Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1936)
Date
1936-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2654018--30038-2691595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1י -#>feiy5׳i!< 1s 1.1337 Preis 25 Rp|»i Nr. 102/103 /^ahrgmag 41 Preis 25 Rpb JÜDISCHE RUNDSCHAU SdiriftleltwiK^erlag n. Aniel^envcrwaltong! Berlin W15, MelD1ksftr.il Fnrnr«f ו Ssmmel Nammer J1 (Bitnaarclc) 9031• —־ Bezugspreis einsdilieSlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. KM 5,39. — Postscheck ־ Konten der Vertrieb» - Abteilung: Berlin 715 73 (für Grofi * Berlin), Berlin 17392 (für den übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint Jeden Dienstag und Freitag. BERLIN ט* טבת תרצ״ז MITTWOCH, 23. DEZEMBER 1936 GttlHgt AiiKelgonpreiallste Nr. 5• Die 12 gespaltene mm * Zeile 20 Rpf, für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme ron Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gejegenheitaanzeigen aur gegen Vorauszahlung auf Postsehedk - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uh». Annahmeachluffc für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag *A «*gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fdr das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) 14 Beunruhigende Berichte Vor einer neuen Terrorwelle? Jerusalem, 20. Dezember. (JTA.) Die gesamte hebräische Presse bring® eine Fülle von Nachrichten über Vorbereitungen der Zentralleitimg der arabischen Terroristen zu neuen a rt t i j ü d i s c h e n und a n t i € n g 1 i s c h e n A k - tionen großen Maßstabs. Die Zeitungen machen die Regierungen in London und in Jerusalem nachdrücklich auf die drohende Gefahr aufmerksam und fordern sie auf, schleunigsi Maßnahmen zu treffen, um e i n e 11 eu e Katastrophe zu verhüten. Aus den Meldungen, die die Zeitungen von unbedingt glaubwürdiger Seite erhalten m haben behaupten, ist zu ersehen, daß die Terroristen bei ihren Vorbereitungsarbeiten eine fieberhafte Tätigkeit entfalten. Im übrigen hat sich herausgestellt, daß die Terroristen ihre Mittel nicht nur aus inländischen lind ausländischen arabischen Quellen schöpfen und bei manchen fremden Mächten Unterstützung finden, sondern daß ihnen auf indirektem Wege sogar Gelder der Ralästinarcgicrung zufließen. So wird in den Zeitungen festgestellt, daß die Darlehen, die die Palästinaregierung arabischen Landwirten gewährt hat, vielfach zum Ankauf von Waffen benutzt wurden. Die Regierung hatte für solche landwirtschaftlichen Kredite 30 000 Pfund zur Verfügung gestellt. Die für dieses Geld bestellten Waffen sind zitin Teil bereits in Palästina eingetroffen. Von den arabischen Terroristen verbünden werden fortlaufend bei arabischen Kaufleuten und P f 1 a n - z. ern grolle Summen für die Aufstaadsbewegung unter Drohungen erpreßt. Wie am den neuesten Berichten hervorgeht, werden aber nicht nur Araber auf diese Weise besteuert, sondern es hat auch die Irak Petroleum-Gesell- Schaft einen ״Schutzzoll“ entrichtet, um sich im Fall eines neuen Ausbruchs von Unruhen gegen Beschädigung der Oclleitiiftg zu sichern. Während der letzten Unruhen hat die Gesellschaft bekanntlich dadurch große Verluste erlitten, daß die Rohrleitung etwa vier zigmal beschädigt und das ausfließende Ocl häufig in Brand gesteckt wurde. Auch dieser von der Gesellschaft entrichtete Schutzzoll wird dazu benutzt, eine tieüe Serie von Terror- und Sabotageakten vorzubereiten. Es soll sich hierbei um sehr große Beträge handeln, die umfangreiclie Waffenkäufe ermöglichen. Die Presse veröffentlicht ferner umfassende Einzelheiten über die Schulung von Mannschaften für die geplante Aufstandsbewegung. Der Führer der Terrorbanden, Fauzi Bef el Kaukji, führt im Irak unter der arabischen Jugend halb offiziell eine ausgedehnte Werbetätigkeit durch. Die Angeworbenen werden in besonderen Schulungslagcrn ausgebildet und durch eigene Instruktoren in allen Zweigen der Guerillakriegfülirung unterwiesen. Die Zeitungen fordern die Regierung■ dringend auf, sich Dingen gegenüber, die jedermann bekannt sind, und über die überall gesprochen wird, nicht blind zu stellen. Vorläufig allerdings habe es de« Anschein, als ob die Regierung blind wäre. Sie unternehme nichts, oder nur sehr wenig. Die Tel-Awiwer Tageszeitung ״Dawar“ befaßt sich in einem Leitartikel mit diesen Vorbereitungen zu einer neuen Terrorwelle und deckt die Verbindtingsfäden zwischen den arabischen legllen, halblcgalen und illegalen Körperschaften auf. Die Zeitung warnt die Regierung vor den großen Gefahren, die dem Lande, das sich kaum erst von den schweren Folgen der Unruhen des letzten Sommers erholt hat, aufs neue drohen. Die Regierung, heißt es in dem Artikel, muß gegen diese Gefahren schon heute alle Mittel anwenden, denn morgen kann cs schon zu spät sein. Der jüdische Jischuw empfindet nicht Furcht. Er ist nicht erschrocken und wird sich nicht schrecken lassen. Ucber sechs Monate lang haben wir uns gegen den arabischen Terror und gegen die Gewalttätigkeit wilder Horden verteidigt. Wir haben vor dem Morgen keine Furcht. Sollte es uns aber nochmals bestimmt sein, uns vor Taten der Zerstörung und Vernichtung zu schützen, so werden wir uns n i c 111 mit bloßer Abwehr begnügen. Wir werden die Kriegserklärung annehmen. Im gleichen Sinne schreiben auch die übrigen hebräischen Zeitungen. Es wird betont, daß für die Regierung die letzte Stunde geschlagen habe, um zu verhindern, daß das Land neuerlich zum Schauplatz von Mord und Vernichtung, Brand und Terror gemacht werde. Militärische Vorkehrungen Aus allen Teilen Palästinas werden lebhafte Truppenbewegungen gemeldet. Bei den Abteilungen, die sich von der Anfang Oktober unter dem Oberkommando von Generalleutnant John G. Dill eingefroffenen ersten Division noch im Lande befinden, werden Sicherheitsvorkchrungen verschiedenster Art getroffen. Man erwartet jeden Augenblick, daß für die Truppen strenge Bereitschaft verkündet wird, ln manchen Kreisen rcclinct man sogar mit der Möglichkeit des Erlasses von Kriegsverordnungen. Vorläufig werden alle strategisch wichtigen Punkte des Landes militärisch besetzt. Das Bergland in dem Dreieck Nablus, Tulkerem, Dschenin wird befestigt. Truppenbaracken werden an verschiedenen Stellen des Gebirges errichtet. Am Sonntag sind starke Patrouillen zur Sicherung des Verkehrs auf die großen Landstraßen geschickt worden. Lord Peel entgeht knapp einem UeberSall Der Vorsitzende der Kgl. Kommission, Lord Peel, wäre am Sonnabend beinahe das Opfer eines arabischen Bandenüberfalls geworden. Lord Peel hafte sich im Auto von Jerusalem nach Jericho begeben. Auf derselben Straße wurde eine halbe Stunde später eine Kolonne von fünf Autos durch eine arabische Bande angehalten, die die Straße verbarrikadiert hatte. Sämtliche Passagiere wurden ausgeraubt. Zwei Engländern wurden die Waffen forfgenommen. Ein jüdischer Regierungsbeamter und seine Frau waren nahe daran, von den Banditen erschossen zti werden, wenn der arabische Chauffeur sic nicht für Italiener ausgegeben hätte, worauf sie unbelästigt blieben. Die Banditen erkundigten sich bei jedem Chauffeur, ob sieh unter seinen Fahrgästen Juden befänden. Liner der Cliauffeure, der Widerstand zu leisten versuchte, wurde angeschossen und verletzt. Bald nach dem Uebcrfall traf Militär und Polizei auf dem Tatort ein und begann die Umgebung abzustreifen. Am nächsten Tag sind fünf verdächtige Araber verhaftet worden. Ueber eine Reihe weiterer Terrorakte berichten wir 1'm Innern des Blattes. Toscanini in Palästina Arturo Toscanlni, der die ersten Konzerte des neuen Pälästina-Symphonieorchesters dirigieren wird, und der Gründer des Orchesters, Bronislav Huber man, sind am 17. Dez. im Flugzeug in Palästina eingetroffen. Toscanini kam am Sonntag in Tcl-Awiw an, wo ihm ein warmer Empfang zuteil wurde. Er wohnt in der Vorstadt Tel Benjamin, wo eine Straße nach ihm benannt worden ist. Die Palästina Symphonie-Orchester-Gesellschaft kündigt an, daß 5000 Mitglieder aufgenommen worden sind. Damit ist das von unserem Korrespondenten seinerzeit erwähnte Ziel der Propaganda erreicht. Eine Rede Oberst de la Rocque’s Paris. (K.) Der Führer der durch die Regierung aufgelösten Feuerkreuzlcr und jetzige Vorsitzende der neuen französischen Sozialpartei, Oberst de la Rocquc, hat in einer Rede in Strasbourg zu der Frage des Antiscniilismus Stellung genommen. Er erklärte, ״ejaß seine Bewegung niemals antisemitisch gewesen wäre und es auch niemals werden würde. Zahlreiche jüdische Kriegsteilnehmer kämpfen in den Reihen der Bewegung mit.“ Oberst de la Rocque wurde soeben erneut auf fünf Jahre als Vorsitzender der französischen Sozialpartei wiedcrgcwählt. Gegenüber den Ausführungen des Obersten zur Judenfrage wird in jüdischen Kreisen darauf hingewiesen, dafl keineswegs alle Unterverbände der französischen Sozialpartei der Pafole der Leitung folgen. Insbesondere in den nord afrikanischen Provinzen Frankreichs gehören die Gruppen der französischen Sozialpartei zu den Vorkämpfern der antisemitischen Propaganda. Die Tätigkeit Dr. Siegfried Moses’ Der Vorsitzende der ZVfD., Dr. Siegfried Moses, ist in diesen Tagen aus Palästina zurückgekehrt, wo er sich vier Wochen aufgehalten hat. Im Zuge der in Palästina geführten Verhandlungen ist Dr. Moses von den palästinensischen Instanzen aufgefordert worden, seine Tätigkeit auf die Arbeiten zu konzentrieren, die mit der Auswanderung von Juden aus Deutschland, mit ihrer Seßliaftmaclmng in Palästina und mit der Durchführung des Palästina-Transfers ini Zusammenhang stehen, — Gebiete, die für den Zionismus in Deutschland und für die ZVfD. von entscheidender Wichtigkeit sind. Der Board dem Haavara hat Dr. Moses ersucht, in die Zentralleitimg der Haavara cinzutreten. Weiter ist l)r. Moses eingeladen worden, sich dem ״Central Bureau for the Settlement oi German Jews“ — der sogenannten ״Deutschen Abteilung“ der Jewisli Agency — zur ständigen Mitarbeit zur Verfügung zu stellen; diese Einladung hat Dr. Weizinann in LJebereinstimmung mit Dr. Arthur Ruppin an Dr. Moses gerichtet, und zwar unter Hinweis auf die bedeutende Vergrößerung der Arbeiten des Zentral-Bureaus und auf die starke anderweitige Ueberlaslung Dr. Ruppins. Erscheinung»-Termine der nächsten Ausgaben Nr. 104/105 am Mittwoch, dem 30. Dez. Nr. 1 am Dienstag, dem 5. Jan. Wichtige Familien-Nachrichten können bis zum Tage vor Erscheinen (13 Uhr) aufgageben werden Ausblicke Der Stoßseufzer, daß es ״schwer ist, ein Jude zu sein“, — der Titel einer dramatisierten Erzählung von Scholetn Alechem, die gerade in diesen Tagen in verschicdenen Ländern aufgeführt ward, — ist vor mehreren Jahrzehnten formuliert worden, aber er gilt heute gewiß nicht minder als damals. Wir alle sind oft genug versucht, diesen Seufzer ausz.ustoßen. Jüdische Nachrichten aus allen Teilen der Welt bringen uns meist Sorgen. Wie soll an allen Ecken der Welt zugleich geholfen werden? Das jüdische Elend im Osten nimmt immer schwcrerc Formen an. Wer sich im jüdischen Kreise bewegt, weiß, daß die Stimmung unter den Juden gerade in diesen Wochen gedrückt ist. Man fühlt die Unruhe der Ungewißheit, mul Fragen liegen auf allen Zungen. Es ist ein psychisches Wunder, daß auch wieder Momente der Aufrichtung kommen. Das Wissen, daß das jüdische Schicksal seit J a 11 r 11 u n d e r t e u in einem steten Wechsel von Hoffnung und Zusammenbruch sich abspielt, ist nur ein schwacher Tro-4 für den, der mit seinem eigenen Leben fertig zu werden hat. Aber Glaube und Hoffnung sind die Fundamente des jüdischen Lebens, für die Gesamtheit ebenso wie für den einzelnen Juden. In der Beschäftigung mit dein Judentum, das vielen schon entschwunden war, hat so mancher entdeckt, daß cs nicht mir ״schwer“ ist, ein Jude zu sein, sondern auch eine eigentümliche Schönheit darin liegt. Wie stark ist der Weg des Geistes durch all die Verzerrungen der Wirklichkeit hindurch und wieviel wurde aus dieser Spannung heraus vollbracht, geschaffen, an seelischen und menschlichen Werten und Weisheiten entwickelt! Dabei wäre es unnatürlich, wenn aus dem jüdischen Schicksal, aus dem Bewußtsein, seit Jahrhunderten zwischen Erniedrigung und Wandernmüssen mit kleinen Pausen hin und her zu schwanken, nicht seelische Störungen entstünden, und Wir glauben, daß so manche unangenehme Eigenschaft, die man bäufig als ״jüdisch“ bezeichnet, diesen Ursprung hat, z. B, auch das Phänomen des übersteigerten Selbstbewußtseins, das sich manchmal als eine ״Kompensation“ für die verweigerte soziale Geltung einstellt. Die moderne Seelenlcunde kann hier noch viel Wesentliches aufdecken. Aber mit Seufzern kommen wir nicht aus. Die Hin- Wendung zum Judentum und die Einstellung auf das Jüdische hat zur Folge, daß wir häufig ein Gefühl der Enge nicht loswerden. Manchmal hört man Aeußerungen des Ueberdrusses auch von ernsten Menschen, die (mit Recht!) kaum mehr ertragen können, alle Geschehnisse der Welt und des Lebens unter jüdischem Gesichtspunkt zu sehe״. Zusammeiigedrängt auf den engen Raum unserer Gemeinschaft sind wir gewiß in Gefahr, der Eigenbrötelei zu verfallen. Wir sollen uns aber nicht durch Umstände, die einer bestimmten ge- Schichthöhen Situation entstammen, den Blick trüben lassen. Denn wir haben zwar Schweres erlitten, aber auch Erkenntnisse gewonnen, die den Generatio- _ nen vor uns versagt gewesen sind. Wir wissen heute, daß die Enge, in die wir gestoßen wurden, das Ergehnis eines Irrtums ist, :111 dem wir selbst mitschuldig sind. Wir haben gefehlt! Man bedenke nur, wie durch Jahrzehnte hindurch von assimilierten Juden das c 11 ristliehe Fest, in dessen Zeichen diese Tage stehen, gedankenlos mitgefeiert wurde. Es war ein starkes Stück der Selbstverleugnung, das bei der Umwelt der Respekt vor den Juden nicht erhöhen konnte. Mar traut seinen Ohren nicht, wenn man hört, daß es auch heute noch Jude« gibt, die an diesem Brauch festhalten — in der Eni igration (dort meint man der ״jüdischen Enge“ entfloh11 ׳ zu sein), aber sogar in Deutsch- Land soll es Fälle dieser Art geben! Das befreit nicht von der Enge, sondern bestätigt sie. Wir sind jetzt auf dem Wege, uns aus dieser Sackgasse herauszuarbeiten, indem wir unser Judesein zur natürlichen Grundlage unseres Lebens machen. Dazu gehört zunächst eine starke Betonung des jüdischen Elements, — freilich ohne Loslösung von den Zusammenhängen der großen Welt (vor allem der Welt des Geistes), zu der wir uns zugehörig fühlen. Haben wir so uns selbst und unser Judentum bejaht, dann werden wir einem Zustand zustreben, der jede verkrampfte und betonte Hervorhebung des Jüdischen überflüssig machen wird. Denn es wird uns so selbstverständlich geworden sein wie unser Leben und unser Menschsein selbst. Die Bedeutung des jüdischen Nationalismus unserer Tage kann nur darin liegen, ein jüdisches Leben herbeizuführen, das so sicher auf seinen nationalen und geistigen Grundlagen ruht, daß es den Nationalismus nicht mehr braucht 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.