Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 4 = April/Mai (Fragment) (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 7 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsausgabe Nr. 4, April/Mai 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Juden und höhere Bildung Was wird aus unseren Kindern? - Schafft jüdische Schulen! Das Gesetz ״gegen die Ueberfreindung der deutsehen Hochschulen und höheren Schulen“, für Ende voriger Woche angekündigt, ist, während diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht bekanntgegeben. Obwohl uns vom Beginn des neuen Schuljahres nur noch wenige Tage trennen, wissen tausende jüdischer Eltern in Deutschland nicht, was in einer Woche mit ihren Kindern geschehen soll. Inzwischen wurden in manchen Ländern, beziehungsweise an manchen Orten, bereits provisorische lokale Regelungen vorgenommen. Teilweise wird die Aufnahme von jüdischen Studenten und Schülern überhaupt verweigert, teilweise wird eine Prozentnorm angewandt, wobei aber in den meisten Fällen?nitgeteilt wird, daß die jetzt bereits studierenden Schüler den verfügbaren Prozentsatz erschöpfen, so daß für weitere Aufnahmen kein Platz ist Wie immer das Reichs-Schulgesetz ausfallen mag, wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß der großen Mehrzahl unserer jüdischen Kinder die Hochschulen und die höheren Schulen in Deutschland verschlossen sein werden. Diese Katastrophe bricht mit aller Plötzlichkeit über das deutsche Judentum herein, obwohl genügend Zeit war, sich darauf vorzubereiten. Manchem dünkt es heute bereits wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten, daß der Jude sich in Deutschland wenigstens formell gleichberechtigt fühlen konnte, und doch wäre es noch vor einem halben Jahre der großen Mehrheit der deutschen Juden absurd erschienen, wenn man ihnen gesagt hätte, es bestehe die Notwendigkeit, ein jüdisches Bildungswesen aufzubauen. Die Vorkämpfer des Gedankens der jüdischen Schule stießen überall auf Verständnislosigkeit und oft sogar auf aktiven Widerstand. Jene selbstsichere Indolenz, die überhaupt für das jüdische Bürgertum charakteristisch war, zeigte sich auch auf diesem Gebiete. Galt cs doch als ״rückständig“, sein Kind in die jüdische Schule zu schicken, wollte man doch mit einem Lächeln sich über die Zeichen der Zeit hinwegtäuschen. Nun steht das deutsche Judentum ratlos und hilflos da. Denn abgesehen davon, daß die jüdischen Kinder zum Teil gar nicht in die Schulen zugelassen werden, muß man auch bedenken, daß eine grundlegende Umgestaltung des gesamten Er- Ziehungswesens und der Lehrpläne im GcistederneuenZeit unmittelbar bevorsteht. Die gegenwärtigen Schulen waren im großen ganzen doch *och Produkte des liberalen Zeitalters, das deutsche Bildungswesen geht noch immer zurück auf Wilhelm von Humboldt und den deutschen Humanismus. Die Führer des jetzt geborenen neuen Deutschlands haben bereits durch ihre bisherigen Eingriffe deutlich gezeigt, daß sie sich der engen Verbundenheit von Politik und Weltanschauung bewußt sind und daher die Kultur- Politik für eine der Säulen des neuen Gebäudes halten. In der Tat können wir in der Geschichte beobachten, daß große Revolutionen sich stets auch im Zeichen eines geistigen Umschwungs vollzogen haben, wobei es im Wesen der Sache liegt, daß der neue Geist ausschließliche Geltung für sich beanspruchen muß. Neben der Unbedingtheit, die der revolutionäre Elan fordert, kann keine andere geistige Autorität sich behaupten. Es ist kein Zufall, daß noch bei jeder Revolution das Problem der Religion und der Kirche akut geworden ist; nicht nur weil unter dem Deckmantel religiöser Autorität sich in vielen Ländern und Zeitaltern bestimmte Gesellschaftsformen, die mit der neuen Zeit in Konflikt standen, ausgebildet hatten (man denke nur an Rußland), sondern auch weil der religiöse Appell an das Gewissen störend in die für notwendig erachtete alles umfassende politische Aktion cinbrechen könnte. Revolutionen prägen stets ihre eigene Weltanschauung ans. Für uns Juden ist nun die fatale Tatsache zu verzeichnen, daß die deutsche Revolution von 1933 im Zeichen einer Weltanschauung steht, deren integrierender Bestandteil die antisemitische Rassentheorie ist. Jede kämpferische Haltung bedarf eines Gegenbildes, von dem sie sich besonders deutlich abgrenzen kann. Dabei ist es meist ganz gleichgültig, ob dieses Bild, das man sich von einem ״Gegner“ macht, mit der Wirklichkeit in Einklang steht oder nicht; es ist einfach eine Methode, um die für das eigene Weltbild erwünschten Tugenden möglichst klar umreißen zu können, indem man das Negativ all der Ideale, die man positiv erstrebt, auf ein Gegenbild projiziert. Das Unglück der deutschen Juden besteht darin, daß die deutsche Revolution, nachdem der Bolschewismus in Deutschland vernichtet ist, sich den Juden zum Gegenpol ihres Welt- Bildes genommen hat. Während aber der Kampf gegen den Bolschewismus sich wirklich gegen ein Programm richtet und insofern ein politischer Kampf ist, ist die Gegnerschaft gegen den Juden geradezu eine metaphysische. ״Der Jude“ ist die Verkörperung alles dessen, was ein Deutscher nicht sein soll; und diese Theorie wird, wie es scheint, auch von der siegreichen Revolution weiter aufrecht erhalten, obwohl sich in der Praxis des täglichen Lebens jedem Nationalsozialisten, der mit Juden in Berührung kommt, zeigen dürfte, wie einseitig die antisemitische Lehre ist. Wir können die Verdammung des Juden als absurd empfinden -־־ und als Juden müssen wir dies, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen —; dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß wir nicht die geringste Macht haben, diese herrsehende Anschauung zu ändern. Der Nationalsozialismus kann vielleicht in bestimmten politischen oder taktischen Fragen entgegenkommen, aber er kann nicht seine metaphysische Grundlage ändern. Diese Erkenntnis macht unsere Lage so schwierig, denn selbst wenn — was durchaus noch nicht sicher ist — man uns in gewissen wirtschaftlichen Zweigen eine Existenz in Deutschland möglich machen sollte, — wer vermöchte auf die Dauer mit dem Makel, die Inkarnation der Verworfenheit und des Lasters zu sein, leben? Wenn aber schon im Alltag und im Beruf diese Weltanschauung auf Schrift und Tritt fühlbar ist, um wieviel stärker muß sie sich im Erziehungswesen und Schulwesen ausprägen, das doch der Weg ist, die Jugend in den Geist der Nation einzuführen. Die Schulen in Deutschland werden von nun an nicht nur national — was sich von selbst versteht — sein, sondern sie werden sicherlich auch der spezifischen Art des neuen deutschen Nationalismus, der vom Antisemitismus nicht zu trennen ist, Rechnung tragen. Diesem Sachverhalt müssen wir, die wir Eltern jüdischer Kinder sind, ins Auge sehen. Man kann annehmen, daß eine kultivierte Lehrerschaft jüdischen Schülern gegenüber mit Takt und Schonung vorgehen wird; edeldenkende und pädagogisch empfindende Lehrer können hier gewiß viel tun, um die schwersten seelischen Nöte zu mildem. Aber auch im besten Falle kann man nicht erwarten, daß die Rücksichten des Lehrers auf jüdische Schüler so weit gehen, daß sie eine Pflichtverletzung gegenüber seinem Auftrag und seinem Lehrstoff bedeuten würden. Ausgesprochen oder unausgesprochen wird das jüdische Kind in der deutschen Schule die Lehre von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse und des Judentums in sich aufnehmen. Es wird hierdurch entweder zu einer verzweifelten Mimikry getrieben werden (ein nutzloses Beginnen in einer Zeit, wo selbst ein jüdischer Großehernteil einen längst getauften Abkömmling zum Juden stempelt, — aber das weiß das Kind nicht), oder aber es empfängt einen seelischen Bruch, der nur durch starke Gegenwirkung wieder geheilt werden kann. Was können jüdische Eltern tun, um dies zu verhüten? Sie brauchen* jüdische Schulen. Für das jüdische Kind ist im neuen Deutschland kein Platz mehr in der allgemeinen Schule. Damit erhebt sich vor uns die Frage, ob wir unsere jüdischen Kinder von jeder höheren Bildungsmöglichkeit ausschließen werden. In dem vergangenen Zeitalter ist die jüdisc he Bildüng von den deutschen Juden gröblich vernachlässigt worden. Es ist dies der schwerste Schaden, den uns der Liberalismus gebracht hat. Nunmehr stehen wir aber vor dem Problem, daß wir auch von den Quellen der allgemeinen Bildung abgeschnitten werden sollen. Dies ist ein Moment, der dazu herausfordert, die ganze geistige und kulturelle Position des Juden in unsererWelt von Grund auf neu zu überprüfen. Ohnedies wird es dazu einen äußeren Anstoß geben, da die unerläßliche Berufsumschichtung auch eine Aenderung des Bildungsganges bedingt. Aber die Stunde der Erschütterung und Nachdenklichkeit, in die wir durch die Ereignisse versetzt wurden, soll nicht vorübergehen, ohne daß wir uns auch auf diesem Gebiete zur Einkehr bequemen. Dem deutschen Judentum ist es in den letzten sechs Jahrzehnten materiell gut gegangen, aber sein geistiger Habitus war alles andere als befriedigend. Wir haben uns vor hundert Jahren, als man uns die Ghetti öffnete, in das geistige Leben der umgebenden Völker gestürzt, und mit wahrem Heißhunger die weltliche Bildung eingesogen. In der Zeit des entstehenden Kapitalismus und des aufstrebenden Bürgertums ergriffen die Juden die sich ihnen bietenden beiden Möglichkeiten zu höherem sozialen Aufstieg: materiellen Wohlstand und höhere Bildung. Die Juden sind, da gerade dieser Weg offenstand, in hoher Proportion in Intelligenzberufe eingedrungen. Die erworbene Bildung hat zwar feine Blüten des Geistes getrieben und auch die jetzt offiziell übliche Verdammung der jüdischen Mitarbeit kann nicht dazu führen, die Leistungen geistiger Juden im deutsehen Kulturbereich zu verkleinern; aber zugleich war die höhere Bildung für die jüdische Gesellschaft doch auch eine Verführung zu einem innerlichen Sichgehenlassen, Das jüdische Bürgertum entging nicht der Gefahr der Selbstgefälligkeit des Bildungsphilisters, der mit einem gewissen satten Behagen seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Schau trägt. Die Gefahren des liberalen Zeitalters, die Ausbildung eines überspitzten Intellektualismus, der mit einer durch keine Zweifel an sich selbst erschütterten Sicherheit auftritt, waren besonders für den jüdischen Adepten der höheren Bildung überaus naheliegend. Die Verlockung, sich überall hervorzutun, das bürgerliche Ideal, es im materiellen Sinn ״zu etwas zu bringen“, waren kennzeichnend auch für das jüdische׳ Bürgertum. Selbstverständlich war diese ganze Entwicklung begleitet von einer Abkehr von den Gemütswerten der jüdischen Tradition. Das Bewußtsein des Zusammenhangs mit jüdlscher Vergangenheit und jüdischer Zukunftsaufgäbe war kein lebendiger Bestandteil des Denkens liberal-jüdischer Bourgeoisie. Und nun steht diese Bourgeoisie mit leeren Händen da. Es hilft nichts, sich die Augen zu reiben. Mon muß endlich zu sich selbst kommen. Machen wir uns klar: wir werden in Zukunft weniger intellektuelle Bildung haben als bisher. Es wird, wieder sein wie früher, wo der Jude in schwerem Lebenskampf sein ״Päckel“ durch die Welt trug. Aber von. der Fruchtbarkeit dieser revolutionären Stunde hängt es ab, ob wir auch die Gläubigkeit des Herzens wieder finden, die unsere Väter auszeichnete. Wenn wir dies sagen, denken wir nicht an eine Rückkehr zu vergangenen Zuständen. Es gibt kein ״Zurück“, es gibt nur ein Vorwärts, aber in der Ueberwindung unserer gegenwärtigen Krise richtet sich unser Blick auf die Vergangenheit und wir denken an die Seelenkräfte, mit denen Juden stets in kritischen Zeiten ihr Judentum und ihr Schicksal getragen haben. Wir werden jetzt von der Ueberschätzurig des Intellektualismus geheilt werden; aber wir werden dennoch nicht auf weltliche höhere Bildung verzichten. Die Synthese von Judentum und Allgemeinbildung, die sich in dem letzten Jahrhundert angebahnt hat, bedarf noch ihrer Krönung. Im Ghetto beschränkten wir uns auf jüdische Bildung; nach der Emanzipation schlug das Pendel nach der anderen Seite aus. Jetzt aber, wo eine neue Periode deutsch-jüdischen Lebens beginnt, geht es darum, beides zu vereinigen, und in moderner Form unserer Jugend das unvergleichliche Erbe jüdischen Geistes ebenso zu vermitteln wie jüdische GegenwaTtskünde und Zukunftswillen, zugleich aber sie mit weitlicher Bildung und mit der großen Kultur, in die unser Leben eingeschlossen ist, vertraut zu machen. Wir wollen unsere Menschen nicht in eine Enge zurückführen, sondern ihnen die Weite des Horizonts eröffnen; dies kann aber ohne Schaden nur dann geschehen, wenn man selbst auf festem Boden steht. Dieser Boden kann nur das Judentum sein. Vielleicht gelingt es uns dann, nach Jahren oder Jahrzehnten die Besten unserer Mitbürger auch zu überzeugen, daß das, was sie an uns verwarfen, nicht ״Judentum“ war, sondern Begleiterscheinungen einer seelischen Haltlosigkeit, die durch die assimilatorische Loslösung vom Judentum entstanden waren. (״Jüdische Rundschau“ vom 25. April 1933.) Ein Jude amerikanischer Gesandter in Schweden New York» 28. April. (J. T. A.) Präsident Roosevelt hat den hervorragenden New Yorker Rechtsanwalt Laurence Steinhardt, einen Juden, als Gesandten der Vereinigten Staaten in Schweden nominiert und diese Nominierung dem Senat zur Bestätigung unterbreitet. Laurence A. Steinhardt, der 40 Jahre alt ist, wurde in New York geboren. Er war bis heute Mitinhaber der Rechtsanwaltsfirma Guggenheimer, Untermyer und Marshall, der auch der verstorbene amerikanisch-jüdische Führer Louis Marshall angehörte. Mit Samuel Untermyer, der gleichfalls Teilhaber derselben Firma ist, ist er verwandt. Gesandter Steinhardt, ein aktiver Zionist und Mitglied der Exekutive der amerikanischen Zionisten-Föderation, ist eine Autorität auf medizinisch-juristischem Gebiet. Er hat in der Zeitschrift der medizinischen Gesellschaft Amerikas eine Reihe von Aufsätzen über die juristische Seite genchtsmedizintecher Probleme veröffentlicht. Steinhardt ist bereits der zweite auf Gesandtenposten berufene Jude. Vor kurzem wurde bekanntlich Jessie Strauß zum amerikanischen Botschafter in Paris ernannt. Die Exekutive der holländischer. Zweigorganisation des Weltverbandes der protestantischen Kireben hat an den Permanenzausschuß der jüdischen Gemeinden Hollands ein Schreiben gerichtet, in dem sie sich gegen die Zurücksetzung der Juden in Deutschland wendet und Rassenhaß und Antisemitismus als unvereinbar mit dem Christliehen Gewissen erklärt. Der Exekutive des Weltverbandes hat sie eine Petition überreicht, in der der Wpltverband ersucht wird, in dieser Frage einzugreifen.