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Jüdische Rundschau · 1936-12-04 · Heft 97 (4.12.1936) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 97 (4.12.1936)
Date
1936-12-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 97,4. DEZEMBER 1936 Zur politischen Situation Weizmanns Vernehmung — Arabische Aktionen Die Lage in den Nachbarländern Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter industrielle Sorgen Zur Frage des Boykotts Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter K. L. Jerusalem, im November Wer heute in Palästina lebt oder reist und die Städte des Landes und ihre Umgebung sieht, wird es nur schwer verstehen können, daß es wenige Jahre her sind, seitdem die Diskussion darüber geführt wurde, ob eine jüdische Industrie in Palästina möglich sei. Diese Diskussion ist heute überholt; die Industrie besteht, sic hat sich auf einer Reihe von Gebieten stark entfaltet und ernährt einen erheblichen Teil des Jischmv. Fehlinvestitionen Wenn also auch die Existenzfrage der Industrie als solche heute als entschieden — und /.war positiv «ntschieden — betrachtet werden kann, so ist die Fülle der Probleme, die auf diesem Arbeitsgebiete zu lösen sind, kaum zu übersehen. Schon längere Zeit vor Ausbruch der Unruhen war eine gewisse Krise im industriellen Sektor Palästinas zu spüren. Es zeigte sich, daß in den letzten Jahren eine Reihe von F e h i i n v e s t i t i o n e n gemacht worden waren. Diese beruhten weniger auf einer falschen Wahl der Erzeugnisse als auf einer relativ zu großen Aufzieluing der Unternehmungen. Hinzu kam, daß ein Teil der neuen industriellen ursprünglich aus dem Handel stammte und manches falsch berechnete, weil die Grundlagen der industriellen Produktion eben durchaus andere sind als die des Handels. Die Einwanderung aus Deutschland, die sicli um die industrielle Entwicklung des Landes große Verdienste erworben hat, ist naturgemäß von derartigen Feldschlagen auch nicht unberührt geblieben. Sie trägt die Kosten einer Lehrzeit, zumal sie sich auf die Besonderheiten des Landes und die Konsinnbedürfnisse des Jischuvv erst einstellen muß. Manche Vorstellungen, die in Mitteleuropa Geltung halien,!missen in einem Lande gewandelt werden, in dem die Masse der Konsumenten aus osteuropäischen und orientalischen Menschen bestellt. Das Zins-Problem Ein weiterer Faktor, der sich in dieser Zeit stark auswirkt, ist die Höbe der Z i n s b c 1 a s 11111 g, die auf der Wirtschaft liegt. Ein Zinssatz, von 7—8 °,0׳ für Hypotheken, der bei Krediten oft auf 9 "0 steigt, kann unter den gegenwärtigen Produktions- und Absatzbedingungen nicht getragen werden. Die Lage der Banken ist in dieser Hinsicht allerdings schwierig, zumal die Wechsel i:11 wesentlichen in ihrer Kasse liegen bleiben, weil dem Lande eine normale Diskontbank fehlt. Der starken Zinsbelastung stellt zwar ein relativ geringer Steuerdruck gegenüber; dieser wird aber zuni großen Teil durch die inneren Abgaben des Jisdiuw ersetzt, die für die Betriebe recht fühlbar sind. .. Diese Situation der palästinensischen Industrie stellt in dir heutigen Zeit an sich keinen Sonderfall dar. In zahlreichen Ländern der Welt haben sich ähnliche Verhältnisse ergehen. Während aber dort der Staat mit seinen Mitteln cinspringen kann und die Industrie durch mehr oder weniger offene Stibventionen ankurhelt, fehlt es in Palästina an dieser Hilfe, da das nationale Kapital, das den jüdischen Instanzen zur Verfügung stellt, hierfür nicht ausreicht, und der Staat als solcher nichts tut. Retardierende Momente In den letzten Monaten sind nun eine Reihe neuer Faktoren hinzugetreten, die für die Absatzmöglichkeiten der Industrie wichtig sind. Einmal ist liier das Abebben der 1 m migrations w eile zu nennen, die nicht mehr in dem bisher gewohnten Umfange neue Kaufkraft ins Land brachte. Ferner wirkten sich die neuen I) c v i s en c i!1 s c 11 r ä 11 tungen, besonders in Polen, auf dem Gebiet der Industriefinanzicrung hemmend aus. Schließlich war auch die Ab- K. L. Jerusalem, 26. November Die Vernehmung Dr. Weizmanns durch die Königliche Kommission, die gestern in öffentlicher Sitzung erfolgte und heute in geschlossener Sitzung fortgesetzt wird, stellt nicht allein einen Höhepunkt der Konunissionsbcratimgen selbst dar, sondern muß als ein historisches Ereign i s in der Geschichte des Zionismus gewertet werden. Mit Spannung sali man im Lande dem Auftreten Weizmanns entgegen, fühlte man doch, daß -- ganz, unabhängig von der Art der Stellungnahme zu den aktuellen politischen Problemen Palästinas, die Dr. Wei/mamt in Uehereinstimmting mit den Beschlüssen der Exekutive und des kleinen A.-C. vortragen würde — sich hier eine einzigartige Gelegenheit bot, mn die Beziehung des jüdischen Volkes zu Palästina vor einem Forum darzulegcn, das den Worten eine starke Resonanz sicherte. Der Eindruck, den Weizmanns Rede auf diejenigen machte, die sie hören durften, war stark, ja erschütternd. Und obwohl es schwer ist, im einzelnen festzustelleii, welche Wirkung diese Rede bei den Mitgliedern der Kommission selbst!unterlassen hat, so gellt man wohl nicht in der Annähme fehl, daß das moralische Pathos in Weizmanns Ausfülmingen sie nicht unberührt ließ. Die Schilderung der Not des jüdischen Volkes und der Unausweichlielikeit, den Anspruch auf Palästina aufrecht/uerlialten, die Darstellung der historischen und religiösen Verbundenheit des Volkes mit diesem Lande, war von eindringlicher Kraft; es war mehr als eine Rede, es war die Seele des Volkes, die aus den Worten Weizmanns sprach, sein Leiden und seine Zuversicht, sein Glaube lind seine Kraft zur Verwirklichung. Dr. Weizmann hielt nicht mit den Beschwerden zurück, die von jüdischer Seite gegen die Regierung vorliegen, die es an Aktivität bei der Förderung des Nationailieims hat mangeln lassen, und er trat zugleich als Partner auf, der bereit ist, mit der Mandatsregierung zu kooperieren. * Die arabische Haltung gegenüber den Arbeiten der Kommission hat sich indessen nicht geändert. Die Araber lehnen mit hartnäckiger Intransigenz ein Erscheinen vor ihr ab. Emir Abdullah von Transjordaiiien, der, wie bereits gemeldet, für einige Tage in Jerusalem weilte, scheint eine neue Vermittlung versucht zu haben, doch sind Resultate dieser Aktion noch n i c 111 entsprungen. Dennoch kann man natürlich nicht endgültig sagen, daß damit alle Brücken abgebrochen sind, und die Regierung wird ohne Zweifel auch weiterhin versuchen, die Araber an den Verhandlungstisch zu bringen. Es ist nicht zu leugnen, daß vorerst die radikalen Strömungen auf arabischer Seite dominieren. Diese sind bereit, gegenwärtige Erfolge, die durch eine nachgiebigere Politik möglicherweise zu erzielen wären, für die Hoffnungen liinzugcben, die sie für die Zukunft liegen. Diese Strömungen gclien dabei wohl von der Annahme aus, daß die Stellung Englands im Mittehneergebict und im Vorderen Orient in den nächsten Jahren noch erheblichen Belastungsproben ausgesetzt sein wird, und sie glauben daher, daß sich die Chancen für die Durchsetzung der arabischen Forderungen dadurch steigern könnten. In einer ähnlichen Richtung bewegen sich auch gewisse wirtschaftlich e T e 11 d e ״ z e!1, die von arabischer Seite ausgehen. Die Gründling einer neuen arabischen Bank, von der es in den ersten Meldungen hielt, daß sie mit englischem Kapital errichtet wird, scheint sicli zu bestätigen. Audi sonst hört man von verschiedenen wirtschaftlichen Projekten der Araifer. Die Schaffung einer besonderen arabischen Handels- Kammer in Jerusalem liegt ebenfalls in der Richtung dieser initiative. Inwieweit alle diese Bemühungen dauerhafte Erfolge haben, bleibt ab/uwarten, zumal es sicli bisher in den meisten Fällen gezeigt hat, daß die Fülligkeiten der palästinen- Bischer! Araber für wirtschaftliche •Planung verhältnismäßig wer) 11 n g einer Reihe von Währungen für die Konkurrenzfäliigkeit der Palästinaprodukte nach (eilig. Besonders im Hinblick auf Syrien, das ja wirtschaftlich mit Palästina eng verbunden ist, dürfte sich dies zeigen. Die syrische Land- Wirtschaft vermag jetzt der palästinensischen Landwirtschaft eine verschärfte Konkurrenz zu machen. Schon .immer bestand zwischen den beiden Ländern eine ״Lolmsclicrc'k die jetzt noch mehr auseinamlcrklaffen muß. Boden und Wasser sind in Syrien relativ billig, und es bestellt daher die Gefahr, daß auf dem Binnenmarkt Palästinas syrische Produkte die einheimischen zuriiekdrängen und dadurch die Kaufkraft der Landbevölkerung mindern. Andererseits sind die Imlustrieproduktc Palästinas heute für Syrien aus Gründen der Valuta zu teuer, und Syrien treibt eine industrielle Planwirtschaft, die sicli auch gegen Palästina richtet. Die politischen Frage 11 Palästinas und die darüber geführten Verhandlungen sind na iirgemäß auch nicht ohne Einfluß auf die industrielle Initiative geblieben. Blick In die Zukunft Stellt man nun die Frage nach der weiteren Ent- Wicklung, so kann diese heute nur schwer völlig eindeutig beantwortet werden. Aus den Einnahmen des ״M iphal Bizzaron“ werden seitens der nationalen Instanzen gewisse Beträge für Interventionszwecke freigemaeht werden, die besonders der mittleren Industrie zugute kommen sollen. Hie Jcwisli Agency haftet bekanntlich schon jetzt zu einem gewissen Teile für die Kredite, die der Industrie seitens der Banken gegeben worden sind. Inwieweit diese Maßnahmen genügen werden, um die schwielige Zeit zu überbrücken, gering sind. In jedem l alle aber zeigen diese Versuche, daß die Tendenz zur Trennung der arabischen und, jüdischen Wirtschaftskörper auch auf arabischer > Seile im Augenblick sehr stark ist. 1111 Jisciuiw sind sic• nicht weniger zu spüren und haben ja auch infolge des Streiks . zu erheblichen Erfolgen geführt. Dennoch wird mau das Bedenken nicht unterdrücken können, daß diese Entwicklung erhebliche Gefahren für das Land als solches in sicli birgt; in ruhigeren Zeilen werden die rein ökonomischen Gesichts-• punkte bei der Beurteilung wirtschaftlicher Probleme ohne Zweifel wieder stärker hervortreten, und dann dürfte cs sicli zeigen, inwieweit die Wirtschaft des Landes trotz allen inneren Spannungen eine Einheit bildet. * Die Lage in den N a c 11 11 a r 1 ä n d 1• r n Palästinas ist naturgemäß auch nicht ohne I influlS auf die arabische Haltung gebliehen. Die Vorgänge im Irak wurden in vielen Hinsichten doch als eine Erschütterung (!eS eindisclien Prestiges empfunden. Sie zielen auf die 11eish-iliing einer Machtposition des irakischen Staates ab, die ihren Ausdruck in der Schaffung eines wirklichen Heeres finden soll. Finanziell ist die Basis hierfür in den erheblichen Finna innen gegeben, die der irakischen Regierung aus den Fnlölkon/cssionen von Mossul ztiflielieii. I s nnilite naturgemäß für die Sicherung des Landweges nach Indien wie auch für die Zufuhr des Erdöls nach Haifa wie zum Persischen (hilf, d. 11. für Lebensfragen des bi ite-cheu Imperiums eine ganz neuartige Situation cintretcn, wenn im Irak au Stelle eines mit Hilfe weniger Flugzeuge zu brhcnscltcndcn Gcbieies ein moderner Militarstaut sicli etablierte. Von dieser Seite her können also der englischen Machtposition noch erhebliche Komplikationen drohen. Die Führung der iiakischt׳;! Politik liegt beute bekanntliclt zum Teil in kurdischen I landen. Der militärische Führer, der den Umsturz in Bagdad 1 Iiirchgd'uhrt hat, ist der eigentliehe Urheber jener Verfolgung der Assyrer, die dem Völkerbund so erhebliche Sorgen gemacht hat. Fs zeigt sich überhaupt, daß die I. a g e d e r M i n o r i t ä teil i m Vorderen Orient sich /iispitzl, und es erweist sich, daß die nach westlichem Muster in ihrem Interesse geschlossene« Verträge gegenüber der Wirklichkeit der Landesverhältnisse unzureichend sind (wie übrigens auch die ineisten Minderlieitenschutzverträgc in Europa - A. d. R.). Die Ereignisse in Beirut haben erneut ein Schlaglicht hierauf geworfen. Die Ucberfälle, denen die dortigen Christen seitens der mohamincdanischen Bevölkerung ausgesetzt waren, erweisen die Labilität der inneren Verhältnisse des Landes. Sie sind and! in Palästina nicht ohne Eindruck geblieben, bestehen doch zwischen beiden Ländern starke Beziehungen, nicht zuletzt im Norden des Landes in familiärer Hinsicht. Gewisse Gegensätze zwischen christlichen und islamischen Arabern sind auch in Palästina nie verstummt, und man darf wohl annehinen, daß die Bcteüigung der Christen an den Ereignissen dieses Jahres nicht so stark war wie dm der islamischen Bevölkerung. Allerdings befinden sich die christlichen Kreise gegenüber den islamischen insofern im Nachteil, als die Jugend zum Teil empfindet, daß die Natiou.ilbewegung in gewissem Sinne zugleich islamisch unterbaut sein muß. Jene Spannungen, die zwischen den .Minoritäten und der Mehrheit der Bevölkerung bestellen, schwachen naturgciuäl! die Bedeutung der nationalen Aspirationen und mimscn das Interesse der westlichen .Machte erwecken, die sich hier von jeher als Beschützer der Minderheiten empfanden. Fs zeigt sich also, dafl die Kräfte, deren Wirkungen in Palästina zu spüren sind, nicht ohne weiteres auf eine einfache I orinel gebracht werden können. Dadurch ergibt sich die Möglichheit für U c h e r r a s c h 11 n 1; e 11, aber auch die Uliam e fnr eine kühle und ihrer Möglichkeiten bewußte jüdische Politik. ERNST LOCHNER & HORKHEIMER Liebfrauenberg 39, I. Stork / FRANKFURT a. M. / Gegründet 1837 HERREN STOFFE in den altbekannt ersten Qualitäten richtet sicli allerdings nach der weiteren Entwicklung der äußcren Arbeitsbedingungen. Ein anderes Problem, das heule schon diskutiert wird, ist die Frage des Lohnniveau s. Seitens der Arbeiter- Schaft wird auf seiner Erhaltung bestanden, um die Konsumkraft im Lande nicht noch weiter zu senken, während von der anderen Seite auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, die Produkte des Landes im Auslande konkurrenzfähiger zu machen und sie auch im Inlande stärker gegen billige Auslandsprodukte einzusetzen. D'e Schwierigkeiten, die sich in diesen Fragen bergen und die Oeffentlichkeit hoch reichlich beschäftigen werden, liegen auf der Hand. Bei all diesen Sorgen kann nicht verkannt werden, daß die Aktivität der industriellen Kreise selbst nicht erlahmt ist. Man fühlt, dal! die Industrie ein wichtiger Faktor des Aufbau* ist, daß siedie Aufgabe hat, unter Anspannung aller Klüfte diese Zeit zu überstellen, und daß über alle politischen Erwägungen hinaus die Erhaltung und Entwicklung ihres Werkes eine grundlegende nationale Aufgabe ist. In der allerjüngsten Zeit ist der lange zuriickgehaltene Bedarf auf vielen Gebieten wieder stärker in Erscheinung getreten und hat dadurch auch zur Wiederbelebung der industriellen Produktion beigetragen. Das Urteil über die weiteren Perspektiven der Arbeit lautet daher

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