Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 4 = April/Mai (Fragment) (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsausgabe Nr. 4, April/Mai 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU ׳*!'"7' .'!'''•"ל י Jüdische Zwischenbilanz Am 14. April — daran erinnert ein Artikel der ״D. A. Z“ — feiert Deutschland ein eigenartiges Jubiläum. An diesem Tage sind 150 Jahre seit der Berliner Uraufführung von Lessings ״Nathan der Weise“ vergangen. Dieses Stück, einstmals eine revolutionäre Tat,־ ist dennoch aus seiner Zeit zu verstehen; ist es doch der dichterische Ausdruck der Toleranz-Idee Friedrichs des Großen, in dessen Reich jeder nach seiner Fasson selig werden konnte. Der ״Nathan“ war durch mehr als hundert Jahre geistiger Rückhalt und Hoffnung der deutschen Juden, die ihre ganze moralische Existenz auf den Glauben aufbauten, daß die volle Durchsetzung der Ideen des ״Nathan“ nur eine Frage der Zeit sei. So ist dieses Werk eines edlen Geistes den deutschen Juden zum Verhängnis geworden, weil es eine Illusion nährte. Die Juden waren bereit, sich von ihrem Judentum zu trennen, um in Nathans Sinne ״Mensch“ zu sein; so wurden sie in den Strudel einer Entwicklung gerissen, die ihnen unmerklich den Boden raubte, auf dem sie hätten stehen können. Die Vorstellung, daß die Welt zu immer größerer ״Aufgeklärtheit“ ״fortschreite“, so daß die Unterschiede zwischen menschliehen Gruppen belanglos werden, hat sich als kindlicher Traum erwiesen. Ja, das Anklammern an diese Vorstellung im Gegensatz zu allen wirklichen Lebensmachten hat dazu beigetragen, auch das, was unverlierbar Richtiges im Toleranzgedanken steckt, zu verschütten. Das Deutschland von 1933 wird das Nathan-Jubiläum nicht feiern. Wir stehen mitten in einer Umformung, die in ganz andere Richtung weist. Der Prozeß der nationalen Revolution schreitet schnell vorwärts. Die Schaffung des nationalen Einheitsstaates ist zweifellos eine Krönung der nationalen Bestrebungen des 19. Jahrhunderts, die bisher in Deutschland — im Gegensatz z. B. zu Italien — auf das Hindernis des Partikularismus stießen. Ein radikaler Neuaufbau aller Einrichtungen des öffentlichen Lebens, die Umbildung zum totalen uniformen Staat hat rapide eingesetzt, und auch in einem jüdischen Blatt ist am Platze, diese Ereignisse — unabhängig von allen jüdischen Gesichtspunkten — als großen historischen Vorgang zu würdigen. Viele, die noch in der Mentalität früherer Generationen leben, sind von dieser Wendung überrascht, obwohl seit langem nicht zu verkennen war, daß die neue Generation in Deutschland, in entschiedener Ablehnung der bisherigen Lebensformen, sich ihren eigenen Staat schaffen wird. Die radikale Abkehr von der Vergangenheit bedingt eine Ausschaltung von Personen und Gruppen, die mit dem früheren System verbunden waren, und die leitenden Kreise führen diese Neuordnung mit großer Gründlichkeit durch. Davon sind alle möglichen Personen betroffen, nicht selten auch rechtsstehende Persönlichkeiten. Es ist notwendig, dies zu betonen, damit nicht der Anschein entsteht, als meinten wir, nur die Juden seien die Opfer der jetzigen Neuorientierung. Wir würden als jüdische Zeitung niemals dagegen opponiert haben, daß man Juden in der gleichen Weise wie Nichtjuden behandelt, also z. B. bei aufgedeckten Korruptionen die Schuldigen entfernt, ob sie Juden sind oder nicht. Wir sind keine Beschützer der Juden, die sich Unreinlichkeiten zuschulden kommen lassen. Ebenso wenig können wir dagegen einwenden, wenn jüdische Personen wegen ihrer politischen Einstellung ebenso behandelt werden wie Nichtjuden der gleichen Art. Aber niemand kann verkennen, daß der Fall der Juden anders liegt. Die neuesten Gesetze haben darüber völlige Klarheit geschaffen. Juden werden nicht wegen Verfehlungen, auch nicht wegen politischer Anschauungen ausgeschaltet, sondern wegen der Tatsache ihrer Abstammung. Zum ersten Male ist der völkische Rassegedanke zur Grundlage der Gesetzgebung eines großen Landes geworden. Nun finden wir an der bloßen Feststellung jüdischer Abstammung nichts Kränkendes; aber hier geschieht mehr, hier wird gleichzeitig die jüdische Rasse als minderwertig deklariert, ln den Lehren und theoretischen Schriften der völkischen Bewegung wird die These von der Superiorität der nordischen Rasse aufgestellt; aber man führt diesen Gedanken nicht so weit, daß man Rassenuntersuchungen auch bei anderen Gruppen und Individuen anstellt, sondern beschränkt sich auf die Verfemung des jüdischen Blutes. Viele Christen nehmen daran Anstoß, daß durch die Betonung des Rassestandpunktes die Bedeutung der Religion zurücktritt und der Londoner ״Observer“ macht darauf aufmerksam, daß auch Große der Kirche unter das Rassegesetz fallen würden. Diese Einwendung machen wir uns nicht durchaus zu eigen, denn auch wir Nationaljuden bejahen die Bedeutung von Blut, Volkstum und Geschichte. Was wir aber bestreiten, ist die apriorische Feststellung der Minderwertigkeit des Judentums. Wenn man auf dem Rassenstandpunkt steht, und gerade wenn man selbst seines eigenen Wertes bewußt ist, bedarf es keiner Herabsetzung Andersartiger. Wenn, wir die jetzigen Ereignisse verstehen wollen, so gibt uns vielleicht eine Aeußerung des Reichskanzlers selbst einen psychologischen Hinweis. Der Reichskanzler hat kürzlich in einer Rede, bei der er die Aus- Scheidung der Juden aus den Intelligenzberufen begründete, gesagt, es dürfe nicht der Anschein erweckt werden, als ob die jüdische Rasse der deutschen geistig überlegen sei, so daß Juden in höherer Anzahl in den Intelligenzberufen sitzen müßten. Wir verkennen nicht die Bedeutung dieser Bemerkung. Aber ernsten Juden ist es ebenso wenig eingefallen wie ernsten Nichtjuden, aus der Zahl der Advokaten geistige Werturteile herzuleiten. Die deutsche Intelligenz wird aus solchen Gründen nirgends als inferior erscheinen. Nicht geistige Ueberlegenheit, sondern soziologische Tatsachen haben den gegenwärtigen Zustand herbeigeführt. Die Juden wurden auch nach der Emanzipation von verschiedenen Berufskategorien ferngehalten, die Nichtjuden offenstanden. Ebenso wie man sie im Mittelalter auf das Geldgeschäft hingedrängt hat, so zwang man sie in der Neuzeit zum Handel und zu den» Intelligenzberufen. Sie gehörten vorwiegend der groß- und mittelstädtischen Bevölkerung an und in der Zeit des Aufstiegs des Bürgertums wurden sie in großer Zahl in jene bürgerlichen Berufe gedrängt, wo ihnen eine Betätigung offenstand. Viele weitsichtige Juden haben diese Sachlage bedauert und darin eine Ursache der Judenfrage gesehen (Herzl). Der Zionismus ist es, der u. a. die Abnormalität der Berufsschicht u n g der Juden beseitigen wollte. Aber eine derartige Umschichtung, wie sie die neue wirtschaftliche Situation ohnedies erfordert, braucht Zeit und Hilfe. Im neuen Deutschland soll, neben anderen Dingen, auch die alte jüdische Berufsschichtung geändert werden. Hätte die Regierung, um dies Ziel zu erreichen, die Mithilfe der Juden gesucht, dann hätte so manches getan werden können, ohne daß die ganze Welt aufmerksam geworden wäre, und auch unnötige Härten, die ja die Regierung selbst nicht wünscht, wären vermieden worden. So aber stehen wir mit einem Schlage vor einer Depossedierung zahlreicher deutscher Juden, die aus der Anwaltschaft und dem Aerzteberuf, aber auch aus zahlreichen Positionen des gänzlich unpolitischen Wirtschaftslebens entfernt worden sind. Wenn diese Ausschaltung so weit geht, daß nicht nur Universitätsprofessoren, sondem auch kleine Schuhverkäuferinnen wegen ihres Judentums entlassen werden, dann entsteht ein soziales Problem von unübersehbarem Ausmaß. Die Regierung kann gegenüber dieser Tatsache nicht die Augen verschließen. Auch wenn sie die Juden nicht liebt, muß sie die Frage gewärtigen, was mit den vielen brotlos gewordenen Juden geschehen soll. Wie die Dinge heute liegen, kann ein Jude, der wegen seines Judeseins entlassen wurde, nicht damit rechnen, irgendwo eine neue Anstellung zu finden. Selbst die bestorganisierte Wohltätigkeit kann nicht dauernd Menschen über Wasser halten, die nicht die geringste Aussicht haben, jemals ihr Brot verdienen zu können, nicht weil sie arbeitsscheu sind, sondern weil sie — als Juden — nicht arbeiten dürfen. We::;1 alle betroffenen Juden auswandern sollten, müßte auch dies mit Hilfe der Regierung organisiert werden. Auf alle Fälle müßte die Frage von den verantwortlichen Instanzen geprüft werden. Die heutige Situation gibt gleichzeitig einen Anschauungsunterricht dafür, wie das wirtschaftliche Leben der Juden sich in der Vergangenheit oftmals gestalten mußte, wenn sie aus ihren alten Positionen hinausgeworfen wurden; viele Verhaltungsweisen, die man spöttisch oder tadelnd als jüdisch zu bezeichnen pflegt, finden zwar keine Entschuldigung, aber vielleicht eine historische Erklärung aus der Verzweiflung von Men-' sehen, denen man jede Möglichkeit ehrlicher Arbeit und rechtmäßiger Selbsterhaltung genommen hat. Ueber die tatsächlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Neuregelung besteht im Augenblick noch keine Klarheit. Das Reichsgesetz über die Rechtsanwaltschaft z. B. ist in der Presse in widersprechender Weise kommentiert worden. Der preußische Justizminister Kerrl und Ministerialdirektor Freisler haben am Dienstagabend bei einem Empfang davor gewarnt, das Gesetz allzu optimistisch auszulegen. Man muß also die weitere Entwicklung abwarten. Eines aber kann schon heute gesagt werden. Wir haben in der letzten Zeit merkwürdige Erfahrungen mit der jüdischen Mentalität gemacht. Ganz abgesehen davon, daß es anscheinend nicht möglich war, die jüdischen Anwälte zu einem solidarischen Vorgehen und einer einheitlichen Antwort zu bringen, macht man die Beobachtung, daß jede Milderung der ursprünglich befürchteten Maßnahmen von der Judenschaft bereits als Symptom der Besserung hingenommen wird. Nun haben wir alles Verständnis dafür, daß jeder für seine Existenz kämpft. Aber wir haben hier nicht den Standpunkt des Einzelnen, sondern den der jüdischen Gemeinschaft zu vertreten. Und da kann man sich nicht damit beruhigen, daß bei Juden die in der Vergangenheit liegende und vielfach dem Zufall zuzuschreibende Tatsache des Frontdienstes oder des Verlustes teurer Angehöriger maßgebend für die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft sein soll. Wir empfinden solche Einschränkungen, die nur bei Juden gemacht werden, als eine Erniedrigung. Es ist unmöglich, im Rahmen einer allgemeinen Betrachtung ein erschöpfendes Bild der jüdischen Lage und Probleme zu geben. Aber man muß mit aller Klarheit aussprechen: Die jüdische ״Gleichberechtigung“ ist zu Ende. Der Begriff des ,,nichtarischen“ Menschen, der im öffentlichen und im Privatleben ein Bürger zweiter Klasse ist, wurde von der offiziellen Gesetzgebung rezipiert. Das ist ein Ereignis von historischer Tragweite. Es gehört nicht nur in die deutsche Geschichte, sondern auch in die jüdische Geschichte. Für das Judentum ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer völligen inneren Neuorientierung. Wenn die heutigen Ereignisse zu einer Besinnung führen, dann wird für den Bestand des jüdischen Namens daraus noch Gutes erwachsen. Aber auch für unser Verhältnis zu den Nichtjuden ist eine neue Basis geschaffen, über die man nicht nur kritisch räsonniereu sollte, sondern von der aus man konstruktiv aufbauen kann und muß. * Neben all dem Bitteren, das die deutschen.•Juden als Ganzes, und einzelne deutsche Juden, die ein Leben in hingebungsvoller Arbeit für ihre Mitmenschen verbracht haben, in diesen Tagen durchmachen mußten, muß gerechterweise auch eine Erfahrung verzeichnet werden, die vieles aufzuwiegen vermochte. Von einer großen Zahl von Freunden und Lesern in Berlin und in allen Teilen des Reiches erhalten wir Berichte, aus denen hervorgeht, daß ein großer Teil der christlichen deutschen Bevölkerung trotz der beispiellosen Vehemenz der antijüdischen Propaganda und trotz der entstellenden Darstellungen des Judentums, die im Umlauf sind, ein Gefühl für die wirkliche Situation bewahrt haben. Sowohl am Tage des Boykotts als auch nachher haben viele Juden von ihren Mitbürgern Zeichen der Teilnahme und des Respektes erhalten. Von Briefen und Gesprächen bis zu Blumen- und anderen Sendungen enthält die Chronik dieser Tage viele Beweise, daß unter der Oberfläche noch nicht alle Gewässer trübe sind. Eine christliche Dame hat am tage des Boykotts einem jüdischen Seelsorger in Berlin einen namhaften Geldbetrag für jüdischwohltätige Zwecke überbracht; vielleicht gibt es noch mehrere solcher Fälle, die nicht zu unserer Kenntnis gelangt sind. Jüdische Aerzte und jüdische Anwälte, denen ihre Weiterarbeit verboten oder verleidet wird, als hätten sie sie nicht ehrenvoll geführt, die als Stand und Gruppe in einem Teil •der deutschen Presse pauschaliter diffamiert werden, erhielten spontane Vertrauenskundgebungen ihrer christlich-deutschen Klientel, die sich einer Dankesschuld gegenüber diesen Männern bewußt ist. Es handelt sich dabei keineswegs um parteimäßig abgegrenzte Kreise, sondern ausdrücklich wird hervorgehoben, daß aus Rechtskreisen, auch von Mitgliedern der nationalsozialistischen Partei, solche Kundgebungen zu verzeichnen sind. Diese ehrenvolle Chronik ist nirgends verzeichnet worden, wir halten es für eine Ehrenpflicht, sie zu bewahren. Die geschilderten Erfahrungen sind besonders wertvoll, weil die Menschen, die solches taten, nicht mehr unter dem Verdacht stehen, sie wüßten nicht, daß der Betreffende ein Jude ist. Nein, zum Juden als Juden wird heute gesprochen, und gerade darum kann diese Saat Früchte tragen. Und darum sind gerade wir, wir Juden, die nie ihr Judentum verborgen haben, die immer ganze Juden sein wollten, gerade wir sind berechtigt, in aller Offenheit unseren Dank auszusprechen. Wir danken diesen christlichen Mitbürgern nicht nur für ihre freundlichen Gefühle gegenüber Einzelnen, nicht nur dafür, daß sie den Verzerrungen jüdisehen Wesens nicht geglaubt haben, sondern auch dafür, daß sie uns in schweren Tagen den Glauben an die Menschheit gerettet haben. Denn gerade wir nationalen Juden, die den konstitutiven Wert des Volkstums und des Blutes für Mensch und Volk bejahen, glauben auch an die höhere Einheit des Menschengeschlechtes, in der das Verbindende, das Menschliche, über alle Schranken und Klüfte hinweg die Menschen eine gemeinsame Sprache dessen, was Menschenantlitz trägt, finden läßt Aber wir können uns zu diesem Gedanken der menschlichen Einheit nur dann bekennen, wenn wir als Juden unser Selbst fest verwurzelt fühlen, nicht aber wenn wir unter dem Verdacht stehen, Menschheitsgedanken zu einem interessen-Instrument zu erniedrigen, weil wir in einer allgemeinen Verwaschenheit als wurzellose Individuen zu profitieren vermöchten. Nein, als freie, aufrechte