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Jüdische Rundschau · 1932-03-01 · 3 (3.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
3 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Monatsausgabe ■ JÜDISCHE RUNDSCHAU Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Redaktion und Verlag: Berlin W15, Meinekestraße 10 / Telefon: J 1 Bismarck 7165 März 1932 Nummer 3 H Produktiver Optimismus Zum Goethe-Tag Der Tag, an dem die deutsche Nation die hundertste Wiederkehr von Goethes Todestag feiert, und so aus einem äußeren kalendarischen Anlaß sich dieses ihres unvergleich־ liehen Besitzes stärker als sonst bewußt wird, ist gewiß ein großer und stolzer Tag für ein Volk, und nichts Schöneres kann zu seinem Preise gesagt werden, als daß alle Völker des Erdkreises diesem Mann huldigen. Nicht nur die deutschen Juden, sondern wo immer Angehörige des jüdisehen Volkes leben, werden auch sie dieses Fest des Geistes mitbegehen. Nicht als Juden freilich, nicht aus dem engen und beschränkten Gesichtswinkel eines Sonderinteresses, nicht wegen der Beziehungen Goethes zu Juden oder Judentum nehmen wir an dieser Feier innerlichen Anteil; aber vielleicht darf man doch sagen, daß ein Volk, das jahrhundertelang seine Heimat nur im Buche fand, das den geistigen Zusammenhängen von Jahrtausenden und den letzten Fragen der Menschheit nachzusinnen gewohnt ist, stärker und vollständiger von geistigen Erscheinungen erfaßt und aufgewühlt werden kann als Völker, deren Hauptmasse noch in enger Verbindung mit Natur und Scholle lebt und demgemäß von den Ausstrahlungen des literarischen Lebens weniger erreicht wird. Goethe ist eine Welt, die großartigste Manifestation des Geistig-Menschlichen, eine einzigartige Vollendung der entfalteten Persönlichkeit. Man kann aus Goethe keine Abstraktion machen, mit deren Hilfe man dann Begriffsgebäude konstruieren könnte. So wie das Leben selbst, ist er voll von Widerspruch und er wußte um diesen Widerspruch, wußte um die Verschlungenheiten und Verstocktheiten des Lebens, des Menschenlebens wie des Völkerlebens, und gerade darum ist so viel unerschöpfliche Weisheit und unvergleichliche Bereicherung aus seinen Werken zu schöpfen, gerade darum ist ihnen die Unsterblichkeit sicher, auch wenn sie als der höchste Ausdruck des Denkens und Fühlens eines bestimmten Zeitalters oder einer bestimmten sozialen Schicht — des Bürgertums — determiniert und in dieser ihrer Bedingtheit erkannt werden. Es ist eine leidige Begleiterscheinung solcher Gedenktage, daß man das Werk des Jubilars aktuell auszumünzen versucht. Verschiedene nach Anschauungen, Partei, Standes- oder Berufsinteressen u. ä. differenzierte Gruppen utiU die solchen Speziaimteressen dienenden Organe werden schon aus äußerlichen Gründen dazu gedrängt, die Beziehungen des Gefeierten gerade zu ihrem Gebiet ins hellste Licht zu stellen. Gerade bei Goethe ist, wie auch jetzt gelegentlich des Goethe- Tages von mehreren Seiten hervorgehoben wurde, dieses Unterfangen fehl am Ort. Denn man kann aus seinen Schriften alles ״beweisen“, da sie so vielfältig sind und über ein so langes Leben sich erstrecken, daß da und dort immer eine für einen Sonderzweck passende Aeußerung auffindbar ist. Auch über das Thema ״Goethe und die Juden“ gibt es bereits eine ganze Literatur. Goethe hatte vielfache Beziehungen zu Juden seiner Zeit, er war ein begeisterter Bewunderer der jüdischen Bibel, um derentwillen er sogar hebräisch lernte, er stand eine Zeitlang unter besonders starker Einwirkung Spinozas, und es sind von ihm eine ganze Anzahl von Aussprüchen über Juden und Judentum überliefert. Als ein stark konservativ gerichteter Mann, befangen in den gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Zeit, fühlte er zweifellos eine starke Distanz zu dem jüdischen Wesen, das ihm in seiner Umgebung entgegentrat. Von antisemitischer Seite ist der Versuch gemacht worden, manche abfälligen Bemerkungen Goethes dazu zu benutzen, um ihn als einen der geistigen Vorfahren des nationalistischem Rassedünkels in Anspruch zu nehmen. Das bekannteste Beispiel ist Houston Stewart Chamberlain. Daß Goethescher Geist — auch ganz abgesehen vom Judenpunkt — nicht der Nährboden der völkisch-nationalistischen Ideologie ist, bedarf für auch nur flüchtige Goethe-Kenner keines Beweises. Aber es wäre kleinlich, sich in diesen Streit einzulassen, zumal da ja durch solche Polemik niemand von seiner vorgefaßten Meinung abzubringen ist. Gewiß werden jetzt die jüdischen Abwehr-Ideologen ihre Statistiker der Literaturwissenschaft auf den Plan rufen, um an der Hand von Zitaten nachzuweisen, daß die judenfreundlichen Aussprüche Goethes über seine geringschätzigen Urteile überwiegen. In Wahrheit war für Goethe jede Einzelerscheinung des Lebens und jede neue Persönlichkeit, die ihm entgegentrat, also auch jeder Jude, den er kennenlernte, ein neues Problem für sich. Das, was wir heute die ״Judenfrage“ nennen, stand für Goethe keineswegs im Zentrum seines Denkens. Aber gerade wir Zionisten haben keinen Grund uns zu verhehlen, daß Goethe ein deutliches Fremdheitsgefühl gegenüber dem Judentum hatte. Hat er doch selbst die Abneigung, die er in seiner Jugend vor den Menschen des Frankfurter Ghetto gefühlt hat, später als ״Scheu vor dem Rätselhaften, dem Unschönen“ bezeichnet. Dem stark ästhetisch und künstlerisch empfindenden Menschen mußte ein Volk wie die Juden, das nicht primär ästhetisch gerichtet ist, besonders fremdartig erscheinen. Wir erkennen auch daraus, wie stark die Sonderart der aus ganz andern Bedingungen als ihre Umwelt hervorgegangenen, unter andern Bedingungen lebenden jüdischen Gemeinschaft sich darstellte. Die Art der Verflochtenheit von Juden mit Goethes Leben und Wirken sagt uns viel weniger über Goethes Anschauungen als über die Stellung und Funktion des damaligen Judentums, das in eine entscheidende Uebergangszeit seines sozialen und geistigen Lebens eintrat. Von diesem historischen und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt mag es interessant sein, wie sich diese oder jene Erscheinung oder Persönlichkeit der Zeit in Goethes Augen spiegelten. Goethe, der ״Kosmopolit“, wußte übrigens genau, daß jede Nationalität ihre innere Eigentümlichkeit hat, durch die sich Angehörige anderen Volkstums von ihr unterschieden fühlen, und es kommt darauf an, ein Volk aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus zu begreifen und zu respektieren, nicht aber innerlich ungehalten und intolerant zu sein, weil Menschen anderer Herkunft äußerlich und innerlich anders beschaffen sind als man selbst. Für 1ms Zionisten ist Goethe nicht Gegenstand oder Anlaß jüdischer Apologetik. Nicht über die Judenfrage suchen wir bei ihm Belehrung. Aber wir glauben, daß er, der am meisten hach Schiller in den' Judenvierteln des Ostens im ganzen 19. Jahrhundert größte Verehrung genoß und der für die Juden des Westens ein nicht wegzudenkendes Element der Bildung und Erziehung war, mitgewirkt hat an der Befreiung des jüdischen Bewußtseins aus der Enge des Ghetto, daß er die Sehnsucht nach Freiheit der Persönlichkeit und nach allseitiger harmonischer Entfaltung des Lebens auch in Juden geweckt hat, und daß dadurch die innere Revolution gefördert wurde, die seelische Knechtschaft und Verkrüppelung, in die das jüdische Volk im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch den Druck der erzwungenen Assimilation hineingeraten war, zu entlarven, und den Weg zum eigenen Ich zurückzufinden. Goethe ist ein großer Lehrer auch für uns geworden, und es ist kein Zufall, daß schon in der Frühzeit der zionistischen Bewegung das Ideal des alternden, alle Genüsse des Lebens und alle Verführungen der Assimilation hinter sich lassenden Faust ״mit freiem Volk auf freiem Bodenstehen“ als ein Symbolwort der neuen, im jüdischen Volk hervordrängenden Kräfte verkündet wurde. Goethe war gewiß kein ״Nationalist“ im modernen politischen Sinne, aber wir als Anhänger einer nationalen Bewegung, deren Charakter nicht ohne weiteres zusammenfällt mit dem landläufigen Nationalismus, verdanken ihm viel von der Fähigkeit des Ueberblickens von Zusammenhängen und von dem Gefühl für die tieferen Schichten, des Lebendigen, und wir wissen, daß aus diesen Quellen unser Empfinden für die Notwendigkeit nationaler Voraussetzungen des Lebens sich immer wieder erneuert. Und da es am besten ist, wenn man an solchen Tagen nicht Herausforderungen an andere, sondern Forderungen an sich selbst richtet, so wünschen wir: Daß der Reichtum lebendiger übernationaler Humanität, wie er sich, aus festverbundenen nationalen Wurzeln strömend, in Goethe manitestiert hat, unserer nationalen Bewegung nicht verloren gehe. Von Julius Berger, Jerusalem. Was dem, der aus den verworrenen Verhältnissen Europas und insbesondere Deutschlands nach Palästina kommt, am meisten auffällt und ihn am stärksten den Unterschied der Situation von hier und drüben fühlbar werden läßt, ist der Optimismus, dem er in Pa: י lästina überall begegnet und der in einem so krassen Gegensatz zu dem verheerenden Pessimismus steht, der das ganze europäische, und vor allem das deutsche wirtschaftliche Leben vergiftet. Nicht als ob man sich in Palästina der Unsicherheit der ganzen Weltwirtschaft von heute oder der Zuspitzung aller politischen Verhältnisse nicht ebenfalls bewußt wäre, nicht als ob man auch nur einen Tag die besondere Kompliziertheit der politischen Probleme des Landes und ihrer eventuellen Rückwirkung auf seine Wirtschaftslage vergäße. Im Gegenteil, mit wem immer man spricht, wird er seine Unzufriedenheit und seine starke Besorgnis über die unverändert unfreundliche Haltung der Verwaltung äußern, an der jedenfalls bis jetzt auch der neue High Commissioner nichts geändert hat, obgleich man von ihm bisher nur günstige Eindrücke empfing. Aber das Entscheidende ist, daß der Zukunftsglaube der palästinensischen Juden, ihre ungebrochene Uebfcrzeu- . gung von den großen Möglichkeiten des Landes im kllgemeinen und seiner jüdischen Siedlung im besonderen nie von den Sorgen des Tages erschüttert wird. Und während die übrige Welt sich mehr und mehr einer pessimistischen Einstellung hingibt, die wie eine wachsende Fäulnis auch das zu ergreifen droht, was bisher politisch und wirtschaftlich noch gesund geblieben ist, blüht Palästina wie eine Oase des Optimismus inmitten einer Wüste von Unglauben und Verzagtheit Und das ist keineswegs ein naiver Kinderglaube, ein Sich-Hinwegsetzen über objektive Tatsachen, eine Luftblase der Selbsttäuschung oder der Spekulation, ganz im Gegenteil: Auch der strenge Kritiker, der nüClrteföSFe' Beurteiler, muß zugeben, daß zumindestens bisher die tatsächliche Entwicklung die zuversichtliche Hoffnung nicht enttäuscht hat. Es gibt eine Menge von Gründen, die es erklärlich erscheinen lassen, daß Palästina nicht so rettungslos in das Chaos der Weltkrise hineingezogen wurde wie andere Länder: Seine Kleinheit, die allzu große und daher der Krise eine breite Angriffsfläche bietende Unternehmungen noch nicht aufkommen ließ; seine wirtschaftliche Unentwickeltheit, die noch Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen vorhanden sein läßt; die, wenn auch beschränkte, so doch andauernde Einwanderung, insbesondere auch kapitalskräftiger Elemente, die die wachsende Unsicherheit draußen, und nicht zum wenigsten der steigende Weltantisemitismus nach Palästina treibt; ja man kann sogar manche Umstände als Begünstiger wirtschaftlichen Fortschrittes anführen, die unter anderen Gesichtspunkten zu beklagen sind. So z. B. hat die Verminderung der Fondseinnahmen, die auf der einen Seite so betrübliche und der Entwicklung des Landes abträgliche Erscheinungen gezeitigt hat, auf der anderen Seite eine weit strengere Kontrolle in der Verwendung der Mittel, eine Einschränkung alles Experimentierens, eine Samm- Iung aller Anstrengungen auf die eigenen Energien und eine Zurückdrängung ideologischer und parteipolitischer Betrachtungen erzeugt, die sich wirtschaftlich zweifellos günstig bemerkbar machen. Vor allem aber ergibt sich die positive Wirkung einer wirtschafts-optimistischen Einstellung, zeigt sich, in welchem Ausmaße Glaube und Zuversicht auch im wirtschaftlichen Leben treibende und aufbauende Faktoren sind. An einigen Beispielen aus der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas der letzten Monate sei dies näher dargelegt. Nichts ist bezeichnender für den Unterschied in der pessimistischen Auffassung auch der palästinensischen Verhältnisse, denen man immer wieder draußen begegnet, und dem ruhigen, seiner Sache gewissen Optimismus, den man in Palästina immer wieder findet, als die Ein- Stellung zu den Aussichten der Orangenindustrie Palästinas. Daß es heute noch eine landvvirtschaftliehe Industrie geben soll, die nach einer nunmehr fast ein Jahrzehnt ununterbrochenen Periode glänzender Prosperität immer noch 12—15 °/<* Reinertrag vom investierten Kapital bringt und keine Furcht hat, daß diese hohe Verzinsung in absehbarer Zeit wesentlich kleiner werden wird, ist etwas, das draußen auch da nicht geglaubt wird, wo man sonst den Möglichkeiten Palästinas zuversichtlich gegenübersteht. Man spricht von der drohenden Ueberproduktion auf dem Orangenweltmarkte, von* der sinkenden Kaufkraft der Konsumländer, von den drohenden Zollmauem usw. usw., um die Auffassung zu begründen, daß die Welle des Großertrages auch für die palästinensische Orangenindustrie bald abebben 1111)1111111111111111[11111mm111111₪1111111111i1111111111111111111111t1111111111111111111111111m11111111111111111111i11111111111111111t11₪^ Günstige Arbeitslage in Palästina Mangel an Arbeitskräften Alle Berichte aus Palästina stimmen darin überein, daß die Lage auf dem Arbeitsmarkt sich in der letzten Zeit außerordentlich verbessert hat. Es ist ein deutlicher Mangel an jüdischen Arbeitern fühlbar, sowohl in den Kolonien, wo jetzt während der Saisonarbeit alle bisher arbeitslosen jüdischen Arbeiter absorbiert sind, als auch in den! Städten, wo allein in Tel-Awiw, wie uns berichtet wird, in den letzten Wochen 500 neue Arbeiter in den industriellen Betrieben eingestellt wurden. Auch die Bautätigkeit die sofort nach dem Pfundsturz einsetzte, ist noch weiter sehr lebhaft und beschäftigt viele Arbeiter. In Tel-Awiw fand Anfang März eine von Vertretern verschiedener lokaler jüdischer Arbeitergruppen beschickte Sitzung der Arbeiterorganisation statt, worin festgestellt wurde, daß es in Palästina höchstens 800 jüdische Arbeitslose gibt und diese vor allem in den Städten. An manchen Orten zeigt sich eine deutliche Knappheit an Arbeitskräften, so daß von den Unternehmern ein Steigen der Löhne befürchtet wurde. Die Konferenz kam zu dem Ergebnis, daß eine sofortige größere j üdische ' A r b e ite rei n wa nd er u n g möglich und notwendig sei. Insbesondere wenn man bedenkt, daß in der nächsten Zeit 17 000 Dunam für Orangenpflanzungen in Bearbeitung kommen sollen, muß man die Dringlichkeit einer jüdischen Arbeitereinwanderung betonen. ״Dawar“ berichtet z. B. aus C h e d e r a h , daß dort, obwohl dort 400 arabische Arbeiter beschäftigt sind, auch die gesamten jüdischen Arbeiter Beschäftigung gefunden haben und noch mindestens 150 Mann weiterhin erforderlich wären. Der Aufschwung des Scharon Der Ausschuß der neuen Kolonien des Scharon (der Küstenebene nördlich von Tel-Awiw), wo seit 1924 die Orangenpflanzungen einen großen Aufschwung genommen haben, veranstaltete eine Rundfahrt der palästinensischen Journalisten durch das neue Pflanzungsgebiet. Der Kolonist Schuchowitzky (Magdiel) gab eine eingehende Schilderung der Entwicklung des Gebietes: Es umfaßt 60000 Dunam, wovon 15 000 von jüdischer Arbeit in Kultur genommen wurden. Von den Kolonisten sind 80 % Selbstarbeiter. Das ganze Gebiet zählt heute 5200 jüdische Seelen, darunter 1500 Anbeiter. In vier Jahren werden anderthalb Millionen Kisten Orangen von hier abgesandt werden. Das betreffende Gebiet kann jedoch noch eine dreimal größere Bevölkerung absorbieren. Der Vortragende schloß mit einem starken Appell an die Juden des Galuth, nach Palästina zu kommen und sich im Scharon anzusiedeln. .‘:3.TÜB.

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