Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 6 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 6, Juni 1932 Entdeckung einer antiken Synagoge Von E. L Sukenik, Archäologen der Hebräischen Universität Jerusalem. Demnächst erscheint in Jerusalem in hebräischer und englischer Sprache im Verlag der Hebrew University Press Association ein mit einer großen Anzahl farbiger und eintöniger Tafeln sowie mit Plänen, Rekonstruktionen und anderem bildlichen Material ausgestattetes Werk über die vor drei Jahren in Beth Alpha im Emek Jesreel ausgegrabene alte Synagoge, Wir haben seinerzeit über diesen interessanten Fund mehrfach auch in der ,Jüdischen Rundschau" berichtet, Ist doch jede derartige Entdeckung ein neuer Beweis der innigen Verbundenheit des Judentums mit dem Lande Palästina. Auf dem Boden, wo einst die Synagoge stand und offenbar eine jüdische Siedlung war, sitzen heule wieder jüdische Bauern. Während seines Aufenthaltes in Berlin vor etwia zwei Jahren hat der Archäologe der Hebräischen Universität, Dr. Sukenik, mehrere Vorträge über seine Ausgrabungen gehalten und auch mit Lichtbildern illustriert. Dr. Sukenik sendet uns nun anläßlich des Erscheinens des erwähnten Buches eine zusammenfassende Darstellung des Fundes, die wir im folgenden etwas gekürzt wiedergeben. Red, Beth-Alpha ist eine junge Kolonie, welche nach dem Kriege am Fuße des öilboageoirges, im Tale Jezreel gegründet wurde. Sie war oftmals von mir anläßlich der im Aufträge der Universität ausgeführten Forschungen besucht wanden. Beim Uebernachten mußte man gewöhnlich darauf vorbereitet sein, den jungen Leuten der Kolonie einen Vor• trag zu halten. Einer meiner Vorträge behandelte ״Antike jüdische Synagogen״, die in Palästina in ziemlich größer Anzahl vorhanden sind und trotz der Forschungen, die schon auf diesem Oebiete gemacht wurden, doch noch einer systematischen Untersuchung bedürfen. (Eine der Aufgaben der Archäologischen Abteilung unserer Universität ist es, diese wichtige Arbeit zum Abschluß zu bringen.) In diesem Vortrage, wie ich mich deutlich erinnere, war es besonders die interessante Entdeckung einer Synagoge in der Nähe von Jericho, welche durch eine türkische Bombe wiedef ans Tageslicht kam, die ich meiner Zuhörerschaft schilderte und auch im Bild vorführte. Diese Synagoge zeichnete sich von den anderen, bis dahin entdeckten, besonders durch ihren Mosaikfußboden aus. Auf ihm befanden sich Reste der Abbildungen eines Tierkreises, eine Darstellung Daniels in der Löwengrube und andere biblische Darstellungen. Leider waren aber alle diese Bilder stark verstümmelt, was von den Juden selbst, infolge einer auch unter ihnen sich geltend machenden, ikonoklastischen Strömung geschehen war. Man kann sich meine Ueberraschung lebhaft vorstellen, als Ende Dezember 1928 ein Siedler aus Beth-Alpha mich in Jerusalem besuchte und ausrief: ״Eine Synagoge mit Mosaik ist bei uns gefunden worden". Es folgte eine Kurze Erzählung, der ich entnehmen konnte, daß die Siedler in Beth-Alpha beim Graben eines Bewässerungskanals für ihre Felder auf einen schmalen Streifen von Mosaik gestoßen waren, auf dem nach der Reinigung, die sie, neugierig geworden, selbst unternahmen, Teile von zwei Zeichen des Tierkreises mit hebräisehen Inschriften über ihnen sichtbar wurden. Jedenfalls brachen sie das Graben des Kanals sofort ab und der Rat beschloß, eines seiner Mitglieder an die Hebräische Universität und, wie es das Gesetz erfordert, an das Department of Antiquities zu entsenden, um diese Instanzen von ihrem kostbaren Fund Kunde zu überbringen. Die Nachricht an uns war mit der Bitte verbunden, die Ausgrabung *der Synagoge doch so schnell wie möglich zu bewerkstelligen, damit ihnen das Weitergraben am Bewässerungskanäle ermöglicht werde, der bei dem warmen Klima in der lesreel-Ebene schon für den Monat Februar benötigt wurde. Allein konnte ich in der Angelegen- Davidstadt teilnahm, wozu uns der Palestine Exploration Fund aufgefordert hatte und ich mich deshalb an den Kanzler unserer Universität am nächsten Morgen nicht hätte wenden kuanen, so beschloß ich, ihm noch zu dieser ungewöhnlich späten Stunde einen Besuch abzustatten. Dr. Magnes war sehr erstaunt, doch seine Befürchtungen lösten sich bald in Freude auf, als er vernahm, worum es sich handelte. Seinem regen Interesse an jüdischen Altertümern allein ist es zu verdanken, daß die Angelegenheit sofort in Ordnung gebracht wurde. Am nächsten Morgen reichte die Universität ein Gesuch um Erlaubnis zur Grabung an das Department of Anti quities ein, was auch umgehend bewilligt wurde. Am 9. Januar 1929 standen wir, die kleine Expedition der Universität, schon am Bestimmungsorte. Sieben Wochen dauerten die Grabungen, und ich kann nicht sagen, daß die Arbeit immer leicht war. Das Terrain, das wir nun freilegten, bestand aus einem Varhof von ungefähr 10 mal 12 m, einem 2,60 m breiten Vestibül, einer 10,50 mal 12 m großen Synagoge und einem kleinen Nebenzimmer, dessen Raumumfang nicht festgestellt weiden konnte. Die Synagoge hatte die übliche basikale Form. Der Synagogenraum wird durch zwei Reihen von je sechs Pfeilern in drei Schiffe geteilt; ein breiteres Mittelschiff und zwei schmalere Seitenschiffe. Mit den übrigen antiken palästinensischen Synagogen teilt diese die Orientierung nach Jerusalem, hier also nach Süden. Die Südwand weist als architektonische Eigentümlichkeit eine runde Apsis auf, die zur Aufnahme des Thoraschreins bestimmt war. Noch eine andere Eigentümlichkeit ist dieser Synagoge Vorbehalten: ,Während nämlich in den früher entdeckten die drei Eingange zur Synagoge sich an der Orientierungsseite befanden, sind die Eingänge hier in der Jerusalem gegenüberliegenden Wand eingelassen. Dies ist auf den Umstand, daß sonst kein Platz für den Thoraschrein hätte gefunden werden können, zurückzuführen. Längs der Wände sind, wie in anderen Synagogen, Steinsitze angebracht. Noch eine Besonderheit ist das Podium, das an der Ostreihe der Pfeiler im Süden der Synagoge in der Nähe der Apsis gefunden wurde. Schon diese architektonischen Eigentümlichkeiten allein genügen, um die Wichtigkeit des Fundes darzutun, da hier eine neue Ent- Wicklungsphase in der Synagogen-Einrichtung aufgewiesen wird, Noch viel interessanter aber ist der Mosaikfußboden, der merkwürdigerweise vorzüglich erhalten ist. Die gute Be- Wahrung des Mosaik ist nur der Art und Weise, wie die Synagoge zerstört wurde, zu verdanken. Wie klar nachgewiesen werden konnte, ist die Synagoge einst von einem Erdbeben zerstört worden. Bei den ersten Stößen wurden Wände, Decke und Pfeiler erschüttert und die dicke Ver- Rutzschicht fiet herunter und legte sich schützend auf das losaik, dem dann die zusammenfallenden Wände und die Schläge der Steine nichts mehr anhaben konnten. Der ganze Baukomplex der Synagoge ist mit Mosaiken ausgelegt, während der Hauptteil aber nur ganz gewöhnliche, geometrische Muster in wenigen Farben aufweist, zeichnet sich der Fußboden des Mittelschiffes, wie auch des westlichen Seiten• schiffes durch interessante Darstellungen aus. Das Mosaik des Mittelschiffes ist in drei große Felder geteilt. Die Mitte des südlichen Feldes zeigt ein£n Thoraschrein mit zweiflügeliger Tür, der von einem Giebeldach bekrönt ist. Von der Spitze desselben hängt eine brennende Lampe herunter, die wahracheinlich die ewige Lampe darstellt. Zwei große Vögel, straußenähniieh, stehen auf der Basis des Giebeldaches. Zur rechten und zur linken des Toraschreins befindet sich ein slebenarmiger Leuchter und darunter noch andere Ritual- Objekte, wie die Posaune, der Palmzwdgh die Citrusfrucht usw. Zwei Löwen an den Seiten des Feldes bilden die Ehrenwache. An den oberen Ecken des Feldes sieht man zwei zusammengeraffte Vorhänge, Das große Mittelfeld wird von einem •Tierkreis eingenommen. Im Zentrum sitzt die aufgehende Sonne in Gestalt eines Jünglings mit Strahlenkrone in einem Wagen, der von vier Pferden gezogen wird. Im dunklen Hintergrund, der die sich zurückziehende Nacht versinnbildlicht, leuchten der Halbmond und die Sterne, die von der aufgehenden Sonne sozusagen verdrängt werden. Um die Sonne kreisen die zwölf Reichen des Zodiaks und über jedem eine hebräische Ueberschrift. In den vier Ecken des Feldes sind die vier Jahreszeiten als geflügelte Genien mit Kopf- und Halsschmuck aargestellt. Neben den Jahreszeiten befinden sich verschiedene symbolische Gegenstände, wie Hirtenstab, Früchte usw., die dazu beitragen, das Wesen der einzelnen Perioden näher zu bestimmen. Außerdem sind sie noch mit hebräischen In- Schriften versehen. Ein breiter Streifen mit Palmen in rot und schwarz teilt dieses Feld vom nächsten, auf dem die Opferung Isaaks dargestellt ist. Links halten zwei Jünglinge einen gesattelten Esel. Daneben sieht man einen Widder, der an einen Busch gebunden ist. Um über das Wesen dieses Tieres gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, befindet sich über dem Widder noch ein kurzes Zitat aus der Bibel: ״Und siehe, hier ist der Widder“. Ein hochgewachsener Mann mit grauem Barte, der von der Inschrift über seinem Haupte als Abraham bezeichnet wird, hält in seiner Rechten ein großes Opfermesser und mit der linken Hand hebt er den kleinen Isaak empor, der nur mit einem Hemdchen bekleidet ist. Die Inschrift über dem Kopfe des Kleinen bezeugt auch hier, daß das Kind wirklich Isaak ist. Oanz rechts steht der Altar, und seine lodernden Flammen steigen zum Himmel empor. Eine Hand streckt sich aus den Wolken hervor und ein anderes Zitat aus der Bibel: ״Strecke deine Hand nicht aus“, unter der Hand, warnt Abraham vor dem entscheidenden Schritte. Die Hand symbolisiert das Eingreifen Gottes in die Opferung Isaaks. Abraham hat den Ruf Gottes vernommen, wie sein nach der Hand gerichteter Blick zeigt. Alle drei Felder sind von einem breiten Rahmen umgeben, der aus Früchten, Vögeln und anderen Tieren besteht. Die Verzierungen des westlichen Seitenschiffes enthalten hauptsächlich nur Teppich- und Schachbrettmuster. Unter den Teppichen zeichnet sie« besonders einer, in sehr zarten Farben, von ungefähr zwei m Länge und 1,50 m Breite aus, der vor dem Eingang zum Nebenraum sich befindet. Schon vom Stil der Bilder allein hätte die ungefähre Periode, in der dieser Mosaikfußboden entstanden ist, erkannt wenden können. Doch wir hatten insofern noch mehr Glück, als wir kurz vor Abschluß unserer Grabung am Eingang zum Mittelschiff zwei Inschriften entdeckten, von denen die eine datiert war.־ Von den beiden Inschriften war die eine griechisch und die andere aramäisch. Die griechische Inschrift erzählt, daß zwei Juden, Vater und Sohn, mit Namen Marianos und Haninah, dieses Mosaik a־usgeführt haben. Die aramäische Inschrift, obwohl leider teilweise zerstört aufgefunden, bewahrt glücklicherweise doch noch den Teil, in dem ausgesagt wird, daß der Mosaikfußboden im Jahre .... zerstört, unter der Herrschaft des Kaisers Justinus errichtet wurde. Wie aus verschiedenen Gründen angenommen werden kann, ist hiermit Justinus I. gemeint, und das Mosaik gehört somit dem Ende des ersten Viertels des VI. Jhts. n. Cnr. an. Noch andere interesssante Einzelheiten werden uns aus dieser Inschrift bekannt. Es werden hier 100 Maße Weizen erwähnt, die von den jüdischen Bauern des Fleckens zur Deckung der Unkosten des Mosaiks gestiftet wurden. Von den übrigen Bruchstücken der Inschrift ließ sich noch entnehmen, daß auch eine reiche Familie zu demselben Zwecke eine gewisse Summe Geldes beigesteuert hat. Die datierte inschrnt erwähnt nur den Mosaikfußboden; von der Periode, in welcher die Synagoge entstanden ist, sagt sie nichts. Doch geht aus einem“ Funde von 36 Münzen, die in einem eingebauten Behälter in der Plattform der Apsis gefunden wurden, hervor, daß die Synagoge schon im 5. Jht. n. Chr. errichtet worden ist. An Hand dieses wichtigen rundes sind wir imstande, die Datierung mancher älterer Funde, über die die Gelehrten sich nicht einig waren, vorzunehmen. Bel den kurdischen Juden 1m Irak Von Dr. Walter Fischei (Jerusalem). Der Eintritt Iraks in den Völkerbund, die immer enger werdende wirtschaftliche Verknüpfung Iraks und Palästinas durch Hafenbau in Haifa. Bagdad-Haifa-Bahn, Oelpipe-Linie usw. macht es zu einer dringenden Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit der jüdischen Öffentlichkeit mehr‘ als bisher auf die im Königreich Irak lebenden Juden zu lenken. Die britischen Okkupationsbehörden in Bagdad veranstalteten im Jahre 1920 eine Bevölkerungsschätzung, die bis heute die statistische Grundlage des neuen Staats geblieben ist. Danach ergab sich eine Gesamtbevölkerung von 2 850 000, von denen 2,64 Mill. Mohammedaner (Sunniten und Schiiten je etwa die Hälfte), 88000 Juden, 79 000 Christen und 43 000 andere Religionsangehörige (Jeziden, Mandäer usw.) waren. Diese Schätzungen sind neute (1932) keineswegs mehr richtig und die Bevölkerung dürfte sich in den elf Jahren im Zusammenhang mit der Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Königreich Irak bedeutend vermehrt haben. Die Zahl der jüdischen Bevölkerungselemente, die uns hier interessiert, dürfte nach zuverlässigen Aussagen mehr als 100 000 betragen, die sich auf die drei Haupt- Rrovinzen, Bagdad mit ca. 80 000, Basra mit ca. 12000 und lossul mit ca. 18000, verteilen. Irak ist also mit seinen 100 000 Juden das Land im Vorderen Orient (ohne Palästina) mit der größten jüdischen Bevölkerungszahl und Bagdad allein die größte Judengemeinde im ganzen Orient überhaupt. Die staatsrechtliche Stellung dieser Juden ist im Grunde die einer mit allen Rechten ausgestatteten rcligiös-nationalen Minorität. Gleich den anderen Minoritäten 1m Irak, wie Kurden, Assyrer usw., entsenden auch die Juden ihre Abgeordneten (vier) ins Parlament und genießen in kultureller und religiöser Beziehung fast völlige Autonomie. Das erst vor kurzem im irakischen Parlament genehmigte Gemeindeverfassungsgesetz (Law ot the Jewish Community) gibt genauere Richtlinien an bezüglich des Aufbaus der jüdischen Gemeindeorganisation, der Wahl und Zusammen- Setzung ihrer verschiedenen Behörden (Präsident, Oberrabbiner und div. Councils) und gewährt den Juden eigene Gerichtsbarkeit in allen Fragen religionsgesetzlicher, ehe- und vermögensrechtlicher Art, auch die Möglichkeit autonomer Gestaltung ihres Schulwesens usw. Diese staats- und gemeinderechtliche Regelung faßt natu!• gemäß die irakischen Juden als eine Einheit auf, ohne die weitgehenden Unterschiede zu berücksichtigen, die zwischen den Juden in Bagdad und Basra einerseits und den Juden in Mossul und Umgebung andererseits bestehen. Den in Bagdad und Basra lebenden sogenannten babylonischen Juden stehen die im Bezirk Mossul und in dem nordöstlich davon sich hinstreckenden Kurdistan lebenden sogenannten kurdisehen Juden gegenüber, die sich fast in jeder Beziehung voneinander unterscheiden und geradezu zwei Judenheiten dar stellen. V^n diesen kurdischen Juden ist bisher nur sehr wenig bekannt. Das liegt in erster Linie daran, daß dieses rauhe Geblrgsland Kurdistan, mit seinen gewaltigen Schluchten, Gebirgsketten und reißenden Strömen geradezu eine natürliehe und unbezwingbare Festung ist, und die Natur das Dunkel, das über diesem Land und seiner Bevölkerung liegt, geradezu begünstigt. Aber der Schleier lüftet sich für den, aer es wagt, die Strapazen nicht scheuend, in diese von der Zivilisation fast unberührte Landschaft einzudringen. Auf Qrund mündlicher Daten und eigener Schätzung dürften 15—18000 Juden in Kurdistan leben, die sich auf Hunderte von kleinen Dörfern und Städtchen verteilen. Es gibt kaum ein Dorf in dieser schroffen Gebirgswelt, das nicht ״seine“ Juden hat, häufig nicht mehr als fünf bis zehn Familien, die völlig isoliert, ohne Zusammenhang mit einer anderen Gemeinde, ganz auf sich angewiesen, leben. Eine solche atomisierte, in dieser wilden alpinen Landschaft verstreute Dorfjudenheit hat ein ihr adäquates Judentum ausgebildet, das sich ‘grundsätzlich von dem Judentum Bagdads und Basras und dem Europas überhaupt unterscheidet. In den meisten dieser Dörfer ist keine Synagoge, keine Talmud- Tora, kein Minjam, und nur in Abständen kommt ein Schochet, Mohel oder Dajan, also eine Art ״Wanderrabbi““, in diese verlassenen Gegenden. Der kurdische Jude ist völlig ungebildet und sein Judentum besteht neben dem Schabbat, der streng gehalten wird, meist nur noch aus abergläubischen Vorstellungen. Der Aberglaube dieser kurdischen judenheit ist unbeschreiblich. Ihre Vorstellungswelt wird völlig vom Glauben an Dämonen, Schejdim, bösen Blick usw. beherrscht, die als reale, wirksame Mächte jm tagtäglichen Leben betrachtet werden. Traumdeutung, Talismane, Goraloth, Amulette, praktische Kabbalah — das ist die Beschäftigung ihrer Aeltesten. Sie haben sich auch in Tracht, Sitte und Gewohnheit an die Kurden angeglichen, und die jüdischen Frauen gehen dort ganz kurdisch gekleidet, mit einem Turban als Kopfbedeckung, mit Nasenuna Ohrringen, Arm* und Fußbändern und sogar mit in das Gesicht eintätowierten. Zeichen. Mit diesem religiösen Phänomen verbindet sich auch ein sprachliches, Zwar sprechen diese Juden die Landessprachen, d. h. kurdisch, türkisch, arabisch, persisch usw., aber sie sind auch zugleich die einzigen unter den Juden überhaupt, die sich bis heute des als ״T a r g u m s p r a c 11 e“ bekannten aramäischen Dialekts bedienen, die sie auch ״Laschon Hagaluth“ nennen, und führen also auch ein originelles sprachliches Eigenleben, das sie von den anderen Juden unterscheidet. Aber auch in sozialer Beziehung sind diese kurdisehen Juden bemerkenswert. Während die Juden in Bagdad und Basra immerhin doch mit einem Minister, mehreren Millionären, einflußreichen Aerzten und Anwälten und sehr wohl• habenden Kaufleuten aufw׳arten können und der Einfluß gewisser jüdischer Kreise Bagdads auf das öffentliche Leben sehr sichtbar zum Ausdruck kommt, geht den kurdischen Juden jede Ökonomische oder soziale Bedeutung ab. Sie sind vielmehr, die wahrsten Parias, und wenn sie auch nicht mehr, wie zuweilen in der Türkenzeit, Sklaven und Eigentum der kurdischen Feudalherren und Stammeshäupter sind, so stehen sie doch in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht auf der untersten Stufe. Diese Pariastellung Ist soziologisch bedingt durch die noch immer stark betonte Stammes- Organisation aer Kurden. Umgeben von Menschen, die sich als Angehörige eines Stammes fühlen, muß sich der nach Rasse. Sprache und Religion andersgeartete und deshalb außerhalb eines solchen Stammesverbandes stehende jude als geächtet und verachtet empfinden. In der Tat werden ihm auch nur die niedrigsten und von den Kurden verachtetsten Berufe zugewiesen. So sehen wir die kurdischen Juden neben dem Klein- und Althandel die schwersten und niedrigsten Arbeiten verrichten: Lastträger, Färber, Gerber, Weber usw., Berufe, die die Juden übrigens schon zur Zeit von Benjamin von Tudela innehatten. Auch die Zubereitung von Arak ist ihr Monopol, wie auch der Verkauf von Gewürzen, Drogen und Heilkräutern Ihnen überlassen bleibt. Allzuleicht entlädt sich der Zorn des Kurden auf ״seine“ Juden, die in ihrer verachteten Stellung als die gegebenen Blitzableiter so mancher Unwetter (Blutbeschuldigung, Stammesfehden) erscheinen. Wie gefährdet selbst heute die Lage der kurdischen Juden ist, die als Minorität unter der Minorität der Kurden leben, trotz Irakregierung und englischem Mandat, erfuhr ich in Rowandus, — üorigens landschaftlich einer der schönsten Plätze dieser Gebirgsgegend. Als die Nachrichten von den Unruhen in Palästina 1929 nach Kurdistan kamen,, die natürlich in der arabischen Presse als ein Ueberfall der Juden auf Araber dargestellt wurden, wollten sich auch die Kurden, die sonst in den Arabern ihre *Feinde sehen, — an den Juden rächen, und es bedurfte der ganzen Anstrengung der Polizei und der .englischen Truppen, um die Kurden zu verhindern, in die jüdischen Häuser einzudringen. Die Gefahr einer großen Judenmetzelei wurde nur in letzter Minute durch das Eingreifen englisch-irakischer Truppen verhütet. Durch den bevorstehenden Eintritt Iraks in den Völkerbund und den damit verbundenen Rückzug Englands aus dem Irak wird die Frage akut, inwieweit genügende Garantien gegeben sind, um die Minoritäten in Mesopotamien, von denen die Juden einen zahlenmäßig besonders wichtigen Faktor darstellen, zu schützen. Daß die kurdischen Juden angesichts dieser Verhältnisse und ihrer abhängigen Stellung überhaupt auch nicht einen Tag länger in Kurdistan leben würden, wenn sie nach Palästina auswandern könnten, wurde mir von fast allen Seiten zum Ausdruck gebracht. Schwer lastet auf ihnen das doppelte Galutli, ״Galuth Ischmael und G&luth Kurd“, wie sie sagten, und kein Wunder, daß sich bereits seit Jahrzehnten ein dauernder Strom von Auswanderern nach Palästina ergießt und Tausende auf die Gelegenheit warten, in das Land ihrer Sehnsucht zu kommen. Meine Fahrt durch Kurdistan, die bloße Tatsache, daß ein ״Jehudi“ aus ״Zion“ in diese abgelegenen wilden Gegenden überhaupt sich hineinwagte, hat sie in ihrer Absicht nur bestärkt und schien ihnen ein Vorzeichen ihrer baldigen Um- Siedlung zu sein. Die kurdische Judenfrage ist in der Tat eine Umschichtungsfr&ge, und da die Kurden infolge ihrer körperlichen Tüchtigkeit, Anspruchslosigkeit und zähen Natur neben den jemenitischen Juden mit die geeignetsten Elemente für die Aufbauarbeit Palästinas darstellen, sollte man an eine Lösung ihrer traurigen Lage in diesem Sinne herangehen. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Werner Bloch, Berlin-Wilmersdorf. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Druck von Siegfried Schalem, Berlin - Schöneberg.