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Neue jüdische Presse · 1902-11-07 · Heft 2 (7.11.1902) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 2 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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y: 7 Als Frau Hannele -sich an dem Erstaunen des alten Eibenschütz geweidet hatte, fuhr sie fort: „Reb David! Da ist mir etwas kluges eingefallen und ich möchte, mit Euch ein kluges Wort reden, wenn schon mein Backofen die wunderbare Eigenschaft hat, daß sich alle Metallgeschirre darauf paaren und vermehren — wozu soll ich noch einmal mit Messing und Kupfer den Versuch machen, am besten man probirts gleich mit silbernem Geschirr. Schade, daß ich aber nur einen silbernen Löffel Hab' — wenn Sie mir aber Reb David wollen noch einen zweiten Eßlöffel dazu borgen, so will ich ihnen gerne die Hälfte von den jungen Silberlöffeln dafür abtreten, welche die 2 großen Löffel ausbrüten werden." Dieser Vorschlag gefiel Herrn Eibenschütz. Erstens waren doch Beweise da, die 2 kleinen Mörser, welche Frau Hannele noch immer triumphierend in der Hand hielt, dann war doch an der Sache nichts zu riskiren und in seinem Kopf reiste ein rascher Entschluß. „Wißt ihr was Hannele" — sagte er — „warum sollen wir es probieren mit 2 Eßlöffel — wenn wir es schon probieren, so soll es dafür stehen. Da nehmt die 2 silberncn Leuchter, 2 silberne Schöpflöffel. 2 silberne Gabeln und gebt mir aber ja recht acht, daß nichts verloren geht und wenn meine Sachen auf euerem Ofen richtig brüten, werdet ihr mir doch die jungen Kinder davon nicht vorenthalten — ihr seid doch eine ehrliche Frau — und dafür, daß ihr mich eueren Backofen benutzen laßt, will ich euch gerne 2 junge Löffel abtreten." „Das ist zu viel Reb David," sagte Frau Hannele, „ich bin noch in der Sache zu wenig erfahren, wir wollens lieber erst mit 2 silbernen Löffeln versuchen." Eibenschütz ließ nun erst recht jedes Mißtrauen fallen, er gab der Frau einen recht großen Silberlöffcl mit, auf den sich Frau Hannele leicht bei Rüben Gänsekopp, der solche Geschäfte machte — bis zum nächsten Freitag 2 Gulden ausleihen konnte, bis ihr Jainkef wieder nach Hause kam. Am Freitag ging Frau Hannele mit verschmitztem Lächeln zu David Eibenschütz hinüber, brachte ihm seinen großen silbernen Eßlöffel und einen ebenso silbernen Kaffeelöffel, den sie mit den Worten auf den Tisch legte „Das Kind". David Eibenschütz war beim Anblick des Kaffeelöffels schier närrisch vor Freude und es fehlte nicht viel, so wäre er Frau Hannele um den Hals gefallen. Er that aber ein klebriges und wartete ihr mit ein Gläschen selbstgemachten Slivowiz auf und wollte ihr gleich alle seine Zukunftspläne, die er mit dem wunderbaren Backofen vor hatte, detaillieren. Aber Hannele schützte die Vorbereitungen zum Sabbath vor und versprach nächste Woche wiederzukommen. Jainkef erfuhr am selben Abend wie und auf welche Weise sein Weib sich diese Woche aus der Verlegenheit geholfen hatte und es war ihm anfangs gar nicht recht, daß sein Weib zu solchen Mitteln griff und dann war der silberne Kaffeelöffel, den sie an Eibenschütz zugeben mußte, geradezu ein Wucherzins. Jndeß verscheuchten andere Sorgen dieses Thema und am Abend nach Sabbathausgang kam es zwischen beiden Eheleuten zu einer Aussprache. „So geht es nicht mehr fort" sagte Jainkef. »wenn ich nicht so viel Kapital habe, um in größeren Quantitäten an einen wirklichen Großhändler in der Kreisstadt zu verkaufen, von dem Verdienst, den mir David Eibenschütz übrig läßt, kann ich nicht leben. Wenn ich mir nur 100 Gulden beschaffen könnte, als Darlehen auf drei Monate, so wäre mir geholfen, so aber fürchte ich, gehen wir zu gründe. So hat Reb David den Rewach und ich den Ruach." Montag Morgens, Jainkef war kaum fort, schickte David Eibenschütz zu Hannele, sie möchte herüberkommen. Und dann wandte er alle seine Ueberedungskunst auf. um sie zu veranlaffen. alle seine Wernen Leuchter, Messer und Gabeln, Löffel und Taffen, Silberfiguren u. s. w. mitzunehmen um sie auf dem wunderbaren Backofen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. vermehren zu laffen, Hannele wurde von dem vielen Zureden ganz wirr, und schließlich schickte ihr Eibenschütz fast 20 Pfund Silber in's Haus. Dieses viele Silber, dazu die Not und das was ihr Jainkef gesagt hatte, führten Hannele in Versuchung, sie unterlag dem unwiderstehlichen Zwang, und wieder wanderte das ganze Silberzeug Davids, Stück für Stück zum Pfandleiher. Für die damit erhaltenen 100 Gulden hat sich Jainkef thatsächlich eine Existenz gegründet, und war glücklich in der Lage nach einigen Monaten Reb Davids Silber einzulösen und es ihm wiederzugeben. Vorher aber spielte sich zwischen Hannele und David Eibenschütz noch folgende Szene ab. Nachdem Eibenschütz seinen ganzen Silbervorrat zu Hannele hinübergeschickt hatte damit er sich befruchte und vermehre, verging er schier vor Ungeduld und konnte kaum den nächsten Montag erwarten, bis nach Verabredung mit Hannele, ihr Mann sortgegangen sein werde. Kaum war Jainkef aus dem Hause, so schickte David hinüber, und Hannele kam, — aber sie kam mit leeren Händen, und mit tiefer Tiauer im Gesicht, Wo ist mein Silber? rief ihr David schon auf der Schwelle entgegen, und der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne. 8 „Gott hat es gegeben, Gott hat cs genommen," erwiderte traurigen Tones Hannele. „Es waren zu viel Wöchnerinnen auf dem kleinen Backofen, sie haben sich nebbisch um den Platz gest itten, und von der Aufregung sind sie nebbisch alle im Kindbett gestorben." „Wie heißt gestorben! schrie entsetzt David, wie kann e silberner Leuchter sterben?" „Warum nicht?" replizierte Hannele. „wenn ein silberner Löffel einen kleinen Löffel zur Welt bringen kann, und ihr habt doch selbst so einen geborenen Löffel von mir bekommen, dann kann auch einmal, wenn es das Unglück will, so ein Löffel im Wochenbett sterben, wie andere Wöchnerinnen." (Nachdruck verboten). Aus unsern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Herr Kohn fuhr fort seine Ansichten über den Ursprung des Antisemitismus, über die soziale Frage und dergl. zu entwickeln, und da weder Frau noch Sohn ihm widersprachen, glaubte er sie überzeugt zu haben, und war mit seinem Vortrag überaus zufrieden und beendete so das Mittageffen, das er in überaus übler Laune begonnen hatte, in heiterster, friedlichster Stimmung. „Also, Felix, sei mein braver Junge und mache wieder gut. was Du verbrochen hast, dann wollen wir meinethalben Gras über die Geschichte wachsen laffen." Er streifte mit seinen Lippen die Stirn seiner Frau, nickte dem Sohne gnädig zu und zog sich dann in sein Smoking room zurück, um Siesta zu halten. Auch Felix war aufgestanden. „Adieu. Mama!" sagte er, indem er seiner Mutter die Hand reichte. „Adieu, nrein liebes Kind!" erwiederte sie, ohne jedoch seine Hand frei zu geben. „Mein braver, wackerer Knabe." sie blickte liebevoll zu ihm hinüber. „Ich muß Dich zwar nochmals bitten, nie wieder handgreiflich zu werden, aber nochmals muß ich Dir sagen, daß ich stolz auf Dich bin, aber ich wäre es noch mehr, wenn Du den Konflikt mit dem Wiesner vermieden hättest. Du hättest doch das Kind sehr gut retten können, ohne den Buben zu schlagen." „Das ist wahr," sagteer errötend, „und ich verspreche Dir, liebe Mama, ich werde mir derartiges nie wieder zu Schulden kommen laffen. nicht weil ich mich vor dem Papa fürchte, sondern weil ich nichts thun möchte was Du mißbilligst." „Ich danke Dir," sagte sie, indem sie seine Hand drückte, bevor sie sie frei gab. „Aber," fuhr sie mit etwas belegter Stimme fort, „was ich noch sagen wollte, — der Papa ist nicht so Seite 5 schlimm, wie er sich zuweilen macht. — Es ist ja wahr, es könnte zum größten Rächtest für Papa und daher auch für uns sein, wenn des Bürgermeisters Sohn Dir Feind wäre." „Sei unbesorgt, liebe Mama, wenn ich will wird Arnold Wiesner mein bester Freund. Es hat mir nur bisher nichts an seiner Freundschaft gelegen, aber wenn man ihm zu einem heffera Schulzeugnis Hilst, dafür ist er sehr dankbar, und außerdem ist er sehr feige und ich bin der Stärkste in unserer Klaffe. Aber ich muß fort. Wien Mama!" Sie nickte ihm liebevoll zu. „Adieu, mein Kind!" Mit verhaltenem Seufzer blickte sie dem Davoneilenden nach. Sie war stolz auf den schönen, hochfinnigen Knaben, aber je älter er wurde, desto mehr trat der Gegensatz zwischen ihm und seinem Vater hervor, heute, das wußte sie. hatte er um ihretwillen den Worten des Vaters nicht widersprochen, aber dem war nicht immer so, oft kam es zu den erregtesten Auseinandersetzungen zwischen beiden, und wenn sie auch in der Sache selbst dem Knaben fast immer recht geben mußte, in der Form hatte er entschieden unrecht. Er konnte die Anschauungen seines Vaters nicht achten, das war unmöglich, aber als Vater hätte er ihm dennoch mit mehr Achtung begegnen müffen. Wenn sie nur ihren Mann hätte bewegen können, den Sohn in ein auswärtiges Pensionat zu geben; so schwer sie die Gegenwart ihres Lieblings entbehrt hätte, so gern hätte sie sie entbehrt, weil sie beständig fürchtete, das Zusammensein mit dem Vater könnte demoralisierend auf den Knaben wirken, wenn derselbe jedoch die niedrigen Aeußerungen des Vaters zu widerlegen sich bemühte, dann litt sie noch mehr. Aber bisher hatte der Vater noch nichts davon hören wollen, den Sohn aus dem Hause zu geben. Es war in den späten Nachmittagsstunden, die Schulstunden waren vorüber, aus den Schulgebäuden strömten die jugendlichen Scharen in heiterster, oft übermütigster Unterhaltung. Auch. Felix Kohn mit der Schulmappe unter dem Arm befand sich unter ihnen. Aber er schritt allein einher. Das Ereignis des Vormittages, namentlich die judenfeindlichen Aeußerungen des Profeffors, hielt die Mitschüler dem sonst allgemein beliebten Knaben fern, und er in seinem berechtigten Stolze, hatte es noch nicht über sich gebracht, dem von ihm mißhandelten Knaben ein Entgegenkommen zu zeigen. In strammer Haltung, ohne nach Rechts oder nach Links zu blicken, schritt er die Straße entlang, die zu seiner Wohnung führte, als er seinen Namen rufen hörte: „Felix! Mix Kohn!" Hastig wandte er sich um, ein Knabe, ungefähr in seinem Alter, stand ihm gegenüber und ergriff seine Hand. „Felix, lieber, guter Felix! — schon die ganze Zeit renne ich Dir nach, denn ich halte es nicht länger aus. ich muß Dir danken. Du hast mein Schwesterchen gerettet, das werde ich Dir nie, nie vergeffen, — wenn ich Dir nur auch einmal einen Gefallen thun könnte — aber einen recht großen." — dem warmherzigen Knaben standen die Augen voll Waffer, während er die Hand des Andern innig drückte. „Aber ich bitte Dich, Ernst, mache doch nicht solches Wesen aus dem, was ich gethan, das hättest Du an meiner Stelle, und überhaupt jeder anständige Mensch auch gethan. Zufällig war ich der Nächste, darum mußte ich es thun, aber dafür bist Du mir keinen Dank schuldig." „Weise meinen Dank nicht zurück." bat Ernst, der seine Erregung noch immer nicht bemeistern konnte. „Ich wollte eigentlich zu Dir kommen, um Dir zu danken, aber mein Vater, der gleich Vormittags in Eurem Hause war. meinte, daß es Deinem Papa nicht angenehm sein würde." „Mein Papa ist eben auch der Ansicht, daß das, was ich gethan habe, keines besonder» .Dankes wert ist." Ernst schüttelte den Kopf. „Das begreife ich nicht. Der Doktor sagt, wenn Du nicht dazwischen gekommen wärst, wäre das Kind wahrscheinlich verloren gewesen. Ach. und es ist ein so liebes.

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