Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 2 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Monatsausgabe #1:-׳ JÜDISCHE Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Redaktion und Verlag: Berlin W15, Meinekestraße 10 / Telefon: J 1 Bismarck 7165 Februar 1932 Nummer 2 Amerika für Palästina Gründung eines Komitees niditjüdisdier Palästinafreunde Aus Amerika wird berichtet: Am 17. Januar versammelten sich in Washington zahlreiche führende Persönlich״ keiten der drei amerikanischen politischen Parteien, der Re• publikanischen, der Demokratischen und der Fortschrittlichen Partei, zwecks Gründung des ״American Pa lest ine C 0 m m i 11 e e“, einer Organisation, die nach Aufbau und Pro״ gramm etwa dem ״Pro Palästina-Komitee“ in Deutschland und anderen Ländern entspricht. Die GründungsveTsammlung־ fand im Rahmen eines Dinners im Mayflower Hotel statt. Den Vorsitz führte Senator King. Die Versammlung war einberufen von einem Gründungsausschuß, dessen Vorsitz der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Charles Curtis; innehatte und dem der Vorsitzende des Komitees für auswärtige Angelegenheiten beim amerikanischen Senat, Senator Borah, die Senatoren Swanson, Robert Lafollette, William King, Wagner, ferner die Mitglieder des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten Henry Rainey, der Führer der Majorität des Kongresses, und J. Linthicum, Vorsitzender des Komit^.s für auswärtige Angelegenheiten im Repräsentantenhaus, als Mitglieder angehörten. Die Kundgebung nahm einen sehr imposanten Verlauf. Die Gründung des amerikanischen Palästina-Komitees wurde von den Anwesenden als ein denkwürdiger Schritt auf dem Wege der Gewinnung der amerikanischen Öffentlichen Meinung und der Sicherung der Unterstützung Amerikas für den Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina bezeichnet. Die erste Ansprache hielt das amerikanische Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Emanuel Ne um an. Er schilderte die Not und die Hoffnungslosigkeit der jüdischen Massen in den Ländern Ost- und Mitteleuropas, die in ihren Heimatländern keine Existenzmöglichkeit in der Gegenwart und keine Aussicht auf eine Existenz in der Zukunft haben, die auswandern müssen, aber, da die bisherigen Einwanderungsländer ihre Tore gegen neue Einwanderung geschlossen haben, kein Ziel für ihre Wandersehnsucht besitzen. Neuman unterstrich die historische Bedeutung Palästinas für das Judentum, gab ein Bild von der jüdischen Aufbautätigkeit in Palästina im letzten Jahrzehnt und kam zu der Schlußfolgerung, daß die Juden ein Recht haben auf ihr historisches Land Palästina und daß es eine der Aufgaben der zivilisierten Welt sei, den Juden zu helfen, ihre Chance in Palästina zu nutzen und ihre alte Rasse '.4!Tu׳'kuiiur 01 י duui Ui.'icigd'ag zu ictten. Es folgte eine Ansprache vor Professor Felix Frankfurter, der die historisch-rechtliche Seite des Jüdischen Nationalheims beleuchtete und eine Geschichte der modernen zionistischen Bewegung und ihrer Bemühungen in der internationalen Welt gab. Den Mittelpunkt der Kundgebung bildete eine Anspräche des Ehrengastes der Versammlung, des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten Charles Curtis der ln sehr warmem und herzlichem Ton über die Ziele der zionistischen Bewegung sprach und daran erinnerte, daß er sich 1922 außerordentlich um die Annahme der prozionistischen Resolution durch den Kongreß der Vereinigten Staaten bemüht hat, eine Bemühung, die zu seiner großen Freude von Erfolg gekrönt war. Emanuel Neuman verlas nun eine an ihn gerichtete Botschaft des Präsidenten H 0 0 ver, die u. a. lautet: ״Es Interessiert mich sehr, zu erfahren, daß sich eine Gruppe ausgezeichneter Männer und Frauen zusammengetan hat, um die Kenntnis von dem jüdischen Werk in Palästina zu verbreiten und eine Würdigung des Wiederaufbaus, der in Palästina unter jüdischen Auspizien vor sich geht, zu erlangen, ich will nun dem unter unserem Volke sich äußernden Gefühle zugunsten der Verwirklichung jahrhundertealter Aspirationen des jüdischen Volkes auf Wiederaufbau seiner nationalen Heimat auch meinen Tribut zollen. Ich werde Ihnen zu Dank verpflichtet sein, wenn Sie allen jenen, die dem Dinner in Washington am 17. Januar, das die Förderung dieses Unternehmens zum Ziele hat, beiwohnen werden, meine herzlichen Grüße übermitteln.“ Neuman verlas dann auch eine Botschaft von Na hum So ko low, der infolge seiner Teilnahme an einer Konferenz in New York, die der Förderung der finanziellen Kampagne der Jewish Agency dienen soll, nach Washington zu kommen verhindert war. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der das Ziel des American Palestine Committee ungefähr wie folgt definiert wird: Unterstützung des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims; Hilfe zu wirksamer Erfüllung der Mandatsbestimmungen betreffend das Jüdische Nationallleim in Palästina; Verbreitung genauer Informationen über das Aufbauwerk und dessen Fortschritte zwecks Unterrichtung der amerikanischen öffentliehen Meinung. Der Vorsitzende Senator King teilte mit, daß das American Palestine .Committee schon in kurzer Zeit eine zweite Sitzung abhalten wird, um die Organisation auszubauen und die Beamten zu wählen. Bis jetzt haben die folgenden Persönlichkeiten ihren Beitritt zum American Palestine Committee erklärt: Landwirtschaftsminister Arthur Hyde, die Senatoren Borah, Walter, George (Georgia), Wagner (New York), King (Utah), Lafollette (Wisconsin), Vandenburg (Michigan), Watson (lndiana), der Führer der republikanischen Majorität im Senat Wheeler (Montana), ferner die Mitglieder des Repräsentantenhauses Rainey (Illinois), Führer der Majorität des Repräsentantenhauses, Linthicum (Maryland), Kvale (Minnesota), Chindblum (Illinois), Luther (Texas), Johnson (Texas), Tilson (Connecticut), schließlich Unterstaatssekretär James Rogers, der Anwalt des Staatsdepartements Gleene Hockworth, der stell:- vertretende Oberstaatsanwalt der Vereinigten Staaten John Lord O’Brien, der Direktor der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden James Nerown Scott, das weibliche Kongreßmitglied Ruth Owen, der Siedlungsfachmann Prof. Elwood Mead u. v.a. Ihre schriftliche Zustimmung zum Beitritt sandten Oberst Edward House, der intimste Freund und Mitarbeiter des verstorbenen Präsidenten Wilson, der berühmte Schriftsteller Theodore Dreiser, Mary E. Woolley, die Delegierten der Vereinigten Staaten auf der Genfer Abrüstungskonferenz, der Gouverneur des Staates Illinois Emerson, der Gouverneur des Staates New Hampshire Winnant, der Gouverneur von Maryland, Ritchie, der Gouverneur von Wisconsin Philip Lafollette, der Gouverneur von Pennsylvanien Pinchot und der Gouverneur von Minnesota Olsen. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten Charles Curtis und Senator Borah haben die Ehrenpräsidentschaft im ״American Palestine Committee“ übernommen. ״New York Times“ veröffentlicht Aeußerungen von Dr. Seren Andrews, der amerikanischen Autorität Für Mandatsfragen, der — anknüpfend an die Bildung des American Palestine Committee — das Interesse der Vereinigten Staaten an der Durchführung des Mandats und der Erfüllung des Ver- Sprechens hinsichtlich der Errichtung des Jüdischen Nationalheims hervorhebt. Dr. Seren Andrews schreibt u. a.: ״Indem wir dem Mandat Englands über Palästina unsere spezielle Zustimmung gegeben haben, erhielten wir das Recht, auch über die Art, in der dieses Mandat zur Durchführung gelangt, etwas zu sagen. Diese unsere Autorität haben wir bereits zum Ausdruck gebracht und spezifiziert in der vom Repräsentantenhaus und dem Senat der Vereinigten Staaten im Jahre 1922 angenommenen Palästina-Resolution, in der besonders von der Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina die Rede ist. Diese Politik der Vereinigten Staaten erhielt zuletzt einen bestimmteren Umriß durch die Gründung des American Palestine Committee, die offiziell vom Präsidenten Hoover, dem Vizepräsidenten Curtis und dem Richter beim obersten Gerichtshof Stone gutgeheißen wurde. Die Vereinigten Staaten haben sich somit bereits zweimal auf eine Politik festgelegt, die auf eine Begünstigung der zionistisehen Ziele hinausläuft; die Vereinigten Staaten wollen auf der Durchführung dieser Politik bestehen. Im Lichte dieser Situation kommt der am 17. Januar in Washington veranstalteten Aussprache über das Jüdische Nationalheim erhöhte Bedeutung zu. Das jetzt aktuelle *palästinensische Bodcnproblem, schließt Andrews, beansprucht in diesem Zusammenhang erhöhte Aufmerksamkeit.״ General Hertzog begrübt Weizmann Die große Keren Hajessod-Aktion in der Südafrikanischen Union wurde am 10. Februar in Kapstadt mit einem Bankett zu Ehren von Chaim Weizmann und Dr. Alexander Goldstein eingeleitet, bei dem 6200 Pfund für den Keren Hajessod aufgebracht wurden. Der Veranstaltung wohnten neben einer großen Zahl führender Persönlichkeiten des südafrikanischen Judentums auch eine Anzahl nichtjüdischer Politiker bei, an der Spitze der Premier der südafrikanischen Union, General H e r t z o g, und der frühere südafrikanische Premier und Führer der jetzigen Opposition, General Smuts, der bekanntlich als Mitglied des britischen Kriegskabinetts die Balfour-Deklaration mit unterzeichnet hat. Premierminister General Hertzog hielt auf dem Bankett eine Ansprache, in der er ausführie: Es ist etwas an dem zionistischen Gedanken, daß er von Kopf und Herz nicht nur aller direkt an ihm Interessierten, sondern auch jedes Menschen Besitz ergreift; und so appelliert der Zionismus auch an mich, an die nichtjüdische Gemeinschaft Südafrikas. Ob dem Zionismus Erfolg oder Mißerfolg beschieden ist — er hinterläßt unzerstörbare Spuren in den Herzen und aktiviert die großen Qualitäten des jüdischen Volkes. Die Wirkung der zionistischen Bewegung ist jedenfalls die, daß das jüdische Volk sich stets seiner großen Ideale bewußt bleibt. Es ist dies in der Tat eine sehr große Sache. Ich hege nicht den geringsten Zweifel, fuhr Premierminister General Hertzog fort, daß Dr. Weizmann in Südafrika die weitestgehende, bereitwilligste und herzlichste Hilfe und Förderung für das wunderbare Werk des Auf baus des Jüdischen Nationalheims finden wird. Wohl sind die Zeiten heute schlimm, hh aber bin Optimist, wir alle müssen Optimisten sein. Ich bin dessen sicher, daß die dunkle Wolke der Depression, die jetzt über der Welt hängt, verschwinden und daß die zionistische Bewegung ihre Stärke bewahren wird und jetzt wie in Zukunft bei ihren Anhängern in Südafrika die größtmögliche Unterstützung finden wird. Es folgte eine Ansprache von General Smuts, der seine Bewunderung für die zionistische Bewegung und für die staatsmännische Persönlichkeit Dr. Weizmanns zum Ausdruck bracht«. Dr. Weizmann und Dr. G 01 d s t e i n wiesen in ihren Ansprachen auf die dringende Notwendigkeit hin, sofort Geldmittel zur Fortführung des von der Jewish Agency in Palästina durchgeführten Aufbauwerks aufzubringen. Auf einem Bankett zu Ehren Dr. Weizmanns in Kapstadt teilte das Mitglied des südafrikanischen Parlaments, Dr. H. F. Meyer, mit, er habe die Initiative zur Gründung eines Pro Palästina-Komitees in der Südafrikanischen Union ergriffen. Brüning: Zn Nobels Biographie (R. Klttler Verlag, Leipzig.) ׳' < Die Gelegenheit, über die Persönlichkeit und dasי politische Vorleben des gegenwärtigen Reichskanzlers,' ״ der für viele überraschend in den Vordergrund derdeutschen Politik getreten ist und sich in den zwei Jatiren seiner Kanzlerschaft zu einer einzigartigen Position hinaufgeschwungen hat, nähere Einzelheiten zu erfahre^ wird jeder gern begrüßen, der mit dem Interesse für deutsche und europäische Politik ein Empfinden für menschliche Größe verbindet. Dr. Nobel hat als Chefredakteur der Zeitung ״,Der Deutsche“, zu deren MHarbeitern Dr. Brüning seit dem Kriege gehörte, die ,׳ Laufbahn dieses Mannes aus nächster Nähe beobachten können, und er vermag insofern neue Quellen zu.er-־, schließen, als zahlreiche Aufsätze Brünings im ״Deutsehen“ ohne Unterschrift erschienen sind, so daß man ' erst jetzt durch Nobel diese Artikel als Aeußerungen * des Kanzlers identifiziert. Aus der knappen, nur 87 Seiten umfassenden Schilderung empfängt man den Eindruck eines starken, sittlich geschlossenen Charakters, der mit eiserner Energie und unverbrüchlichem Ernst an sich selbst arbeitet, an die eigenen Leistungen den strengsten Maßstab legt, die Sache vor die Person zu stellen weiß. Aus dem Buche, das sehr viele Brüning-Zitate enthält, erwähnen wir hier nur ein charak1• teristisches aus dem Jahre 1923, das über den engep Rahmen des ursprünglichen Anlasses hinaus allgemeine Bedeutung hat und sogar für unsere kleinen jüdisches Verhältnisse vielleicht gelten kann. Brüning schrieb damals: ״Politik ist die Zerstörerin des Lebensglückes derjenigen, die sie üben. Politik ist fast Immer gepaart mit tnelancholi- . scliem Temperament und schweren, mühevoll überstandene» Lebens- und Jugendschicksalen. Politik erfordert von ihre» Jüngern die Meisterung jeden Nerves und jeder Regung zu jeder Stunde und an jedem Orte. Politik erfordert ein sen- * sitives Nervensystem, das kommende Dinge nach ihrer trüb- . sten Seite hin voraussieht. I Der wahre Politiker muß den sofortigen Zwang in sicn^H funten, heilende Mittel, vorbeugende Maßnahmen durch intensivste Kenntnisse und umfassendste Lebens- und Welterfahrung zu erfinden. Der wahre Politiker muß darauf veizichten, diese Mittel als Theorien von sich zu geben. Der wahre Politiker muß, wie es die Zeit erfordert, unter völliger Zurücksetzung seines eigenen Ichs, den Sinn für diese Mittel unmerklich in die Hirne der Menschen einströmen lassen, oder sie einhämmern, mit hinreißender Energie und zähester Geduld. Der wahre Politiker muß fühlen, was an Stimmungen in der Luft liegt, er muß diese Stimmungen rechtzeitig einfangen und muß sie einlenken in das Bett des einen großen Stromes: des nationalen Fortschritts.“ Man könnte aus diesen achtunggebietenden Worten manches über das Wesen, die Weltanschauung des Mannes ableiten, der sie schrieb. Wir können jedoch nicht dabei verweilen. Wir haben uns vor allem mit den Hinweisen auf Brünings Stellung zum J11• den tum, die in dem Buche enthalten sind, zu beschäftigen. Brüning hat nicht zur Judenfrage aus freien Stücken Stellung genommen. Er äußert sich zu dem Thema nur gelegentlich der Ermordung Rathenaus, und es wäre wohl unbillig, diese fragmentarischen Bemerkungen aus dem Jahre 1923 als eine volle Interpretation der heutigen Anschauungen des Reichskanzlers aufzufassen. Wir wissen nicht, ob Brüning eine feste Ansicht über die judenfrage hat, denn ein Mann wie er wird abschließende Urteile nur bilden, nachdem er eine Frage gründlich studiert hat. Die Judenfrage zu studieren dürfte er aber keine Zeit und Gelegenheit gehabt haben. Was die Juden betrifft, so ist ihre Stellung zur Person des Reichskanzlers gegeben. Ein Mann von Brünings persönlichen und sittlichen Qualitäten ist eine Bürgschaft eines Regimes, unter dem die Rechte aller Staatsbürger geachtet und die Grundsätze der Humanität nicht geschändet werden können. Einem solchen Manne gegenüber hat das deutsche Judentum aufrichtigen Respekt und Vertrauen zu seiner Amtsführung. Brüning begreift, daß die peinliche Beobachtung der Bestimmungen der Verfassung und die Verhütung von Gewalttätigkeiten im Interesse des Gesamtstaates notwendig sind, ganz unabhängig davon, ob ihm diese oder jene Gruppe der deutschen Staatsbürger persönlich gefällt oder nicht gefällt. Die in dem Buch wiedergegebenen Apercus Brünings über die Judenfrage, die er als Privatmann vor vielen Jahren getan hat, sind also keine aktuelle politische Angelegenheit für uns, sondern lediglich von Interesse als Beispiel dafür, wie die Judenfrage von einem solchen Mann aufgefaöt w3rd. Zunächst Brünings Aeußerungen zum Fall R a - thenau. Rathenau, so sagt er, sei ein ״ganzer Jude“ gewesen und er bedauert, daß mit ihm eine Persönlichkeit dahingegangen ist, ״die bereit war, für Deutschland alles zu tun und gewisse Begabungen seiner Rasse restlos in den Dienst seines Vater-!indes zu stellen. Deshalb wäre er auch der Jude gewesen,