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Jüdische Rundschau · 1933-06-01 · 5 = Mai/Juni (6.1933) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
5 = Mai/Juni (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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1 RS»«, fM ״ י■׳'-'1 י יי י :"'■ ■ ־י' :**'«י»’.'׳’.'?׳מי JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 5, Mai/Juni 1933 vorgeitclitc (״ideelle“) ״Landschaft“ zu betrachten. Sehr ,deutliche Eigenarten sowohl physischer als auch psychischer Natur verlernen den Juden das Ocpräge von Manschen, die einer charakteristischen Landschaft angehören. Es ist gleichgültig, ob die Juden kn Bayern oder Westfalen wohnen: obwohl sie, jeder einzeln gesehen, der eine Eigenarten des 1?*;:׳ Bayern, der andere solche des Westfalen zeigen, das Charakteristische an ihm ist nicht seine westfälische oder seine 1 ״ bayerische, sondern seine jüdische Eigenart. Die Landschaft also, die der Jude in Selbstverwaltung zu nehmen hätte, ist keine materielle, sondern eine ideelle, und ihfe Aufgaben erstreckten sich zunächst und vornehmlich auf das kulturelle Gebiet. Doch werden wir auch wesentliche Aufgaben anderer Art feststellen, die sich mit grundlegenden Aufgaben der deutschen Allgemeinheit decken. Eine dringen de Aufgabe der Judenschaft ist die Zurückführung der Juden aufs Land. Eine Zurückführung aufs Land aber, die nicht zugleich auch eine Wiederverwurzelung mit dem Boden wäre, ließe nur die bisherige Entwicklung auf ihren Ausgangspunkt zurückführen, die den Dorf- und Kleinstadtjuden vom Hausiererbündel über den kleinen Laden zum Engrosgeschäft in der Großstadt führte. Hier erhebt sich die Frage der Berufsumschichtung, die, bisher eine Angelegenheit jüdischer Volkswirtschattier und Philanthropen, unter dem Druck der neuen Verhältnisse nun zu einer Lebensfrage für die ־um ihre Existenz ringende deutsche Judenschaft geworden ist. Von der halben Million Juden, die in Deutschland an* sässig sind, vermag nur ein Bruchteil auszuwandern und nur ein Teil von diesen hat die Möglichkeit der Ansiedlung in Palästina und damit der Rückkehr zu Boden und Ur* Produktion. Man wird aber die Juden, die in Deutschland bleiben müssen, nicht verhungern lassen können. Aus der Not, in die die deutsche Judenschaft geraten ist, können die Juden eine Tugend machen, wenn — der Staat ihnen die Mög* lichkeit hierzu gibt. Bfnnenkoloniiation Der erste Gesichtspunkt, unter welchem die Eingliederung der Juden in den neuen Staat sich zu vollziehen hätte, wäre die Binnenkolonisation. Wenn bei der Durchführung eines Kolonisationsprogramms das Verhältnis der jüdischen Siedlung zur nichtjüdischen im Satze von t : 100 zugrunde gelegt würde, wäre damit schon eine entscheidende Veränderung der sozialen Struktur der deutschen Judenschaft gewonnen. . Für die Durchführung der jüdischen Kolonisation müßten die gleichen Gesichtspunkte anerkannt werden, die für die Siedlungsbewegungen im allgemeinen in Betracht kommen, in bezug aut die Bereitstellung von Land und Mitteln, da es sich bei dieser Art von Kolonisation im wesentlichen um den schon verarmten bzw. erwerbslosen Teil der Juden- Schaft handelt. In einer Hinsicht hätte volle Klarheit zu bestehen: daß ein Werk von Wert und Dauer nur geschaffen werden könnte, wenn die Kolonisation der Juden unter dem .Gesichtspunkte des Zusammenschlusses erfolgte, denn er allein bietet die Qewähr, daß der ideelle ״landschaftliche“ Charakter der Judenschaft bewahrt würde, jüdische Bauerndörfer in Deutschland sind nicht weniger möglich als in Argentinien und Sowjet-Rußland. Es wäre anzunehmen, daß auch der jüdische Bauer Deutschlands seiner Eigenart entsprechende Fähigkeiten entwickeln würde, die, ohne zur Verfälschung seines Wesens zu führen, im Leben des deut- ׳sehen Volkes einen Eigenwert repräsentierten. . Die Binnenkolonisation hätte eine Ergänzung, zu erjg-V; fahren durch die jüdische Stadtrand-Siedlung. Wäh- TMd die Randsiedlung, wie sie für die städtische Arbeiter- •tevölkerung vorgeschlageit wird, vor allem, die Aufgabe hat, ^städtischen Lohnarbeiter unabhängiger zu machen von ,‘;; den Schwankungen des Arbeitsmarktes eine Lösung, die ׳ von der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas seit einem Jahr- §Pi||r zehnt etwa in Angriff genommen ist und zu guten Erfolgen ^If-V.'deführt hat ־־־, so hätte die Randsiedlung der Juden einer Qff; .Stadt mehr die Aufgabe einer allmählichen Ueberführung .!§■/־■' der Betreffenden in den landwirtschaftlichen Beruf überhaupt. {$$>;4',׳® den Kleinstädten leben zahllose Juden, die sich von ^«/•’״fbrem Handel kümmerlich ernähren, die gern bereit wären, den Hausierpacken mit dem Spaten zu vertauschen, wenn Innen die Möglichkeit dazu geboten wäre. Da in den meisten dieser Fälle auch die Frau im Geschäft mit tätig ist ־— sie *besorgt das .,Hausgeschäft“, während der Mann über Land geht —, 80 könnte der Uebergang vom Handel zur Land- Wirtschaft allmählich erfolgen, was eine Verringerung der dafür notwendigen Mittel bedeutete. Sp*׳‘■;; Sk«';.־ lp ' . ■ ׳*י j&v* m::■■ ■ נ;׳!ny ׳/ feL KV׳•־׳: Freiwilliger Arbeitsdienst נו. Arbeiisdfenstpfücht Eine große Schwierigkeit, die sich der Verwirklichung solcher Pläne in den Weg stellt, liegt in der historisch begründeten Entfremdung der Juden vom Boden und seiner Bearbeitung. Ein großstädtischer Fabrikarbeiter, dessen Großwater wahrscheinlich auf dem Lande gelebt hat, trägt in sich das Erbe einer jahrhundertelangen Verbundenheit mit der Scholle. Ihm wird es darum meistens leicht fallen, zur Bodenbearbeitung zurückzukehren. Das ist bei den Juden anders. ‘ Jedoch haben die Erfahrungen der jüdischen Ko- Ionisation in Palästina und anderswo gezeigt, daß auch die Söhne eines Volkes von Händlern binnen kurzer Zeit tüchtige Landwirte werden können, wenn — wie es in Palästina der Fah ist - die Idee einer •Erneuerung der Gemeinschaft den Willen spannt und die Kräfte vervielfacht. Bei aller Berücksichtigung des Unterschiedes zwischen Palästina und einer deutschen Judensiedlung ist nicht zu bezweifeln, daß auch hier die zur Siedlung entschlossenen Juden mit Begeisterung und Opferbereitschaft an ihr werk schreiten werden. Aber ohne tatkräftige Unterstützung des Staates ist das große Werk nicht ipöglich. Hier setzen die Voraus■ Setzungen eines ״freiwilligen Arbeitsdienstes“ ein. Seine Auf■ gäbe wäre es, jeden, der willens und dazu geeignet ist, durch freiwilligen Dienst in den Aufgabenkreis des allgemeinen freiwilligen Arbeitsdienstes einzureihen. Auch hier wäre das Moment des Zusammenschlusses jüdischer Arbeitsdienstwilliger zu beachten und ihnen Gelegenheit gegeben, in edlem Wettstreit ihre Kräfte mit denen der christlichen Arbeitsdienstwilligen zu messen. Ferner wäre die Heranziehung der Judenschaft zur Arbeitsdienstpflicht in dieses Programm einzufügen, wobei auch hier der (vorgestellte) ״landschaftliche“ Charakter der Judenschaft zu wahren wäre. Mit der Ueberführung eines Teils der deutschen Juden In die Landwirtschaft ist zwar die Berufsumschichtung nicht vollzogen, wohl aber angebahnt. Hier ist das pafästi- 1נ ensl sc he Beispiel lehrreich, Wo Bauern den Boden bearbeiten, werden auch Schlosser, Schmiede, Stellmacher, Tischler, Mechaniker, Elektrotechniker usw. benötigt werden, Und für alle diese Berufe haben die Juden Geschick und Können bewiesen. Das Vorurteil, daß Juden zu schwerer, körperlicher und manueller Tätigkeit ungeeignet »eien, ist längst widerlegt worden. Man gebe ihnen Möglichkeiten, und der Erfolg wird nicht ausbleiben‘ Kulturelle Aufgaben und Bfildungiwesen Aus der Vorstellung der Judenschaft als einer ideellen Landschaft ergibt sich als Basis für unsere kulturellen Aufgaben die Formel: ,Juden Im deutschen Raum.“ ״Deutsche, geprägt durch die jüdische Landschaft.“ Diese Formulierung gestattet kein Vertuschen und kein Verwässern mehr. In der ganzen Fülle unseres durch eine 3000jährige Kultur geformten Wesens, als ״Glaubensnation“, als ״Schicksaisgemeinschaft“, als ״Nationalität“ ©der wie die einzelnen ihre jüdische Verbundenheit ausdrücken mögen, bauen wir ein neues Judesein in den deutschen Raum hinein. Aus unserem ״kollektiven Unbewußten“ (C. G. Jung) strömt uns die Urkraft zu neuer jüdisch-kultureller Gestaltung zu, ״Juden im deutschen Raum“ bedeutet in diesem Sinne ein Doppeltes: Es bedeutet zunächst das Acußerste an Sammlung in uns selbst. Wir dürfen nicht wieder in den )eriodischen Zerfall der die zeitliche Gestaltung der Völker lestimmenden Ideen hineingezogen werden. Dazu brauchen wir wieder eine Judentumsverbundenheit, die sich auf Wissen und Kenntnis stützt: auf das Wissen von der Einmaligkeit dessen, was sich nicht in die Begriffe jüdische Religiosität, jüdische Kultur oder jüdische Nation zwängen läßt, das vielmehr alle drei als eine Einheit in sich schließt. Wir brauchen eine Judentumsverbundenheit, die sich aut die Kenntnis der hebräischen Sprache und die Kenntnis unserer Geschichte stützt. Nur wenn wir so mit der ganzen Wucht unserer Jüdischkeit unser Leben im deutschen Raum gestalten, dürfen wir sicher sein, daß wir nicht aufs neue in die bodenlose Verworrenheit hineingeraten, in die die mißverstandene Emanzipation uns gebracht hat, Juden im deutschen Raum bedeutet noch ein anderes: wir vermögen unsere wertvollsten Kräfte nicht zur Entfaltung zu bringen, d. h. wir können nicht unseren stärksten Fähigkeiten nach Juden sein, wenn der Raum, in welchem wir leben, derart verengert ist, ■daß wir nicht atmen können. Raum muß uns wieder werden. Das soll so verstanden werden, wie es in den vorigen Abschnitten dargestellt wurde und wie es der letzte noch weiter erläutert. Betonte die erste These unserer Formel das Judesein, so betrifft die zweite unser Deutschsein. Es ist heute schwer zu entscheiden, ob das Wagnis, die beiden Thesen zu einer Synthese zu vereinigen, auf dieser neuen Grundlage noch einmal unternommen werden dürfte. Doch die nüchterne Ueberlegung der realen Notwendigkeiten zwingt uns, auch weiterhin von unserem Deutschsein und den daraus sich ergebenden Aufgaben zu sprechen. Wenn vorhin vom ״kollektiven Unbewußten“ die Rede war, als der tiefen Seelenschicht, in der das 3000jährige Leben des jüdischen Volkes sich zu Bildern, Vorstellungen, Anschauungen verdichtete, so tritt als jüngster Inhalt dieses Unbewußten das Erlebnis der Emanzipation in Wirksamkeit. Ein Zeitraum von hundert Jahren ist, gemessen an einer 3000jährigen Geschichte, eine kurze Spanne. Aber in keinem anderen Abschnitte der Geschichte unserer Zerstreuung war das Judentum so Welt-offen und Welt־zuge־wandt wie in dieser kurzen Zeit. Ihre Spur im Judentum wird nicht untergehen. Aber wir haben heute erkannt, daß bei diesem Prozeß aer Welteinverleibung eine Verfälschung unseres eigenen Wesens sich einschlich, die auch das Bild aer aufzunehmenden Welt notwendig verfälschte. Noch einmal, von unserem reinen Jüdischsein her müssen wir die umgebende Welt aufnehmen, damit die Emanzipation erst ihren rechten Sinn erhalte. Dadurch erfährt die These — ״Deutscher, geprägt durch die jüdische Landschaft“ — gleich der ersten eine doppelte Bedeutung. Wir können nicht anders Deutsche sein als unter der Wiederherstellung unserer Bürgerrechte. Wir er• heben, dem Sinne unserer neuen Eingliederung in den deut• sehen Staat nach, keinen Anspruch darauf, Träger oder gar ״Sachwalter“ der deutschen Kultur zu sein. Aber wir haben die Ueberzeugung: wenn in der Geschichte der Menschen überhaupt ein Smn zu finden ist, so liegt er für unsere deutsch-jüdische Geschichte in der wechselseitigen Befruchtung deutschen und jüdischen Geistes. Damit ist auch schon die andere Bedeutung der zweiten These gekennzeichnet. Nur wenn die'jüdische Prägung unserer kulturellen Schöpfung in voller Reinbeit vorhanden ist, nur dann dürfen wir erwarten, daß auch der deutsche Geist sich so willig dem unseren hingibt, wie wir uns ihm hingegeben haben. Aus solchen Voraussetzungen ergeben sich die praktischen Kulturaufgaben der deutschen Judenschaft, die durch ein Bildungswesen von besonderer Eigenart zu lösen sind, Es umfaßt zwei Kreise: den deutschen und den jüdischen Kulturkreis. In beiden hat der jüdische Mensch heimisch zu werden. Er befindet sich in der Situation der Bewohner einer Grenzprovinz, die auch in zwei Sprachen und in zwei Kulturkreisen heimisch sein sollen. Der Hauptfaktor des Bildungs wesens ist die jüdische Schule, deren Charakter sich aus allem Vorhergehenden ergibt. Sie hat ״w e s e n s - jüdisch“ zu sein, um mit Buber zu sprechen. Das ist allerdings nur möglich, wenn der Staat sie nicht als ״konfessionelle“ Schule ansiebt, deren religiösen Bedürfnisse mit 2—4 Peligionsstunden zu befriedigen wären. Eine ״wesensjüdische“ Schule ist nur möglich auf einer breiten Grundlage jüdischer BildungsvermittUuig. Das betrifft im besonderen die Kenntnis der hebräischen Sprache. Ihr muß der Lehrplan soviel Raum gewähren, daß der Schüler die Möglichkeit hat, unsere alte Kultur aus den Quellen kennenzulernen und die Verbindung mit der neu entstehenden hebräischen Kultur Palästinas aufnehmen zu können Darüber hinaus verlangt der Charakter einer wesensjüdischen Schule Durchdringung ihres ganzen Lebens mit jüdischen Inhalten. Wie das etwa in aer Gestaltung des Lehrplans im einzelnen sich auszudrücken hätte, das darzustellen ist hier nicht der Ort. Auch die Frage nach den Schultypen gehört nicht hierher. Ein neuer Wille und eine neue Absiebt bedürfen neuer Formen und neuer Möglichkeiten. Für sie brauchen wir die Hilfe und die Zustimmung des Staates, der damit der deutschen Judenschaft eine Aufgabe in Selbstverwaltung übergibt, die seinem eigenen Besten dient. Selbstverwaltung Bisher war noch nicht mit genügender Deutlichkeit sagt worden, welcher Körperschaft die Durchführung aller genannten Aufgaben obliege. Soweit es sich um die rein religiösen, also konfessionellen Angelegenheiten handelt: Got tesdienst, Religionsunterricht in engerem Sinne, religiöse Ver■ einigungen usw. hat man es mit konfessionellen Aufgaben zu tun. Aber schon bei den sozialen und Wohlfahrtseinrichtungen — Krankenhäuser, Altersheime, Waisen- und-Fürsorgeanstalten — tritt der Staat als übergeordneter Faktor in Aktion. Das gilt in vollem Ausmaße für alle genannten Aufgaben die das Leben der Juden als deutsche Bürger und ihre Ein* gliederung in den neuen Staat betreffen. Das sind Aufgaben. die ״dem Staat heute selber gestellt sind und die er seinen Bürgern in Selbstverwaltung zu geben hat“, Hier eröffnet sich fÜT die deutsche Judenschaft ein weites Feld, hier hätte sie Gelegenheit, ihre Kraft und ihren Willen zu bewähren und dem Drang Einzelner nach öffentlicher Betätigung Ventile zu öffnen. Die deutsche Judenschaft steht heute an dem Punkt, an dem sie vor dem Jahre 1812 sich befand. Eine neue Emanzipation muß sie erkämpfen, aber auf neuen Wegen. Sie muß anknüpfen an die alten Bedingungen, die im Jahre 1812 in Unkenntnis ihrer inneren und äußeren Not* Wendigkeiten zerrissen wurden, muß anknüpfen an das alte Kulturgut ihres Stammes. In dem Maße, in dem wir als wiederverwurzelte stammliafte Juden dem deutschen Aufbau dienen, werden wir die Fehler und Klippen vermeiden, über die wir in unser heutiges Unglück stürzten. (״Jüdische Rundschau“ vom 16. und 30. Mai 1933.) Eine nationalsozialistische Stimme ln der ״Deutschen Akademischen Rundchau“ berichtet Ulrich Kersten, einer der Führer der nationalsozialistisch eingestellten Deutschen Studentenschaft, au9führlieh über den Leydener Kongreß des Weltstudentenwerkes im April dieses Jahres. Sehr interessant ist der auf Judenfrage und Zionismus bezügliche Teil des Berichts. Kersten schreibt darüber (Sperrungen von uns. Red. d. ״Jüd. Rundsch.“): ״Einen breiten Raum in den Erörterungen nahm ■die Judenfrage ein. Es ist ja keineswegs so, daß die Opposition des Auslandes gegen die Maßnahmen der deutsenen Regierung gegen das Judentum nur aus jüdischeu oder von Juden beeinflußten Quellen genährt wird. Der liberale Ausländer betrachtet diese Maßnahmen als einen Angriff gegen die Rechte des Individuurns, die ihm als höchster Wert im menschlichen Leben erscheinen, und diesen Angriff lehnt er innerlich — und oft auch nach außen — so entschieden wie nur irgendmöglich ab. Der deutsche Standpunkt in der Judenfrage wurde in Leyden von Herrn Dr. von L e e r s in einer ausgezeichneten Rede, fast möchte man sagen Vorlesung, dargelegt. Seine Ausführungen wurden sehr wirkungsvoll von dem Führer der englischen Abordnung, Professor Guillbaud, ergänzt, der eine sehr gute Analyse des deutschen Antisemitismus gab. Das Bestehen einer Judenfrage in Deutschland und aie Notwendigkeit ihrer Lösung wurde schließlich von der Mehrzahl der Delegierten anerkannt, aber das ״Wie“ dieser Lösung wurde überwiegend abgelehnt. Von deutscher Seite wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß die bisher ergriffenen Maßnahmen nur der Abwehr eines Ueberhandnehmens des jüdischen Geistes in unserem Vaterlande dienten; eine positive Lösung der Judenfrage liege darin bestimmt noch nicht. Sie könne nur international dadurch erreicht werden, daß man dem seit zweitausend Jahren ruhelos durch die Welt wandernden Ahasver einen Platz gebe, an dem er sich zur Ruhe setzen könne, das heißt, man müsse dem jüdischen Volke ein Territorium zur Verfügung stellen, in ■dem es wie jedes andere Volk der Erde auch seinen eigenen Staat bilden könne. Der Grundgedanke des Z i o - nismus sei richtig, nur sei Palästina aus klimatischen und technischen Gründen nicht zur Verwirklichung dieses Gedankens geeignet. Es war bezeichnend, daß bei aller Kritik, die man von ausländischer Seite gegen die von Deutschland bisher getroffenen Maßregeln vorbrachte, eine Erörterung dieses einzigen positiven Vorschlags zur Lösung des Problems völlig unterblieb. Nur eine Ausnahme ist zu verzeichnen: Der Vertreter der jüdischen Studenten Hollands, der Zionist Leser, entwickelte Gedankengänge, die mit den unsrigen völlig übereinstimmen. Er stellte — entgegen den von der Mehrzahl der ausländischen Teilnehmer־ vertretenen Ansichten. — fest, daß die Juden eine eigene Nation seien, daß sie niemals völlig von ihren Gastvölkem assimiliert werden könnten, und daß eine Lösung der Judenfrage nur auf territorialem Wege möglich sei. So ergab sich die eigenartige Tatsache, daß unser einziger Bundesgenosse in der Judenfrage selbst ein Jude war! Diese Tatsache ist bemerkenswert, weil sie den Weg weist für die weitere Behandlung des Problems durch unsere amtlichen Stellen: Bisher haben wir in dieser Angelegenheit das Judentum der ganzen Welt und einen guten Teil aller übrigen Nationen gegen uns. Es kommt darauf an, den Zionismus für uns zu gewinnen, und mit ihm alle Kräfte, die seinen Be- Strebungen wohlwollend gegenüberstehen, Kräfte, die vor allem in den angelsächsischen Ländern erheblichen Einfluß besitzen. Eine wirkliche Lösung der Judenfrage, das heißt, die Befreiung der Nation von dem Fremdkörper des Judentums durch seine Ausgliederung aus den Reihen seiner Gastvölker, wird niemals gegen, sondern nur mit dem Judentum erreicht werden.“ Aus dieser Darstellung, gegen die wir gewiß manches einzuwenden haben, geilt hervor, daß in nationalsozialistischen Kreisen die Ueberzeugung um sich greift, daß die Judenfrage nur durch positive Maßnahmen gelöst wer den kann. Da diese Kreise bisher die Judenfrage wahrscheinlich sehr einseitig gesehen und niemals das innerjüdische Problem gewürdigt haben, liegt es nahe, daß sie jetzt auch den Zionismus etwas zu mechanisch betrachten. Die Erkenntnisse, die Ulrich Kersten in seinem Aufsatz ausspricht, geben aber eine Grundlage zur Diskussion, da der Verfasser sich dessen bewußt ist, daß die Judenfrage niemals gegen, sondern nur mit den Juden gelöst werden kann. Leider wurde der Versuch, eine konstruktive Lösung im Einvernehmen mit den Juden zu finden, bisher noch nicht gemacht. Wenn Kersten sich in seinem Aufsatz direkt an die amtlichen Stellen wendet, so ist damit ein Gedanke ausge•״ sprochen, der gerade dem zionistischen Teil des Judentums seit Jahrzehnten geläufig ist: Die Judenfrage muß in gutlichem Einvernehmen zwischen den nichtjüdischen Völkern und den Juden behandelt werden. Alles weitere kann sich dann ergeben, wenn die Beteiligten guten Willens sind und wenn vor allem die Juden selbst entschlossen sind, ihre Kraft für eine positive und ehrenvolle Lösung einzusetzen. (״Jüdische Rundschau״ vom 9. Juni 1933.) Christliche Deutsche für füditche Hilfsaktion Jerusalem, 8. Juni. (J. T. A.) Die in Palästina in Angriff genommene Aktion für den Hilfsfonds zugunsten, jüdischer Auswanderer aus Deutschland nimmt einen außerordentlich günstigen Verlauf. Dem Spendenaufruf des Zentralkomitees hat nicht nur die jüdische Bevölkerung in starkem Maße entsprochen, auch von christlichen Einwohnern, insbesondere von in Palästina ansässigen deutschen Christen, sind namhafte Spenden^ eingelaufen. In zahlreichen Briefen zu diesen Spenden wird dem Mitgefühl für die von einem harten Schicksal betroffenen deutschen Juden Ausdruck gegeben. iftjr ׳;•־£&» - /*״*W Verantwortlicher Redakteur: Dr. Georg Landauer, Berlin ״ Schöneberg. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Druck von Siegfried Sdaolem, Berlin - Schöneberg.

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