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Jüdische Rundschau · 1933-06-01 · 5 = Mai/Juni (6.1933) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
5 = Mai/Juni (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Monatsausgabe Nr. 5, Mai/Juni 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Die deutsche Judenschaft im neuen Deutschen Reich Von Hugo Rosenthal. 1. Historische Rückschau Die nationale Revolution schaltete den jüdischen Bevölkerungsteil Deutschlands aus der Mitarbeit am Neuaufbau des Staates aus. Diese Ausschaltung richtete sich gegen die Juden von zwei Gesichtspunkten aus, Einmal verfielen •sie im Prozeß der ״Gleichschaltung“ dem gleichen Geschick wie alle marxistischen oder im Sinne des neuen Deutschland national nicht zuverlässigen deutschen Staatsbürger. Zum anderen wurden sie die Opfer eines leidenschaftlichen, gegen ihre Rasse geführten Kampfes. Beide Gesichtspunkte, die für das Subjekt dieses Kampfes (die Nationalsozialisten) identisch sind, haben vom jüdischen Standpunkt aus grundverschiedenen Charakter. So wenig es eine Formel gibt, die lautet: Marxist =* Jude, so wenig gibt es auch eine Formel: Jude Marxist. Daraus ergibt sich zunächst schon, daß vom Standpunkt des Juden aus das Schicksal des jüdischen Marxisten als eines Unterlegenen im Kampfe zweier Welt• anschauungen keine jüdisch-politische oder gar jüdisch• weltanschauliche Bedeutung hat. Die große Masse der deut• sehen Juden hatte mit dem Marxismus nichts zu tun. Das gilt, trotzdem viele von ihnen der SPD. angehört haben mögen, und obwohl die meisten ihrer Stimmen (auch der Nichtorganisierten) bei den Wahlen der SPD. zugefallen sein mögen. Das war aber nicht von Anfang an so, Vor dem Kriege und nachher, solange es eine lebensfähige bürgerlichd e m 0 k rati s c h e Partei gab, gehörten die Juden beinahe restlos ihr an oder gaben ihr die Stimme bei den Wahlen. Aus dieser Tatsache erhellt schon, daß nicht der ״Marxismus“ der SPD. bestimmend war für die politische Orientierung der Juden, sondern die politische Entwicklung, die dazu führte, daß die SPD. die einzige Partei war, die als Vertreter des Prinzips der Demokratie den Juden An- Schlußmöglichkeit bot. Viele Juden gehörten zur SPD., nicht weil, sondern trotzdem sie marxistisch war. Daß nicht die gesamte deutsche Judenschaft den Kopf in den Sand der Demokratie der SPD. steckte, um ihren Marxismus nicht zu sehen, geht aus dem Bemühen mancher jüdischen Kreise hervor, die Juden zur Stimmabgabe für das Zentrum zu veranlassen, ein Ruf, dem namentlich die gesetzestreuen Juden in nicht geringer Zahl gefolgt sein mögen. Der Politik der deutschen Juden im letzten Jahrzehnt waren objektive Grenzen gesetzt durch ihre einförmige berufliche Oliederung einerseits und den Antisemitismus des nationalgesinnten Deutschlands andererseits. Nur in einer Hinsicht war die deutsche Judenschaft beinahe einheitlich gerichtet: in ihrer Ablehnung des Kommunismus. Denn das deutsche Judentum, das sich als eine Religionsgemeinschaft ansah, mußte den Kommunismus, den Todfeind aller Religion, ablehnen. Ebenso entschieden lehnte das nationale Judentum den Kommunismus ab, der ja auch den Zionismus scharf bekämpft. Man darf wohl sagen, daß das hier Gesagte für etwa 80 bis 90 Prozent der Juden Deutschlands zutraf, d. h. für den gesamten bürgerlichen Mittelstand und das Kleinbürgertum, denen die Juden zuzurechnen waren. Diese jüdische Mehrheit war politisch im Grunde genommen ebenso indifferent wie der bürgerliche Mittelstand der Deutschen, und das Zünglein an der Waage der Gesinnung schlug nach rechts oder links aus, je nachdem die wirtschaftlichen Verhältnisse des einzelnen günstiger oder weniger günstig waren. Die anonyme ״Masse“ der deutschen Juden hatte daher auch in Wirklichkeit mit all den Dingen, gegen die der Kampf des Nationalismus sich wandte, nichts — oder beinahe nichts — zu tun und ein einzelner Jude sprach die Ueberzeugung aller aus, als er bei Verhängung der Schutzhaft, aufgefordert, Vergehungen einzugestehen, antwortete: ״Ich bin nur des einen Vergehens bewußt, als Jude geboren zu sein!“ Auch!die völlige Kopflosigkeit der deutschen Judenschaft ein* l Whließlich ihrer Führer während der ersten Etappe der ' nationalen Revolution war Ausdruck der vorherigen Unbekümmertheit von Menschen, die sich sagten: Ich bin mir keines Vergehens bewußt. . Demnach wäre also der Angriff des neuen Deutschlands gegen die Juden ein verhängnisvolles ״Mißverständnis“ ge* wesen und die Faust, die ausholte, um alles zu zerschlagen, was der Idee eines neuen Deutschlands im Wege stand, rntte die Juden in jeder Hinsicht zu Unrecht getroffen? Diese rrage zwingt zu einem kurzen geschichtlichen Rückblick luf die letzten 120 Jahre. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die Juden in Oeutschland wie in allen anderen Ländern Europas völlig echtlos. Der Grundsatz F־riedrichs des Großen, daß die Religionen alle tolerieret werden müssen“, wurde von ihm elbsi keineswegs auf die Juden angewandt. Im Gegenteil teilte das ״Revidierte General-Privilegium und Reglement ׳or die Judenschaft“ vom Jahre 1750 eine Stabilisierung der Rechtlosigkeit der Juden Preußens dar. Nur einer kleinen »rivilegierten Plutokratie war die Möglichkeit zu einem!enschenwürdigen Dasein gegeben. Es bedurfte eines sich iber ein halbes Jahrhundert hinziehenden Kampfes um die Heichberechtigung, von den hervorragendsten Juden und )eutschen der Zeit geführt, um im Rahmen der Stein-Harden- ׳ergschen Reformen das Edikt vom 11. März 1812 zu chaffen, dessen erster Paragraph lautete: ״Die in Unseren •taaten jetzt wohnhaften, mit Generalprivilegien, Natural!• ationspatenten, Schutzbriefen und Konzessionen versehenen uden und deren Familien sind für Inländer und preußische •taatsbürger zu achten.“ Damit begann die Emanzipaion der deutschen Juden, die sich nun eifrig durch ernste :rfüllung neuer Pflichten bemühten, sich der verliehenen!echte würdig zu erweisen, wie Hardenberg in einem Briefe vom 4. Januar 1814 an den Grafen von Grothe anerkannte. Die Emanzipation der deutschen Juden stand im Zeichen der Aufklärung und des Humanismus. Dadurch war ihr Charakter von vornherein gegeben. Sie zielte nicht etwa auf die Eingliederung der jüdischen Nationalität in das Gefüge des Staates, sondern auf die Auflösung der Nationalität und völlige Assimilation der Juden, Das war etwas, woran Moses Mendelssohn keineswegs gedacht hatte, als er durch seine Aufklärungsarbeit seine Stammesgenossen auf die Emanzipation vorbereiten wollte. Wie er durch seine Person und durch sein Werk bewiesen hatte, war es wohl möglich, ohne die Grenzen der Abstammung zu verwischen, Bürger eines modernen Staates und Mitarbeiter am Bau seiner Kultur zu sein. Die Förderung der Assimilatlonstendenzen jener Zeit durch die Vertreter des Staates mußte notwendigerweise bei den Juden, die dieser Tendenz anfänglich ablehnend gegenüberstanden, den Glauben erwecken, daß es nur durch Aufgabe der Stammeseigenarten möglich sei, vollwertige Staatsbürger zu werden. Durch dieses Mißverständnis (das aus den herrsehenden Ideen der Zeit leicht zu verstehen ist) wurde in die Emanzipation der Juden der Keim zu jener Entwicklung gelegt, deren Resultat, die Aufhebung der Oleichberechtigung, wir Juden heute in tiefer Erschütterung erfahren. Sehr bald setzte nämlich eine zunächst kulturelle, dann aber auch politische Gegenbewegung ein, die das Eindringen ״volksfremder Elemente“ in den Körper des deutschen Volkes mit Besorgnis verfolgte. Solange Preußen und Deutschland mit den Problemen der inneren Einigung schwer zu ringen hatten, verschwand die jüdische Frage unter der Flut lebenswichtiger und die Nation tief bewegender Aufgaben. Mit der Einigung der Deutschen im Kaiserreich beginnt auch die antisemitische Bewegung, die, von den verschiedensten Ideologien unterbaut, im Grunde doch immer nur das gleiche Erlebnis ausdrückte: Das Unbehagen über eine Verfälschung der eigenen Art und der bodenständigen Kultur, die dem Einfluß des jüdischen Oeistes zuzuschreiben sei. Hier muß nun notwendig eine Bemerkung gemacht werden, die die Rolle, die dem ״jüdischen Geist“ bei jener kulturellen Entwicklung zukommt, in die richtige Beleuchtung setzt. Das Zeitalter der Emanzipation der Juden ist die Zeit der Technisierung der Menschheit. Die Völker, die Jahrhunderte hindurch wie durch eine Mauer voneinander getrennt lebten, rückten plötzlich in greifbare Nähe zueinander. Nie zuvor hat eine gegenseitige geistige Durchdrin־ gung der Nation von solchem Ausmaße stattgefunden wie in den letzten fünf Jahrzehnten. Daraus mußte sich eine gewisse Nivellierung des geistigen und kulturellen Lebens ergeben, wie sie ja auch in Hinblick der Sitten und Bräuche: der nationalen Eigenarten, weitgehendst sich ergab. Es wäre grundfalsch zu sagen, die Juden hätten diese Nivellierung verursacht. Sie haben sie weder gewollt noch gekonnt. Das, was sie verursacht hat, liegt deutlich zutage, die Technisierung. Dennoch spielte die Judenschaft in diesem Prozeß eine bedeutsame Rolle. Ihre alte, verhängnisvoll Rolle des Vermittlers, zu der sie durch ihre soziologische Struktur vorgesehen, man könnte auch sagen: verdammt war. Die leidensvolle Geschichte der Juden zeigte es viele Male, daß die Judenschaft eines Landes, nachdem sie in einer sich aus inneren Gesetzen anbahnenden Entwicklung die Vermittlerrolle ausgeübt hatte, nachher, überflüssig geworden, vernichtet wurde. Den gleichen Vorgang erleben wir heute in Deutschland. Die Völker Europas begannen seit dem 18. Jahrhundert an Ueberalterung zu leiden. Die technische Entwicklung gab die Möglichkeit zu geistiger Neubefruchtung und dadurch zur Neugestaltung. Wieder füllten die Juden ihre Vermittlerstelle aus. Die mußte ihnen in Deutschland aus bestimmten Gründen zum besonderen Verhängnis werden. So ungern nämlich der nationale Deutsche diese Behauptung wahrhaben will, so dürfte man es doch als erwiesen ansehen, daß in der seelischen Struktur einige überraschende Uebereinstimmungen zwischen Juden und Deutschen bestehen. Soweit man solche Behauptung aus dem Bestreben der Juden erklären will, eine Rechtfertigung für ihre intensive Anteilnahme am deutschen Kulturleben damit zu geben, wäre ihre Ablehnung seitens der Deutschen begründet. Indessen gibt es objektive Gegebenheiten, die für jene Geistesverwandtschaft sprechen. Die eine ist die große Bedeutung, die dem Akustischen sowohl physiologisch als auch hinsichtlieh der Struktur der Seele bei beiden Gruppen zukommt. Vom Akustischen her ist einerseits die hohe Musikalität beider Gruppen verständlich als auch vor allem die Tatsache, daß ihre höchste künstlerische Ausdrucksform die Lyrik darstellt, die bei den Deutschen sowohl wie bei den Juden (in den Psalmen) eine bei keinem anderen Volke anzutreffende Höhe erreicht hatte. Als eine andere objektive Gegebenheit für eine gewisse Verwandtschaft in der geistigen Struktur von Juden und Deutschen muß die Tatsache anerkannt werden, daß die Juden — in Deutschland bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in Osteuropa heute noch — ein Idiom sprachen, das als ,Judendeutsch“ oft diffamiert, ein rührender Ausdruck der Anhänglichkeit der Juden an die Sprache ist, die sie im 12.—14. Jahrhundert in Deutschland sprachen und nach ihrer Vertreibung durch die Länder und Zeiten sich bewahrt haben. Diese Verwandtschaft nun wurde ihnen in Deutschland bei der Ausübung ihrer Vermittlerrolle zum besonderen Verhängnis{ veranlaßte sie doch die Juden zu der Ueberze ugung, daß im Denken, im Fühlen und in den Anschauungen nichts zu finden sei, das die Juden von den übrigen Deutschen unterschiede. Diese Ueberzeugung kam in dem Kampf, den der Zionismus gegen sie führte, zum Ausdruck in der immer wiederholten Wendung: ״Ich fühle mich ganz als Deutscher.“ Aus diesem psychologischen Irrtum erwuchs die Mitschuld der Juden an dem Verhängnis, das sie betroffen hat. Und damit kommen wir zur Beantwortung der oben gestellten Frage. Es war schon gesagt worden, daß durch die, von den Juden ursprünglich nicht veranlaßte Hineinbeziehung der Assimifationstendenz in das Emanzipationswerk der Keim zu der verhängnisvollen Entwicklung gelegt wurde, deren Resultat wir heute erleben. Die Judenschaft griff diese Tendenz bald selbst mit großem Eifer auf, und zwar in einem Maße, daß es zeitweilig schien, als beabsichtige sie durch Taufe und Mischehe sich selbst aufzulösen. Etwa vom 4. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an erwuchs dieser Strömung eine Gegenbewegung. Uns, die wir rückschauend jene Zeit überblicken, erscheint sie wie das Erwachen eines neuen Stammes- oder Nationalitätsbewußtseins. Die Menschen jener Epoche erlebten sie hingegen in der Verkleidung einer religiösen Erneuerung, die einerseits in der Reform und später im liberalen Judentum, andererseits in der Neuorthodoxie ihre Gestaltung fand. Damit erhielt das Judentum den Charakter einer ״Konfession“, und die Verfälschung jüdischen Wesens setzte ein. Jede Stammeseigentümiiehkeit wurde geleugnet. Auch die Deutschen, tiefinnerst mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, waren bereit, sich dieser Meinung anzuschließen. Man darf wohl annehmen, daß es 1848 wenig Deutsche gegeben haben mag, für die so etwas wie eine Judenfrage existiert hätte. Nur im Unbewußten der Volksseele blieb ein Rest der alten Fremdheit spürbar, die sich aber höchstens darin äußerte, daß mit dem Worte ״Jude“ andere seelische Komplexe wirksam wurden als mit dem Worte ״Protestant“ oder ״Katholik“. Mit * anderen Worten: Der Verfälschung jüdischen Wesens machten י Juden wie Nichtjuden sich in gleichem Maße schuldig. ־ Ihre volle Wirksamkeit und gA'ährliche Macht erhielt diese Verfälschung aber erst durch das Zusammentreffen dieser * Entwicklung mit der wissenschaftlichen Strömung, die in jener Zeit begann und der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und dem ersten Jahrzehnt des neuen das Oepräge gab: mit der naturwissenschaftlichen Bewegung. Mit ihr wurde das neue und einzige Fundament des deutschen Judentums, die Religion, mächtig erschüttert. Bis in die breiteren Schichten der jüdischen Bevölkerung drang diese Erschütterung zwar nicht. Aber ihre durch günstige soziale Lage ausgezeichnete Oberschicht, die — infolge der besonderen soziologischen Struktur ,der Juden — durch das Netz einer breiten Verästelung ständig von unten herauf erneuert wurde, verlor mm jeden Zusammenhang mit dem Judentum. So entstand eine Schicht entwurzelter bindungsloser und glaubensloser Juden, die, überall und nirgends zu Hause, ohne Oefühl einer Verantwortung für die Gemeinschaft, der sie entstammten, im Grunde überhaupt ohne Verantwortungsgefühl waren. Diese Schicht war es, die von der Umwelt als die Repräsentantin des Judentums angesehen wird, weil sie immer und überall in Erscheinung tritt: in der Politik, in der Wirtschaft, in der Presse und in der Kunst. Wir Juden haben keine Möglichkeit, diese entjudeten Mensehen von uns abzuschütteln. Wir Juden haben aber auch kein Recht dazu, denn dafür, daß sie wurden, was sie sind: entjudete Menschen, trägt das deutsche Judentum die Verantwortung, da es nicht rechtzeitig genug die Verfälschung erkannte und vielfach heute noch nicht erkennt, die durch die Negierung unserer Stammeseigenarten, durch den Verzicht auf die bewußte Pflege unseres Volksgutes, durch die hemmungslose Identifizierung mit der Umwelt veranlaßt wurde. Die Folgen waren unausbleiblich. Seit Jahrzehnten sprachen Deutsche von der Verfälschung ihrer Art durch die Juden. Sie empfanden sie besonders im kulturellen Leben, beinahe aber auch ebenso sehr im politischen, das ״von der Judenpresse beherrscht“ schien. Wenn national empfindende Deutsche, wie Ferdinand Avenarius, eine ״Trennung der Kulturkreise“ forderten (Kunstwartdebatte 1912), wurden sie als ״Antisemiten“ verschrien. Wenn ein Sombart Juden Zurückhaitung im politischen Leben empfahl, verfiel ei der gleichen Unterstellung. Der Krieg vermochte die immer kräftiger werdende antijüdische Bewegung zu unterbrechen. Die Juden bewiesen durch Hingabe von Gut und Blut, daß es ihnen mit ihrem Deutschseinwollen ernst war. Das Ende des Krieges brachte den deutschen' Juden den Sieg der Emanzipation: die volle bürgerliche Gleichberechtigung. Sie wurde ihnen zum Verhängnis. Denn mit der Niederlage Deutschlands erhielt das deutsche Nationalgefühl einen mächtigen Auftrieb. Nun wurden die Juden, deren Schuld, wie vorhin gezeigt, auf einem ganz anderen Gebiete lag, für das Unglück Deutschlands verantwortlich gemacht. Die weitere Entwicklung hat jeder Zeitgenosse miteriebt. %• Die Eingliederung der Juden in den neuen Staat Es erhebt sich die schwere Frage: Was soll mit den Juden werden? Der Staat, repräsentiert durch die NSDAP., hat sie ausgeschaltet. Heißt das, daß er gewillt ist, einen Bevölkerungsteil von einer halben Million Menschen dem Untergang zu weihen? Einen Bevölkerungsteil, der sich keines anaeren Vergehens bewußt ist, denn als Juden geboren zu sein? Die deutsche Judenschaft ist sich bewußt, ihre staatsbürgerlichen Pflichten mit ebensoviel Hingabe erfüllt zu haben wie irgendeine andere Bevölkerungsgruppe. Sie gründet darauf ihre Forderung bei der Neuordnung der Verhältnisse in Deutschland, den ihr zukommenden Lebensraum zu erhalten. Sie erwartet, daß ihre bürgerliche Gleichberechtigung wieder hergestellt wird. Weder den Juden noch den Deutschen wäre aber mit einer Wiederherstellung des alten Zustandes gedient. , Deutsche und Juden stehen erneut vor der Judenfrage, die eine Lösung heischt, eine bessere Lösung als die vorige war. Die bessere Lösung zu finden, wäre eine Aufgabe des Schweißes aller edlen Deutschen und aller edlen Juden wert. Der Versuch, der hier unternommen wird, erhebt keinen Anspruch darauf, d i e Lösung zu sein. Er will weiter nichts als die Richtung weisen, in der die Lösung zu finden wäre. Sie hätte eine organische Eingliederung der ״J u d e n s c h a f t“ in den neuen Staat zu erstreben, bei der die leitenden Ideen der Neuordnung des Volkslebens wirksam sein müßten. Hans Zehrer schreibt im Aprilheft der ״Tat“ in seinem Artikel ״Die Revolution von rechts“: ״Erst in der Selbstverwaltung, die Verantwortung, Haftung, Vorteil und Nachteil in sich einschließt, vermag der Staat wirklich die aktive Mitarbeit seiner Bürger zu gewinnen und ihre freiwillige Initiative zu wecken. . . . Die Körperschaften, die ah Träger dieser Selbstverwaltung fungieren müssen, sind dreifacher Natur: konfessionell, landschaftlich und berufsstän« disch.“ In der Form welcher von diesen drei Körperschaften wäre die Eingliederung der deutschen Judenschaft in die Mitarbeit am Staate durch Selbstverwaltung denkbar? Als ״konfessionelle“ Körperschaft hat das I udentum sich ein Jahrhundert betrachtet und dadurch, daß es etwas anderes ist als eine ״Konfession“, deren Begriff aber der staatlichen Eingliederung zugründe legte, aie ungeheure Verwirrung geschaffen, die zu überwinden es gilt. Obwohl die weitaus überwiegende Mehrzahl der Juden in einzelne Berufe zusammengedrängt sind, wäre an eine ״berufsständische“ Eingliederung nicht zu denken. Auch sind sich die Juden aller Scnichten seit langem darüber einig, daß nichts so sehr zu erstreben wäre wie eine berufliche Umschichtung. Es wäre denkbar, die Juden als eine ״nationale Minderheit“ einzugliedern, die ihre kulturellen und sonstigen Be* lange in Selbstverwaltung nähme. Die deutschen Juden werden aber mit dieser Lösung schwerlich einverstanden sein. Die objektiven Merkmale dessen, was man im allgemeinen ״nationale Minderheit“ nennt, treffen bei den Juden nicht ganz zu. Darum haben die deutschen Juden, einschließlieh aer Nationaljuden, bisher nicht die Stellung einer ״nationalen Minderheit“ angestrebt. Die luden sind ein« Gruppe eigener Art, und demgemäß muß auch ihre Eingliederung Tn den Staat eigene Wege gehen. Die Judens<haft alt ideelle ״Landschaft“ Vielleicht könnte man am ehesten der Art und Weise der jüdischen Sonderstellung gerecht werden, indem man die Juden unter die Körperschaften ״landschaftlicher‘‘ Natur einreiht. Man könnte wohl sagen, die Judenschaft sei als eine

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