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Jüdische Rundschau · 1932-10-01 · 7 (10.1932) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
7 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 7, Oktober 1932 Spruch erhebende Gemeinschaft, die ein Aufgehen in das deutsehe Volkstum überhaupt nicht will“ (S, 563). Für die deut• sehen Juden erblickt ex in der Mischehe den Weg zur Eindeut• schung, und so wird ihm sein persönlicher Weg: Uebertrrtt zum Christentum, Heirat mit einer Christin, völliger Bruch mit der jüdischen Gemeinschaft und leidenschaftliche Hinwendung zum deutschen Nationalismus zur beispielgebenden Tat. Große Oefahr bedeutet für ihn der Zuzug von Ostjuden, die das Problem der deutschen Judenheit erst recht eigentlich begründen, ln den Ostjuden sieht er unkultivierte und für das deutsche Volkstum verderbliche Menschen. So hat L. also eine Formel gefunden, die zwar keinen Feind und keinen Freund des jüdischen Volkes befriedigt, ihn aber zufriedenstellt Es ist eine Formel, die das ernste geschichtliche Phänomen des Volkes im Exil in der primitivsten Form anpackt und höchstens zur Beruhigung oder Rechtfertigung seiner selbst taugt. In Lubarsch ist eine in der Mitte und zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts häutige Erscheinung zu einer besonders unerfreulichen Ausprägung gelangt: Kinder von Familien, die emporstreben und erfolgreich sind, werden von ihren Eltern jüdischem Milieu, jüdischer Erziehung entzogen, in den christlichen Religionsunterrieht gesteckt, auf alles Nichtjüdische als erstrebenswertes Ziel hingelenkt; Adel, Militär erhalten so in den jugendlichen Augen romantischen Glanz, deutscher Nationalismus erwacht in jüdischen Herzen — was soll — um in Abwandlung eines Midraschwortes zu sprechen — das Kind tun, daß es nicht abtrünnig werde? Auch in Lubarschs Falle trifft das Elternhaus die Verantwortung für den Werdegang des Kindes -־, denn er ist hier nicht der einzige, der die restlose Assimilation erwählt hat. Ohne Kenntnis vom Judentum aufgewachsen, kehrt sich aut Grund eines sehr schwierigen Temperaments der Jüngling und Mann voll Abneigung gegen seinen Ursprung. Manche haben diesen Weg leidenschaftslos zurückgelegt, so der als Helmholtzbiograph bekannte Mathematiker L. Koenigsberger (s. dessen Buch: ״Mein Leben״). Aber Lubarsch trägt in sich zuvieleZüge des zerrissenen, unharmonischen Diasporajuden, als daß er ein stiller Renegat hätte sein können. Mit seinem Uebertritt war sein Charakter und Temperament nicht ausgewechselt, und sein unruhiger Oeist, der vielleicht doch nicht selten die Anomalie des Wechsels von ״Glauben״ und Volkstum fühlte, suchte in der Theorie, in einer ausgeklügelten Meinung, die er sich über das Judentum und seine Mängel bildete, Ruhe, die er doch nicht fand. Alle Gehässigkeiten gegen •Kutisker, alle heftigen Polemiken sind nicht so lehrreich, wie die Worte, die er nach dem Verluste seiner drei Söhne — ein Schmerz, der alle ergreift — niederschreibt: ״Fromme Juden werden vielleicht finden, daß es der gerechte Zorn des Herrn war, der mich für meine Abtrünnigkeit geschlagen״. . . . <S. 566). Wie wenig kennt Lubarsch die Seele der treugebliebenen Juden, daß er ihnen solche Gefühle unterschiebt! Juden sind mitleidsvoll, aber — abgesehen davon — verräterischer ab für Lubarschs Einschätzung der luden ist dieser Satz für sein Seelenleben selbst. Auch im schwersten Schmerz kommt er nicht los von der Gemeinschaft. von der er sieb für immer gelöst hat. In der schmerzhaften Auseinandersetzung mit sich selbst, in schwerer Zerrüttung projiziert er die Front nach außen und richtet gegen das Judentum die Waffe. Jedenfalls ist Lubarsch ein beredter Bewds für die Fruchtlosigkeit von absoluter Assimilation und Flucht. Nicht nur löst man die Konflikte des jüdischen Volkes mit seinen Wirtsvölkern, die Problematik von Judentum und Umwelt, die Lubarsch gar nicht erfaßt, nicht durch Uebertritt — er selbst, Lubarsch, ist nicht frei geworden ab Renegat. Die mehr ab naive Art, die Existenzberechtigung von Minderbeiten (nationale, religiöse, kulturelle) zu leugnen, den Willen nicht unbedeutender Teile der herrschenden Nationalität eines Staates, die entweder die Charakterlosigkeit des erzwungenen oder utilitaristischen Uebertritts der Minderheit ablehnen oder aus anderen Gründen ^eine Vermischung wollen, zu mißachten und die Ueberzeugung der Minorität gering zu schätzen, braucht hier nicht weiter gekennzeichnet zu werden. Sie ist entweder primitiv oder brutal Ira Buche scheint es an Widersprüchen nicht zu fehlen. Aber es ist doch eine starke Einheitlichkeit darin am Werke. Lubarsch ist den Weg zum Deutschtum — jedenfalls mit dem Wülen — zu Ende gegangen,. Er hat sich nicht damit begnügt, dem Judentum den Rücken zu kehren, ihm das Daseinsrecht abzusprechen, es im Innersten abzulehnen — und das nähert sich dem Haß; er ist als Deutscher nicht unter die Liberalen, Republikaner usw. gegangen, sondern unter die Reaktionäre. In einer Schicht des Deutschtums, die er für eine der tiefsten hält, wollte er Fuß fassen. Daher seine enthusiastische Ein- Stellung zu den Faktoren des alten Pxeußen; sein Hohn und grimmiger Haß gegen das neue Regime, seine Sympathie für alle, die grollend abwärts stehen. Interessant Ist in diesem Zusammen hange sein Verhalten während des Kapp-Putsches. Dabei billigt er nicht alles, tritt Wilhelm II. mit aen in vielen konservativen Kreisen üblichen Bedenken entgegen, tadelt auch, wie unbedacht der Kapp-Putsch unternommen wurde. Aber eben nur die mangelnde Vorbereitung kritisiert er. Lubarsch findet für manchen Gelehrten und Politiker ein warmes Wort; er ist nicht eigentlich hochmütig. Aber streng ist er und sicherlich ־־־ objektiv — nicht immer gerecht. Kampf und Auseinandersetzung durchzieht wie sein polnisches so auch sein berufliches Leben. In Zürich, Rostock, Posen, Düsseldorf heftigste Zusammenstöße. Nur wenige finden volles Lob: so der Chirurg Braun-Zwickau, Boveri, Hensen, und natürlich Lagarde, der ihm in der Behandlung der Judenfrage nahe ist. Besonders peinlich ist demgegenüber die Art, in der Lubarsch sich über den Tod eines Gegners, Karg, äußert. Die Selbstbiogxaphie ist voll Leben. Sie bringt viel, manehern mag scheinen: zuviel. Es gibt Dinge aus dem Leben des Autors, die selbst ihm Nahestehenden nicht wesentlich erscheinen werden; ein Wohnungswechsel, eine Abschiedsfeier, ein Spaziergang sind wirklich nicht wichtig. Mich würde mehr als die Angabe, mit wem L. in irgendeiner Stadt musiziert hat, interessieren, was ihm Musik bedeutet. Der Abschnitt über Wissenschaft und Weltanschauung ist ziemlich großzügig» vorurteilsfrei, aber ohne Originalität. Wenn man Lubarschs Memoiren mit denen von B. N a u n y n vergleicht, die auch in das Leben und die Meinungen Einblick gewähren, so wird man dem großen Internisten als Menschen und Geist den Vorrang zuerkenneri. Naunyn ist als Forscher und Selbstdarsteller schlicht und deshalb groß; Lubarsch gewiß ein Mann von großen Gaben, aber die Reife der Persönlichkeit ist ausgeblieben. Im Ringen mit der Umwelt und mehr noch vielleicht mit sich selbst, in der Unrast der Heimatlosigkeit, verzehrt er sich selbst und schafft zwar unermüdlich, aber der Segen der Harmonie stellt sich nicht ein. _Oskar Wolfsberg. Inner christliche Konflikte. Der lateinische Patriarch von Palästina, Mgr. Barlassina, hat soeben in italienischer, französischer und englischer Sprache einen Hirtenbrief veröffentlicht, der sich mit großer Schärfe gegen die Young Men Christian Association (Vereinigung christlicher junger Männer) richtet. Bekanntlich soll zu Ostern das Monumentalgebäude der Y. M. C. A. in Jerusalem eröffnet werden. Barlassina erklärt, die Y. M. C. A. sei ,,Gift in Form einer goldenen Pille״ und ״eine ganz verwerfliche Institution״ und verbietet aut das strengste jedem Katholiken, der Vereinigung anzugehören, oder sie materiell zu unterstützen oder auch nur das Haus der Y. M. C. A. zu besuchen, andernfalls ihm die Absolution verweigert würde. Die literarische Form der Bibel Eine neue Hypothese Das Problem dex literarischen Komposition des Alten Testaments hat in den letzten Jahrzehnten die Wissenschaft beschäftigt und eine Fülle von Theorien über Quellschriften, Redaktionen, Konjekturen, das Alter der einzelnen Stücke, und daran anschließend Rückschlüsse auf die altiüdische Geschichte zutage gefördert. Diese sogenannte ,,Bibelkritik“ lag in der Hauptsache in der Hand der protestantischen Gelehrten, von jüdischer Seite wurde nur wenig dazu beigetragen. Wenn auch 1m einzelnen durch neue Forschungen, Ausgrabungen usw. sich immer wieder Korrekturen bisher als sicher angenommener Ergebnisse ergaben, so ist die Methode und die Grundmeinung der Bibelkritik doch mehr oder weniger als allgemeine Meinung der gebildeten Welt, soweit sie nicht kirchlich orthodox denkt, anerkannt. Um so größeres Interesse wird es bei allen Kennern der Bibel und der jüdischen Geschichte hervorrufen, wenn ein jüdischer Forscher, Dr. Harry Torczyner, Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, mit einer Hypothese hervortritt, die auf das literarische Problem des Alten Testaments ein ganz neues Licht wirft. Die Abhandlung Dr. Torczyners, die den Titel führt ״Das Literarische Problem der Bibel“, ist in der ״Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft“ (Neue Folge, Band 10, Kommissionsveriag Brockhaus,Leipzig) erschienen. Torczyner glaubt, einen Weg gefunden zu haben, um die biblischen Schriften nach einem einheitlichen Maß zu messen und «in einheitliches Urteil über den literarischen Charakter zu finden, das, wenn es sich bestätigt, zu weitgehender Nachprüfung der bisher unbestrittenen Resultate der B-ibelwisseuschaft zwingt. Angeregt durch Einzelbeobachtungen im Zusammenhang mit dem Hohen Lied (dessen Titel nach Torczyners Meinung nicht ״Schir Haschirim“, Lied der Lieder, was auf einen Schreibfehler zurückzuführen sei, sondern ״Schir Hascharim“, Lied der Sänger Salomos, lauten müßte), feiner aus Psalm 90/91, der Hiob- Dichtung u. a. kam der Verfasser auf die Vermutung, daß die Rahmenerzählung in der Bibdl eine viel größere Rolle spielt als man bisher annahm. Allenthalben finden sich in verschiedenen biblischen Büchern Verse, die nur als Reste einer verlorengegangenen längeren Erzählung zu verstehen sind, in deren Rahmen dann offenbar die verschiedenen poetischen Texte hineingestellt worden sind. Auf diese Weise kam Torczyner zu dem Schluß, daß ״die Rahmenerzählung mit Einlagedichtungen und Einlagereden verschi e denste r Art die einheitliche Form des biblischen Schrifttums ist.“ Dies wird nun an einer Fülle von Beispielen, die sehr eindrucksvoll sind, dargetan. Zunächst löst sich unschwer das Problem verschiedener Psalmen. Das Psalmbuch, sagt T., ist keine Sammlung aus Gebetbüchern, sondern eine Sammlung von Füll-Liedern aus dem Komplex der Geschichtslegend«, die sich an die großen Männer dier Vorzeit knüpft. Noch viel einschneidender aber ist das Ergebnis in bezug auf die P r o p h e t e n bü c h e r. Nach Torczyners Theorie gibt es überhaupt keine ״schriftsteliernden Propheten“, sondern die Propheten-Reden sind Dichtungen, die von verschiedenen Dichtern erfunden wurden, um die aus den überlieferten Erzählungen bekannten Prophetengestalfen zu verherrlichen. So erklärt sich auch das sonst unverständliche parallele Vorkommen des gleichen Textes an verschiedenen Stellen, ferner die Hinweise auf eine spätere Zeit, die Stilverwandtschaft verschiedener Prophetenpersönlichkeiten usw. ״So wird vieles zunächst literarhistorisch zu erklären sein, was man in zahlreichen Darstellungen des Prophetismus psychologisch oder pathologisch zu erklären suchte.“ Ja, auch die gesetzlichen Teile der Bibel wären dann als , Ein 1 age“ ui die Erzählung, somit als sekundäres Element zu betrachten, und es wäre dann möglich, daß viele Ausgestaltungen, in denen die Bibelkritik Entwicklungsstufen des Gesetzes sehen wollte, in Wahrheit nur Gesetzes e n t w ü rf e sind, zu deren Dar- Stellung die Moses-Geschichte verwendet ist, ganz in Analogie zu jenem Entwurf, der im Buche Ezechiel enthalten ist. Es ist ohne weiteres klar, daß sich auf einer solchen Auffassung weitgehende, ja geradezu revolutionierende Schlußfolgerungen ergeben. Auf der anderen Seite wäre damit im Gegensatz zur Analyse der Bibelkritik die literarische Einheit- I i c h k e i t der biblischen Schriften wiedergewonnen. Die gesamte Bibel wäre dann eine große Dichtung, ״ein einziger großer Midrasch, in dem zahlreiche Geschlechter die Geschiente Israels nicht nur nüchtern erzählen, sondern dichterisch ausgestalten wollten.“ Eine interessante kleinere Arbeit, die teilweise auf der vorstehend wiedergegebenen Konzeption aufbaut, veröffentlicht Torczyner unter dem Titel ״Vom U rs inn d e r Bibel“ in dem 49. Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In dieser Abhandlung zeigt T. an mehreren Beispielen, wie der ursprüngliche Sinn verschiedener Bibelstellen durch kleine Irrtümer der Abschreiber bzw. Redaktoren verdunkelt wurde und weist Wege zur Wiederherstellung des Ursinns und damit zu ungezwungener Erklärung. Es kann nicht unsere Aufgäbe sein, zu Torczyners Behauptungen hier kritisch Stellung zu nehmen. Sicherlich werden seine Hypothesen nicht nur von orthodoxer Seite, sondern auch aus den Kreisen der Wissenschaft angefochten werden. Worauf es uns hier ankam, ist, Kenntnis zu geben von einer jüdischen Gelehrtenarbeit, die für weite Kreise auch des ״Laien“-PubLikums von großem Interesse sein muß und die zeigt, wie gewaltige und fruchtbare Aufgaben noch vor der modernen Bibel-Forschung stehen. Eine neue Häbima-Platte. Die Colum bia-Gr ammophone-Company bringt soeben eine neue Habima-Platte heraus, die mir v׳ert erscheint, vor der breiteren jüdischen Oeffentlüchkeit dringend empfohlen zu werden. Die eine Seite bringt uns ein ergreifendes Klagemauer-Lied, das von Frau R o w i n a gesungen, gesprochen und rezitiert wird. Es ist eine Art Monolog, und zwar der Monolog einer armen Frau, deren Mann ins Feld gezogen ist für die Freiheit des Volkes und Frau und Kind zu Hause gelassen hat. Und nun tritt diese Frau und Mutter unter die Klagemauer und ruft ihxe Angst, ihr Leid, ihre Sorge um das verlassene Kind, ihr Zittern um den Mann im Felde die uralten Steine der Klagemauer hinauf. Das geschieht in einer ganz ergreifenden Form, halb Sprache, halb Rezitativ und in den Höhepunkten bis in die Sangbar• keit religiöser und synagogaler Musik hinein. Die herrliche Stimme der Rowina kommt in geradezu großartiger Weise her־ aus und zur Geltung, alles erinnert an die erschütternde Schlußszene aus dem Dybuk, die wir alle kennen, — Die Rückseite der Platte bringt den Gesang der Juden aus dem ״Golem“ von Elijahu dem Propheten, Elijahu, dem Thisbiten, das ja auch in jedem gläubigen Haus ain Sabbat-Ausgang gesungen wird. Es ist eine ergreifende Melodie, die mit dem einfachen, überlieferten Texte, mit leichter Musikbegleitung versehen, stärkste Wirkung ausübt, Wir empfehlen die Platte als ganz besonders schön und in jedem hebräischen Worte verstandlieh allen Verehrern der Habima und der hebräischen Theater• kunst. Emil Bernhard-Cohn. Die Philosophie Solomon Maimons Von S. Me is eis (Wien). Hugo Bergmann, dem wir bereits eine in hebräischer Sprache abgefaßte ausgezeichnete Monographie über ״die Philosophie Immanuel Kants״ verdanken, hat jetzt im Verlage der Hebrew University Preß in Jerusalem ein hebräisches Buch ״Hapilosophia schel Schelomoh Maimon“ (Die Philosophie Salomon Maimons) erscheinen lassen. Von denn Buche dar! man sagen, daß es nicht nur im hebräischen Schrifttum, sondern auch in der philosophischen Literatur eine Lücke ausfüllt. Wob! ist seit dem Anfang unseres Jahrhunderts mehrfach versucht worden. die Philosophie Salomon Maimons systematisch darzustellen, aber alle diese Versuche, so wertvoll und grundlegend sie im einzelnen auch sind, lassen in der Gesamtdarstellung manches zu wünschen übrig, Das Buch von Bergmann ist die erste umfassende und erschöpfende Darstellung der Maimonsehen Philosophie, Bei vollkommener Beherrschung des einschlägigen Stoffes ist es dem Verfasser vorzüglich gelungen, die zerstreut vorliegenden philosophischen Gedanken Maimons einheitlich zusammen zufassen und in ein wohlgeordnetes System zu bringen. Dieser Umriß der Maiinonschen Philosophie — übrigens aus Vorlesungen hervorgegangen, die der Verfasser im Studienjahr 1930/31 an der Hebräischen Universität in Jerusalem hielt — wird viele wie entdecktes Neuland anmuten, Und dies mit Recht. Denn die meisten Schriften!über Salomon Maimon bcfassen sich fast ausschließlich mit seiner Lebensgeschichte und nur selten auch mit seiner Philosophie, Nahezu ein volles Jahrhundert ward das Lebenswerk des Philosophen durch dessen Lebenstragödie ganz in dem Hintergrund gedrängt. Eigentlich hat Salomon Maimon selbst dazu beigetragen, daß hier gleichsam das Leben über das Werk triumphierte; er schrieb seine Autobiographie, ein einzigartiges Werk, das oft mit Rousseaus ״Bekenntnissen“ verglichen wurde, und diese Lebensbeichte Maimons ist bis beute sein populärstes Werk geblieben. Es is׳t auch sonst leicht zu begreifen, daß der Philosoph als Bohemien bei weitem mehr interessierte als seine subtile Vernunftkritik. So kam es, daß man ein Jahrhundert lang über der Lebenseschichte des Philosophen seine Philosophie vergaß. Erst in en letzten zwei Jahrzehnten, namentlich seit dem Erscheinen der vortrefflichen Schrift von Friedrich Kuntze ״Die Phiiosophie Salomon Maimons״ (Heidelberg 1912), Ist zum mindesten in Philosophenkreisen für die Denkarbeit Maimons ein stärkeres Interesse erwacht. Der Vorzug des Bergmannschen Buches vor dem Kuntzsehen besteht aarin, daß Bergmann auch die hebräischen Quellen zur Geschichte der Philosophie Maimons reichlich heranzieht, namentlich die hebräischen Schriften von Salomon Maimon selbst, die erklärlicherweise dem Deutschen Kuntze unbekannt blieben. In der Darstellung Bergmanns wird die Philosophie Maimons, die tief gedacht, aber in schwerfälligem Stil vorgetragen ist, möglichst in Klarheit gehoben. Von der Gedankenwelt Maimons, seiner Vernunftkritik, die eine Verbesse• rung der Kantischen darstellen sollte, von seiner Ethik wird ein abgerundetes Bild gegeben. Die übliche Abstempelungsmethode lehnt Bergmann ab. Bis in die jüngste Vergangenheit wurde Salomon Maimon als Skeptiker verschrien. Noch Raoul Richter in seinem Werke ״Der Skeptizismus in der Philosophie“ zählt neben Platner und Schulze auch Salomon Maimon zu den aus der Kantschule hervorgegangenen Skeptikern. Bergmann dagegen meint, ein Philosoph wie Maimon. der ein rationalistisenes System aufgebaut und eine von höherem Idealismus getragene Ethik geschaffen hat. könne nicht schlechtweg als Skeptiker bezeichnet werden. Maimons Skeptizismus, soweit er vorhanden war, sei nicht ״aus Freude am Zweifel als solchen, sondern aus intellektueller Redlichkeit“ hervorgegangen. Als redlicher Idealist erweist sich Maimon in seiner Anthropologie und Ethik, der in dem Buche Bergmanns ein sehr aufschlußreiches Kapitel gewidmet ist. Wertvoll und ungemein interessant sind die als Anhang beigefügten ״bibliographischen Anmerkungen“. Wir erfahren daraus, daß drei Nationen um die Zugehörigkeit des Philosophen Salomon Maimon streiten; eigentlich ist ״streiten“ nicht der richtige Ausdruck, denn die drei Nationen streiten nicht um ihn, sondern jede von ihnen nimmt ihn ganz für sich in Anspruch. Zunächst war Maimon ein jüdischer Philosoph. Er kam von der Talmudschule her und stillte anfangs seinen Weisheitsdurst nur an jüdischen Quellen. Seine literarische Tätigkeit begann er als hebräischer Schriftsteller. Er war Mitarbeiter des ״Meaßef“, er übersetzte ein Lehrbuch der Mathematik, ein Werk von Newton und die ״Morgenstunden״ von Mendelssohn ins Hebräische und schrieb einen großen hebräischen Kommentar zu Maimonides״ Führer, den ״Gibeath Hamoreh“, den Bergmann als eines der größten philosophischen Werke der neuen hebräischen Literatur rühmend bezeichnet. Dann war Salomon Maimon — dies vielleicht vor allem — ein deutscher Philosoph. In der Geschichte der deutschen Philosophie nimmt er einen ansehnlichen Rang ein. Er war einer der bedeutendsten Schiller und Kritiker Kants. Aber auch das polnische Schrifttum erhebt Anspruch auf Salomon Maimon. In polnisch-philosophischen Schriften kann man nicht selten 0״ Majmonie, filosofie polskim“ lesen. Von der Universität Jerusalem. Dr. G, S c h 01 e m, Dozent für jüdische Mystik, befinde! sich auf Urlaub, um kabbalistische Manuskripte in der Bibliothek des Vatikans und anderen Bibliatheken. Europas zu studieren. — L. Billig, M. A., Dozent in arabischer Literatur, hat für das Sornmersemester 1932 Urlaub zu Forschungszwecken erhalten. — Dr. David B a n e t h , Leiter der orientalistischen Sektion der Universitätsbibliothek, wirkt als einer der Herausgeber des von der Mediaeval Academy of America unternommenen Werkes ״Corpus Commentariorum Averrois in Aristotelem“ mit. — Prof. F, Baer, dessen Forschung sich mit der mittelalterlichen Geschichte der Juden in Spanien befaßt, erhielt eine Einladung zu einem Kongreß der spanischen Rechtsgeschichte, der in Madrid stattfinden wird. - Dr. E. L. S u k e n i k, der Archäologe der Universität, wurde eingeladen, am Internationalen Kongreß für christliche Archäologie in Ravenna teilzunehmen. Goethe-Feier an der Hebräischen Universität Jerusalem. Aus Jerusalem wird uns berichtet: Aus verschiedenen Gründen verspätet, dafür aber um so zahlreicher besucht, besonders von der Jerusalemer Jugend aller Schattierungen, fand am 26. Juni im großen Saal des Bibliotheksgebäudes die schon längst g«• plante Goethe-Feier der Hebräischen Universität statt. Dr. Heinz Pflaum sprach in formvollendeter Weise über Goethes Faust, besonders im Zusammenhang mit Goethes sonstigem Schaffen und unter Hervorhebung der bipolaren Natur des faustischen Strebens. Frau Ben Gabriel trug teils im Original, teils in hebräischer Uebersetzung mehrere Goethesehe Dichtungen vor und erntete wegen ihrer hinreißenden Interpretation und bei den hebräisch vorgetrageuen Stücken auch wegen der besonders reinen semitischen Diktion den stärksten Beifall. Professor J. Klausner beschloß die Feier mit einer eingehenden literarhistorischen Darstellung von Goethes Schaffen, wobei vor allem Goethes Beziehung zur Romantik betont wurde. Der deutsche und der österreichische Generalkonsul nahmen, an der Feier teil. g. Veramtwortlicbsr Redakteur: Dr. Georg Landauer, Berlin-Wilmersdorf. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H,, Berlin W15. Drude von Siegfried Scholem, Berlin - Schoneberg.

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