdings von seinem Standpunkt als geborener Katholik und begeistert von dem Buche Gottes sucht er die nwsaischc Lehre unter seinen christlichen Glaubensgenossen neu zu beleben, und vielleicht nur aus pädagogischen Gründen macht er den zu Beehrenden die Konzession, daß er die auf reinem Mosaismus aufgebaute Kirche — das christliche Zion nennt. Die Kraft der Wahrheit, die in unserer Thora liegt, wirkt Wunder auch in der unvollständigen Wiedergabe Dowies, die Gewalt, die der Mann, ohne jeden Zwang, ohne jede staatliche Unterstützung über seine Mitbürger erhält, wird eine ganz außerordentliche; der lleberzeugungsttaft der Thora können sich aus die Dauer auch die nüchternsten Aiaterialisten nicht entziehen und chon nach kurzer Zeit hat Dowie tausende von Anhängern. Dowie geht 1890 nach Chicago, auch da zündetdie mosaische Lehre bei Tausenden; Dowie errichtet eine zionistische Thcclvgenschule. Volksschulen, ein Waisen-;aus rc„ er gründet große politische Zeitungen mit mosaisch religiösem Charakter; arrogante Studenten, die ihre Schulweisheit über die Weisheit der Bibel 'teilen, machen ihm eine Katzenmusik mit dem Erfolg, baß zweihunderttausend Personen sich zur Lehre Dowies bekennen. Und das sind keine Geschäftsproselitcn nein; es werden ihm vielmehr riesige Summen zur Berr sügung gestellt, er gründet eine Bank, kaust 42 Meilen von Chicago 6000 Acker Land im Staate Illinois und baut ein .amerikanisches Zion"; die Stadt entwickelt sich rapid und jeder Tag bringt neuen Zuzug, jetzt geht Dowie daran mit einem Kostenaufwand von hundert Millionen Dollar einen Tempel zu bauen. Die soziale Ordnung dieser Sekte ist auf mosaischer Grundlage aufgebaut, sie erstteckt sich bis aus die Sabbathfeier und das Genußverbot unreiner Tiere, o ist der Werdegang dieser Sekte ein schlagender Beweis fitr die Werbekraft der von vielen Juden so wenig gekannten heiligen Schrift, unserer Bibel. Wie viele unserer Brüder, die sich dem .modemen" Zuge der Zeit folgend, vom Judentum abgewendet haben, suchen zur Befriedigung ihrer nach dem .wahren Glauben" hungernden Seele die wahre Religion, die ihnen doch so nahe liegt uud diesen namentlich möchte man zurufen: Suchet die wahre Religion in unserer Bibel. — aber suchet sie wie jemand, der etwas finden will, um es zu behalten und dann — aber nur dann werdet ihr sie finden zu Euerem Heil, zu Euerem Nutzen! Sonntagsruhe in Oesterreich. Bon Saly Geis. Die erhabene und in sittlich-ethischer Beziehung geradezu einzigartige Idee der saübathruhe hat die Menschheit von uns Juden. Wir Juden freuen uns. wenn wir sehen, wie allmählich unser alter Sabbath sich Anerkennung und Nachahmung unter den Völkern erobert, und wir wünschen nur, daß die Christen, die seit dem Jahre 303 der üblichen Zeitrechnung die Sabbathruhe auf den Sonntag verlegt haben, uns die Beobachtung unseres Sabbathes nicht erschweren. Leider geht bis jetzt die fortschreitende Sonntagsruhe Hand in Hand mit bedeutenden materiellen Verlusten der den Samstag feiernden Juden. Gezwungen durch die eigenartigen Verhältnisse, in welche ihre nichtjüdische Umgebung sie hineinzwängt, gehört die jüdische Bevölkerung durchweg dem Handels- und Gewerbestande an; beides Stände, deren Angehörige ihre ganze Kraft zusammennehmen müssen, wenn sie nicht inr gewaltigen Meere des Proletariates untergehen wollen. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß im Kampfe um die Existenz der Sabbath über Bord geworfen wird. Daß man damit aber auch den Boden zerstört, auf dem allein das Judentum in der Zerstreuung Bestand und Halt haben kann, bedenken freilich die wenigsten, denn nur wenigen ist der Glaube ihrer Väter das sie leitende Lebensideal und nur wenige haben so viel Liebe zu ihrem Volke, lieber Geld und Gut zu opfern, als für ihre Person daran schuld zu sein, ivenn ihr Volk qualitativ und quantitattv rückwärts schreitet. Unter diesen Umständen erweckt die Nachricht, daß dem österreichischen Reichsrate ein Antrag betreffs Einführung einer 36stündigen Sonntagsruhe vorgelegt ist, schwere Besorgnisse bei allen, denen das Wohl und Wehe der Judenheit am Herzen liegt. Leben doch in Galizien IVs Millionen jüdische Seelen, denen bis jetzt der Sabbath noch heilig war und die sich bei der Jndusttielosigkeit des Landes kümmerlich durch den

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