Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 104-105 (30.12.1936)
- Date
- 1936-12-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 104/105, 30. DEZ. 1936 Vor neuen Unruhen? Die Toscanini-Woche Das große künstlerische Ereignis Palästinas Alles hfingt davon ab, ob die Regierung Festigkeit zeigt Von unserem Berichterstatter czk. Jerusalem, den 20. Dezember ln der Jaffastraße in Jerusalem konnte man heute morgeil eine für die gegenwärtige Situation sehr bezeichnende Szene beobachten. In das Schaufenster eines arabischen Cie- Schaftes wurde eine Holzpuppe gestellt, die einen Araber in ländlicher Tracht, mit Kefije (Kopftuch) und Agal (Kopfschmuck) darstellte. Dieser Araber hielt in der einen Hand eine arabische Fahne, in der anderen einen Spiel- Revolver. Sofort war das Fenster von einer dichten Menge umlagert, die frenetisch applaudierte und in Gesang ausbrach. Das geschah wenige Stunden, nachdem bekanntgeworden •war, dali nur fünfzehn Kilometer von Jerusalem am Vortage mehrere Automobile von Räubern aufgehalten wurden, die beträchtliche Geldsummen nicht nur von Arabern, sondern auch von mehreren hoben englischen Regierungsbeamte 11 gerauht hatten, die noch kurz vorher den Vorsitzenden der Royal Commission, Lord Peel, auf einer Inspektionsfahrt nach Jericho begleitet hatten. Lord Peel hat die Ueberfallsslellc eine halbe Stunde vorher passiert, die Räuber haben dort wahrscheinlich schon im Hinterhalt gelegen, aber einen Angriff auf den von Polizei begleiteten Wagen wohl für zu riskant gefunden. RSuber oder Komitatschl? Als vor einiger Zeit kleinere bewaffnete Uebcrfälle auf arabische Dörfer und Reisende wieder begannen, war man ursprünglich geneigt, sie für die ״unvermeidlichen“ Nachwehen eines Bandenkrieges an Zusehen, die nicht von heute auf morgen restlos unterdrückt werden können. Inzwischen hat sich immer mehr der Eindruck verstärkt, daß man den Versuch vor sich sieht, die Kontinuität des bewaffneten arabischen Aufstandes aufrechtzuerlialten. Daß dieser Aufstand früher oder später in verstärkter und verschärfter Form wieder ausbreclien wird, ist hier allgemeine Ucberzcugung. Und was heut« als ein vereinzelter wegelagerischer Ucbcrfall erscheint, kann sich morgen in eine politische Kampfhandlung verwandeln. Der ״Räuber“ von heute ist der ״Komitatschi“ von morgen. Von dem Bevorstehen neuer Unruhen wird in allen Kreisen der Bevölkerung ganz offen gesprochen, und die englischen Beamtcukreisc machen davon keine Ausnahme. Es sollen indessen auf arabischer Seite Meinungsverschiedenheiten bestehen hinsichtlich des günstigsten Termins für den Beginn des neuen Ausbruchs. Die ältere Führerschicht soll bis zum Ende der Orangenernte warten wollen, wobei sie neben den wirtschaftlichen Momenten auch das der Witterung betont, die einem Bandenkampf während der Regenzeit nicht günstig wäre. Die Jugend aber soll darauf brennen, bereits bald ioszusdilagen, jedenfalls solange die Royal Commission noch i in Lande ist. Nachdem sich die Araber endgültig entschlossen haben, vor der Kommission nicht zu erscheinen, wolle man ihr die Entschlossenheit, bis zum Siege zu kämpfen, sozusagen ad oculus demonstrieren. Dia Haltung der Regierung Auf jüdischer Seite stellt man mit steigendem Unwillen fest, daß sich die lässige, um nicht zu sagen fahrlässige Haltung der Regierung gegenüber der arabischen Agitation in nichts geändert hat. Es wird nach wie vor eine Hetze getrieben, die iri keinem anderen von England regierten Gcbiet auch nur zwei Tage lang geduldet würde, ohne daß die Regierung energischere Schritte ergreift als Zeittmgsverbäte für die Dauer von höchstens zwei Wochen. Hohe geistliehe Beamte, auch solche, die richterliche Funktionen ausüben, reisen auf den Dörfern umher und halten innerhalb und außerhalb der Moscheen aufreizende Ansprachen. Dagegen hat die weltliche Justiz noch nicht in einem einzigen Fall Sühne für die Ermordung jüdischer Menschen herbeigeführt. Das Todesurteil, das das Gericht in Jaffa gegen einen Araber wegen der Ermordung zweier Juden zu Beginn der Unruhen gefällt hat, wurde von der Berufungsinstanz aufgehoben und der Angeklagte freigesprochen. Die Aufliebung erfolgte aus fornialjuristisclien Gründen unter schwcrer Kritik an der ersten Instanz; der einfache Araber sieht darin aber nur die Tatsache, dali man für Mord an Juden offenbar nicht bestraft wird. Ob die Regierung sich dessen bewußt ist oder nicht: Ihr Verhalten muß in der breiten, ungebildeten arabischen Volksmasse den Eindruck erwecken, als ob sie zu schwa c 11 sei, einer Entwicklung zu steuern, die gar nicht anders enden kann als mit dem erneuten Versuch, die arabischen Forderungen auf dem Wege der Gewalt durchzusetzen. Die militärische Lage Diese Vorstellung von der Schwäche der Regierung wird sich als ein verhängnisvoller Irrtum erweisen, aber sie wird ohne Frage in weitem Maße bestärkt durch die Vermindernng der Garnison. Es sind starke Truppenkontingente sowohl über Haifa wie über die Eisenbahn nach Aegypten abtransportiert worden, und über diese Abtransporte wurde in der Presse berichtet. Andererseits sind neue, ablöscndc Truppen im Lande eingetrofie*, über die inan wenig weiß. Es ist schwer, mit einiger Sicherheit zu sagen, wieviel britische Truppen sich zur Zeit wirklich in Palästina befinden; die Schätzungen schwanken zwischen 7000—12 000 Mann. Andererseits braucht die starke Verminderung der Garnison, die zweifellos stattgefunden hat, nicht unbedingt eine Schwächung der militärischen Lage zu bedeuten. Es scheint, daß insbesondere in dem ominösen Dreieck zwischen Nablus, Tuikerem und Dschenin eine Reihe von befestigten Punkten auf den Höhen der Berge errichtet worden sind, die eine wirksame Kontrolle dieses Gebietes mit Hilfe verhältnismäßig weniger Kräfte gestatten sollen. Und Generalleutnant Dill kann natürlich seine besonderen Vollmachten, von T e I - A w i w, 26. Dezember. (Palcor.) Das Eröffnung»- konzert dos Palästina Symphonie-Orchesters unter T o s c a - n 1 n i, das heute abend Im Großen Saal am Messegelände in Tel-Awiw stattfand, gestaltete sich zu einer grandiosen Kundgebung. Der Saal war von einer festlich gekleideten Menge bis auf den letzten Platz gefüllt. Der High Commissioner, Dr. Welzmann, die Herren Ben Gurion und Shertok sowie samtliehe prominente Persönlichkeiten des Jischuw waren zugegen. Die Aufführung von Rossinis Ouvertüre, der 2. Symphonie von Brahms, der Unvollendeten Symphonie von Schubert, der Sommernachtstraum-Musik von Mendelssohn und der Oberon- Ouvertüre von Weber löste begeisterten, nicht endenwollenden Applaus aus. Die Kritiker stellten übereinstimmend fest, daß das Orchester sich als eines der besten der Welt erwiesen hat; diese Ansicht wird von Toscanini selbst geteilt. Nach Schluß des Konzerts erschien Huberman auf dem Podium und drückte Toscanini den herzlichen Dank aller aus. Zur Generalprobe wurden 3000 Freikarten, hauptsächlich an Angehörige der Arbeiterschaft, ausgegeben. Nach dem Eröffnungskonzert fand zu Ehren von Toscanini und Huberman ein von der Tel-Awiwer Stadtverwaltung veranstaltetes Festbankett statt, bei dem der Stadverordnet« Nadivi den Gästen die Grüße der Stadt Uber- Toscaninis Ankunft ::m Arturo Toscanini traf am 20. Dezember auf dem Flugplatz Ludd ein. Er wird von Bronislaw Hnbcrmdfl und Erna Vera Weizmann begrüßt. Links: Kapellmeister Hans Wilhelm Stcinberg. Foto: H.Oruihke*, Jerusalem denen er bisher keinen Gebrauch gemacht hat, jederzeit in die Waagschale werfen. Die Stimmung Im Jischuw Diese Verhältnisse haben im Jischuw eine Stimmung gcschaffen, die schwer zu schildern ist. Ais unmittelbar vor Eintreffen der Royal Commission der ״Friedenszustand“ im Lande mit einer geradezu verblüffenden Schnelligkeit 11ergestellt wurde, begann das Vertrauen zur Regierung in den jüdischen Kreisen zu steigen. Es sinkt in den letzten Wodien wieder rapide. Man ist davon überzeugt, daß es 11 i c 111 zu einem neuen Ausbruch zu ko 111 in eil h r a ti c h t e, und doch sieht man das Wiederaufflackern der Unruhen sich von Tag zu Tag mehr nähern. Und man weiß, daß es jüdische Opfer kosten wird, seihst wenn das Militär vom ersten Tage an mit aller Energie eingreift. Aller auch damit wagt man nach den Erfahrungen der bisherigen englisclicii ,.Kricgsfülirmig“ im Lande nicht unbedingt zu rechnen. Es ist unvermeidlich, daß diese Verhältnisse auch auf die Einstellung des Jischuw zu den bisher mit so großartiger Disziplin durchgeführten Prinzip der ״Hawlagah“ zurückwirken. Während es weite Kreise gibt, die an diesein Prinzip unverbrüchlich auch unter den schwersten Priihingen festhalteil wollen, gibt es andere, die dafür sind, die Taktik des Jiscliuws von den Ereignissen abhängig zu machen. Jedenfalls würde eine rein passive Verteidigung, wie sie in den sechs Monaten vor Eintreffen der Rovat Commission seitens der jüdischen Bevölkerung geübt wurde, im Wiederholungsfall eine Nervenprobe bedeuten, die fast übermenschlich wäre. Und die angedrolite (inzwischen wieder rückgängig gemachte — A. d. Red.) Entlassung der jüdischen Hilfspolizisten, verbunden mit der Einziehung ״überzähliger“ Waffen aus den Polizeidepots der jüdischen Siedlungen verbreitet ein steigendes Gefühl jüdischer Schutz- 1 o s i g k e i t. Niemand im Lande ist sich über den Ernst der Lage im unklaren und es wäre falsch, ihn zu verheimlichen. Andererseits darf nicht vergessen werden, daß hier vorläufig nur von Möglichkeiten, von Wahrscheinlichkeiten die Rede ist. Nach wie vor ist man im Jischuw der festen Lieber- Zeugung, daß Regierung und Militär eine Wiederholung der Unruhen zu verhindern in der Lage sind. Man braucht die Hoffnung noch nicht aufzugeben, daß sie sich ui letzter Stunde zu den notwendigen vorbeugenden Maßnahmen entschließt. Jüdische Hilfspolizisten bleiben Jerusalem, 20. Dezember. (Palcor.) Angesichts d r von der Jewish Agency gemachten Vorstellungen hat die Regierung beschlossen, die jüdischen Hilfst) 0 1; zisten, die am 1. Januar entlassen werden sollten, in ihrer Amte zu belassen. Die an die Siedlungen verteilten Waffen j bleiben vorläufig in deren Besitz. I mitteite. Toscanini sprach mit großer Rührung über die herzliehe Aufnahme, die ihm das jüdische Palästina bereitet hat. Die Arbeiterführerin Channa Czizlk überreichte Toscanini im Namen der Histadruth einen Blumenstrauß. Ebenso glanzvoll wie das Eröffnungskonzert verlief das zweite Konzert, das am Sonntag für die Arbeiterschaft veranstaltet wurde. Am 30. Dezember wird ein Konzert des Huberman-Orchesters unter Toscaninis Leitung vom Edison- Theater in Jerusalem aus um 20.50 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf eine Reihe europäischer und amerikanischer Sender übertragen. (Leider konnten wir trotz allen Bemühungen nicht feststellen, ob das Konzert tatsächlich auf einen e u r 0 p ä - i s c h e n Sender übertragen wird und auf welchen. — A. d. R.) Am 7. Januar gastiert das Tel-Awiwer Symphonieorchestcr mit Toscanini in K a i r o, am 9. Januar in Alexandrien. Am 29. Dezember veranstaltete die Jewish Agency zu Ehren von Toscanini einen Empfang. Erklärungen Hubermans Jerusalem, 21. Dezember. (Palcor.) Bronislaw Huher mau, der zusammen 1r.!t Arturo Toscanini heute vom High C o 111 miss!() 1: v r empfangen wurde, gab den Vertretern der palastineu-> lieii sowie der ausländischen! Presse ein Interview, in welchem er erklärte, daß er und Toscanini von der Vt .iriiu■ des ihnen zuteil gewordenen Empfangs in Palästina tuf beeindruckt sind. Die Zahl der Mitglieiier des Orchestcr-Vemus in Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa betrage über <'0(1(1 eine verhältnismäßig in der ganzen Weit unerreicht hoher Prozentsatz. Toscanini sei von dem Orchester sehr ln friedig!, i las Orchester habe nicht nur die Aufgabe, die Bc\1,lkcn1:1g lat•/ Israels heim Aufbau des Landes durch Stärkung .-eines kulturellen Lebens zu unterstützen, sondern sei;;;!!’״:idem dazu berufen, den Boden für eine musikalische Knhur vor/t!bereiten, die vielleicht einen großen Musiksehüpfer liervorbiingeu wird. Toscanini wohnte einer Aufhilining des ,.Kaufmann von Venedig“ im Habiniah-1 lieater bei; er erklärte nachher, daß diese — wie alles, \va-, er in Palästina gesellen - einen unauslöschlichen Limliuek auf ihn gemacht habe. Ais er in Begleitung von Huhcnnai! die Anlegestelle in Tci-Awiw־׳ hesuchte, wurde ihm seiten-, der Arbeiter ein begeisterter Empfang zuteil, von dem er -!elitlieh bewegt schien. Ferner besuchte Toscanini eine Reihe jüdischer Siedlungen. Telegramm des. Kulturbundes t>cr Rciclisverbaiid der Indischen Kulturbünde in Deutschland hat an Arturo Id-eanmi und das Hubernnin-Orchester anläßlich des Eröffnuug-kon/ertes in Tel-Awiw folgendes Telegramm gerichtet: Dein Meisterdirigenteil Toscanini, dem rastlosen Förderer Huberman, den Kapellmeistern und Organisatoren, sowie allen Künstlern des Palästina-Orchesters zum Eröffnung»- konzert in bewunderndem Gedenken die herzlichsten Glück- und Segenswünsche. Reiehsverband der Jüdischen Kulturbünde. Singer, Cohn, Wiener, Lcvie. Ein reiches Leben Zum Tode Mordechai ben Hille! Hakohen׳* In diesen Tagen -tarb Mordechai ben Hille! Hakohen in hollem üreisenalter. S in reiches Lehen lag hinter ihm, ein Leben literarischen S;hu!lens und öffentlichen Wirkens. Seine L e b e n s c r i 11!1 e r u n g e 11, die er in den letzten Jahren in vielen Fortsetzung;;1 und Ergänzungen erscheinen ließ (siehe die Besprechung( 11 in ״Jüil, Rundschau“ 192•), Nr. 57/58; ungewöhnlichen Optimismus und i)as1־ms1m!t Zeugnis ab. Fr gehörte zu jener altert Garde, der der Zionismus eine R e 11 a i s s a nee - u 11 d R e g e 11 e r a t i o!1 s 11 e w egung im ursprünglichsten und lebendigsten Sinne war; die zwar den neuen, säkularisierlcn Juden schon kannten und mit ihm rechlu-sen, die aber in den wirf- -Hiaftlicli und sozial degenerierten Massen noch den Grundstock des jüdischen Volkes sahen und in der Erziehung und Heining dieser verelendeten Volksteile die große Aufgabe des Zionisnius. Seine klare Erkeiintnis von der Schwieügkeit solcher Aufgabe, von der Entfremdung weiter Ik-tciie vom produktiven Lehen und seinen Zielen minderte nicht seinen Mut und seine Kraft. Er war stets voll von konstruktiven Plänen, und jede neue Schwierigkeit zeigte ihn nur in neuer Elastizität Schien ilun durch die politische Umwälzung in Kußland 1917 die A11-sicl1t auf eine Einwanderung von russisehen Juden, die Pala-una bisher seine besten Kräfte gegeben hatte, geschwunden, »> war seiner Meinung nach die Stunde gekommen, den alten [i-elmw zu produktiviereu und zu modernisieren, um den Ausfall der Kräfte zuzdeckcn. Schon war ein Plan fertig, aus Jescluua-Baclitirim moderne Lehrer, aus Cha- Inka-Empfängern Kleinbürger, kurz, einen produktiven Mittelstand zu machen. Nie fehlte es an Glauben und au Mut. So wurde er der Vater des kooperativen Bankwesens in Palästina. Ludwig Augu-t Frankl erzählt uns in seinen Reiseberichten, was vor hundert Jahren das Los der ersten Dar- Ichenskassc im jüdischen Palästina war: Zuerst setzten große Verhandlungen über die Verteilung des Geldes zwischen Sephardim und Asdikena-iui ein, da״״ erhielten die angesehensteri und einflußreichsten Männer jeder Gemeinschaft die Anleihen, und als sie sie hatten, wußten sie von dem Geld keinen besseren und einträglicheren Gebrauch zu machen, als es zu höherem Zinsfuß wieder auszuleihen. Kein Wunder, j dafi dieser erste Anfang der Darleliensbewegimg sich bald * unter Verlusten auüöste. Mordechai ben Hillel Hakohen fand 1932, Nr. 30), legen von einem Das letzte Partial von Mordechai Ben flillel ilahohcn A <