Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1925-11-24 · Heft 92 (24.11.1925) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 92 (24.11.1925)
Date
1925-11-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652691-2652776--17863-2691949
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

f 7a r~u r~!״ f>Mj / ן! I uj L..i3V.V3 ־e ץי־־־־־ף :IQV. ZI) Einzelnummer 0,25 Goldmark "7'v r A ח־יד׳^ןח! 1f\״l על! ׳i\j ij=i׳ M L-3 j^^gTTfPOmC I ■ ■1t^'n'1'1m».l«'1r 111.1W.11W 1 .J.,V,.«'7t,..r, —^■<n'!«■1r .111 1n.-»..-~rV.1 Redaktion und Verlaß W 15, McinckcstraOc 10. Erscheint j t(jen Dienstaß und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition!!goon^üch 1,85 Goldro&rk, Vierteljährlich 5,25 Goldmark. j i1,־»nd*»bono*m•01* w*rd«n ם׳ der Wihruni! der einzelnen Linder berechnet i;s־sSß» Nummer 92 I Berlin, 24. XL 1925 Anzeigen -V erwaltung Jüdische Rundschau G-m.b.H,, BcrlinWlS, Mcinekcslr.lO Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeij!cnprcUsS£«<p«lLNonpnrcillezeüc0,50 G.-M. Stcllen^eiuche 0,2 5G.-W. A&xolgenidilaBi Dlaoatag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismark 7165 — 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Fflr OciUrrcieh: Poit.iparUacicnamt Wien, Konto Nr. lV.OJO. Für Tichechoalowehei! roiUparkaiscnamt Prag, Konto Nr. '0 410. Hlr Polen: Pontiparkaiienainl Wariclmu, Konto Nr. 1708 0ל. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ז' כסלו׳ חרפ״ו XXX. Jahrs. I3sr Zlonlumus erstrebt fQr das JBdlscho Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.* < \ i if psvcnei In London - Die MsssaUrage - Der üsSMiässi ln dar KMnäeniaM i RW., Berlin, 22. November. I Ei ist begreiflich, daß Jouvcncl den Wunsch hatte, vor ן -er Abreise nach Syrien mit England Fühlung zu nehmen. ה1ן|ו die Vorgänge in Syrien hatten zunächst nicht den :!ckt, dic englisch-französischen Beziehungen besser zu gefalten, oder, besser gesagt, sic enthüllten auch dem minder 1 ::-^weihten die zwischen den beiden Mächten in diesem i׳(ii der Welt bestehende Spannung. Die Haltung des eng- ■•.c;1cn Konsuls in Damaskus hat die Franzosen äußerst ver- ' ״,mt und die Berichte englischer Blätter über das Bornj-:!dement sowie über die ganze Lage in Syrien zeugten L.ch nicht von allzu intimer Bundcsgcnosscnschaft. Es wird ].;ה offiziös mitgctcilt, daß Jouvcncls Londoner Besuch den ]>;01״ hatte, Mißverständnisse zu beseitigen und eine enge! ra nzösisch-cnglischc Zusammenarbeit im Vor-!;׳reu Orient anzubahnen. Es bleibt abzuwarten, in welcher i;׳eise sich diese Zusammenarbeit auswirken wird. Jouvcncls ’;־sichten sind nicht bekannt, doch heißt cs, er wolle zu- ]•;:hst den Aufstand nicdcrschlagen und dann Syrien eine;::,r weitgehende Autonomie geben. Es sollen sogar schon rrifdcnsvcrhandlungcn eingclcitct worden sein, doch ist cs _ Sdfclliaft, ob in diesem Stadium die Drusen sehr friedens- כ •reit sein werden. Momentan scheint das Kriegsglück ihnen!;;h günstig zu sein, und auch in dem Palästina bc- ]•;:hbarten Libanongebict dringen sic unaufhaltsam vor. Nach } ־:er Meldung bedrohen sic sogar schon Beirut. Die Nord- <. :\n/e Palästina«: ist von Flüchtlingen, besonders Christen, " ■!•!schwemmt. Wir nehmen an, daß die Flüchtlinge auch I •;den Juden Hilfe finden, denn wir Juden kennen das Los ׳! i n Flüchtlingen, ln der Nähe von Rosch Pinah, Tiberias ’־d Safcd sollen bereits Flüchtlingslager sein. Die Regierung - '־•;: Nordpalästina unter Ausnahmezustand gestellt und die - j •renze befestigt, um ein Vordringen auch nur von abgc-;;::engten Banden zu verhüten. Die aufständischen Syrer; i den auch mit dem Sultan Ibn Saud von Ncjd in Füh- II •-z getreten sein. Die Wahabiten haben inzwischen auch r rcina besetzt und fühlen sich so sehr als die werdende :.־nacht Arabiens, daß sic den englischen Wünschen gegen- ■:r sehr spröde sind. Sir Gilbert Clayton, der jetzt aus : :והי׳ Nejd zurückgckchrt ist, konnte mit Ihn Saud zu keiner;!Xung kommen. Es heißt, daß vor allem die Frage der! ־::rnzen• zwischen Ncjd und Transjordanien nicht befriedigend 1;״:löst wurde, weil Ibn Saud darauf bestand,' eine direkte i '!‘־renze mit Syrien zu haben, was Clayton nicht konzedieren >. i'־ntc. Es scheinen aber noch andere Mcimmgsvcrschicdcn- ־ i ::cn vorhanden zu sein, besonders in Bezug auf die Bei :-tilung des Haschimitcnhauscs. Gerade in diesen Tagen 1 Baldwin einen Brief an König Hussein veröffentlicht, jj;־ dem er auf die Feststellung- Wert legt, daß England I; ••sein nicht nach Cypern verbannt, sondern ihn auf seinen j:;־-nsch in Schutz genommen habe; England hält an der E ־:■״'Chimitendynastic fest. Dieses Verhältnis wird allerdings j;׳-“rschcinlich auch beeinflußt werden durch die Entwicki ד der Dinge in Mesopotamien, wo heute Husseins Sohn ]; :ul herrscht. Zwar sagt die Reuter-Meldung, daß die [ 'icrenzen zwischen Irak und Ncjd anläßlich der Clayton-, 'חסוי bereinigt wurden, doch hängt über Irak das Da- ' 1 «ics-Schwcrt der Moss u I f ra g c, die nach den neu- J, , ה Meldungen bereits in der Dezember-Sitzung des Völker- ” . Grates entschieden werden soll. Der Internationale Ge- - •Jshof im Haag hat sein Urteil dahin abgegeben, daß der 13:; serhundrat zur endgültigen Entscheidung kompetent ist, -jedoch hierzu Einstimmigkeit erforderlich ist, wobei Eng- ■in Stimme nicht mitzählt, da cs Partei ist. Die Türkei ״ '•'arrt darauf, sich keiner Entscheidung, die gegen sic fällt, m > ׳usCn. Da nach Pressemeldungen Chambcrlain und Amery ־־ : Jouvcncl auch über das Verhältnis zur Türkei gesprochen i >ה■ und sich angeblich im Sinne einer türkcnfrcundlichcn geeinigt liabcn, ist anzunchmcn, daß auch über Mossul T“׳ochcn wurde. In dieser Frage wird ja die Haltung •-׳errichs im Völkerbundrat von größter Bedeutung sein.; •'‘sehen hat Amerika — dessen Vertrauen offenbar er- ׳ j!krt war — sein Interesse an dem Mossul-Petrolcum liqui-;X die amerikanischen Aktien sind in englische Hände über- ח»2:זגל, umso größer ist jetzt Englands Interesse. Die Frage . ׳ob die Petroleum-Magnaten die ausschlaggebende Stimme '..^r englischen Politik haben werden. Nach wie vor ist ״rc Meinung die, daß England nicht riskieren wird, cs ־ •]Kriege mit der Türkei kommen zu lassen und sich selbst JVient-Wirren zu verstricken, vor denen das französische M schreckt. Die öffentliche Meinung Englands hat sich lilCscr Beziehung so fcstgclcgt, daß eine Wandlung schwer;'^riehen ist Geht aber Mossul für England verloren, rr< entsteht wieder die Frage, ob England das weso- :fische Mandat behalten wird. Ein Teil der rechtsstchcnkonservativen Presse Englands führt heute schon eine - .׳'^Pagne für Räumung Mesopotamiens. ״Daily Express“ ־? trt Baldwin an seine Erklärung, daß Alcsopotamicn bis י Rfräumt sein wird und wendet ־ sich gegen die jetzige; ■^nkrnde Haltung des Premierministers, der sich mit Rückauf Jic schwebenden Verhandlungen des Völkerbundes 1 äußern will. Sollte aber das Mandat für Irak wirklich Jahre begrenzt werden, und auch Syrien eine Ver- '®S erhalten, dann ist das Problem des Mandats- 1«ms in ein neues Stadium gelangt Mehr als je ist .^tc Sache unserer politischen Propaganda, der• Welt w .^u machen, daß Palästina nicht nach der Schablone der :' Senden Länder beurteilt werden - kann, sondern einen Sondcrfall darstclltj wo ein Projekt von großer internationaler Bedeutung durchzuführen ist Wir Juden haben Verständnis für die nationalen Bewegungen der Völker des Vorderen Orients. Diese Völker .werden mit der Zeit ihre völlige Selbständigkeit erlangen, und wir wollen in ihrer Nachbarschalt und mit ihnen gemeinsam an der Entwicklung dieses Teiles der Welt mitarbeiten. Die Lösung der Judenfrage in Palästina ist aber ein elementares Bedürfnis der Welt. Auch die arabische Welt wird die Juden als posilivcn Faktor anerkennen müssen. Das Palästina-Mandat hat eine spezifische Aufgabe zu lösen, die nur unter internationaler Kontrolle lösbar ist * Wir haben bereits gemeldet, daß die Jüdische Partei der Tschechoslowakei bei den Parlarncntswahlcn kein Mandat erlangt hat, obwohl sie hunderttausend Stimmen auf sich vereinigte. Diese Tatsache allein ist bemerkenswert, denn sic wirft ein Licht auf das neue Wahlrecht dieses als demokratisch gerühmten Staates, Aber das Ergebnis selbst ist noch lange nicht so schlimm wie die Geschehnisse, die zu ihm geführt haben. Wer die Schilderungen liest, die z. B. die Prager ״Sclbstwchr“ von den Wahlen in dem von Juden am dichtesten bewohnten Wahlkreis, dem sogenannten Karpathorußland, entwirft, der fragt sich mit Schauern, oh im Europa des 20. Jahrhunderts so etwas überhaupt möglich ist. Die schlimmsten Praktiken der im ehemaligen Oesterreich berüchtigten galizischcn Wahlen werden in den Schatten gestellt durch das, was sich die tschechoslowakische Regierung liier geleistet hat. Die Partei des Ministerpräsidenten, das ist die tschechische Agrarpartei, hatte sich zum Ziele gesetzt, die Wahl jüdischer Allgeordneter zu verhindern. Die obersten Rcgicrungsbeamtcn Karpathorußlands erhielten aus Prag die Instruktion, mit allen Mitteln gegen die jüdische Liste zu kämpfen. Die Mittel, die angewandt wurden, sind geradezu grotesk. Der Gouverneur rief die einflußreichsten Juden zu sich und forderte sic auf, entweder die agrarische Liste (!) oder die einer ad hoc geschaffenen Gcwcrbcpartci zu wählen. Man drohte den Juden mit Ent- Ziehung \on Kon/essium.11, wirtschaftlichem Boykott usw. Die Regierung sicherte sicli die Unterstützung einer Anzahl orthodoxer Rabbiner, stattete sic reichlich mit Geld aus und beauftragte sie, die jüdischen Stimmen zu. zersplittern. Es wird berichtet, daß z. B. in einem Beth' Hamidrasch ein Rabbiner gegen die jüdische Liste predigte, worauf. ein Gendarm (!) aufstand und die Erklärung abgab, der Rahbincr habe den Willen der Regierung, zum Ausdruck gebracht. Die Regierung förderte die sogenannte ״Jüdische Wirtschaftspariei׳‘, eine orthodoxe Gruppe, die nicht die geringsten Aussichten hatte. Die Jüdische Partei verhandelte mit dieser Gruppe wegen Einigung, worauf der Vi/egouverncur selbst die Orthodoxen kommen ließ und ihnen die Einigung verbot. Als die Orthodoxen dann immer wieder neue Forderungen ־stellten, die zu erfüllen fast unmöglich war, erklärte der Vertreter der ,.Jüdischen Partei“, alle Forderungen in Bausch und Bogen anzunchmcn. Daraufhin erklärten die Wirtschaftspartcilcr die Verhandlungen für — gescheitert. Man setzte den ganzen mittelalterlichen Apparat in Bewegung, um durch grausige Flüche und naiinsprüche von Rabbinern die Juden zur Wahl entweder der Jüdischen Wirtschaft- Partei oder der antisemitischen tschechischen Nationaldemokraten zu veranlassen. Die Gesamtzahl der in Karpathorußland für die beiden jüdischen Parteien abgegebenen Stimmen betrug über 30 000, so daß bei einheitlichem Vorgehen den Juden fünf Mandate im Parlament sicher gewesen waren. Die Sache hat einen außenpolitischen und innerpolitischen Aspekt. Außenpolitisch gesehen ist es für uns eine bittere Enttäuschung und schmerzliche Erfahrung, daß wir die Regierung der tschechoslowakischen Republik, au deren Spitze ein Mann wie Prof. Masnryk steht, auf Wegen sehen, die eines Kulturvolkes unwürdig sind. Die Tschechoslowakei hat sich bei den Juden der ganzen Welt seit ihrer Entstehung einer außerordentlichen Sympathie erfreut, wohl vor allem infolge der Verehrung für ihren ersten Präsidenten. Die Berichte über den letzten Wahlkampf werden das Urteil über die Freihcitlichkcit dieses Staates erheblich beeinflussen. Wichtiger jedoch für das Gesamtjudeutum ist die inncrpolitische Erfahrung; die Tatsache, daß sich Juden wieder in schamlosester Weise zu Verrätern hcrgcgcbcn haben, daß orthodoxe Juden und Rabbiner teils aus Unwissenheit und politischer Unerfahrenheit, teils jedoch aus den häßlichsten Motiven, die wir nicht näher charakterisieren wollen, die große Judenheit ihres Staates zu entrechten mitgcholfcn haben. Hier wird die jüdische Religion in der schändlichsten Welse mißbraucht. Es wird notwendig sein, sich diese Erfahrung aus einem Lande, wo die Orthodoxie mächtig ist, zu merken. Wir hoffen, daß die Folgen dieses Mcistcrstrcichcs der Schwarzkünstler auch der verblendeten Bevölkerung die Augen darüber öffnen werden, von wem sic sich bisher führen ließ. i)r. Welzmssa bei Jouvcncl Paris, 19. November. (J.T. A.) Der neue Oberkommissar für Syrien, Senator de Jou ven cl, hatte in Paris eine längere Unterredung mit Dr. Chaim Weizmann. Der Unterredung wohnten bei, der Führer der französischen Sozialisten, Deputierter Leon Blum, der bekanntlich ein warmer Anhänger der Idee des Palästina-Aufbaus durch Juden ist, sowie der Minister de Monzie, Unverlierbarer Zionismus Es ist noch gar nicht so übermäßig lange her, daß wir, junge Studenten, für Judas Ehre zu sterben entschlossen waren. Und ich glaube sogar, daß in diesen empfänglichen Jahren der Hingabe und der Opferbereit- Schaft so mancher die Probe aufs Excmpcl bestanden hätte. Aber der Tod wurde nicht verlangt, sondern das Leben und dies Leben schritt weiter: wir wurden reifer und erfahrener d. h. dümmer und stumpfer. Und wenn wir uns heute Umsehen nach den Weggenossen, so sehen wir, daß wenige mir geblieben sind. Wo sind die anderen? Weib und Kinder an der Hand freuJn sic sich des Lebens. Dem Verdienst um ihr Volk haben sie jenen vorgezogen, der noch für die kärglichsten Lebensfreuden leider die Voraussetzung bildet. Vielleicht haben sic ihn «auch gar nicht vorgezogen, sondern: cs ist halt so gekommen. Da ist der Beruf und die Familie, und dann ist man abends so müde. Und gelegentlich erlebt man wieder so etwas wie einen seelischen Aufschwung und nimmt sich vor, daß cs nun ganz bestimmt anders werden müsse, von morgen an. Aber morgen geht wieder das Telephon, was gestern war, ist vergessen. Und der •wahre Mensch, der Mensch der Jugend, macht sich immer seltener bemerkbar. Und schließlich, man weiß nicht wie, man gesteht es sich auch nicht ein, hat man genau die Lebenshaltung erreicht, gegen die inan vor Jahren als ein. Revolutionär 7.u Felde zog. Es ist ein Jammer. Viele machen dafür den Zionismus verantwortlich. Aber sie verwechseln dabei Zionismus und Partei. Oewiß, die Partei hat uns nichts zu geben; wir müssen ihr geben.• Sic verlangt Gehl, sic verlangt Propaganda; sic verlangt dauernd Bewegung aus einem Motor, den sic nicht speist. An dieser Tatsache richten sich die Gebeugten auf, wenn Katzenjammer sie zu befallen droht: es sei nichts mehr mit dem Zionismus, er sei zum Betrieb entartet und aus dem seelischen Erlebnis sei eine technisch-organisatorische Angelegenheit geworden. Aber die Partei ist nie etwas anderes gewesen; auch sie wird aus tieferen Quellen genährt. Und an ihrer Oberfläche kann sich nicht Erfrischung holen, in wem selbst diese Quellen versiegt sind. Sind sie versiegt? Oder haben sic überhaupt niemals breit und reich genug gesprudelt? Ich glaube, daß der Zionismus der Jugend, der Zionismus jener seligen Jahre, ii! dem jemand schon ein ganz trauriges Gewächs sein muß, um nicht für Schönheit und Größe einer Idee empfänglich zu sein — ich glaube, daß dieser Zionismus nur da von Bestand sein kann, wo er nicht nur einen Bezirk der Seele, sondern wo er den ganzen Menschen umfängt. Das hat nichts mit der Aktivität des Handelns, sondern nur mit der Intensität des Seins zu tun. Zionismus ist nicht Verengung auf ein Problem: er ist die breite Basis, von dem aus, ohne die Gefahren des Sicliveiiicrcns, alles Menschliche erfaßt werden kann. Er gibt uns die Blickrichtung, daß wir uns nicht im Kreise drehen; aber er setzt uns keine Scheuklappen, daß wir nicht sehen, was links und rechts ist. Zionismus — und nun komme ich doch um das Wort nicht herum — ist Weltanschauung. Die ist unverlierbar, sie erweitert und vertieft sich mit jedem Schritt, den wir denkend im Leben tun. Oder deutscher: der Zionismus ist ein Versuch zur Lösung der Judenfrage, aber das ist nicht nur ein politisches Problem, sondern eine Frage, die alles in sich schließt, was dem Menschen überhaupt als Aufgabe gesetzt ist; alle Fragen des Gcmciuschattslebe ns zwischen den Völkern und innerhalb des Volkes; die großen Fragen des Einzellebcns in religiöser und sittheher Beziehung. Jeden wird Anlage und Neigung auf sein besonderes Gebiet werten, aber wohin cs ihn auch werfen mag — überall muß er mit dem Zionismus zusammenstoßen. Und überall wird er mit ihm zusammenstoßen, wenn er beherrschende Grundtendenz seines Wesens geworden ist. Daß er für viele statt dessen ein Problem unter Problemen darstellt, scheint nur der letzte Grund späteren Versagens zu sein. Denn plötzlich öffnet sich der enge Kreis, das Leben bringt neue Dinge und lächelnd steht man vor einer Ausschließlichkeit, die man lange Zeit dieser einen Frage zugewandt hat, und versteht sich selbst nicht mehr ganz. ״Zionismus als Weltanschauung“ heißt ein Buch von Max Brod und Felix Wcltsch, das im Verlag Färber (M. Ostrau) kürzlich erschienen ist. Es ist leider nur eine Sammlung von Aufsätzen, die aus verschiedenen Anlässen, zu verschiedenen Zeiten entstanden sind und ungleichen Wert haben; cs sind vielleicht auch einige Aufsätze aufgenommen, die nur sehr mittelbar in diesen Zusammenhang gehören. Oder richtiger: was läßt sich eigentlich nicht in diesen Rahmen bringen, wenn cs von Schriftstellern kommt, die gar nicht anders können, als noch zu peripheren Fragen aus ihrem menschlichen d. h, zionistischen Zentrum Stellung zu nehmen. Schließlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.