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Jüdische Rundschau · 1925-10-30 · Heft 85 (30.10.1925) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 85 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
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Language
German
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Zionismus erstrebt för des JQdlsche Volk dla SchcfJüztg einer CfJentlich«re:ht’!ch sc3״e£״״ar!en Kcüswstüite In Pa!5:tsaa, ״Cs:cief ProQra^ra.« 4 \ Eigener Drahtbericht, 1 n:f Mandatskommission des Völkerbundes begann am ' ־!ktobcr nachmittags mit der Behandlung des b r i t i -;;.jn Mandats in Palästina und Transjordanien, .-je zunächst der britische Unterstaatssekretär für die!..:ca, Mr. Ormsby-Gorc, vernommen, der auf Be- >, jer Mitglieder der Mandatskommission einen ausführ- , Bericht über die britische Verwaltung in Palästina gab. jrklärfc, daß das administrative Personal proportioncll ־. verschiedenen Elementen der Bevölkerung entnomist •; y,r, Ormsby-Gorc äußerte sich auf Befragen auch über Qualität der jüdischen Einwanderer. Er ־ . die jüdische Einwanderung bringe der Bevölkerung j3s nur Nutzen. Sic betrug im Jahre 1024 12S58 -,cn bei einer Gesamteinwanderung von 13 553 Per- ־•׳, Die Einwanderer beteiligen sich nicht nur an der :.;arbeit, sondern sic bringen auch Kapital ins Land, ■s der bisherigen Bevölkerung viel Nutzen bringt.; ■;;nwanderung werde kontrolliert, damit sic nicht über ׳;;m Lande vorhandenen Existenzmöglichkeiten hinaus- ׳;. In der Landwirtschaft seien die jüdischen Einwanderer auf Schwierigkeiten gestoßen, da sie sich in dieser -ntigung nicht ausgekannt hauen. Sic hätten sich jedoch;:׳je Landwirtschaft rasch cingelcbt und er- ::ה jetzt befriedigende Ergebnisse. * ■;uenf, 28. Oktober. (Eigenes Telegramm.) Die Manommission setzte ihre Verhandlungen über Palästina 1״'.־g fort. Sic befaßte sich hauptsächlich mit der im der aschkenasischcn Gemeinde und mit den von Zionistischen Organisation vorgelegfcn Denkschriften. Resultat ist noch nicht bekannt, doch verlautet, daß : k'oamission den offiziellen Entwurf der Gcmcindcordnung;:heißen hat mit dem Bemerken, daß sic bezüglich der :hita eine Regelung empfiehlt, die jeder Gemeinde! Freiheit gewährleistet. Die Forderungen der Zionisti- ד Organisation auf Erfüllung des Artikels 6 betreffend eng von Staatsländcrcien fanden im allgemeinen sym- ר ׳־׳ Aufnahme. Der arabischen Petition war die Stirn- ־: weniger günstig. Allgemein gelangte die Anschauung / י usdruck, daß die Bestimmungen, des Mandates strikt ״״tiührt' werden sollen. : 1 Der englische Vertreter Ormsby-Gore ist heute ab-', ־^. Die Kommission wird am Mittwoch ihre Beschlüsse deren und wahrscheinlich Mittwoch oder Donnerstag Verhandlungen abschließen¬ Die Mandatskommission beschloß, jährlich drei Sessionen ■halten. ׳Genf. Ueber die Verhandlungen meldet ferner die ־uz. Dep.-Ag.: Die Petition der aschkenasischcn Gemein- ‘״von Jerusalem schildert die Lage, der sich die Ge- ' r'naft zurzeit gcgcnübergcstellt sehe, folgendermaßen: .•>־£ 1iC:J ן"י׳\ר׳/י \—< Wenn auch das vorgesehene Statut noch nicht ratifiziert ist, fühlen wir uns doch in der Organisation unseres Gemeinschafislcbcns behindert. Auch unsere Rechte sind uns beinahe ganz entzogen. Es ist unmöglich weiterhin im Lande zu bleiben (!) und unsere Existenz unseren Prinzipien und unseren religiösen Ucbcrzcugungcn gemäß 7.u führen. Zur Unterstützung dieser Behauptung erbringen die Petenten bestimmte Tatsachen. In ihrer Nachmittagssitzung befaßte sich die Kommission mit den Memoranden der Zionistischen Organisation, die insbesondere die Fragen der Organisation de? Unterrichtswesens und der Ansicdlung von Juden in unbebauten Landstrichen sowie den Domänen des Staates zürn Gegenstand haben. Die Kommission befaßte sich ferner mit dem neuen Gesetz über die palästinensische Staatsbürgerschaft und über die Entwicklung der lokalen Institutionen. Der britische Delegierte erinnerte daran, daß Ende 1924 insgesamt 27 solche lokale Selbstverwaltungen bestanden, davon 23 in arabischen und 4 in jüdischen Dörfern.; Endlich wünschte die Konimission Auskunft über die Verhältnisse in Transjordanien und über die Arbeiter-, gesetzgebung in Palästina im Verhältnis zur industriellen Entwicklung. Im Zusammenhang mit der am 26. Oktober in Genf durch die Mandatskommission begonnene Prüfung des hritischen Palästinamandats arrangierte, der Vertreter der Zionistischcn Organisation in Genf, Herr Dr. Victor Jacobs o h n, die Vorführung des vom Keren Uajessod hcrgcstcllten Films, zu der die Mitglieder der Mandatskommission und das Sekretariat des Völkerbundes geladen waren. Der Film, der die Entwicklung Palästinas als Folge der jüdischen Arbeit und des ־ jüdischen Geldes aufzeigt, fand den Beifall der erschienenen Gäste. Der ״Manchester Guardian“ vom 21. Oktober bespricht die Antwort' der englischen Regierung auf den Fragebogen der permanenten Mandatskommission des Völkerbundes. Mit Anerkennung wurden besonders die Teile hervorgehoben, in denen die Eigenleistungen der Zionistischen .Organisation in Palästina auf kolonisatorischem und kiiifurclirrrt Gebiet fcstgcstcllt werden. ' Dagegen heißt cs weiter: ״Die Frage, welche Maßnahmen getroffen worden sind, um: die Verpflichtung der englischen Regierung’zu‘erfüllen, wird durch' die etwas aus w'c i c h c n d c Antwort Erledigt‘ daß die Regicrung von Palästina auch ׳ weiterhin ‘durch gesetzgeberische,- administrative und fiskalische Maßnahmen-die lokalen .Verhältnisse entwickelt und verbessert hat, mit dem allgemeinen Ziel, gleiche Sicherheit und Bctätigungsmöglichkeit für. alle nationalen Gruppen und für alle Klassen zu schaffen“. Daß die Juden von diesen Möglichkeiten Gebrauch gemacht haben, ist klar genug auf Grund dieser offiziellen Veröffentlichung, aber man kann schwerlich sagen, daß diese Veröffentlichung die in die Tiefe führende und richtunggebende Frage, bcleuchtet, wie die Errichtung des nationalen Heims gesichert werden wird. Der Keren Kajtssod in Deutschland ' ßcr Vorsitzende des Präsidiums des deutschen Hajessod, Herr Direktor Oskar Wassermann, die Mitglieder des Präsidiums zu einer Präsidial- -'s׳ am Sonnabend, den 24. Oktober, geladen. Fast Mitglieder waren erschienen, u. a. die Herren Ge- ••׳־onsul Landau, Dr. Hantke, Rabbiner Dr. Cck, Alfred Lisser (Hamburg), Bankier Willy c}'fus (Frankfurt a. M.), Kurt Blumcnfeld, soder gcschäftsführcndc Leiter des deutschen Keren;od, Alfred Berger. Ferner nahmen die zur Zeit 1’erlin anwesenden Herren Professor Dr. Weizrn. Nahum Sokolow, Dr. Bert hold. Feiwcl, Georg Halpern an der Sitzung teil. Erektor Wassermann übergab den Bericht über . 1111־nahmen und Ausgaben des deutschen Keren Had. Aus dem Bericht ging hervor, daß der Keren *‘xl in Deutschland sich in außerordentlich gün- : Weise entwickelt hat. Seit der Stabilisierung bcsich die Einnahmen in ununterbrochen ,aufsteigen- ,‘nie. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß 1 noch nie ein jüdisches Werk in Deutschland in so ^ordentlicher Weise von der deutschen •Judenheit •stützt worden sei. Aus dem Bericht über die Ver- MÜng der eingegangenen Gelder ging, wie der Vor- ־ eie hervorhob, eindeutig hervor, daß׳ cs ein Irrtum ״tlr von einer neutralen Sammlung, aber nicht von , neutralen Verwendung der Gelder zu sprechen. ‘ 1׳־bricht wurde einstimmig genehmigt. Dr. Weiz- '“י machte alsdann längere Ausführungen über die .“^׳artige Lage in Palästina, sowohl in politischer ‘n wirtschaftlicher Hinsicht. An diese vertraulichen n1e schloß sidi eine ausführliche Debatte.;üch zur Frage der sogen. Krim-Kolonisation Stellung genommen. Man war allgemein der /1^gung, daß die Fragen der Reproduktivierung fischen Judenheit in keiner;Weise mit dem Au*־ bauw'erk in Palästina kollidieren. Der Vorsitzende, Dir. Oscar Wassermann, faßte die Meinung des Präsidiums dahin zusammen, daß ״die Arbeit in Rußland ein Werk für die einzelnen Juden, die Arbeit in Palästina ein Werk für das Judentum sei. Wer für Rußland gibt, hilft anderen, wer für Palästina gibt, hilft sich.“ Das Präsidium beschloß, einen Aufruf an die Mitglieder des Keren Hajessod ru richten, in dem cs zu weiterer tatkräftiger Arbeit für das Palästinawerk und zur zahlreichen Beschickung' der auf Sonnabend, den 17. Januar 102h, anhernumien Landesversamm• lung des deutschen Keren Hajessod auffordert. Es wurde fernerhin einstimmig beschlossen, der Landesvcrsammlung die Entsendung eines deutschen Mitgliedes in das Direktorium des Keren Hajessod in London vorzuschlngen, und zwar Direktor Oscar Wassermann. Beschlüsse des Ar4crULaaisch-Jüdlschea Koufiressfs New York, 23.’ Oktober. (J. T. A.) Der Amerikanischjüdische Kongreß nahm eine Resolution an, in der bedauert wird, daß das Joint Distribution Committee in dem gegenwärtig in der Durchführung begriffenen 15-Millioncn-Dollar- Drive das Palästina werk unberücksichtigt läßt, obwohl in dem Abkommen von Philadelphia auch Palästina erwähnt ist. ln der Resolution wird gefordert, daß das Abkommen von Philadelphia aufrcchtcrhaltcn werden solle und daß die russisch-jüdische Kolonisation nicht zum Hauptziel der Kampacne' gemacht werde. In einem weiteren Beschluß billigt der Kongreß den Entschluß ‘ der Zionistischen Organisation, ihrerseits eine 5-MilIionen-Dollar-Kan!pagne für Zwecke des Palästinaaulbaus durchzufülircn und verspricht Unterstützung. Der Kongreß beschäftigte sich auch mit der Lage der Juden in der Alten Welt und nahm u. a. einen Beschluß an, in welchem gefordert wird, daß Polen dazu verhalten werden soll, die Bestimmungen zum Schutze der Minderheiten, die im Versailler Vertrag vorgesehen sind, zu ver- ‘wirfdtdica. ■■ Zwei Woche» StelgerprcseS Von unserem . Spczialkorrespondenicn* Lemberg, am 25. Oktober 1925. ' Zwei Wochen sind schon vorüber, seit der Steiger- Prozeß begonnen hat. Es waren Wochen eines zähen Ringens um die Wahrheit. In diesem heißen Ringen beteiligte sich eine ganze Reihe von Prozeßfaktoren: der Angeklagte, die Verteidigung, der Staatsanwalt, die Tribunalmitglicdcr, Geschworenen und — last not least — die Zeugen, deren. Zahl Legion ist. * ־ Zunächst, ist - es der . Angeklagte selbst, welcher als Haupiaktcur in diesem Kampfe die Aufmerksamkeit der gesamten Oeffcntlichkcit auf sich zieht. Er ist einer der größten Ucbcrraschungcn in diesem •einzigartigen Prozeß. Man erwartete einen durch dreizehnmonatliche Haft zermürbten Menschen zu erblicken und inzwischen stand vor den Rampen des Gerichtes ein aufrechter, ungebrochener Mensch, welcher mit eiserner Festigkeit und Kaltblütigkeit seine Unschuld beteuerte. Stanislaus Steiger ist ein Durchschnittsmcnsch von praktischem Lebenssinn, exakter Denkungsart, prosaischer Lebensauffassung und pedantischem Pflichtbcwußtscin — das ist (in einer knappen Formel ausgedriiekt) die geistige Physiognomie des Angeklagten. Ein junger Mensch, der frühzeitig, allzu frühzeitig jung zu sein aufhörtc. Einer, der die Abgeschiedenheit des Familicnlcbens liebte, nur die Well seiner Lehrbücher kannte und weitab vom Getriebe der Politik stand. Und nun hat cs ein böser Zufall gewollt, daß gerade dieser harmlose Mensch beschuldigt wird, das Attentat gegen den polnischen Staatspräsidenten verübt zu haben. Die Aussagen Steigers waren ein erschütterndes menschliebes Dokument. Sic wirkten nicht so sehr durch die Kraft ihrer Rhetorik als durch die Unmittelbarkeit des Erlebens, welches 'aus ihnen quoll.. Steiger erzählte mit ruhiger, sicherer Stimme die Geschichte seines Lebenskarupfes: die alte, sattsam bekannte Geschichte eines jungen, jüdischen Menschen, ׳ der ־aus kleinen Verhältnissen herausgewachsen, eine sogenannte ״soziale Position“ zu erklimmen versucht. Steigers Aussagen flössen ruhig und still dahin und verdichfelcn sich erst zu einer leidenschaftlichen Unfchuldshctcucrung, als sic' sielt dem kritischen Moment des Bombenwurfes näherten.. Steigers Erzählung erreichte ihren dramatischen Höhepunkt, als er seine Leidensgeschichte im Polizeigefängnis zu schildern begann: sein Wortgefecht mit Polizeiinspektor Lukomski, das mit dem Zuruf endete: ״Herr Kommandant! Sie morden mich; trotzdem ich ־ unschuldig bin“ und die .Ohrfeigenszene mit dem Polizeihenker Kajdan, welche tiefsten Eindruck auf die Tribünalmitglieder machte. Steiger, welcher sich offenbar bemühte, nur ‘ ein kühler Erzähler zu sein, beginnt stellenweise zu stocken: ein leises Schluchzen unterbindet seine Rede. Aber nur für einen kurzen Moment. Er beginnt bald wieder flott zu erzählen, analysiert alle möglichen Richtlinien und .Ausgangspunkte des Bombenwurfes ' und donnert schließlich in den Saal hinein: Ich habe die Bombe nicht geworfen! Steigers Aussagen waren für'die Verteidigung die beste Ouvertüre in diesem Prozeß. Es war die allgemeine Empfin* düng im Gcrichtssaal: so kann nur einer aussagen, der unschuldig ist. *• Die zweite Hauptfigur im Prozesse ist die Kronzeugin — Marie Pasternak. Sie hat natürlich alles gesehen. Sic weiß alles genau. Sic schildert ihre Eindrücke mit einer jeden Zweifel ausschÜcßcndcn Sicherheit. Sie zeichnete die Attentatsszene mit einer, unvergleichlichen Präzision: sie stand hart neben Steiger und sah, wie er die •Bombe geworfen hat. Durch den Vorsitzenden auf den schwerwiegenden Ernst ihrer Aussagen aufmerksam gemacht, erklärte sic pathetisch: sic werde bis zum Ende ihres Lebens nicht aufhören, zu behaupten, daß Steiger der Attentäter sei . . . Die Aufgabe der Verteidigung muß es sein, diesen Hauptpfeilcr .des־ Anklageaktes zu erschüttern. Scho״ ist der Anfang gemacht worden. Die Pasternak selbst hat den ersten Hieb ausgeführt, um die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen 7.u erschüttern: sic' habe erklärt, erst sechs Tage nach Steigers Arretierung . erfahren zu haben, daß Steiger ein Jude sei. Alle Spatzen auf den Dächern Lembergs haben cs jedoch gewußt. In den Zeitungen aller Schattierungen stand es — nur sie, die Urheberin seiner Arretierung, hätte es noch nicht erfahren ... Es gab keinen einzigen Menschen im ' ganzen Gcrichtssaal, der dieser faustdicken Lüge Glauben schenken konnte. Erst jetzt begann man den Sinn der Stcigcrschen Worte, daß sic die Czeberjuk seines Prozesses sei, zu begreifen. Die Verhandlung hat aber noch ein interessantes Detail zutage gefördert, welches ein helles Licht auf die Glaub- Würdigkeit ihrer Aussagen wirft. Ein sehr achtbarer Lc:nberger jüdischer Bürger, Ing. Ulam, erzählte, daß er zufällig Zeuge eines gleich nach dem Attentat mit der Pasternak vorgenommonen Polizeiverhörs war, in welchem der amticrende Kommissär.ihr vorwerfen mußte,.daß sie bereits die;- mal ihre Aussagen geändert habe. Diese Erklärung erregte um so größeres Aufsehen, als man sich vergegenwärtigte, daß diese Person, •welche gleich nach dem Attentate so unsicher in ihren Aussagen w׳ar, hier im Gcrrchtssaale 13 Monate .später, mit einer Präzision und Genauigkeit aussagte, welche geradezu verblüffend wirkte.

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