Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 99 (11.12.1936)
- Date
- 1936-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 25 Rpfj Nr. 99 /Jahrgang 41 RUNDSCHAU 8d1riftl«!tang,Verlag «. Anzeigenverwaltangi Berlin W15, H«tnek«1tr.lO Funnif 1 Samrnel Nummer J1 (Biimardt) 9031• — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, jo Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,8® bzw. RM 5,39. — Postscheck,. Konten der Vertriebs •Abteilung; Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag nod Freitag. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) BERLIN כ״ז כסילו תרצ״ז FREITAG, 11. DEZEMBER 1936 Gfiltlgs AnxelgenpreSillste Nr. 5. Die 12 gespaltene תזוח - Zeile 20 Rpf., fui> Familien * Nachrichten 15 Rpf, Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit«• anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck ־־ Konto Berlin 71618 oder ha» Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmesdhluß für di« Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr, (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Weg zurück Betrachtung zu Weizmanns Jerusalemer Rede Es ist jetzt gerade 130 Jahre her, daß, auf Befehl Napofeons, in Paris eine Versammlung der jüdischen ״Notabcln“ getagt hat, um die Verhältnisse der französischen, rheinischen und italienischen Juden neu zu ordnen und aus sich heraus sogar ein Synhedrion für die Juden der Welt zu berufen. Das Synliedrion kam, aber die Neuordnung der jüdischen Dinge zerfloß in der Emanzipation. Das Synliedrion blieb ein Schauspiel. In der Notabeln-Versammiung hat der Deputierte Lip* mann Cerf-Berr die großen Worte gesprochen: ״Vergessen wir, woher wir sind! Nichts mehr von clsässischcn oder portugiesischen Juden. Ueber die Erde zerstreut, sind wir doch ein einziges Volk, denselben Gott an betend und nach unserem Gesetz der Macht unterworfen, unter deren Recht wir stehen.“ Dieser Satz wurde von der Versammlung bejubelt. Betraten oder verließen damals die Deputierten ihren Sitzungssaal, so trat die Wache unters Gewehr und der Tambour rührte die Trommel. Ein Schauspiel! Der Zionistenführer Dr. Weizmann ist jüngst vor die englische Untersuclningskommission in Jerusalem getreten, ohne Zeremonie und hat vor ihr, ohne Pathos, wiederum verkündet, daß wir Juden e i n Volk sind. Aber er hat, ohne Zeremonie und Pathos, eine größere Wahrheit als die des Deputierten Cerf-Berr ausgesprochen: daß Millionen von Juden sich aus der Zerstreuung über die Erde fortsehnen — das eine Volk nach dem einen Land, auf das es als auf seine Heimat Anspruch hat und Anspruch erhebt. Zum erstenmal wieder seit tanger Zeit hat ein Führer der Juden deren so bescheidenen Anspruch an die Welt, als Volk auf eigenem Boden zu leben, vor einem offiziellen Forum proklamiert. Durch die großartig schlichte und sachliche Form, in der er es getan hat, hat sich der Zionisten führer neuerdings ■als Führer des J 11 d e n t u m s erwiesen. Die Gültigkeit seiner Aussage hat, weil sie zur Allgemeingültigkeit geworden ist, einen geschichtlichen Rang erreicht. Weizmann hat u. a. auch den Versuch des Herzogs von Naxos, des jüdischen Staatsmannes am türkischen Hof des Sultans Suleiman II., Palästina mit Juden neu zu besiedeln, als eines unter vielen Beispielen dafür erwähnt, daß die Juden der Welt nie aufgehört haben, sich um den palästinensischcn Boden zu bemühen. Jener eine Versuch aber, von einem der mächtigsten und der reichsten Juden, die es je im Golus gegeben hat, unternommen, ist gescheitert, trotzdem er unter Schutz und Förderung des damaligen Bcherrschers von Palästina vor sich ging. Es ist vom Standpunkt des Zionismus sehr lehrreich, den Gründen dieses Mißlingens nachzugehen. Der Herzog von Naxos halte schon als junger Mensch Tendenzen jüdischer Sammlung und jüdischer Siedlung verfolgt. Als er — damals noch Josef N a s s i, aber schon im Besitz fast unbegrenzter Mittel — auf der Wanderung seiner Familie von Lissabon über Antwerpen in Venedig sich vorübergehend niedergelassen hatte, sammelten sich um ihn etwa 400 bis 500 Juden aus Spanien und Portugal, und er richtete an die Signoria der Republik die Bitte, ihnen eine Mittelmeerinsel zur freien Siedlung zu überweisen. Josef Nassi hatte vor, einen kleinen Juden st aal unter vene* zianischcr Oberhoheit zu begründen. Als für ihn in Frage kommende Insel hatte er wohl Cypern im Auge, das ja Palästina nahe vorgelagert ist und seit je in der Geschichte der jüdischen Siedlungen, allerdings auch der blutigsten jüdisehen Kämpfe, eine besondere Rolle gespielt hat. Aber die Signoria lehnte die Bitte Josef Nassis ab. Als dieser dann fast zehn Jahre später bereits eine Machtstellung am türkischen Hof innc hatte, gab ihm Suleiman die Stadt Tiberias und sieben umliegende Dörfer zu Lehen mit der Bestimmung, daß dort nur Juden siedeln und wohnen sollten. Das geschah im Jahre 1561. Die Schenkungsurkunde wurde zugleich vom Kronprinzen Selim, dem intimen Freund Josef Nassis, und sogar auch von dessen Sohn Murad unterzeichnet. Es waren also, wenn man die großen Mittel des jüdischen Staatsmannes bedenkt, die Voraussetzungen zum Gelingen des Siedlungsversuches gegeben. Daß er auf die Dauer keinen Bestand haben konnte, lag Ulf einem anderen Gebiet. Vor allem dachte Josef Nassi selbst nicht daran, den Hof zu verlassen und an Ort und Stelle selbst nach dem Rechten zu sehen. Dazu war er zu ehrgeizig, zu sehr Hofmann. Er schickte einen Intendanten, einen gewissen Josef ben Adret, nach Tiberias, tnd dieser ließ die Stadt in einem Umfang von 3000 Fuß aufbauen. Aber nicht etwa durch jüdische Arbeiter, an denen es fehlte, sondern durch — — Araber, die von der türkischen Regicrung zur Fronarbeit gezwungen wurden. Es ging unter Ihnen zu allem Ucberfluß eine Weissagung um, wenn Tiberias wieder erstehe, werde der Islam untergehen! Es kam zu Unbotmäßigkeiten und zur Arbeitsverweigerung. Der Sultan machte kurzen Prozeß: die Rädelsführer wurden enthauptet. Im Dezember 1504 war Tiberias aufgebaut. Und nun erst erfieß Josef Nassi Sendschreiben an die unterdrückten Juden in *Her Welf, insbesondere an die jüdischen Handwerker und Arbeiter, sic möchten nach Tiberias kommen und hier siedeln. Und es kamen ihrer auch genug. Sie sammelten sich in den italienischen Häfen, wo sie durch Schiffe der Finna Mendez- Nassi, deren Chef Josef Nassi war, abgcholt wurden. Der schreiende Gegensatz zwischen diesem Sicdlungsversuch und der zionistischen Anschauung und Arbeit liegt klar zutage. Danach wurden den Juden das Land, die Häuser und überhaupt die Arbeit und das Opfer des Aufbaues geschenkt. Sie waren keine Rückwanderer in die Heimat, sondern Neuemziehende in fertige Häuser. Das war weder psychisch noch materiell die richtige Grundlage für einen organischen Aufbau. Es war der typische Irrtum eines in die Händel der Welt verstrickten jüdischen Kapitalisten und Machthabers, mit heutigen Worten gesagt: eines Assimilanten, der nur jüdisch genug dachte und wohltätig genug war, um armen Glaubensgenossen eine Existenz in Erez Israel zu verschaffen. Aber wie falsch dieser merkwürdige Siedlungsversuch begönnen war, ebenso falsch wurde er weitergeführt. Auch in diesem gleich zu erörternden Punkt unterscheidet sich die heutige zionistische Einstellung grundlegend von ihm. Josef Nassi war ein ingrimmiger Feind Spaniens, aus dem seine Vorfahren ausgetrieben worden waren. Der Haß gegen dieses Reich veranlaßfe ihn, den Siedlern ein wirtschaftliches Programm aufzudrängen. Er ließ Maulbeerbäume zur Seidenzucht pflanzen und Webstühle zur Wollvcrarbcitung einführen. Warum? Er wollte, daß die neue jüdische Siedlung die spanischen Produkte auf dein Seiden- und Tuchmarkt verdrängen sollte. Diese Hoffnung mußte, wie alles, was aus dem Haß geboren wird, fchlschlagcn. Die Maulbeerbäume gingen ein, die Webstühle verfielen. Der sonst so kluge Kaufmann und Politiker hatte in seiner Kalkulation unberücksichtigt gelassen, daß man weder den Erdboden noch die Begabung arbeitender Menschen durch Befehle ändern kann. Weizmann hat es — auch dies ein Zeichen seines Instinktes — klar ausgesprochen, daß die Juden von heute in Palästina nichts anderes wollen, als im Frieden mit der ganzen Welt und zum Nutzen von ihr die Aufbauarbeit in Palästina zu leisten. Nicht Haß gegen irgendein Volk, sondern Liebe zur Heimat und zum eigenen Volk ist die Devise der zionistisehen Bewegung und Arbeit. Um so tragischer natürlich ist es, daß auch heute die Araber sich als Feinde der Juden betätigen. Damals — gezwungen, den jüdischen Ansiedlern die gröbste Arbeit vorwegzunehmen — hatten sie Grund genug, ihnen gram zu sein, und in der Tat machten sie ihnen, zumal nach Josef Nassis Tode, das Leben so schwer wie nur möglich. Es kam noch hinzu, daß damals das Gerücht verbreitet wurde, Josef Nassi wolle ״König der Juden“ werden. So wenig er das im Sinne hatte, glaubten es die religiös erregten Araber und stemmten sich mit allen Mitteln gegen den angeblichen Versuch, eine jüdische Vorherrschaft in Palästina aufzurichten. Wie man sieht, ist alles schon einmal dagewesen, auch die arabische Angst vor einer jüdischen Suprematie. Weizmann hat auch mit dieser ״Wiederkehr des Gleichen“ aufzuräumen versucht. Sicher mit Erfolg vor der Welt! Ob aber auch mit Erfolg bei den Arabern? Auf mancherlei Art wurde von den Juden im Lauf der Jahrhunderte der Weg zurück in die Heimat zu geben versucht. Viele haben im Land der Väter beten wollen, viele wollten dort nur sterben und begraben sein. Und nun endlich und zum erstenmal treten die Juden mit dem Anspruch auf, eine Heimat zu haben und in ihr zu leben und zu arbeiten. Dies ist der richtige und, wie wir hoffen, endgültige Weg. Denn er kommt aus einein großen Gefühl und strebt nach einer großen Wirkung. Es gibt ja für die Juden kein größeres Gefühl und keine größere Wirkung, als daß ihnen das Tor in eine neue Heimat aufgetan wird und offen bleibt. Das Judentum wird es dem Führer Weizmann nie vergessen, daß er dies in einer ebenso friedvollen wie kraftvollen Aussage dem Bewußtsein der Welt, die Ohren hat, zu hören, und ein Herz, cs mitzufiilden, eingehämmert hat. Es führt ein Weg vom Herzog von Naxos, dem imperinlistisehen Politiker, über den Sprecher in jener Pariser Notabein- Versammlung bis zu Weizmann : cs ist d e r W e g d e r R e i 14 ig u ng und Klärung der Anschauung von der Bestimmung und dem seelischen Standort des jüdischen Volkes. Zion ist aus dem Bereich imperialistischcr Experimente durch die Sphäre ideologischer Phraseologie hindurch auf die Ebene der praktischen und tätigen Gemeinschaft gehoben. Als fortwirkendes, nie zu vergessendes Dokument dafür wird Weizmanns Rede in die Geschichte eingehen. Hermann S i n s h e i m e r Die Königliche Kommission In geschlossener Sitzung der Kommission wurden der Chefsekrelär der Regierung, Mr. Hall, der Leiter der Zollbehörden, Mr. S t e a d, der Schatzmeister der Regierung, Mr. Johnson, und Polizeipräsident Mr. Spicer vernornmen. 111 öffentlicher Sitzung sagten dann u. a. Dr. R u p p i n und Dr. H c x t e r aus, worüber wir im Palästina-Blatt (S. 11) berichten. Jerusalemer Tage Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter K. L. Jerusalem, Anfang Dezember Vierzehn Tage Jerusalem — der Jude der Golah, der heute in dieses Land kommt, weiß es zu schätzen, versteht zu empfinden, was es bedeutet, hier zu sein. Luft dieser Stadt — klar und weitblickend machend in diesen Tagen nach dem Regen , wie leicht atmet sie sich für den, der aus einer nördlichen Golah mit ihren Sorgen und Nöten kommt. Hier erst, wo die Maßlosigkeit der Natur offenbar wird, beginnt man, nun selbst zu begreifen: jenes Rätsel eines Volkes voller Spannungen der Seele, voller Extreme des Denkens und Lebens. Rings von Hügeln umgeben und doch selbst aut der Höhe des Gebirges liegend, breitet sich die Stadt weithin aus, immer noch überschaubar. An einigen Stellen — in Beth Hakerem, Talpioth, bei der Universität — erklimmen ihre Häuser die Hügel ringsum. Hort, wo der Abfall zur Küste Juda und zur Senke des Jordans und Toten Meeres die Hügelkette durchbricht, liegt wie eine Bastion die alte Stadt mit ihren Mauern, selbst auf eine vielkuppigc, schluchtenreiche Klippe gestellt, die rings von steilen Tälern wie von Gräben umzogen ist. Der Regen, der in diesen Tagen fiel, verspätet und nunmehr um so kräftiger, war wieder einmal so stark ,,wie nicht mehr seit Jahrzehnten“. Der Gast neigt dazu, dies zu glauben, wenn er die Sturzbäche sah, die die Gassen hinunterfegten. Leider nur spricht inan hier so von vielen Erscheinungen, so daß das ״Normale“ selten wirklich wird. * Die alte Stadt stellt wie immer auf ihrem Felsen — ein morgenländisclies Märchen, nur leicht berührt von den Ereignissen des Tages, die uns so sehr bewegen. Im Schuk, dein Tummelplatz von Menschen und Waren aus allen Zonen, herrscht das gewohnte Treiben. Die jüdischen Läden haben immer noch nicht alle geöffnet — dies und die häufigen Polizeistreifen erinnern an die Monate der Spannung. Arabische Händler bieten uns ihre Waren nicht nur hebräisch an, sondern radebrechen auch ein wenig deutsch, mit dem gleichen Kaufmannslächeln wie immer. Einmal nur scheint uns einer nicht zu mögen, als wir seine Waren betrachten... Der Weg zur Klagemauer. Am Schabhat ist er wieder von Juden stark besucht, wenn auch noch nicht so zahlreich wie in gewöhnlichen Zeiten. Die Gruppe von Chassidim, die aus ihren Bethäusern hierher eilen, heben sich in ihrer schönen Tracht, die sie aus Polen und der Ukraine mitbraciiten, aus dem Rudel der Straße hervor. An der Mauer selbst herrscht heute mehr ürdnung, als wir es von früher gewohnt sind. Es liegt eine Stimmung der Beherrschung über den Menschen, die hier stehen, beten und weinen. Auf der einen Hälfte stehen die Frauen, mir eine Reihe entlang der Matter. Darunter eine europäisch gekleidete Dante, die nicht weniger ergriffen scheint als ihre östlichen und orientalischen Schwestern. Bei den Männern gibt es mehrere Minjanim, die sich ablösen. Der Polizeiposten paßt scharf auf. Wenn ein Araberjunge vorbeigeht, begleitet er ihn. Links ist vor einiger Zeit eine neue Tür durchgebrochen worden, die in eine arabische Koranschule führt. Eine Abteilung englischer Soldaten kommt vorbei, die die Mauer selten wollen. Rotbackige Jungen mit kleinen.blonden Bärtchen. Was mögen sie denken, wenn sie die alten Steine selten, mit den Juden davor, die hier beten? —- Ein englisches Ehepaar, sehr vornehm, sehr distingiert, kann sich, scheint’s, von dem Anblick nicht trennen. Die Dame scheint ergriffen... In der Judengasse das gewohnte Bild. Vielleicht etwas stiller, denn — wie wir hören — die Zahl der wieder in der Altstadt lebenden Juden ist stark geschrumpft. In all den Monaten, in denen der Terror das Land beherrschte, gab es hier — hinter dem Stacheldraht —- ein an sich relativ normales Leben. Es ist gewiß nicht alles Armut, was es hier gibt, dennoch dominiert sie, gemildert durch ein freundliches Lächeln und den Charme besonders der orientalischen Juden und ihrer Frauen und Kinder, der auch in den finstersten Wohnhöhlen nicht endet. In einer Jeschivvah ist noch der Rest eines Flüchtlingslagers. Man sagt, daß cs jetzt schon einen erträglichen Anblick biete, nachdem der Großteil seiner Insassen wieder heimgezogen ist.