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Jüdische Rundschau · 1933-01-01 · 1 = Januar (1.1933) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
1 = Januar (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Redaktion und Verlag: .Berlin W15, Meinekestraße 10 / Telefon: J 1 Bismarck 7165 Januar 1933 Nummer 1 Gerechtigkeit? Gerechtigkeit! Unsere Monatsausgabe iriii mit dieser Nummer in ihren zweiten Jahrgang. Die Monatsausgabe hat den Zweck, Kreise über die zionistische Bewegung und über die zionistische Auffassung der Judenfrage zu unterrichten, die sonst wenig Gelegenheit habent den Zionismus unmittelbar aus authentischer Quelle kennenzulernen■ Die Monatsausgabe ist aus Aufsätzen und Beiträgen zusammengesetzt, die zuvor in der zweimal wöchentlich erscheinenden Normalausgabe veröffentlicht wurden; und zwar werden solche Beiträge ausgewählt, die über die bloße Tagesaktualität hinaus grundsätzliche Darlegungen oder allgemein interessierende Schilderungen enthalten. Auf diese Weise glauben wir den Lesern der Monatsausgabe einen viel lebendigeren Eindruck des zionistischen Lebens und Denkens zu vermitteln, als wenn wir ihnen speziell für Außenstehende zurechtgemachtes Material vorlegten. Zu unserer Freude können wir feststellen, daß der erste Jahrgang unserer Monatsausgabe eine überaus freundliche Aufnahme gefunden hat. Zahli eiche Zuschriften beweisen uns, daß die nichtjüdischen Leser dieser Ausgabe oft zum ersten Mate durch die ״Jüdische Rundschau" Kenntnis von zionistischen Gedankengängen erhielten und mit Ueberraschung und Anteilnahme, wir können wohl auch sagen: mit Respekt, die zionistische Auseinandersetzung und das zionistische Werk verfolgen. Wir werden auch weiter, wie bisher, um die Ausgestaltung der Monatsausgabe bemüht sein und werden uns freuen, wenn unsere Leser uns ihre Ansicht über unsere Gesamthaltung sowie über einzelne Aufsätze wissen lassen. Wir glauben, daß eine Klärung der Judenfrage und eine Besserung des gegenwärtigen Zustandes durch offene Aussprache gefördert werden kann. Wir werden auch Adressen von Personen, von denen angenommen werden kann, daß sie für die Monatsausgabe Interesse haben, gern entgegennehmenי Die Monatsausgabe ist im Zeitungshandel nicht erhältlich und wird lediglich von der Zentrale, Berlin W15, Meinekestraße 10, unentgeltlich zugesandt. WIIII»IIIWminiltttl>IMIIil»limill»iiMIIIIIIHIllilllMtl<TllUIII»llllllllUIIIIIIIIIIIIIII1nil(lllll»inin1lllllll»(l«IIIIMllll«IIHIItllllHUIII>llllllllUlllllt«lllUUIIIII«r1UlllWI»m»Ülil1niH■^ Die Palästina - Debatte der Mandatskommission Am 23. Januar versammelte sich der Rat des Völkerb ii n d e s in Genf zu seiner neunten Session, auf deren Tages- Ordnung auch die Behandlung des Berichtes der Mandatskommission steht, die im November und Dezember 1932 getagt und auch das Palästinamandat und die Verwaltung Palästinas im Jahre 1931 geprüft hat. Der Völkerbundrat hat die Konklusionen der Mandatskommission, die sich in allem Wf»<;enfl!rh^n Mph ,NfnnrIpmiVt der Mandn farm acht an«fhlipRe1\ g zur Kenntnis genommen. Gemäß dem nun erschienenen Protokoll nahin die Aussprache in der Mandatskommission folgenden Verlauf: Auf die Erklärung des High Commission er Sir Arthur Wauchope betreffend Vorbereitung eines Legislative Council nach Inkrafttreten der Munizipalverordnung hin haben Mitglieder der Mandatskommission an Wauchope Fragen über die Aussichten einer Zusammenarbeit zwischen Arabern und der Regierung und über den Stand der arabisch-jüdischen Beziehungen gestellt. Wauchope bemühte sich nachzuweisen, daß eine Kooperation zwischen Arabern und der Regierung sich langsam durchsetzt. Er gab der Meinung Ausdruck, daß die Araber sich zur Mitarbeit geneigter zeigen werden, wenn sie sehen werden, daß England sein Versprechen betreffend Legislative Council erfüllt. Zwischen Regierung und Oberstem Moslemischen Rat, sagte Wauchope, herrschten schon früher gute Beziehungen, diese haben sich in den letzten Monaten noch freundschaftlicher gestaltet. Eine von dem High Commissioner einberufene Bürgermeisterkon• ferenz, an der 20 Bürgermeister, Araber und Juden, teilnahmen, bewies, ebenso wie andere Erscheinungen im palästinensischen Leben, die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Juden und Arabern, wenn auch vorläufig nur in technischen Kommissionen. Schwierigkeiten bestehen nur bei Behandlung politischer Fragen. Auf die Frage des schweizerischen KommissionsmitgHeds Prof. R a p p a ז d , warum die jüdischen Stadträte den J e ru - salemer Stadtrat verlassen haben, erwiderte Wauchope, dies geschah aus Protest dagegen, daß die jüdischen Wünsche nicht berücksichtigt würden, obwohl die Juden die Mehrheit der Jerusalemer Bevölkerung ausmachen. Auf die Frage, wie es kommt, daß die Juden, obwohl sie die Mehrheit der Bevölkerung bilden, im Stadtrat eine Minderheit sind, erwiderte Wauchope, nach Inkrafttreten des neuen Munizipalitätengesetzes würden Neuwahlen stattfinden. Auf die Frage, ob die Schaffung eines Legislative Council die Araber befriedigen wird, erwiderte Wauchope, die gemäßigten Araber werden befriedigt sein, die Extremisten nicht. Der Holländer Van Rees gab zu bedenken, daß die Schaffung des Legislative Council sofort nach Inkrafttreten des Munizipalitätengesetzes vielleicht übereilt sei; es wäre vielleicht vernünftiger, zuerst die Auswirkung der Munizipalitätenverordnung zu beobachten; er befürchte ein Aufflackern der jetzt schlummernden politischen Leidenschaften bei Einführung des Legislative Council. Darauf antwortete Wauchope, erst wenn das Munizipalitätengesetz in befriedigender Weise in Funktion getreten sein wird, werde die Regierung in Verhandlungen mit den palästinensischest Führern Uber Einrichtung des Legislative Council treten. Bei Behandlung der Frage . der öffentlichen Sicherheit erklärte Wauchope, die versiegelten Waffen• depots in den jüdischen Kolonien geben den Kolonisten ein Gefühl der Sicherheit, daß sie sich bei Gefahr wer• den verteidigen können; es sei noch nicht an der Zeit, hierin Aenderungen eintreten zu lassen. Die Beziehungen zur Jewfsh Agency bezeichnete Wauchope als vorzüglich. Die Regierung wünsche sehr, ihre Zuschüsse für das jüdische Erziehungs- und Gesundheitswesen erhöhen zu können, das Gesundheitsdepartement der Regierung wäre bereit, gewisse von den Juden verwaltete Institutionen in ihre Verantwortung zu übernehmen. Die Frage nach dem Ausmaß der Beteiligung der Juden an öffentlichen Arbeiten beantwortete Wauchope dahin, diese Frage könne nicht nach einem allgemeinen Prinzip, sondern nur von Fall zu Fall entschieden werden. HmsiduiEcii der Einwanderung betonten der Engländer Lord Lugard und der Schweizer Prof. Rappard die Notwendigkeit, die Aufnahmefähigkeit des Landes als Maßstab gelten zu lassen. Sie fragten, ob nicht Gefahr vorhanden ist, daß plötzlich eine gewisse A r - beitslosigkeit, besonders in der Bautätigkeit, eintritt, als deren Folge neu eintreffende Arbeiter ohne Beschäftigung bleiben. Wauchope erwiderte, die EinwaJiderungsquote werde stets der Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt; wird die Arlbeitsmöglichkeit vermindert, wird die Einwanderungsquote niedriger gesetzt. Auf die Frage nach der Qualität der Einwanderer aus Rußland und Polen erklärte Wauichope, diese Einwanderer seien fleißige Mensehen, die sich gut und mit Erfolg betätigen. Auf Prof. Rappards Frage, welche Garantien die Regierung dafür besitze, daß das von den unabhängigen Einwanderern vorschrittsmäßig vorgewiesene Kapital von 1000 Pfund nicht geliehenes Geld darstellt, das nach der Einwanderung zurückgegeben wird!, erklärte Wauchope, solche Fälle seien bisher nicht vorgekommen, dagegen komme es öfter vor, daß als Touristen ins Land Gekommene sich nachträglich ansässig machen. Hinsichtlich der Bodenfrage erklärte Wauchope, Staats-Länderelen für neue Kolonisation seien in Wirklichkeit nicht vorhanden. Eine Reihe Fragen wurde betreffs der jüdischen Beschwerden, daß die Juden in der Polizei nicht zureichend vertreten sind, gestellt. Wauchope erklärte, gewisse Aenderungen zum Guten seien hierin bereits eingetreten.• Hinsichtlich der Beteiligung im transjordanischen*Grenzk >rps besteht unter den Juden Unzufriedenheit. Zur Gendar• merie werden alle Teile der Bevölkerung zugelassen, Kenntnis des Arabischen ist aber Voraussetzung. Auf Lord Lugards Frage erklärte Wauchope, ihm sei nichts davon bekan nt, daß die Revisionisten ein politisches Büro in Palästina einrichten und ihr Zentralbüro nach Genf verlegen. Der in Jerusalem abgehaltene Moslem-Kongreß, sigte Wauchope, sei keineswegs als ein Weltkongreß des Islam anzusehen. Panislamismus und Panarabismus seien ganz verschiedene Dinge. Was den Plan der Schaffung einer arabischen Universität in Jerusalem betrifft, so glaube er nicht, daß eine solche Universität der Regierung feindlich gegenüberstenen und die Durchführung des Mandats stören würde. Die Regierung habe nicht die Absicht, zu dem Bau einer arabischen Universität finanziell beizutragen. Die Aussprache über Palästina nahm drei Sitzungen der Mandatskommission (am 10. und 11. November 1932) in Anspruch. Zum Schluß sprach der Vorsitzende seine Befriedigung über die gute Lage in Palästina aus, wo von der Weltkrise verhältnismäßig wenig zu spüren sei. Wauchope verabschiedete sich von der Kommission mit den Worten, die Lage in Palästina gebe Grund zu Befriedigung, sogar zu Vertrauen in die Zukunft, doch dürfe man nicht der großen Schwierigkeiten vergessen, die die Erfüllung des Mandats mit sich bringt, da die beiden Völker, die das Land bewohnen, noch sehr weit von gegenseitigen herzlichen Empfindungen entfernt sind. Obwohl die Judenfrage durch die übertriebene Aufbauschung, die sie als Agitationsstoff der antisemitischen Parteien seit Jahr und Tag gefunden hat, in Deutschland zu einem Politikum ersten Ranges geworden ist und obwohl beinahe jeder Tag ernste, die Grundlagen des Staatsgefüges berührende Konflikte in bezug auf Juden bringt, ist erstaunlicherweise festzustellen, daß bisher׳kein Versuch gemacht wurde, den wahren Sachverhalt kritisch zu prüfen. Für uns Juden ist die Judenfrage eine Lebensfrage, und die neue jüdische Haltung datiert von dem. Moment, wo Juden vermocht haben, die Judenfrage ohne Ressentiment und ohne Affekt-Trübung in ihrer geschiehtliehen Verschlungenheit und ihrer tatsächlichen Auswirkung präzise zu sehen und zu formulieren, im. Gegensatz zu der Judcnheit eines ganzen Jahrhunderts, die es für höchste Weisheit hielt, den spezifischen Charakter der Judenfrage zu ignorieren oder zu leugnen. Für das Deutsche Reich hingegen wäre normalerweise besonders in einer Zeit, wo Staat und Volk um innere und äußere Neugestaltung ringen, die Judensache sicherlich nicht von so eminenter Bedeutung; da nun einmal aber — teilweise sicherlich durch hemmungslose Propaganda irregeführt — ein beträchtlicher Teil des deutschen Nationalismus sich - nicht anders als von der Juden frage her orientieren zu können glaubt und da die stärkste deutsche Partei in ihrem Programm verkündet ״Antisemitismus ist gewissermaßen die gefühlsmäßige ,Grundlage unserer Bewegung“, besteht für das Deutschtum, vor allem für die deutsche׳Intelligenz nicht bloß eine intellektuelle Verpflichtung, sondern eine eminent aktuelle praktische Notwendigkeit, sich mit der Judenfrage zu befassen. In der ganzen Welt wird es nicht verstanden, daß sich in Deutschland keine einzige Stimme von Gewicht erhebt, die mit Autorität und geistiger Fundierung dem beschämenden Treiben der antisemitischen Hetze entgegentritt. Im besten Falle kann man auf gelegentliche Aeußerungen, denen es an dem nötigen Nachdruck fehlte, oder auf einzelne feuiUetonistischschriftstellerische Kundgebungen hinweisen. Wenn nun in dieser Situation ein deutscher Schriftsteller unter dem pathetischen Titel ״Gerechtigkeit!“ eine Schrift ״zur Lösung' der Judenfrage“ veröffentlicht*), könnte man erwarten, daß hier endlich der Versuch gemacht wird, der deutschen Oeffentlichkeit das Wesen der Judenfrage darzulcgen und zur Besinnung anzuregen. Dies ist vielleicht auch die Meinung einer Anzahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die* in einem Aufruf sich für das Buch einsetzen; im übrigen aber muß man annehmen, daß viele der Unter- Zeichner des Aufrufs die Broschüre gar nicht gelesen haben. Denn wenn auch an dem ehrlichen und anständigen Wollen des Verfassers Dr. Friedrich von Oppeln- Bronikowski nicht zu zweifeln ist, so muß man leider feststellen, daß seine Schrift ihren Zweck nicht erreichen kann, weil sie auf einer Verkennung des eigentlichen Problems beruht. Oppeln-Bronikowski hat schon früher zu jüdischen Fragen das Wort ergriffen. Es zeugt für den Mut und das Ehrgefühl dieses aus einer alten Offiziersfamilie stammenden Aristokraten, daß er sich gedrängt fühlt, der Kulturschände des Antisemitismus entgegenzutreten. Er tat dies schon 1920 in einer Broschüre, und vor etwa einem halben Jahr trat er im Rundfunk als Diskussionsredner des antisemitischen Major Borck auf׳ Aber seine Verteidigung ist unzulänglich. Sein Lehrmeister in jüdischen Dingen ist Dr. Max Naumann, der Begründer des ״Verbandes nationaldeutscher Juddn“; kein Wunder, daß man als Jude bei Lektüre dieser Schrift versucht ist auszurufen ״Gott schütze uns vor unseren Freunden“. Der Verfasser erinnert in seinem Schlußkapitel an den Parallelismus zwischen Judenhetze und der Deutschenhetze, die im Kriege in einigen Ländern getrieben wurde. Gegen Deutsche wurden vielfach ganz ähnliche Beschuldigungen erhoben, wie sie in Deutschland gegen die Juden üblich sind. Was würde .Oppeln-Bronikowski sagen, wenn nun jemand unter dem Titel ״Gerechtigkeit!“ eine Verteidigungsschrift zugunsten der Deutschen verfaßt hätte, in der nachgewiesen würde, daß freilich das ״Radikal-deutsche“ abzulehnen und zu verdammen ist, aber man könne mit Befriedigung feststellen, daß sich die Deutschen vom Deutschtum abwenden. Der Verfasser möge diesen Gedanken zu Ende denken, um sich der Absurdität seiner Methode bewußt zu werden. Als Anhänger eines deutschen Konservativismus ist Oppeln-Bronikowski ein Gegner internationaler Bestrebungen und pazifistischer Tendenzen. Die logische Konsequenz dieses Standpunktes wäre für die Judenfrage die Bejahung eines konservativen Judentums, das die Güter der eigenen Tradition ebenso festhält wie der deutsche Konservativismus die seinen. Oppeln-Bronikowski aber redet einer radikalen Assimilation das Wort, er ist auch ein erbitterter Gegner des Zionismus, aber er erfindet sich eine Willkür- •) Verlag Josef Garibaldi Huch, Berlin-Wilmersdorf.

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