Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 1 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
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- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1932 daraufl* Denn jetzt verläßt er die gT0ße Stadt, zieht nach Salzburg und beginnt zum ersten Male die Arbeit in einer ins QroOe planenden und die Horizonte ausmessenden Art. Nun entstehen seine Novellen, die er in der novellistischen Reihe; ״Die Kette״ vereint. Und es entsteht in großartigem Parallelislfm* dazu eine Reihe von künstlerisch-historischen Charakter• bildern» wie nur ein Menschengestalter sie schreiben kann, ln dem zugleich eia Stück von einem Forscher und Sammler steckt, ״Die Baumeister der Welt" Wir alle kennen die ״Drei Meister״, den ״Kampf mit dem Dämon" und die Einzelbilder, die er in glücklicher Fruchtbarkeit diesen Darstellungen an• gliederte. Ent vor kurzem hat er diesen Vorgängern eine neue Dreiheit folgen lassen, die so sehr ins Herz der Zeit traf, daß sie unterdessen als Quelle zu einem viel besprochenen Drama dieses Winters schon fast wieder historisch geworden ist. ״Die Heilung durch den Oeist“ (wie die meisten Bücher Zweigs erschienen im Insei-Veriag) enthielt außer den CharakterBildern von Mesmer und Freud auch das Bild der amerikanischen Heiligen Mrs. Baker-Eddy, der Gründerin der Christian Science. Ohne Zweigs Buch wäre das Drama der Ilse Lengner ״Die Heilige aus U. S. A.“ wahrscheinlich nicht Seschrieben worden; aber es zeugt auch dafür, wieviel tiefer weig, der Menschenkünder, das Wesen dieser sonderbaren Frau erfaßt hat, daß die unliebsamen Streitigkeiten, die sich nun an die Aufführung des Dramas knüpften, vor Zweigs Buche, in dem ja doch das gleiche historische Material Verarbeitet war, halt machten. Wir aber wollen dem fünfzigjährigen Stefan Zweig, wenn Um heute Freunde, Schüler, Dankbare aus allen Regionen des Oeistes feiern, als den Dichter der Leidenschaft und der Hingabe und als einen der klaräugigsten Zeugen des unaufhörlich umwertenden Prozesses, den wir Geschichte nennen, seine jüdischen Gestalten nicht vergessen ■— so unscheinbar sie manchmal sind, so scharf gesehen sind sie: von dem ostjüdischen Büchertrödler Jakob Mendel bis zu dem armen reichen Vater Salomon&ohn. Nicht die glühende Belebung der alten Legende ״Rahel rechtet mit Gott". Und auch nicht — um zu unserm Anfang zurückzukehren — das mit dein Herzen gestaltete Momentbild Theodor Herzls, der im spottlustigen Wien jener Jahre als der ״König von Ziona so viel verhöhnt wurde wie vielleicht nur noch sein großer Schicksals• und Stammesgefährte Sigmund Freud nach ihm; und den auch dem Fernstehenden sein Tod enthüllte als ״einen jener Oestalter von Ideen, wie sie in einem Land, in einem Volk nur in ganz großen, in ungeheuren Intervallen sich sieghaft erheben ..." Bertha Badt-Strauß. ״Satiug and Schicksal“ Als erste Veröffentlichung des neu gegründeten Schocken-Verlageg, Berlin, erschien soeben das Buch!,Sendung und Schicksal" (Aus dem Schrifttum des . nachbiblischen Judentums, mitgeteilt von Nahum Norbert Glatzer und Ludwig Strauß). Die Vorgeschichte dieses Buches führt zurück auf den ״Ausschuß für jüdische Kultur• . arbeit4‘ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der 1926 Vom Delegiertentag in Erfurt unter dem Vorsitz von Herrn Saln^an Schocken eingesetzt worden war. Herr Schocken hat nach Auflösung dieses Ausschusses die angefangene Arbeit fort• geführt und nunmehr das ferti&gestellte Werk 1m eigenen Verkg erscheinen lassen. Ueber die Absichten des Buches unter• Haltet am besten der folgende Absatz des Geleitwortes: ״Die Folge jüdischer Lesetexte/ die unser Buch darbietet, erhebt keinen Anspruch auf systematische Vollständigkeit. Wir Waren bemüht, aus der kaum übersehbaren Fülle der Literatur ^Prodeo änszuwählen, die jede als ein Oanzes für sich bestehen Können und die den heutigen Leser ,ansprechen‘, das Wort im Ursprünglichen Sinne verstanden: also keineswegs nur solche, in denen unser Leser, der deutsche Jude von heute und morgen, der junge Jude insbesondere, seine Haltung und Meinung be• *tätigt finget, sondern nicht minder solche, die ihm widersprechen, — wenn sie *»ar wirklich zu ihm sprechen, ihn angehen. Sein inneres Gespräch mit dem Oei&t und den Geistern jüdischer Ueberlieferung 8011 hier angeregt werden, ob seine Erwiderung auf die Ansprache nun Zustimmung, Widerspruch oder Frage sein mag. Gelingt es nur, ihn in lebendiges Gespräch mit den Stimmen, die hier reden, zu führen, so haben wir das unsere getan; das weitere, die Vertiefung des Gespräche durch Studium der Quellen, die Auswirkung des Gespräche in der Formung seines Lebens muß ihm und der Zeit überlassen bleiben." Das Buch enthält eine große Anzahl von sorgfältig ausgewählten Stellen aus Midrasch und Talmud, aus dem Sohar und der mittelalterlichen jüdisch-philosophischen und poetischen Literatur, historische Abschnitte aus Josephns, Abschnitte aus mittelalterlicher Memoiren-Literatur, kabbalistische und chassidische Texte usw. Die Anordnung des Stoffes erfolgte höchst sinnvoll in sachlicher Gliederung, und das Ganze enthält einen den Außenseiter sicherlich verblüffenden Reichtum, aber auch für den gut Beschlagenen eine Fülle von Belehrung und Erbauung (das Wort Im besten Sinne gebraucht). Besonders zu rühmen ist die Uebertragung, die nach den Prinzipien der Buber-Roscnzweigschen Uebersetzungslehre vorgenommen wurde und von dem Geist des Originals wirklich eine Ahnung zu vermitteln vermag. Hervorzuheben ist auch die Schönheit der Ausstattung und Druckanordnung. Man kann wohl ohne Uebertreihun? sagen, daß dieses Buch, das noch eine eingeltendere Würdigung erfordert, nach Inhalt und Form das schönste jüdische Buch ist, das seit vielen Jahren erschienen ist. Es sollte als wirkliches ״Lesebuch" in jedes jüdische Haus Eingang finden, zumal der Preis von M. 5,50 in Anbetracht der Vornehmheit der Ausstattung als sehr niedrig bezeichnet werden muß. Ausgrabungen in Caesarea. Dr. Weiter, der Referent für Ausgrabungswesen beim Deutschen Archäologischen Institut, der zurzeit die Ausgrabung des alten Sichern leitet, hat von der. palästinensischen Regierung die Erlaubnis erhalten, das in der Ebene am Meer gelegene Caesarea auszugraben. Dem Jerusalemer Korrespondenten des ״Berliner Tageblatt", Dr. Adolf Reif f en berg , erklärte Dr. Weiter, daß in der Ebene die Zukunft der archäologischen Erforschung Palästinas Hegt. Caesarea wurde von Herodes an der Stelle des alten Strathonturmes zu Ehren des Caesar Augustus erbaut und i. J. 12 v. Chr. eingeweiht Hier war der Sitz der römischen Landpfleger Judäas, hier wohnte der Evangelist Philippus und der der Apostelgeschichte bekannte Hauptmann Cornelius. Hier war das Gefängnis des Paulus, und hier verantwortete er sich vor dem jüdischen König Agrippa und seiner Gemahlin Berenice. Lange Zeit hindurch war Caesarea, der Haupthafen des Landes. Reibungen zwischen den in Caesarea lebenden Juden und der überwiegenden hellenistisch-heidnischen Bevölkerung verursachten den Ausbruch des von Josephus geschilderten jüdischen Aufstandes, der schließlich zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels führte. Ausgrabungen an dieser Statte, meinf Dr. ^Weiter, können vielleicht überraschende Ergebnisse bringen. Das G-V.-Kind in der Schule ״Habe ich den Antisemitismus nicht vielleicht selbst verschuldet?“ (Unteiprimanerin Käthe Liehtenberg-Hannover in der C.-V.- Zeitung vom 25. 12. 1931.) Aber bestimmt hat ihn Käthe verschuldet! Sie kann es in allen Antisemiten-Fibeln nachlesen: Sie ist andauernd aus dem Rahmen gefallen; zuerst damals, als sie Christus gekreuzigt hat, dann hat sie Brunnenvergiftung betrieben und Ritualmorde begangen. Das war noch iji den Unterklassen; inzwischen ist sie reifer geworden und zu so jugendlich-dämonischen Untaten nicht mehr fähig. Jetzt trägt sie nur noch zu viel Schmuck, ist in Stabhochsprung zu schlecht und in Latein zu gut. Sie fällt eben immer unangenehm auf. Aber natürlich würde sie sich trotzdem gut helfen können, wenn sie nur jeweils die von Juden im Stabhochsprung vollbrachten Rekordleistungen ebenso auswendig wüßte wie zahlenmäßige Unterlagen über ihr erfreuliches Versagen im Lateinischen. Wenn nur alle Juden immer die Statistik gut genug im Kopf hätten, dann würde Hitler bald nichts mehr zu lachen haben. Dieser Spott mag grausam klingen. Aber so ähnlich malt sich die Welt wirklich ln manchen jüdischen Köpfen. Vor mir Kegenzwei erschütternde Nummern der ״C.-V.-Zeitung“ (die vom 25. 12. 1931 und vom 1. 1. 1932): sie befassen sich in der Hauptsache mit dem Problem des jüdischen Kindes in der Schule. Es ist zum Weinen. Es beginnt mit einem Kapitel aus dem. Roman eines christlichen Autors: das enthält die ganze Tragik des jüdischen Kindes in dieser Zeit und dürfte überall da vollgültig sein, wo jüdische Kinder vereinzelt einer kompakten Majorität verhetzter Klassengenossen ausgeliefert sind. Aber dann kommen Juden zu wort: Kinder, Mütter, Lehrer, und da stellt sich heraus, daß es halb so wild ist. Es gibt nämlich auch, man denke, gerechte Lehrer; Beschwerden helfen manchmal, und das ist doch furchtbar anständig, nicht wahr? Schon hier würgt es einen förmlich: bei dieser Vornehmtuerei im Verdroscnenwerden, bei dieser süßmilden Gerechtigkeit unter Ohrfeigen, bei dieser Verkrampfung, in deren Rahmen bezeichnenderweise nur der christliche Mitarbeiter die Wahrheit sagen kann. Und dann bei allen der gleiche Refrain: wir sind doch selber schuld, wir fallen* doch auf. Und wenn sie dagegen nun ״Eingliederung" fordern, so meinen sie nicht etwa Eingliederung, die selbstverständlich wäre, sondern sie meinen Auslöschung, Tarnung, Anähnelung im Affensinn. Weil ״sportliche und turnerische Leistungen... heute von der Jugend meistens höher eingeschätzt (werden) als geistige....״, deshalb also, nicht etwa weil man selbst so denkt una will, hat der Jude zu springen. Auch dürfen jüdische Kinder ״durch ihr Betragen nicht Anlaß zu Tadel geben, nicht durch Protzigkeit und Ueberheblichkeit, durch Mangel an Zurückhaltung". Protzigkeit ist unanständig; man sollte sie Kindern auch dann abgewöhnen, wenn es keinen Antisemitismus gäbe. Aber Ueberheblichkeit und Mangel an Zurückhaltung — hier stock׳ ich schon; wo fängt das an? Vielleicht schon mit einer Handbewegung, die für Nichtjuden ungewöhnlich ist; vielleicht schon mit einem Annäherungsversuch, der nur dem jüdischen Kinde als mangelnde Zurückhaltung ausgelegt wird. Was also soll dies unglückliche Wesen, das sich nach den Lehren der ״C.-V.- Zeitung“ richten wollte, eigentlich tun? Zunächst einmal: nie unbefangen einfach da sein, dann wäre es schon erledigt. Sondern: mitmachen, was gemacht wird, und widerstrebte ec der Art des Kindes noch so sehr; im Mitmachen aber Zurückhaltung üben, mit T a k t äffisch sein. Es ist nicht auszudenken, was für eine Generation da herangezüchtet werden muß: voller Minderwertigkeitskomplexe, voller Unsicherheit, voller Angst. Menschen, die immer nur schielen, daß sie auch exakt das treffen, was anderen natürlich ist, was andere für richtig halten. Bemitleidenswerte, jm Kern gebrochene Existenzen. Tatsächlich ist auch nicht einer von all den Schreibern auf die Idee verfallen, daß cs, zunächst einmal ganz unabhängig von der Frage des Antisemitismus, doch in erster Linie jetzt darauf ankommt, das jüdische Kind vor seelischem Schaden zu bewahren. Gewiß, Leid kann man ihm nicht ersparen, aber man kann ihm dies Leid .sinnvoll machen, man kann ihm Rückgrat geben. Es muß wissen, was es heißt, Jude zu sein, und es muß von diesem Judesein mit Stolz erfüllt werden. Dann wird alles erträglich. Ein Kind schreibt, man müßte sich mehr mit jüdischen Dingen beschäftigen. Und was meint es damit? Es hätte bei passender Gelegenheit sofort wissen müssen, wieviel Juden im Weltkrieg waren; das sei das einzige Mittel, einem entsprechenden Angriff zu begegnen, darin stimme es ganz mit Suse überein. Gut, das ist kindlich. Aber wenn die Redaktion auch mit Suse übereinstimmt und diese kindliche Weisheit fett mit den Worten ״Beschäftigt Euch mehr mit jüdischen Fragen" überschreibt, dann ist das kindisch und sollte selbst dem C.-V. zu weit gehen. Sonst findet sich in allen Zuschriften kein Wort von dieser einzigen wirklichen Hilfe für das jüdische Kind, von einem fundierten aufrechten Judentum nämlich. Doch, es findet sich, und das stammt natürlich wieder von einem Nichtjuden. Ein christlicher Lehrer, Dr. Müller-Claudius, bei anderen Gelegenheiten vom C.-V. als Kronzeuge gegen den Zionismus bemüht, bekundet in dieser Umgebung noch am ehesten Verständnis für jüdische Notwendigkeiten: nach ihm kommt es darauf an, daß das jüdische Kind sich als Repräsentanten des jüdischen Menschen in einer anders gearteten Umwelt empfindet, er denkt sich darunter einen Typus, der ״zugleich stolz, korrekt, geschlossen, reserviert und doch bereit zu jeder Betätigung stiller Kameradschaft“ ist. Nach allen den von der ״C.-vT-Zeitung“ veröffentlichten j ü d i - sehen Stimmen ist das Kind lediglich auf Vermeidung des nach fremdem Urteil Anstößigen zu dressieren•); daraus aber entsteht kein stolzer, sondern ein kriecherischer, kein geschlossener, sondern nach allen Seiten offener und schwankender Typus. Die Voraussetzung für die Forderung des Dr. Claudius ist ein jüdisches Elternhaus, das den Kindern ein positives und nicht ein bloßes Abwehr-Judentum zu vermittein vermag. Aber gerade das will man nicht. An ein paar Stellen wird Klage über national jüdisch beeinflußte Kinder geführt: ihr Verhalten provoziere den Antisemitismus. Nun, setzen wir selbst einmal, aaß Kinder mitunter das Prinzip übertreiben, was will das besagen? Dieser Antisemitismus ist doch unabhängig von jüdischem Verhalten; er ist eine deutsche Lebensnotwendigkeit, durch ihn schafft sich ein unsicheres und deshalb krampfhaft übersteigertes Nationalgefühl das Oegenbild, dessen es bedarf, um zu sich selber zu kommen. Irriger Wahn, hier etwas mit Reckturnen, Statistik und Wohl verhalten ausrichten zu wollen. Es kann hier nur eitle Sorge geben, nämlich die, unsere Kinder seelisch gesund zu erhalten. Besser einmal ״Anlaß zu Tadel geben" und ein innerlich ungebrochener Mensch bleiben, als um den Preis seines Wesens jeglichen Anstoß zu vermeiden. Verhaltungs- ״) Nach Erscheinen dieses Artikels hat auch die C.-V.- Zeitung in einer späteren Nummer gegen die assimilatorische Tendenz der von ihr veröffentlichten Zuschriften Stellung geaommen. (Anm. d. Red.) weisen, die zu bekämpfen sind, sind ausschließlich um unser selbst willen zu bekämpfen, aber nicht unter fremdem Diktat, nicht um fremder Roheit den Vorwand zu nehmen, den sie dann woanders findet. Es ist eine schlechte Zeit für inner jüdische Polemik. ,Aber hier geht es nicht um die Theorie der Methode, sondern um die Seele unserer jungen Generation, die einer vergeblichen Taktik zuliebe ins Unechte verbogen und für immer verzerrt werden soll. In der ״C.-V.-Zeitung" weist ein Autor den deutschen Nationalisten nach, wie weit entfernt sie von Goethe seien. Dieser schon vorher nicht unbekannte Qedanke dürfte trotz seines falsch verstandenen, platt-fortschriftlich gefaßten Zitats auf die Betroffenen nur geringen Eindruck üben, während das jüdische Kind doch in der Tat auch durch diese Zeitung mit geformt werden mag. Wenn a!90 schon Goethe als Erbbesitz des jüdischen Liberalismus bemüht werden mußte, dann wäre es vielleicht ratsamer gewesen, ihn weniger gegen die Deutschen ins Feld zu führen^ als aus ihm für sich selber zu lernen, wie sein Ideal der frei sich entwickelnden Persönlichkeit für jene jüdische Jugend zu verwirklichen ist, die unter dem unmenschlichen Druck dieser Zeit heranwächst. Wir ״undeutschen״ Zionisten glauben zwar nicht, mit Goethe-Zitaten, selbst mit richtig verstandenen, gegen den Antisemitismus anzukommen, aber wir glauben, daß unser Erziehungsideal, der aus der Wurzel seines Seins sich frei entwickelnde jüdische Mensch, niemandem zuliebe und niemandem zuleid, dem Persönlichkeitsbegriff Goethes näher kommt als eine Jugend, der das Gesetz ihres Werdens von außen bestimmt wird. Gustav Krojanker, ZellschrUtenschan ״Der Ring“, eine konservative׳ Wochenschrift von ernstem Streben und hohem Niveau, bringt (in ihrer Nr. 44) eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit der ״Weltbühne" und ähnlichen Erzeugnissen des sog. ״Kulturbolschewismus" (einer Bezeichnung, die der ״Ring" ablehnt). Zunächst wird bezeichnenderweise ״die artistische Leistung" der ״Weltbühne", die Eleganz und Lebendigkeit ihrer Darstellung hervorgehoben. Ihren Autoren gegenüber habe man nicht die Möglichkeit, ״sie zu erledigen durch den Hinweis auf ihr sprachliches Unvermögen, kurz auf ihr ,Gemauschel‘; die Peter Panter, Theobald Tiger — alias Tucholsky —, aber auch die Weinert und Kaminski, mauscheln höchstens in Aufregung; sonst schreiben sie ein Deutsch, das wir den nationalsozialistischen Pressechefs und Studienräten mit der Facultas für Germanistik wünschen möchten." Aber wichtiger als diese treffenden Sätze sind 101• gende prinzipielle Feststellungen: ״Wir lehnen es ab, die von uns bekämpften Autoren als Juden zu diffamieren. Wir lehnen das nicht nur deswegen ab, weil wir die antisemitische Hetze als moralisch unsauber und politisch unklug verwerfen. Vielmehr glauben wir, den rassischen Einwana gegen die Autoren der ,Weltbühne‘ schon deswegen nicht erheben zu dürfen, weil ganz offenkundig ist, daß ihr Standpunkt jenseits aller Rassenkämpfe gewählt, auch von Angehörigen aller Rassen dngenommen wird, ein Standpunkt außerhalb jeder Verantwortung ist, und gerade diese Verantwortungslosigkei t, welche übrigens das Judentum seinen Angehörigen nie verzeiht, auch das Objekt unserer Kritik ist." (Sperrungen von uns.) In einer Zeit, in der eine Skrupellose Hetze bemüht ist, die Gesamtheit der deutschen Juden als eine Bande von Schiebern und Demagogen hinzustellen, und jede Taktlosigkeit irgendeines Autors, der zum positiven Judentum meist gar keine Verbindung mehr hat, mit wahrer Wollust aufgreift, wird man diese Erklärungen des ״Rings“, ohne ihre Tragweite zu überschätzen, mit Freude zur Kenntnis nehmen. Darüber hinaus verdient übrigens die ganze Charakteristik, die der ״Ring" der Beziehung jener Autoren zum Judentum angedeihen läßt, unsere volle Zustimmung. ״Die Juden in der deutschen Kultur“. Im Rahmen der von der jüdischen Oemeinde Berlin veranstalteten religiösen Vorträge sprach Oeorg Hermann am 3. Januar in der Synagoge Prinzregentenstraße über: ״Die Juden in der deutschen Kultur". In einer Zeit, so führte der Redner ausi, in der man den Juden jede positive Leistung abspricht, ist es nicht überflüssig, an den jüdischen Beitrag zur Kultur eindringlich zu erinnern. Heute wird der Jude nicht nur auf allen Gebieten zurückgedrängt, sondern es wird ihm auch sein Wert aberkannt. Dieser Wertaberkennung der Juden und des Judentums soll die jüdische Leistung in der Kultur, die Besonderheit dieser Leistung, entgegengestellt werden. Der Jude ,begreift die Kultur gewordene Zivilisation so, daß jedes einzelne Individuum teilhaben soll an allem Hohen und Schönen. Hermann gab einen Ueberblick über die großen jüdischen Dcgabungen in Deutschland und Oesterreich auf dem Gebiete der Literatur, des Theaters, der Musik, der Kunst, der öffentlichen Wirtschaft und sagte, auch die Juden als Revolutionäre wollen nicht Zer- Störung, sondern sie wollen den Massen bessere Lebensbedingungen erkämpfen. Der Jude versteht es nicht, warum immer un Kampf gegeneinander ein Ziel erstrebt werden soll, er will, daß alle Schulter an Schulter an der Kultur mitschaffen, um sie, das Geschenk des Lebens, immer reicher und schöner zu gestalten. Kultur schaffen, heißt Gottes Werk tun. — Leider war in dem Vortrag des liebenswerten Dichters, der viel interessantes, wenn auch nicht neues Material brachte, von einem Verständnis des Wesens der Judenfrage nichts zu finden. Unseres Erachtens ist mit Apologetik dieser antiquierten Art heute wenig Wirkung zu erzielen und es besteht die Gefahr, daß die — ausschließlich jüdischen — Zuhörer befriedigt nach Hause gehen, im Bewußtsein ihrer kulturellen Weltbedeutung, ohne zu ahnen, daß die J u d e n f r a g e mit all diesen schönen Dingen nichts zu tun hat. Wenn Georg Hermann darauf hinwies, vor dem Krieg, in der guten alten Zeit, seien die Juden in Deutschland ״volksmäßig völlig eingeordnet" gewesen, so sollte ihn doch die spätere Entwicklung auf den Gedanken bringen, daß diese Einordnung eben doch nicht so vollkommen gewesen sein kann. Es war ein Schein- Zustand, dem man vielleicht nachtrauern kann, aber den als Normalzustand hinzustellen grausame Selbsttäuschung ist. ״Die beste Widerlegung des Antisemitismus." Wie wir bereits kurz berichtet haben, veranstaltete anläßlich seiner Gesamtvorstandssitzung am 11. Oktober in Leipzig der ״Jüdische Frauenbund (eine nichtzionistische Organisatien) eine Aussprache über die Bekämpfung des Antisemitismus, zu der er eine Reihe nichtjüdischer Frauen geladen hatte. Aus dieser Debatte erfahren wir jetzt noch nachstehende interessante. Details: Frau Lenka von Ko erber ermahnte die Juden zur Geschlossenheit und beklagte ihre Zerklüftung; vor allem sei es unverständlich, daß es immer noch Juden gebe, die den Zionismus bekämpften. Die beste Widerlegung des Antisemitismus sei die jüdische Leistung, wie sie sich Tm Aufbau Palästinas offenbare, den Rednerin mit eigenen Augen wahrgenommen und bewundert habe. — Der ״Jüdische Frauenbund" sollte diesen bedeutsamen Hinweis nicht in die Winde schlagen. Verantwortlicher Redakteur: Dr» Werner Bloch, Berlin-Wilmersdorf. Druck von Siegfried Schalem, Berlin - Schöneberg.