Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 4 = April/Mai (Fragment) (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 4, April/Mai 1933 mb, H) •/ ׳ ly I $ Die Studenten-Thesen w({e(|en undeutschen Geist" Konflikt «n der Berliner Uxüverditi An der Berliner Universität ist es zu einem Konflikt zwischen Rektor und Studentenschaft cekommen, und zwar wegen jener Aktion der .,Deutschen Studentenschaft“, die von ihren Veranstaltern als ״Aufklärungsfeldzug wider den undeutschen Geist“ bezeichnet wird. Am 13. April sind von der ״Deutschen Studentenschaft“ zwölf Thesen ״Wider den unaeutschen Geist“ zum öffentlichen Anschlag gelangt. Diese Thesen, zu denen die ״Jüdische Rundschau“ im Leitartikel der Kr. 32 bereits Stellung genommen hat, sind auch innerhtiib des Berliner Universitätsgebäudes angeschlagen worden. Darüber ist es zwischen dem Rektor der Berliner Universität, Prof. Dr. Eduard Kohlrausch, und der ״Deutschen Studentenschaft״ zu einem Konflikt gekommen, der zunächst dadurch. bekannt wurde, daß aie ,,Deutsche Studentenschaft" eine Mitteilung verbreitete, Professor Kohlrausch habe die Entfernung der von der Berliner Studentenschaft angeschlagenen zwölf Thesen ״Wider den undeutschen Geist" in der Universität verlangt* widrigenfalls er das Rektorat niederlegen und die Hochschule nicht mehr betreten werde. Da die zwölf Thesen auch weiterhin aushingen, sei, — so hieß es in der Erklärung der ״Deutsehen Studentenschaft״ — anzunehmen, daß Professor Kohlrausch von seinem Rektorat zurücktrete. ״Damit dürfte״, so erklärte die ״Deutsche Studentenschaft" weiter, ״auch in Berlin die Gleichschaltung, die in den letzten Tagen mit Professor Heidegger an der Universität Freiburg begönnen wurde, praktisch eingeleitet sein״. Inzwischen hat Rektor Kohlrausch der Oeffentlichkeit eine Erklärung übergeben, deren Hauptteil lautet! ״Die Mitteilungen der Presse, ich beabsichtige wegen des Plakates wider den undeutschen Geist vom Rektorat zurück• zutreten, bezieht sich offenbar auf folgenden Vorgang: Als am vergangenen Freitag die Vertreter der Studentenschaft beantragten, das Plakat im Vestibül der Universität aufzu• hängen, habe ich den Aushang wegen zweier Sätze bean• standet. Einmal wegen These 5: ״Schreibt der Jude deutsch, dann lugt er״, eine Wendung, die auch durch den vorangehenden Satz nicht gemildert wird: ״Der Jude kann nur jüdisch denken.“ Sodann wegen These 7: ״Wir fordern von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind 8ie als Uebersetzung zu kennzeichnen.״ Ich nannte diese Sätze Uebertreibnngen, die nur geeignet seien, den Kampf gegen den undeutschen Geist zu diskreditieren, nicht aber zu fördern. Sie seien überdies (wenn auch, wie mir versichert wurde, ungewollte) Bezeugungen der Verachtung gegen Mitmenschen, die man bekämpfen, aber nicht diffamieren dürfe, und sie standen somit im Widerspruch zu der These: ״Wir wollen den Juden als Fremdling achten.“ Als der Aufruf trotz Versagens der Genehmigung angebracht wurde, habe ich den Studierenden mein Bedauern über ihr Verhalten nicht verhehlt, und zwar nicht nur wegen jener Entgleisungen, sondern auch deshalb, weil es nicht im Einklang stehe mit dem Erlaß des Herrn Ministers vom 20. April: ״Ich erwarte von jedem Studenten, daß er sich diszipliniert In die Hochschulen einordnet.״ Ich erklärte, daß ich, da der Anschlag nun einmal angebracht sei, die Entscheidung des Herrn Ministers einholen werde, der für einige Tage yon Berlin abwesend war.״ ׳ Auf diese Kundgebung des Rektors hat die Deutsche Studentenschaft eine Gegenerklärung abgegeben, in der es heißt: ״Herr Professor Kohlrausch, der an Einzelheiten mäkelnd sich der Aktion der Deutschen Studentenschaft entgegensetzen zu müssen glaubt, hat in seiner Eigenschaft als Rektor der Berliner Universität sein Unbehagen über die Haltung der Deutschen Studentenschaft dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er den Aushang der zwölf Sitze der Deutschen Studentenschaft ״wider den undeutschen Geist״ zu verhindern suchte. Wir sägen hierzu: Wir verehren die wenigen Lehrer an ־ Deutschlands Hochschulen, die aus dem Geiste, aus dem wir leben und handeln, aus dem Geiste der SA., schaffen und lehren. Sie allein hätten das Recht der Kritik, weil sie unser Vertrauen haben. Wir werden sie hören, und wir werden von ihnen lernen, wenn sie Kritik üben. Sie haben bereits gesprochen, und sie haben die Notwendigkeit der Aktion der Deutschen Studentenschaft bejaht. Die Stellung der Deutschen Studentenschaft zur Juaenfrage ergibt sich einwandfrei aus dem Satz des Aufrufes: ״Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen.״ Wir wenden uns nur dann gegen das Judentum, wenn es Anspruch darauf erhebt, uns innerhalb des Bereiches des deutschen Geistes und damitin Rasse und Volkstum zu bevormunden.״ Prot. Eduard Spränger, dessen Rücktritt vom Lehrgmt bereits am Mittwochabend bekannt war, veröffentlicht am Donnerstag früh eine Begründung, worin u. a. gesagt wird, es erfülle ihn mit schwerster borge, wenn es bisher weder dem Rektor, noch dem Herrn Minister gelang, einen ״Aufruf zu beseitigen, der bei aller guter Gesinnung ein paar Sätze enthaft, die auch beim nationalsten Leser schwersten Anstoß erregen müssen". Diese öffentlichen Erklärungen, die von der Tagespresse mehr oder weniger ausführlich wiedergegeben werden, sprechen für sich selbst. Wir wollen dazu nur drei Bernerk u n g e n machen. Erstens: Es ist ein wichtiges Ereignis, daß Rektor Kohlrausch sich dem öffentlichen Anschlag der 12 Thesen widersetzt hat. Dies zeigt der weiten Oeffentlichkeit im ln- und Auslande, daß im heutigen Deutschland deutsche Männer, auch politisch rechtsgerichtete, nicht mit allen Proklamationen einverstanden sind, die man, wenn dieser Wider■ Spruch nicht erfolgt wäre, als charakteristisch für die deutsche akademische Welt schlechthin betrachten könnte. Es ist auch für uns Juden wohltuend, daß sich eine Stimme erhebt, die Aeußerungen ablehnt, weil sie ״Bezeugungen der Verachtung gegen Mitmenschen, die man bekämpfen, aber nicht diffamieren darf״, sind. Wenn demgegenüber die Studentenschaft sich bei ihrer Forderung nach Gleichschaltung auf Prof. Heidegger in Freiburg beruft, der als Nationalsozialist zum Rektor gewählt wurde* dann muß man die Frage aufwerfen, ob Prof. Heidegger, einer der bedeutendsten Philosophen Deutschlands, in diesem Punkt etwa anderer Meinung sein könnte als Rektor Kohlrausch. Uns scheint eine solche Annahme eine unbegründete Geringschätzung Heideg- I gers zu enthalten. Zweitens: Die Studentenschaft sagt in ihrer Antwort u. a.: ״Wir wenden uns nur dann gegen das Judentum, wenn es Anspruch darauf erhebt, uns innerhalb des Bereiches des deutschen Oeistes und damit in Rasse und Volkstum zu bevormunden.״ Sollte dies wirklich die Quintessenz der Meinung der deutschen Studentenschaft sein,, dann muß man objektiv feststellen, daß sie ihre zwölf Thesen sehr unsachgemäß formuliert hat. Es gibt heute viele Juden ־— mehr vielleicht als die Deutsche Studentenschaft ahnt — die gleichfalls der Ansicht sind, daß eine derartige ״Bevormundung״ unrichtig wäre und daß in kulturellen Dingen eine natürliche Grenzlinie sich von selbst ergibt, indem Juden ohne Selbstverleugnung als Juden auf treten. Dies kann aber auch geschehen, wenn sie sich der deutschen Sprache bedienen. Die überspitzte Formulierung, die anderen Menschen den Gebrauch der eigenen Sprache und Schrift verbieten will, liegt gewiß nicht im Sinne irgendeiner ״nationalen Erhebung״. Drittens: Die Presse hat die Kundgebungen meist ohne Kommentar abgedruckt. Nur die ״D. A, Z.״ bringt am 26. d. M. einen Aufsatz, worin gegen die Studenten Stellung genommen wird. Der Verfasser erwähnt Friedrich den Großen als Vorbild der Duldsamkeit, hat aber eigentlich nur ein einziges Argument gegen den Aufruf der Studentenschaft, nämlich daß durch ״übersteigerte Formulierungen ... die schwierige Auslandsarbeit des Propaganda-Ministers gehemmt wird״ .״So etwas wird im Ausland als willkommenes Propagandamaterial gegen 1ms ausgewertet.״ Wir Juden bedauern ebenso wie der Schreiber dieses Artikels, wenn dem Ausland Propagandamaterial gegen Deutschland geliefert wird. Aber dies sollte doch gerade für einen nationalen Deutschen nicht das Entscheidende sein. Das sind doch nur Gesichtspunkte einer opportunistischen Taktik. Nicht weil es schadet, sollten solche Formulierungen unterbleiben, sondern weil sie «ln Unrecht sind. Dies müßte eine nationale Zeitung aussprecher. In revolutionären Zeiten sind junge Menschen begreiflicherweise Ln gehobener und erregter Stimmung, und sie glauben, der Sache der Nation zu dienen, indem sie möglichst extremistische Proklamationen von sich geben. Und da die Parole der deutschen nationalen Erhebung besonders stark gegen die Juden gerichtet war, bewegt sich auch der Extremismus der Studenten in dieser Richtung. Eine wirkliehe Kenntnis der Judenfrage darf man dabei nicht voraussetzen. Wenn aber die Studentenschaft ihren persönlichen Mut beweisen will, so ist sie auf der falschen Fährte. Zu Extremismus gehört heute kein Mut, vielmehr zeigt sich der Mut heute in einem Bekenntnis zur Mäßigung und in der Gerechtigkeit auch gegenüber dem ange־ griffenen Gegner. Die ״D. A. Z." gibt schließlich der Hoffnung Ausdruck, man dürfe von Prof. Kohlrausch annehmen, ״daß er selbstverständlich einen so nichtigen Anlaß nicht für wich■ tig genug hält, um zurückzutreten״. Natürlich ein sehr ״nich■ tiger Anlaß" 1 Es handelt sich ja nur — um die Ehre der Juden..., \ (״Jüdische Rundschau״ vom 28. April 1933.) Im Namen der christlichen Ethik Ein äiririlich - jüdisches Gespräch In der ״Rhein-Mainischen Volkszeitung״ (RMV.) vom 4. April veröffentlicht der katholische Pfarrer Alois Eckert einen Leitartikel 2״. Mos. 21,‘24 und Matth. 5, 38 ff.". Der Verfasser versucht eine Gegenüberstellung jüdischer und christlicher Ethik, wobei er den Satz ״Auge um Auge, Zahn um Zahn״ als jüdisches Gesetz hinstellt, das durch die christliche Ethik der Bergpredigt überwunden worden sei. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet Eckert auch das Verhalten der deutschen Christen gegenüber den deutschen Juden und macht den Christen folgenden Vorwurf: ״Die Lösung der Judenfrage, wie sie beute versucht wird, halten wir vor unserem christlichen Gewissen nicht für richtig und nicht für gerecht, in ihrer Methode sowohl wie in ihrer sittlichen Haltung. In ihrer Methode. Die Lösung der deutschen Judenfrage kann nicht von der Rasse her gesucht und ge• funden werden. Kein Mensch darf einfach wegen seiner Rasse minderen Rechtes sein und wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Rasse diffamiert werden. Nach der Lehre des Christentums ist diese Zugehörigkeit zu einer Rasse eine göttliche Gegebenheit, die der betreffende Mensch gehorsam und dankbar anzunehmen und die der Mensch der anderen Rasse gehorsam und ehrfurchtsvoll zu respektieren hat.“ Und weiter: ״Hier geschieht deutsches Unrecht. Und Unrecht trifft auf die Dauer immer den schwerer, der es tut, als den, der es leidet. Gibt es eine ״jüdische Moral“, die schuld ist an der deut* sehen Nachkriegsnot, dann kann sie weder von der jüdischen Rasse aus definiert, noch einfach von der germanischen Rasse her über• wunden werden. Hier liegt vielmehr primär eine Aufgabe der Christ׳ liehen Ethik. Und mir scheint, daß diese Aufgabe weite reicht als nur bis zu den Juden.“ In der RMV. vom 13. April erwidert Martin Buber mit einem Brief an Ernst Michel. Dieser Veröffentlichung schickt Pfarrer Eckert eine Vorbemerkung voraus, in welcher er die Zuschrift Bubers und andere jüdische Zuschriften als eine ״Korrektur״ bezeichnet, die ״die Tendenz seines Artikels noch erheblich verstärkt״. Wir lassen hier die Antwort Bubers folgen. Was 2. Mos. 21, 24 zur Zeit der Niederschrift im Zusammenhang der biblischen Urkunde besagte, ist strittig. Es sind aber (insbesondere von B. Jacob in seinem Buch ״Auge um Auge“, Ber• lin. 1929) gewichtige Gründe dafür geltend gemacht worden, daß es sich um symbolische Geldbuße-Bezeichnungen handelt, daß also jemand, der seinem Mitmenschen z. B. eine Beule beibrachte, nicht selber eine zu empfangen, sondern jenem eine ״Beule“, <i, h. die ihr entsprechende Ersatzzahlung zu leisten hatte. Nur bei einem Mord wird (4. Mos. 35, 31) keine Abgeltung durch ״Bedeckung! geld“ zugelassen. Nicht strittig jedoch, sondern eindeutig feststehend ist, daß die jüdische Tradition im Zeitalter Jesu die alttestamentliehen Texte eben so, also nicht im Sinn eines ius talionis verstanden hat. Das talmudische Gesetz (Mischna, Traktat Baba Kamma VIII 1, vgl babyl. Talmud im gleichen Traktat 84 a, Mechilta zu 2. Mos. 21, 24) bestimmt unter Berufung auf die Schriftstcllen nur Geldbußen und deren Abschätzung von den zugefügten Verletzungen aus. Die jüdische Gemeinschaft, in der Jesus lebte, hat somit auf jeden Fall ein Vergeltungsrecht des ״Gleich um Gleich“ nicht gekannt. Pfarrer Eckert führt weiter einen anderen Satz der Bergpredigt an: ״Ihr habt gehört, daß gesagt würde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“. Es ist zu verstehen, daß die neu testamentliche Forschung bezweifelt hat, ob die Worte ״und deinen Feind hassen“ von Jesus gesprochen worden sind. Im Alten Testament sind nämlich weder sie noch irgend etwas ihnen Aehnelndes zu finden; vielmehr wird, daß man auch dem Feinde sich hilfreich erzeigen soll, 2. Mos. 23, 4f. und an mehreren anderen Stellen in unmißdeutbarer Weise geboten. Dem Vers Mos. 19, 18, in dem die von Luther mit ״Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersetzten Worte — richtiger: ״Halte lieb deinen Genossen, dir gleich“ — enthalten sind, geht einer voraus, in dem cs heißt: ״Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen“. Man hat gemeint, das Wort rea, das durch Nächster, Genosse wiedergegeben ist, beziehe sich nur auf den Volksgenossen. Daß diese Meinung falsch ist, geht aus Stellen wie 2. Mos. 11, 2 hervor, wo rea Volksfremde allein bezeichnet. Rea bedeutet einfach den Menschen, mit dem man im Umkreis des gesellschaftlichen Zusammenlebens jeweils unmittelbar zu tun hat. Damit aber auch ja kein Zweifel walten könne, daß das Liebesgebot den Stammesfremden im Land, den ,,Gastsassen“, mitumfaßt, heißt cs unter Verwendung des gleichen VVortgefüges 3. Mos. 19, 33 f.: Wenn ein Gastsasse bei dir in eurem Lande gastet, plackt ihn nicht, wie ein Sproß von euch sei der Gastsasse, der bei euch gastet, halte lieb ihn, dir gleich. Und nochmals, im höchsten religiösen Pathos, 5. Mos, 10,17 ff.: Denn ER euer Gott, er ist der Gott der Götter, der Herr der Herren, die große, die heldische, die umschauerte Gottheit, er der Ansehn nicht gelten läßt und Beschcnkung nicht annimmt, der der Waise und Witwe Recht schafft, der den Gastsassen liebt, ihm Brot und Gewand zu geben. So liebet den Gast, denn Gastsassen wart ihr im Land Aegypten. Aber nicht bloß im Alten Testament, auch im späteren jüdisehen Schrifttum, zu Jesu Zeit und danach wird nirgends geboten oder auch nur erlaubt, den Feind zu hassen. Das Judentum kennt, wie keine Lehre der Vergeltung, so auch keine Lehre des Hasses. Das Wort der Bergpredigt vom Feindeshaß mag sich auf einen von heidnischer Vulgärmoral beeinflußten Volksspruch beziehen. Der Glaubenslose ist stets geneigt, den zu hassen, in dem er seinen ״Feind“ erblickt. Wer aber im Glauben lebt, Jude oder Christ, kann sich, wie von einem Meister des Talmuds berichtet wird (babyl. Talmud, Traktat Megilla 28 a) an keinem Abend dem Schlaf anheimgeben, ohne gebetet zu haben: ״Jedem werde vergeben, der mir zuleide getan hat.“ Martin Buber. Auch von evangelischer Seite liegt eine Aeußerung vor, die sich im Namen der christlichen Ethik gegen die heutige Handhabung der Judenfrage wendet. In der Osterausgabe der ״ ׳F r a n k f. 2 e i t u n g״ bespricht Pfarrer Rudolf Wintermann in einem Aufsatz ״Die Judenfrage und das Christentum“ zunächst die Anschauungen der ״Deutschen Christen״, die den Rassengedanken als einen Teil der ״Schöpfungsordnung״ (im Sinne der dialektischen Theologie) bejahen. Demgegenüber behauptet Wintermann, die Ethik des Neuen Testaments widerspreche dieser Auffassung. Er gelangt zu folgendem Schlüsse: ״Die Judenfrage wird zur Christenfrage, d. h. zu der Frage nach der Echtheit und dem Ernst unseres Christentums. Gerade wir evangelischen Christen, die ja durch 400 Jahre Landeskirchentum hindurch in engster Verbindung mit Volk und Staat gestanden sind, möchten wirklich eine positive Stellung zur nationalen Bewegung und zum neuen Reich gewinnen. Ich bekenne offen, daß ich den Tag grüßen werde, an dem ich aus vollem Herzen ein ganzes, freudiges Ja sagen kann. Und ich verkenne auch nicht, daß in der völkischen Bewegung allerstärkste ethische Kräfte am Werke sind. Aber wir sind in unserem Gewissen nicht nur an unser Volk, wir sind zugleich an das Evangelium gebunden. Und man mache es uns möglich, daß wir, im Geiste des Evangeliums, d. h. im Geiste unbedingten sittlichen Ernstes, aber zugleich der Weite und der Liebe unsern Dienst am Volke tun können. Man mache das aber nicht nur uns möglich, sondern jedem, der wirklich deutscher sein will; man fordere das Größte und Schwerste, ganze Hingabe und Treue, aber man ächte nicht um des Blutes willen Menschen, die zum Dienst bereit sind! Nicht ächten, sondern eingliedern ist, wie in aller Pädagogik, so auch im Volksleben die eine große Kunst, die wir von dem lernen sollen, für den die Osterglocken durchs Land klingen.“ In diesem Zusammenhänge ist bemerkenswert, daß der Führer der ״Deutschen Christen״, Pfarrer Hossenfelder, soeben ins Preußische Kultusministerium berufen wurde. Die ״Deutschen Christen“ bejahen nicht nur den völkischen Rassef. der altjüdischen Propliete׳ngestalten durch Gestalten der deutsehen Sage und Geschichte ein. (״Jüdische Rundschau“ vom 21. April 1933.) Eine Rede Lloyd Georges London, den 2. Mai. (J. T. A.) Auf einer Tagung der britisch en und ausländischen Bibelgesellschaft hielt der ehemalige englische Ministerpräsident Lloyd George eine Ansprache, in der er an alle Länder der Christenheit den Appell richtete, der großen Leistungen des Judentums für die allgemeine Kultur eingedenk zu sein. Ich wünschte, sagte Lloyd George u. a., jedes Land der Christenheit wäre eingedenk eines Satzes der Bibel, in dem es heißt, das ״Heil komme von den Juden". Die Bibel ist nicht der einzige Beitrag der Juden zur allgemeinen Kultur. Aber sie ist ihr großter Beitrag und sie ist gleichzeitig der größte Beitrag, den irgend ein Volk jemals zur Zivilisation beigesteuert hat. Gegenwärtig sind die Juden in einem der größten Länder der Christenheit schweren Zurücksetzungen ausgesetzt. Die Zurücksetzung der Juden ist für Deutschland und die Welt ein Unglück. Deutschland gewinnt nichts durch sie, niemand wiru durch sie etwas gewinnen. Rasseami in Dortmund Der Staatskommissar der Stadt Dortmund hat, wie T.U. meldet, angeordnet, daß bereits jetzt mit dem Aufbau eines Rasseamtes in Dortmund begonnen werden soll. Mit der Leitung wurde der Hilfskommissar für das Gesundheitswesen, Dr. med. Brauß, betraut, der im Rahmen einer Pressebesprechung u. a. mitteilte, das Amt werde diejenigen Fälle zu bearbeiten haben, die mit der Bewerbung um Beamtenstellen, Schüler der höheren Schulen und der Hochschulen Zusammenhängen. Es stehe zu erwarten, daß bereits in allernächster Zeit Gesetze zur Scheidung und Aufartung der Rasse erfolgen. Das Wesentlichste dieser Gesetze werde sein, daß in Deutschland Rassemischehen verboten würden, daß ferner die Bevölkerung in Familien geschieden werden müsse, deren Nachkommenschaft dem Staate erwünscht oder deren Nachkommenschaft als eine Belastung des Volkes unerwünscht sei. Die logische Konsequenz sei die Forderung der Zwangssterilisierung von Verbrechcrn und anderen asozialen Elementen. Verantwortlicher Redakteur: Dr, Georg Landauer, Berlin-Schöneberg. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Druck von Siegfried Scholem, Berlin - Schöneberg.