Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erst die Diskussion, die jedem zu persönlicher Anteilnahme Gelegenheit bietet, gestaltet einen Abend interessant, gemütlich, unterhaltend und belehrend zugleich. Zeigen sich hierbei divergierende Ansichten. so wird der Lehrer ausklärend und versöhnend wirken, in ebenso entschiedenen Worten als in maßvoller Form. Fern von jeder eitlen Effekthascherei, weit entfernt von der kleinlichen Sucht, seine Gelehrtheit zeigen zu wollen, gelingt es dem rechten Lehrer durch die fachliche Vertretung und Darstellung pädagogischer _ Gedanken und Anschauungen gar bald, sein Ansehen zu heben und zur höheren Wertschätzung des ganzen Standes unwillkürlich sein Bestes beizutragen. „Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten." Bei Behandlung von Erziehungsfragen, wie sie soeben berührt wurden, erfährt die Welt zur Genüge, daß es eine eigeutlichepädagogische Unterweisung gibt, eine planmäßige Erziehung, die im ganzen Schulbetrieb kunstgerechte Verwertung findet. — - 3. Die Elternabendemüssenauf das gesamte Gemeindeleben von wohlthuendemRückschlagsein. Wenn die Schule Gemeindeanstalt ist, als solche aber in den einzelnen Familien Rückhalt und Stütze für ihre Ziele sucht, dann ergiebt sich von selbst, daß pägagogische „Abende" auch eigentliche Gemein d e a b e n d e sind. Vor allem wird das 'Gefühl der moralischen Verantwortung für Erziehung der Kinder belebt und verschärft, vielleicht auch — es darf dies ausgesprochen werden — bei manchem erst recht geweckt. Die Klärung der hohen Aufgabe von Kindererziehung zeitigt unwillkürlich bei den Gemeindemitgliedern den Gedanken, daß doch nur derjenige erziehen kann, der selbst erzogen ist. Damit ist eine strengere Selbstbeurteilung, eine schärfere Selbstkritik seitens der Eltern verknüpft. Man wird achtsamer auf sich selbst werden im.Hinblick auf das junge Kind, das in den Eltern Beispiel und Vorvild haben soll. Aber aüch abgesehen von dieser allgemeinen Nachwirkung -können Elternabende geradezu direkt dasGemein beleben wohlthuend beeinflussen. ^Das geschieht beispielsweise beim Hinweis auf die -Gewo hnung des Kindes zur Erfüllung seiner religiösen Wichten in der Familie wie im Gotteshause. Schon dieses einzige Kapitel vermag einen lebhaften Gedankenaustausch zwischen Lehrer und Eltern hervorzurufen, ein wahres Fra ge- und A n t w o r t fp i e l zu erzeugen. Eine Fülle von Belehrungen kann hier >er Lehrer jüdischer Religion übermitteln, für Werk- und Feiertage, für Knaben und Mädchen, ür Mann und Frau. Der Lehrer weiß es ja am besten, wie tief gegenwärtig die weihe- und würdevolle Feier des Sabbats und der Festtage in den jüdischen Familien gesunken und l.u wünschen übrig lassen. Ein rechter Familienabend behandelt direkt und indirekt, bewußt und unbewußt die Frage: Wie erzieht man die Kinder zu braven, thätigen Gemeindemitgliedern, zukunlo dutim! Wie die Erziehung das ganze Leben umfaßt, so berühren die Elternzusammenkünste gleichfalls alle lersönlichen und gemeindlichen Beziehungen. Und hier können sie mehr und nachhaltiger wirken, als o manche salbungsvolle Predigt, mehr als die icste Kanzelberedsamkeit. Die Elternabende sollen eben mitten im Volksleben wurzeln und aus ihm herauswachsen. Das ist ihr schönster Vorzug, ihre „starke Seite", wie man zu sagen pflegt. 4. Für Zeit und Ort der Zusammenkünfte sind die lokalen Verhältnisse maßgebend. Zu diesem, ja selbst verständlichem Grundsätze kann allenfalls noch Folgendes bemerkt weiden. Nicht jeder Ort und jede Zeck kann gewühlt werden. Perioden hohen Geschäftsganges, namentlich wenn viele der in Betracht kommenden Mitglieder vom Hause abwesend, empfehlen sich weniger zu „Elternabenden.,, Es soll doch jeder Gelegenheit zur Teilnahme haben. Vielfach bestehen schon allerart Vereinigungen, die sich periodisch w ederholen. Herrenabende, Frauenkränzchen, Leseklubs oder Vergnügungsabende welcher Art immer. An solche könnte sich ein Elternabend leicht anlehn en, besonders da, wo es sich um E i n f ü h r u n g derselben handelt. Die Sache nimmt sich so weniger fremdartig aus und manche, weniger erhabenen Zwecken dienende Zusammenkunst läßt sich überleiten, überführen in die Form der Elternabende. Daß auf die Abkömmlichkeit der Frauen von der Hauswirtschaft Bedacht zu nehmen ist, bedarf wohl keiner weiteren Worte. Darum kommen vor allem auch die Abendstunden in Betracht. Hie und da hat sich noch in der jüdischen F.anenwelt in schwachen Formen die schöne Travition erhalten, am Sabbatausgang, Jsru—chag und Rosch—chodesch zu feiern, besonders sich von Handarbeit zu enthalten. Für diese Zeiten wie auch etwa für Chanuka, Chol—hamaued und sonstige Gedenktage empfiehlt sich vor allem der Elternabend. Auch die durch die staatliche Sonntagsruhe freie Geschäftszeit kommt in Betracht, besonders wenn man an eine periodische Wiederholung der „Abende" denkt. Denn je regelmäßiger die Zusammenkünfte stattfinden, desto besser, desto vorteilhafter. — Bezüglich des Ortes der Zusammenkunft ist vor allem der neutraleBydenzu empfehlen. )as öffentliche Lokal, doch ohne die Rücksicht auf die ernstwürdigen Ziele aus dem Auge zu läffen. Eine gemütvoll ungezwungene Vereinigung, die aber zugleich religiös-sittliche Zwecke verfolgt, muß Vorsorge treffen, sich unliebsamen, ster Sache undienlichen Störungen zu entziehen. Das sollte bei Auswahl eines öffentliche,! Lokales wohl erwogen werden. Die einzelne Familie zum „heim" auszusuchen, empfiehlt sich im allgemeinen nicht. Die Elternabende müssen der Sphäre lersönlicher oft vom Parteigeist getragener Ervägung entrückt bleiben. Das Verhältnis der Familien zu einander, ist aber in unseren Gemeinden oft kein „familiäres". Aus diesem Arunde ist der allen zugängliche öffentiche Saal vorzuziehen. Es liegt in der Natur der Sache, daß auch da die Oeffentlichkeit keine unbedingte, absolute ist und sein-will. Jeder Kreis, jedwede gesellige Vereinigung hat schließlich auch ihre Interna, für bifc beschränkte Oeffentlichkeit wünschenswert erscheinen muß. Daß gilt gewiß auch für die Elternabende. So manches könnte noch hier angeführt werden. was zur Sache gehört. Doch für heute genug. Es ist wohlan den größeren jüdischen Gemeinden hier beispielgebend voranzugehen, besonders jetzt, wo das Vereinsleben neu erwacht. Ihnen, den größeren Stadtgrmeinden steht eine größere Auswahl bezüglich der Lehrbeamten wie der sich interessirenden Familien zur Verfügung, besonders da. wo Vereinigungen ähnlicher Tendenz bereits blühen. Äber auch die kleineren Städte und Dörfer kö inen, wenn die ge eign eten Schrittein der geeigneten Weise gethan werden, Eltcruabrnde einführen. Es bedarf vielfach nur der Anregung. Möge es daran nicht fehlen und der^Anregung nicht der Erfolg, der ihr im Interesse der guten Sache so herziich zu wünschen ist. B. F. in F- Roch einmal die Gastfreundschaft. (Schluß.« Es ist auch gewiß nicht wahr, daß der arme Fremde, die Möglichkeit auf seine eigenen Kosten leben zu können, dem Verkehr in einer ivlchen Famckie vorzieht, die den Armen brüderlich ausnimint und idn als vollständig ebenbürdlg behandelt. Wäre dies aber der Fall, so wäre dies erst recht ein Grund, den Fremden bei uns heimisch zu machen, indem wir ihm unsere Häuslichkeit und liilsern Tisch mit aller Herzlichkeit zur Beifügung stellen. Denn wer will die verlorenen Existenzen zählen, die, zwar arm und durstig, aber mit allen Eigenschaften eines guten Herzens und eines edlen Eharakiers ansgestattet, den Wanderstab ergriffen und ihre moralische Kraft, die Reinheit ihres Denkens und Handelns auf der Wanderschaft verloren, weil sie keine S'ätte fanden, die sie gastlich ausnahm L Die meisten von denen.