Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 100-101 (23.12.1925)
- Date
- 1925-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Emzelnzzmmcr 0,40 Gol^rr.^rk £1"*■״ F״*OT : Redaktion und Verlag W 15, Meinckestraße 10. Erscheint :-:«!ea Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition Monatlich 1.85 Goldaark. Vierteljihrlicb 5.25 Goldmark. ';0»׳»od»»t>onB«r«ot• w*rd«n w dmt WibruaJ d«r «iaxeUco Linder berechnet.! Nmmncr 100/101 | Berlin, 23. XII. 1925 Anzeigen-Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H-, Berlin W15. Meinekestr.lO | Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aax«i£«nprcis: 8 £f!1pmlLNonpar*n!ez«U« 0.50 G.-M. SteH*n£e«uci* 0.25G.-M. Aoceic«n4chlaD: Dien#t*e und Freit•!! n«eV1mltt•!! 4Ubr. Telephon: Bicraark 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: PoftiparkaJirna.'st Wien. Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei: Poataparkaiaanamt Pra«<. Konto Nr. 50410. Für Potoa: f’oaUpitrkaaacaamt Warschau. Konto Nr. 1WJ0E. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ף טבת׳ חרפ״ו XXX. Jahrg:.;51 Zionismus erstrebt für das IQdlsche Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.* 'Öl. *O' לז^ ti «LW7.~> i-D1\ amerus clausus und Völkerbund ״־• Judcndcballc im ungarischen Parlament — Antisemitische Attacke des Ministers Budapest, 17. Dezember. (J. T. A.) Die Frage des" "!,am er us clausus beherrschte■ die ganze Sitzung: der 1׳;arischen Nationalversammlung, in der die Generaldebatte [;er das Budgetprovisorium fortgeführt wurde. Der sozial-! mokratischc Abgeordnete Pcidl führte aus, das Gesetz .!:;fr den Numerus clausus bedeute eine schwere Verletzung j ז Menschen- und Frcihcitsrcchtc und ist ein Schandfleck des ]-;arischen corpus juris. Die Blamage von Genf hätte sich i r ungarische Regierung ersparen können. | Abg. Szilagvi verlas eine Erklärung der bürgerlichen .hrtrien des demokratischen Klubs, worin die Abschaffung \־ ז:eriis clausus verlangt wird, jedoch nicht als Felge?!!cs Eingriffes von außen her, sondern im Wege der *vjvcräncn Gesetzgebung. 1 Abg. Pc vc r (Sozialdemokrat) interpellierte sodann formell?״gm das Gesetz vom Numerus clausus und führte aus, ’!•nrn Informationen nach habe der Völkerbund bcab- .litigt, gegen den Fortbestand des Numerus clausus in enthiedener Form Stellung zu nehmen. Nur infolge des Ver- •reehens Klebclsbcrgs, das Gesetz b'nncn kurzem abzuändern, •br der Völkerbundrat sich vorläufig einer Entscheidung thalten. K>;0 ■ \> ,0;0 ץ־] Ls KlebcUbergs Rede gegen die Juden Graf Klebclsbcrg erwiderte den Vorrednern mit aem;inweis darauf, die Regierung wolle mit dem Numerus ■.usus das Ueberhandnehmen eines geistigen Proletariats ־׳rhiitcn, welches /um Sauerteig einer revolutionären Gärung irden könnte. (Zustimmung rechts. Rufe links: ,.Schwinde!! ’S hätten Sic in Berlin sagen sollen!“) Was ich rute hier sage, wird man auch in Berlin erihren. In den Fachschulen ist der Numerus'clausus nicht r:eführt. obwohl diese Schulen von der jüdischen Jugend ark be5u־ht werden. Das Kabinett Bcthlcn hat den Numerus '.usus niemals als endgültig, sondern nur als eine Ueber« ingsmaßnahmc angesehen. Der Völkerbund wollte den ’ nsolldicrutigpproz.eß, der in Ungarn zweifellos vorwärts;!זי, nicht zum Stillstand bringen durch Verfügungen, die ■: einer Explosion führen können. •] Man verschweigt, daß der Numerus clausus nach der ■j'׳trdiktatur und als Folge derselben dngeführt worden ist. 4!־!nahe alle Führer und Exekutivorgane der• Rätediktatur j'krut:crtcn sich aus den Reihen des cingcwaudcrtcn galijisehen Judentums, das sich in der erst-n und in der *■veiten Generation uns seelisch nicht assimilieren konnte, fufc: ..Das ist Demagogie, Herr Minister!“) Der zweite jPychoIogischc Gnmd liegt in der katastrophalen Lage der *•־?arischen Mittelklasse. Diese Mittelklasse würde zur Ver- | aiflung getrieben werden, wenn sic sehen müßte, daß sic furch die bemittelte Judenschaft niederge- : .־tlzt wird. Ich wanic alle, die mit mir ehrlich wollen, j 1וי es keinen Antisemitismus in diesem Lande gebe, j'vse Frage in den Vordergrund zu stellen, denn das ist eben |ר Frage, die aus der christlichen Mittelklasse den Zorn der l'cr/weitlung auslöst. Die ungarische Nation wird den Korn- |1.־־nism;1s nie vergessen. Wird aber die Frage des Numerus | 1־rns ln r.g־'״crs*vcr Weise auf der Ta^esc-dmin״ gehalten ,־> sb'-rt die Opposition bloß den Prozeß, der Versöhnung und ׳ ג:tscht eine neue antisemitische Welle auf. (Abg. Sanüor lat: ״Sie aber sind der intellektuelle UrheDer der \ 11 ה s e m 11 i s c h c n Welle!“) Sobald unsere gcscllschaft-!חסו Verhältnisse sich soweit gebessert haben we'd'n, daß j■■זי: sagen kann, der Prozeß der Gesundung werde nicht;־d1r gestört werden, und die Gelegenheit ohne ernste Er- ■! Fütterung ergriffen werden kann, dann werden wir den l'unicrus clausus abändern. j Diese Rede des Kultusministers rief aut der Seite der fochten Jubel, auf den Ränken der Demokratie Bestürzung -sprvor. Man ersah aus dieser Rede, daß die Regierung gar die Absicht hat, ihr Genfer Versprechen zu erfüllen yd den Numerus clausus in absehbarer Zrit ahzuändcrn. U: Interpellant Abg. Pever erklärte, daß er die Antwort des i d'tors nicht zur Kenntnis nehme. | Bei der folgenden Abstimmung wurde Klebclsbcrgs Anii'־rt zur Kenntnis genommen, wobei ein Teil der Einheitspartei :ר Saal verließ. Die im Saal gebliebenen Mitg!ied־T der : lacltspartci stimmten mit ״Ta“, ebenso die Christlichnatlo-;de Wirischaftspartci und die christliche. Opposition. Mit '.'ein*‘ stimmten die Sozialdemokraten, die Mitglieder des;'"lofcrat'schcn Verbandes und einige Parteilose. ׳• Budapest,! 8. Dezember. (J. T. A.) Auch die Sitzung f* ungarischen Nationalversammlung vom 17. Dezember war י der Debatte über den Numerus clausus ganz erfüllt.; erster Redner sprach Abg. Paul Sandor ^liberaler -0), der ausführte, Graf Klebclsbcrg hat die Nationalvcr-;'ytnlung irregeführt, als er behauptete, daß an der Universität diac verdienter Männer aufgenommen werden. Sonst hätte ';ה den Sohn des im Kriege erblindeten Isidor Sold und des ,ר den Kommunisten ermordeten, verdienten Bürgers Ignatz aufnelimcn müssen. Vieles andere, was der Unterrichts- '!hter gesagt hat, widerspricht direkt den Tat- :‘h c n. Graf Klebclsbcrg kam wie ein Sieger aus Genf r;":ck. Warum aber hat er gesiegt? Warum hat der Völkerödsrat in der Numerus clausus-Fragc nicht gegen die :•?icrung׳entschieden? Weil ihm die Juden ein Dokument die Hand gegeben hatten, in dem sic sich dagegen ver- -ären, daß die Lösung der Frage von außen her dem rde nufpezwungen werde. Wir haben dies getan, um das fcs t i g c d c s Landes zu wahren,!eh bin überzeugt, der Herr Ministerpräsident Graf Bcthlcn die Anrirht D Grafen KIcbelsbcrg, daß der Numerus clausus aufrecht?; •«hon bleiben muß, nicht teilt. Warum aber spricht der irfr Ministerpräsident nicht selber? Ich protestiere auch von rscr Stelle aus dagegen, daß die Numerus clausus-Fragc i ז־‘־ außen her gelöst werde. Sic muß durch die ungarische T^Hscluft gelost werde«. Wenn Graf Klebclsbcrg diese Angelegenheit mit dem Bolschewismus vermengt, um einen wohlfeilen Applaus zu ernten, so ist dies eine Frivolität, die in der Geschichte des Parlamentarismus beispiellos dasicht. Mußten die Juden unter dem Druck des Bolschewismus nicht ebenso leiden, wie jeder andere in diesem Lande? Als wir Juden uns dem Bolschewismus entgcgcnstcllten, da saß Graf Klebclsbcrg im Ausland und beobachtete die Dinge aus seinem bequemen Hotelzimmer. Wir Juden kämpfen gegen den Numerus clausus, weil wir den gelben Fleck endlich los werden wollen. Der nächste Redner, Sozialdemokrat Rupert, führte aus, die Juden seien naiv, wenn sie glauben, daß Graf Bcthlcn die Ansichten Graf Klebclsbcrgs nicht teilt. Graf Bcthlcn ist nur geschickter. Ein Minister sollte doch wissen, daß das Schicksal unserer ungarischen Stammesbrüder in den Nachfolgestaaten von der Auslegung abhängig ist. die das Prinzip der Rechtsgleichheit in Europa findet. Was Graf KIchclsbcrg gestern durch seine Rede begangen hat, war Verrat am ungarisch cn Volke, Die serbische, die rumänische und die tschechoslowakische Regierung werden aus dieser Rede neue Argumente schöpfen, wenn cs sich darum handeln v׳ird, die Unterdrückung der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten zu entschuldigen. Abg. Vas/onyi (Nationaklcmokrnt) führte aus, der Genfer Beschluß habe den Grafen Klebclsbcrg ermutigt, sich endgültig rassenschützlcrisch zu gebärden. Nicht einmal eine leise Hofinung, daß der Numerus clausus in absehbarer Zeit abgeändert werde, läßt er offen. Der einmütige Beifall der Rasscnschützlcr ist die gravierendste Anklage gegen ihn. Wir fordern von der Regierung Antwort: Was sind wir Juden eigentlich in Ungarn? Eine Nationalität, eine Rasse oder Ungarn jüdischer Konfession? Die Rede des MimsicrprSsIucnien Ministerpräsident Graf Bet hlen führte aus, in. der Fracre des Numerus dnurus befolge die Rccicrung ihre eigene Politik. Es liegt nicht im Interesse der Nation, ewig und immer in diesen Wunden zu wühlen. Was die Frage betrifft, ob die Judcnschnft eine Rasse Ist oder nicht, ist mrinr Antwort die folgende: Das Gesetz vom Numerus clausus hat die Judenschaft zu ־einer Rasse bzw. Nationalität deklariert. Darüber" kann kein' Zweifel' obwalten. Das freilich bedeutet nicht, als wäre ־das der Standpunkt der Regierung. Cie Juden, die sich mit dem •Ungartum identifizicrcn, halte ich für Ungarn jüdischer Konfession und nicht für eine besondere Rasse. Dagegen muß ich erklären, daß cs in diesem Lande auch solche Juden gibt, die sich selber zu einer Rasse deklarieren, und zwar dadurch, daß sic sich mit den Interessen der Nation nicht identifizieren. Abg. F a b i a 11 (Nationaklemokrat) bemerkte, als die Bolschewi.stcn Gcgcnrcvolutionärc bängten und erschossen, geschah dies nicht nach dem Numerus clausus. 320 Personen wurden hingerichtct, unter diesen •17 Juden, also beinahe l-D/o, während an den Universitäten die Juden nur im Verhältnis von 5 zu 1000 aufgenommen werden. In Szolnok wurde gegen die Bolschewiken eine weiße Garde aufgcstcllt, sie bestand aus 300 Mann, wovon 200 Juden waren. Währe־d Graf Klebclsbcrg im Auslände weilte, saßen die jüdischen Parlamentarier zusammen mit den rhristH’hcn im Kerker. So steht es um die Behauptungen Graf Klebclsbcrgs von der Rolle der Juden im Bolschewismus. Die Ausführungen des Mini!0 pr.:i־׳idc!1t Graf Bethkm haben verblüfft. Wie •-־oll man fcststcllen können, welche Juden eine Rasse und welche bloß eine Konfession bilden? Budapest, 20. Dezember. (J. T.A.) Die Verhandlung des Dudgetproviscriums erfuhr in der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung ein jähes Ende. Der Rasscnschützlcr Lehncr-Lendvai beschränkte sich nur auf die kurzgefaßte Erklärung, daß er, da ihn der Verlauf der Debatte darüber beruhigt hatte, daß die A u f r e c 111 c r h n 11 u n g des Numerus clausus gesichert sei, auf seine geplanten Ausführungen verzichte. Es folgte nun die Abstimmung, wobei das Budgetprovisorium im allgemeinen angenommen . wurde. i Die Vertreter der antisemitischen Hochsriiuljugcnd sind am SonnabendmiFa״ unter Führung Dr. Tibor Vce'rs bei dem Kultusminister Grafen Kuno Klebclsbcrg erschienen, um ihrep Dank für den Schutz zum Ausdruck zu bringen, den der Minister dem Gesetz über den Numerus clausus in Genf und in der Nationalversammlung angedeihen ließ. Julius Gßmbös droht, Budapest, IS. L>czcmbcr. (J.T. A.) Bei einem Partei- Bankett der Rassenschützlcr hielt der Antisemit Julius Gömbös die folgende Ansprache: ״Ich rate der ungarischen Judenheit, nicht weiter an dem Numerus clausus zu mäkeln. Denn tun sic cs, so werden wir die Errichtung von Beschattgungskataslorn und die Ausdehnung des Numerus clausus auf alle Berufs zweite fordern. Ich mache die Juden aufmerksam, daß wofern •die Regierung das Gesetz nbämlcrt, oder mildert, mehr kein einziger Jude die ungarischen Universitaten besuchen wird.“ Budapest, 18. Dezember. (J. T. A.) Kultusminister Graf Klebclsbcrg hat vom Abg. Paul Sandor wegen der, in dessen Rede enthaltenden beleidigenden Ausdrücken durch die Abgeordneten Kallay und Almassy Aufklärung verlangen lassen. Die midiste Nummer der Jüdischen Rundschau erscheint wegen der Feiertage Mittwoch, den 30• d• Mts• Rundschau Stcfgcrprozdfj und Judenfragc - Die Debatte In Budapest — Antisemitismus und jüdisches VolRshim - Die Voraussetzung zionistischer Arbeit RW. Berlin, 21. Dezember. Der Ausgang des Stcigcrprozcsscs hat es möglich gemacht, über diesen Fall ein offenes Wort zu sprechen. Wir können den Freispruch Steigers nicht als einen Sieg des Judentums anschcn, und so sehr auch der Jubel in den jüdischen Gassen Polens menschlich verständlich ist, da ein Unschuldiger vor dem grausamsten Geschicke bewahrt blieb, so sehr glauben wir dennoch, daß, was die Folgerungen für die jüdische Allgemeinheit betrifft, durch den Freispruch nicht viel geändert wurde. Ob ein Angeklagter schuldig ist oJer nicht, ist eine Frage des Rechtes, das keine Nationen kennen darf. Es ist eine bedenkliche Sache, wenn während eines Prozesses in stärkster Leidenschaft von der öffentlichen Meinung für und gegen Stellung genommen wird. Wir würden uns gewiß dessen enthalten haben, wenn hier nicht etwas geschehen wäre, das einzig ist in seiner Art und nur aus der völlig abnormalen Stellung des Judentums verstanden werden kann. Der Vergleich mit verschiedenen Ritualmordprozessen stimmt nicht, weil dort wirklich in völlig mittelalterlichem Sinne die jüdische Religion als solche angcklagt war. Dagegen hat der S*.cigcr-Pr07.cß mit der Dreyfus-Affäre, mit der er oft verglichen wurde, wirkliche Achnlichkcit: in beiden Fällen wurde, wo die Beweise nicht ausreichten, das Judentum des Angcklagten gewissermaßen subsidiär zur Ausfühung der Lücke herauge/ogen. Da er Jude war, sollte seine Schuld plausibcl erscheinen. Das Mittel wirkt unfehlbar, zumindest auf die Masse. So entsteht bald eine Wechselwirkung zwischen den Drahtziehern des Prozesses, die den Antisemitismus zur Unterstützung ihrer Anklage brauchen, und der Masse, die den Angeklagten zur Unterstützung ihres Antisemitismus braucht. Diese hemmungslose, durch kein Mittel der Vernunft erklärbare Psychose war cs, die einst Theodor Hcrzl beim Hören des bestialisch-fanatischen ״ä bas les juitY*' in einer Stunde heiligen Schaucrns das Wesen der Judenbave offenharte. Auch der Steiger-Prozeß ist in höchstem Maße eine Illustration für das Wesen der Judcnfragc. ln seinem Lichte sehen wir unsere Position, die überall nur in labilem Gleichgewicht ist, überall plötzlich ins Wanken geraten kann. Wenn cs möglich Ist, daß Völker derart in Raserei verfallen, daß sic unbekümmert um Recht und Unrecht nach dem Blut des Juden lechzen, wenn cs möglich ist, daß weite Massen trotz aller Widersinnigkett sogar wirklich an die Schuld des Juden glauben, nur weil er Jude Ist, dann zeigt uns das mit erschreckender Deutlichkeit, daß die heutige Art des Zu• sammcnlcbcns von Juden und Nichtjuden eine Krankheit der Gesellschaft erzeugt, die die furchtbarsten Verheerungen auf beiden Selten anrichtcn muß. Daher gibt cs, wie schon Pinsker, der Arzt, gewußt!tat, nur einen Weg zur Heilung dieser Krankheit: die Beseitigung des Unheimlichen und Gespcnstischcn in der materiellen Existenz des jüdischen Volkes durch Schaffung eines gesunden, aller Welt sichtbaren jüdisehen nationalen Zentrums. Nicht der Ausgang des Steiger- Prozesses, sondern sein zweimonatlicher Verlauf und seine Vorgeschichte, die Stimmung, die er schuf und die er uns enthüllte, sind für uns vom allgemeinen Gesichtspunkt von Wichtigkeit. Er ist eine jener Erscheinungen des Galuthl.־’bcns, die uns blitzartig die Lage erleuchten, uns in der Erkenntnis hundertmal weiterbringen als viele theoretische Diskussionen und die den Effekt haben müßten, unsern jüdischen B*• frciungswillcn unerschütterlich zu machen. Ein anderes ähnlich wirkendes Erlebnis ist die jüngste Debatte im ungarischen Parlament über den Numerus clausus. Ungarn ist in bezug auf die Judenfrage von besonderem Reiz, weil es geradezu als Schuibcisniel betrachtet werden kann. Aus dem gepriesenen Fudenparadias, wo cs keinen Antisemitiemus gab, aus dem klassischen Land des Liberalismus ist innerhalb weniger Jahre das reaktionärste Land geworden, welches in bezug auf judcnfcindlichc Ausnahmcgcsetz.gcbung die Erbschaft Zarcn-Rußlands angetreten hat. Wir haben schon unlängst die merkwürdige Haltung des Völkerbundsrates charakterisiert, der zwar, an dem Grundsatz der Menschenrechte fcsthaltcnd, den ungarischen Numerus clausus als ungesetzlich bezeichnet, aber diesem Urteil keine Sanktionen beigegeben hat. Vielleicht hat der Graf Klebclsbcrg sogar inoffiziell beruhigende Zusicherungen erhalten, denn sonst wäre cs kaum vcrsländ’ich, daß er, aus Genf zurückgekehrt, eine derartige Sprache zu führen wagt, von einer Tribüne, die in der ganzen Welt ihre Resonanz haben kann. Seine Rede war eine antisemitische Hetzrede ersten Ranges. Der Kampf gegen die jüdische Minderheit ist geradezu das Zentrum des Regierungsprograrnms geworden. Interessant war aber diese!Debatte nicht nur wegen der Reden unserer Feinde, sondern auch wegen mancher Reden von Juden, die wir als echte Galuthblüten empfinden. Zwar haben mehrere Juden mutig und energisch gegen die Entrechtung der Juden gekämpft, aber sic meinten dies stefs damit erkaufen zu müssen, daß sic versicherten, nur ״Ungarn mosaischer Konfession“ zu «ein. Der Ministerpräsident Bcthlcn erklärte darauf, daß nach dem Gesetze die Juden in Ungarn eine Nationalität sind. Ein etwas paradoxer Tatbestand, daß eine Nation.11it.1t geschaffen wird, zu der sich ihre Anhänger nicht bekennen wollen.• Niemanden von den Rednern kam - in den Sinn,