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Jüdische Rundschau · 1936-12-30 · Heft 104-105 (30.12.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 104-105 (30.12.1936)
Date
1936-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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16 11937 יי *;1 PT^r V irr#';N4rpns,J - 1. '•# AL* V־־־4!!t« ־־■"'׳■ז 4 ר■ ,:/0 JÜDISCHE Preis 25 Rpi. RUNDSCHAU «chriftleltung,Verlag0. Aoxalgenvanrultangi Berlin Wl5, Malnekestr.ia Fararuf 1 Sammet •Nmuner J1 <BUm»rck) 9031• — Bezugspreis einschUefilicfe Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 138 biw. RIM 5,39. — Poatsdiedc Konten der Vertriebs •Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa «hon gezahlter Berugsgebühren. — Erscheint Jeden Dienstag nnd Freitag• BERLIN ט״ז טבת תרצ״ז MITTWOCH, 30. DEZEMBER 1936 Gflltigt Anzeigenpreisliste Nr. 5• Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf* für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 —18 Uhr. Annahmeschluß für di« Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag . Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für f־<amilien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Dar Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Schwere und Größe Rückblick auf Erez Israel — Die Bilanz des Jahres 1936 K. L.» an Bord der ״Galilea“, Ende Dezember Während diese Zeilen geschrieben werden, durchfurcht das Schiff jene Gewässer, die uns allen als Stätten der honierisclien Gesänge so vertraut sind. Di« Inseln des Odysseus und sein heimatliches Ithaka begrüßen uns in dem Sonnenschein, der auch im Winter über dieser südlichen Landschaft liegt. Vor einigen Stunden fuhren wir durch den Golf von Arkadien, und die ״seligen Gefilde“ winkten mit beschneiten Gipfeln von der Küste hinüber. Zwei Tage früher verließen wir Palästina, streiften die Insel der Aphrodite, Cypern, wo die Göttin der Sage nach in einer Höhle dem Schaum des Meeres entstieg, in der Nähe von Paphus, dem diesmal infolge bewegter See ersatzweise angelaufenen Hafen. Hellas und Palästina, durch das Meer getrennt und dennoch in der Geschichte verbunden, deren Wirkung und Gegenwirkung auch in 11ns selbst noch spürbar ist, gleiten an unserem Auge in wenigen Tagen vorüber, uns selbst den Zwiespalt unseres Wesens zu Bewußtsein bringend. Am Beginn der modeinen zionistischen Erkenntnis hat Meses Heß in seiner Schrift ״Rom und Jerusalem“ auch diese Fragen erörtert und mit der ganzen Tiefe seines kritischen Blickes erfaßt, wo die eigentliche Problematik der Rückkehr westlicher Juden m ihrem Volke liegt. Unsere ganze Erziehung, unser geistiges Wesen ist nicht zuletzt durch jene Kräfte geformt worden, die einst von den Bergen Griechenlands und seinen Inseln auf die europäische Welt einströmten, eine zweite Blüte in der Neuzeit feierten und auch «ine der Wurzeln jener Bcwegung gewesen sind, die durch die Toleranzideen des endenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts den Juden die Tore der Welt öffnete. Wir waren dankbare Schüler dieser Ideen und haben sic mit Vehemenz vertreten — nicht zuletzt uns selbst gegenüber, wenn wir uns kritisch betrachteten und als Juden einen Weg Lin Leben suchten, Auch der Zionismus in seiner im Westen geprägten Gestalt hat diese Herkunft nie verleugnet, obwohl er in seiner Richtung zu dem anderen Pol jenes Bogens tendiert, der sich Liber das Mittelmeer hinweg von Hellas nach Jerusalem seit Jahrtausenden spannt. Heute wissen wir — heute zum ersten Male nicht nur abstrakt-theoretisch, sondern in bezug auf die Wirklichkeit des Lebens, nachdem Zehntausende westlicher Juden nach Palästina gekommen sind —, daß diese Erbschaft unserer Erziehung in Palästina nickt verloren gehen wird, sondern daß auch sie einer der Bausteine ist, die für das neue Werk bestimmt sind, das sich im Lande bildet. Dieses Land beansprucht den Menschen ganz anders als die Länder des Westens und Nordens, in denen wir seit Jahrhunderten und Jahrtausenden beheimatet waren. Welch ein Erlebnis ist das Land selbst, welch ein Reillen an den körperlichen und seelischen Kräften des Menschen bringt es mit sich, wie ist die Natur in diesem Lande unausgeglichen, sprunghaft und wild, mit Bergen und Felsen, die in den Himmel vorzustoßen scheinen, mit einer Sonne, die ohne Erbarmen scheint, mit Hitze und Kälte ohne Uebergang und mit Formen der Berge und Täler, die in euiopäischen Gebieten unerhört wären! Wir verstehen hier und nur hier den Charakter des Volkes, das einst auf diesem Boden geformt worden ist, die Unausgeglichenheit seines Wesens, die Schroffheit seiner Beziehungen zur Umwelt und zu sich selbst. Und zu dieser Beauspruchung durch die Natur kommt hinzu, daß das soziale Leben hier nicht weniger fordernd ist. Das Prinzip des Kolonisatorischen ist schwer, denn es stößt den erbarmungslos aus, der sich ihm nicht fügt und sich nicht bewußt und tatkräftig in den Rhvthnius der Bewegung eingliedert. Beiseitestehen gibt es hier nicht, oder es heißt bereits Ausgestoßensein! Hier ist nichts fertig, alles ist im Werden, und wo man steht, da gilt es mifanzugreifen, 111n eine Sacke, mag sie groß oder gering sein, vorwärts zu bringen. Dazu tut not, über eigene Kräfte zu verfügen, und wir Juden des Westens, die wir neben Mängeln und Schwächen auch eine Tradition des Geistes, eine Erbschaft von Jahrtausenden, die sich uns in den letzten Generationen plötzlich erschlossen hat, iri dieses neue Leben hineintragen, das nach anderen Zielen strebt, bringen damit einen wichtigen, eigenartigen Faktor des Aufbaus mit uns. * Mit pessimistischen Gedanken fuhr man in dieser Zeit nach Palästina. Wie wird inan unser Werk wiederfinden? Was wird den Sturm Überstunden haben, der im abgelaufencn Jahre über das Land dahingefegt ist, wie werden die Menschen, die Freunde, die Masse sich uns zeigen, wenn wir mit ihnen sprechen und auf die Stimme ihres Herzens lauschen? Es ist die große U eberrasch ung, die wir im Lande erlebt haben, daß das Werk in seinen objektiven Kräften und das Volk in seiner Seel« und in seinem Willen die schwere Zeit überstanden hat, ohne im Kern erschüttert worden *u sein. Gewiß, manches ist vernichtet, anderes ist gehemmt worden, dennoch sind die Kräfte der Entfaltung im Lande viel stärker zu spüren als jene Elemente, die etwa mutlos geworden sind. Es gibt schwere wirtschaftliche Sorgen — und manche sagen, eine Krise — schon seit dem Herbst des vergangenen Jahres, und die Sektoren der Wirtschaft, die davon betroffen wurden, sind nicht unwichtig. Tausende sorgen sich um das tägliche Brot, und dennoch ist die Wirtschaft als ganze intakt geblieben, in der Stadt und auf dem Lande. Man darf den Zustand, der heute in Palästina herrscht, nicht etwa mit den Krisenzeiten vergleichen, die europäische Völker in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, wo die Not wie ein graues Gespenst durch die Straßen schlich und den Menschen im Gesicht stand; auch nicht mit dem schweren Stoß, den die damals noch so kleine palästinensische Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der 4. Alijah vor 10 Jahren erlitt, als das jüdische Aufbau werk in seinen Grundfesten schwankte und niemand wußte, was der nächste Tag bringen wird. Heute hat es sich erwiesen, daß auch schwere Stöße von der jüdischen Wirtschaft abgewehrt werden können. Das ist in einem Zeitpunkt eine wuchtige Erkenntnis, in dem niemand zu sagen weif), welche Erschütterungen von der politischen Sphäre her in der Zukunft uns noch bevorstehen. Die Juden Palästinas haben auf diese Zeit mit dem Willen zur Arbeit reagiert, zur verdoppelten Anstrengung, un hysterisch und ohne viel Geschrei. Wir sind leicht geneigt zu glauben, dal! bei uns Juden manche Dinge mit zuviel Erregung aufgenommen werden, und haben darin aus dem Leben in der Golal! und auch aus der zionistischen Geschichte ziemlich trübe Erfahrungen. Um so erstaunlicher ist, wie normal der Jiscliuw׳ auf die schweren Erlebnisse reagiert hat, wie intensiv er dem täglichen Leben nachgeht und wie wenig man sich um die Dinge der Politik eigentlich kümmert. Dabei ist die Führung des Jischuw gewiß nicht immer auf der Höhe ihrer Aufgaben. Wo bleibt die Zionistische Organisation, wo bleiben die Parolen, die dem Volke Mut und Kraft gehen können, wo bleibt die Beeinflussung der öffentlichen Meinung und ein Wort der Autorität, wenn es gilt, innere Differenzen zu schlichten? Die Bürger meist erfrage von Tel-Awiw־ hätte eine solche Gelegenheit sein können, wo ein Wort von oben her lösend und schlichtend hätte wirken können; es ist nicht gesprochen worden, und so schwelt diese betrübliche Angelegenheit in einer Zeit weiter, in der die Zusammenfassung aller Kräfte des Volkes das einzige Gebot der Stunde ist. Gewiß spürt man im Laude — und dies ist an dieser Stelle bereits gesagt worden — die Wirkung der nationalen Kolon isation, und die Leistung der Fonds darf nicht unter- Unter« nächste Ausgabe erscheint als Nr. 1 am Dienstag« dem 5. Januar 1937 Wichtige Familien ־ Machrichten kennen bis zum Tsg* vor Erscheinen 03 Uhr) aufgsgeban werden schätzt werden; die geistige Führung aber, die Formung des politischen Willens durch eine einheitliche Organisation bl nicht da. In gewissem Maße ist dies bei der Arbeiterschaff der Fall, da sie als einzige ein Instrument besitzt, das es wagt, über Mensehen zu verfügen und ihnen in bestimmten Fragen eine feste Marschroute /u geben: die Histadruth. Der Jischuw als ganzer aber braucht heute Führung, so sehr wir auch seinem Instinkt vertrauen mögen, den er in der letzten Periode bewiesen hat. Vielleicht ist die Chance dafür jetzt größer denn je. Dr. Weintiann besitzt heute in Palästina eine Popularität, wie er sic kaum früher genossen hat, und die Exekutive sollte dieses Gut, das die Stunde ihr gegeben hat, auswerten und nicht aus der Hand lassen. * Die politischen Perspektiven sind in diesen Tagen nicht eindeutig. Ohne Zweifel gibt es im arabischen Lager eine starke Gruppe, die die Wiederaufrahme des Terrors vorbereitet. Oie Orangenernte wird im arabischen Sektor beschleunigt, von den Orangen werden Abgaben erhoben, die eine Finanzierung der Aktion ermöglichen sollen. Die Befürchtungen, daß zum Frühjahr ein neuer Aufstand ausbricht, sind daher itn ganzen Lande vorhanden und erfordern unsere volle Wachsamkeit, insbesondere aucli den Fortbestand der jüdischen Hilfspolizei. Wie der Jischuw auf einen mögliehen Angriff reagieren wird, kann man heute nicht sagen. Es wird ohne Zweifel sehr schwierig sein, die konsequente Zurückhaltung weiter zu beobachten, die in diesem Jahre gegenüber allen Angriffen eingehalten wurde. Allerdings gibt es auch jetzt die Hoffnung» daß die Wiederholung schwerwiegender Ereignisse vermieden werden kann. Im arabhclien Lager selbst sind jene Stimmen sehr stark, du־ von einem Erscheinen der Araber vor der Königlichen Kommission sich mehr Erfolge versprechen als von der Wiederaufnahme des Terrors. Man empfindet, daß die fundierten Aussagen der Juden ein Material durgdleii, das von der Konintission nicht übe!-einn werden kann, und möchte dein etwas Aehnlicbcs entgegensetzen. Ob diese Strömungen, die sdlwt unter dem Terror der I \ircmisten zu leiden buben, weh durchsetzen können, bevor die Kommission da- Land verlaßt, kann noch nicht übersehen werden. Ein neues Element der Hoffnung für eine ruhige Behandlung ihr 1 rage stellt: ohne Zweifel die Tatsache dar, daß /wichen England und Italien das lang erwartete Ah kommen zustande gekommen ist, das die Fragen dr ■י Mittelmecrs vorerst bereinigt. Dadurch ist ein starker Faktor der Unsicherheit aus dem politischen Gesamtmenge ausgeschaltet worden, und dies dürfte sich in gewis-cm Maße auch auf die Verhältnisse in Palästina auswiiken. * Die Jugend im L a n d e hat in dieser Zeit ein Beispiel von Tapferkeit und Ruhe gegeben und hat ohne viele Worte ihre l’liicht getan. Dennoch drängt sich immer wieder die Frage auf, wie die innere Stellung der Jugend hier ist. Man tut sehr viel für Kinder, und die Kinderhäuser, die auch in den ärmsten Kwuzotli gebaut worden sind, wurden oft genug beschrieben, obwohl auf der anderen Seite in diesem orientalischen Lande die Not vieler Tausende von Kindern unbeschreiblich groß ist. Vielleicht ist das aber eine Sache, die nicht von heute auf morgen abgestdlt werden kann. Eine nicht weniger leichte Sorge ist jedoch das Problem, was aus den Jugendlichen werden soll, den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen, für die die berufliche Ausbildung itn Lande außerordentlich schwer ist. Das Leben dieser Jugend ist eng, nicht nur in sozial-ökonomischer Hinsicht, sondern auch in geistiger; die Not der Golah haben die jungen Menschen nicht mehr erlebt, und den Sinn des großen Prozesses, der im Lande täglich vor sich geht, können sie nicht so klar erfassen wie ihre Väter. Sie sollten daher neue Ideale haben, neue Ziele, denen sie nachstreben und die einer Jugend würdig sind. Dies ist im Lande nur selten zu spüren, und die Reden der Jungen kreisen zumeist uni starre Schablonen, die ihre eigenen 1

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