Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 96 (1.12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2654012--29930-2691481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 96,!.DEZEMBER 1936 Arbeitsmarkt und Kaufkraft Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter K. L. T e 1 - A w i w, im November Es ist noch nicht so weit, um eine Wirtschaftliehe Bilanz der Zeit der Unruhen zu ziehen. Dennoch tut es gut — und man bemüht sich darum sehr von seiten der verantwortlichen Instanzen des Jischuw — ein vorläufiges Bild davon zu gewinnen, was diese Zeit uns gegeben bzw. genommen hat und mit welchen Kräften wir in die neue Periode der Arbeit, die jetzt beginnt, hineingelieu. Vielfach wurde bereits in den letzten Wochen darauf hingewiesen, daß diese Zeit sowohl wirtschaftliches Neuland der jüdischen Arbeit erschlossen hat wie auch gewisse Verluste im Umfang der Arbeit brachte. Juden wurden in erheblichem Maße insbesondere in die Regierungsa r b e i t e n eingegliedert, und ferner traten sie in den Moschawoth in bedeutender Zahl an die Stelle arabischer Arbeitskräfte. Diesem Zuwachs steht allerdings ein Schrumpfungsprozeß im Baugewerbe und in gewissen Zweigen der Industrie gegenüber, Die Arbeitstage Was zunächst die Arbcitslage in den Kolonien anbelangt, so besteht in ihnen keine erhebliche Arbeitslosigkeit. Es gibt allerdings im Moment eine Anzahl von Arbeitslosen, die aber durch den Beginn der Orangenernte, der dicht bevorsteht, absorbiert werden können. Die Lage ist insofern günstig, als die Exportsaison infolge der spanischen Wirren besonders gut zu werden verspricht und in vielen Kolonien die arabische Arbeit als Konkurrent in Fortfall kommt; allerdings muß vermerkt werden, daß gewisse Be- Strebungen darauf hindcuten (bzw. vereinzelt auch schon verwirklicht wurden), wieder Arbeitsplätze mit Arabern zu besetzen, die in diesem Jahre von Juden eingenommen wurden. Die Baubewegung in den Städten dürfte im Durchschnitt um etwa 40—50 c/o gegenüber dem Höhepunkt nachgelassen haben. Dabei bestehen große Unterschiede z. B. zwischen Haifa mit nur sehr geringem Nachlassen und Tel- Awiw mit viel größerem Rückgang. Sic ist also — wie der Augenschein beweist —- auch jetzt noch recht bedeutend. Dennoch ist unter den Bauarbeitern durch diesen Rückgang Arbeitslosigkeit entstanden, nachdem cs im Frühjahr 1936 vor Ausbruch der Unruhen so schien, als ob die durch die abcssinische Krise in Palästina entstandene Arbeitslosigkeit völlig liquidiert werden würde. Auch unter der Industriearbelterscliaft ist durch den Rückgang der Beschäftigung eine gewisse Arbeitslosigkeit entstanden; besonders gilt dies von der Textilindustrie. Wenn nun die Frage aufgeworfen wird — und sie Ist natürlich im Hinblick auf die wirtschaftliche Ankurbelung zur Ueberwindung der Depression sehr wichtig! —, auf welche Weise diese Arbeitslosen wieder in den Produktionsprozeß eingegliedert werden können, so muß die Antwort lauten, daß ihr Großteil nur wieder im Baugewerbe und in der Industrie untergebracht werden kann. Die meisten von ihnen — speziell in Tel-Awiw und Haifa — sind Familienväter, ältere Menschen usw., deren Beweglichkeit beschränkt ist und die man daher nient ohne weiteres in die Moschawoth zur Landarbeit, zu Straßenbauten u. ä. überführen kann. Aus diesem Grunde wird bei dem zn erwartenden Umfang der Zitrusernte dieses Jahres im Lauf« des Winters ein erheblicher Arbeitcrmangel in den Kolonien entstehen, der nicht gedeckt werden kann, wenn nicht neue chaluzische Einwanderer in genügender Zahl ins Land kommen. Das ist zwar anscheinend paradox — wenn inan nämlich an die städtischen Arbeitslosen denkt —, ergib! sich jedoch aus den tatsächlichen Verhältnissen. Weizmann beim Verlassen des Sitzungssaales der Kommission Foto; Lasar D0on«r Die Arbeitslosigkeit Die Zahl der augenblicklich völlig Arbeitslosen ist im Verhältnis zur Gesanitarbeiterschaft gering. Man muß dabei bedenken, daß unter ihnen auch solche Arbeiter sind, deren Frau oder Kind in Arbeit steht, so daß es in der Familie einen anderen Ernährer gibt. Die Dauer der Arbeitslosigkeit ist bei dem Typ von Arbeitern, der in der Hauptsache betroffen ist, vielfach ziemlich lang. Man hat jedoch schon Versuche gemacht, durch abwechselnde Ein- Ordnung in die Arbeit sie zu verkürzen. Ferner wurden auch jüngere Arbeiter durch ältere, bisher arbeitslose Mensehen ersetzt. Um den länger Arbeitslosen materiell zu helfen, ist die Möglichkeit der Darlehensgewährung seitens der Hitachduth geschaffen worden. Während diese Darlehen anfangs mehr oder weniger ä fond perdu gegeben wurden, bemüht man sich jetzt, ihnen eine gesichertere Basis zu verleihen, Regulierung des Arbeitsmarktes Es ist klar, daß bei einer solchen Situation die Regulierung des Arbeitsmarktes von besonderer Bedeutung und auch Schwierigkeit ist. Im Baugewerbe und in der Industrie ist dies weitgehend für die Arbeiterorganisation möglich gewesen. Dagegen gibt es auf anderen Gebieten eine relativ starke Arbeitsvermittlung unter der Hand, die sich einer öffentlichen Kontrolle entzieht. Sehr nützliche Arbeit hat die Hitachduth Olej Germania geleistet, die kaufmännische und Hausangestellte aus ihrem Mitglicderkreise vermittelt. — Die Jaffaer Flüchtlinge, deren letztes Lager diese Woche aufgelöst wurde, sind zum größten Teil in den Moschawoth untergebracht worden, obwohl natürlieh auch hier das Problem eines Restbestandes sehr schwer einzuordnender Elemente bestellt. LOhne und Kaufkraft Die Bewegung auf dem Arbeitsmarkt war natürlich nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der Löhne. In der Industrie ist das nominale Lohnniveau im großen ganzen nicht gesunken. Die Arbeiterschaft wandte sich energisch gegen Lohnherabsetzungen und verlangte die Teilung der Arbeit unter den Beschäftigten, falls das Arbeitsquantum nicht mehr ausreichte. Zur Stillegung von Fabriken ist es nur verhältnismäßig selten gekommen, und «s wurden auch Zur Lage des K. L. J e r u s a 1 e m, im November Eine der für den Beobachter des städtischen Lebens in Palästina eindrucksvollsten Tatsachen ist die enorme Ent- Wicklung, die der Einzelhandel in den letzten Jahren enommeft hat. Mit der wachsenden Einwanderung sind die ediirfniss« der jüdischen — und auch der arabischen — Bevölkerung gestiegen und vielfältiger geworden. Dadurch konnte sich der Handclsapparat stark erweitern, und heute gibt es in den drei großen Städten Palästinas auf fast allen Gebieten Geschäfte, die europäischen Ansprüchen genügen. An dieser Entwicklung hat die Einwanderung, aus Deutschland einen entscheidenden Anteil. Sie führte nicht nur moderne Ladenbauten und repräsentative Geschäftslokale im Lande ein, sondern bemühte sich auch um die Durchsetzung moderner Geschäftsmethoden, die in Palästina noch sehr im argen lagen bz,w. teilweise auch heute noch wenig befriedigen können. Man hat dieser Entwicklung oft den Vorwurf gemacht, daß sie verfrüht sei und in einem relativ armen Lande Bedürfnisse züchte, die unnötig seien. An diesem Vorwurf ist gewiß etwas Richtiges, besonders wenn man hinzufügt, daß in manchen Branchen die Zahl der Geschäfte und damit der Konkurrenzkampf über Gebühr angestiegen ist. Dennoch während der Unruhen eine Anzahl neuer Unternehmungen eröffnet. Der Reallohn ist natürlich infolge der in der letzten Zeit erfolgten Preissteigerung gesunken. Dagegen trat im Baugewerbe eine fühlbare Senkung auch der Noininallöhne ein, was für die Konsumkraft der städtischen Bevölkerung von großer Bedeutung ist. Die Löhne in den Moschawoth sind nur wenig gesunken. Die Arbeiten bei der Regierung, in die jetzt z. T. zum ersten Male Juden in erheblicher Zahl eindrangen, mußten sehr billig übernommen werden. Fragt man, worin die wesentlichste Ursache für die nicht zu bestreitende Verringerung der Kaufkraft der jüdischen Bevölkerung zu suchen ist, so ergibt sich, daß in erster Linie die Tatsache der Arbeitslosigkeit seihst zu nennen ist. Mit ihr verbindet sich das Absinken der Nominallöhne in gewissen Berufsgruppen, und der Reallöhnc in fast allen Wirtschaftszweigen, und dazu kommt — als die vielleicht wichtigste Tatsache — das Sinken der Einwanderung im Vergleich zur vorangegangenen Periode. In diesen Tagen kommt als neues Problem und zugleich als Aufgabe auf dein Arbeitsmarkt hinzu, daß Kräfte aus dem Polizeidienst wieder ausscheiden, für die Arbeitsplätze gefunden werden müssen. Da es sich dabei jedoch um physisch und psychisch qualifizierte Mensche« handelt, dürfte diese Aufgabe im Rahmen der Zitrussaison lösbar sein. Eine gewisse Anregung des Konsums geht vom englischen Militär aus, das durch seine Zahl im Lande ins Gewicht fällt. Die Umsätze des Einzel• 11 a n d e 1 s, die das wichtigste Barometer für die Entwicklung der Kaufkraft darstellen, sollen im Durchschnitt um etwa 40 <>/״ gegenüber dein vergangenen Jahre gesunken sein (mit Ausnahme der davon nicht betroffenen Lebensniittelumsätze). Es ist klar, daß ein solcher Rückgang besonders für die Lage des Mittelstandes von einschneidender Bedeutung ist und für alle Zweige des Wirtschaftslebens Konsequenzen hat. Man spürt sie allenthalben im täglichen Leben und hofft, daß von der politischen Sphäre her keine Hemmungen sic abbremsen werden, sondern daß neuer Mut zur wirfschaftlichcn Initiative von dort ausgehen wird. Diesen Tatsachen steht jedoch gegenüber, daß Kapi* t a! i 111 p o r t und Investitionstätigkeit auch in den vergangenen Monaten nicht geruht haben. Der Kapitalimport im letzten Monat betrug immerhin die Halite der Summe, die im Januar 1936 ins Land kam. Im Bauwesen erfolgten andauernd erhebliche Investierungen, und auch in der Industrie dürfte 1936 wertmäßig etwa die Hälfte des Kapitals neu untergebracht worden sein, was 1035 in der entsprechenden Zeit Betätigung fand. Es waren damals rund IG Millionen Pfund. Diese Hinweise zeigen, daß die Tatkraft, die von jüdischer Seile im Lande entwickelt wird, trotz der Verlangsamung des Tempos nicht erlahmt ist. Einzelhandels wird von Sachkennern darauf 11 ingewiesen, daß die jüngste Entwicklung dem Lande als solchem auch Ersparnisse gebracht hat. Der Begriff rationeller Geschäftsfüh• >־ u n g und überlegter Kalkulation war früher dem Großteil aller Einzelhändler fremd, die ihre Geschäfte rein gefühlsmäßig abwickelten und dadurch sehr oft überfeuernd wirkten. Aeußercs Symbol dieser Art geschäftlicher Tätigkeit war (und ist) das Feilschen um den Preis, das für Käufer und Verkäufer zeit- und nervenraubend ist. Es ist das Verdienst einer Reihe von Kaufleufen der neuen Alijah, mit diesem System gebrochen zu ha«en und die Energie' zu besitzen, um an detn Grundsatz der fixen Preise festzuhalten. Ihm liegt allerdings eine durchdachte Geschäftsführung und rationelle Kalkulation zugrunde. Die Wirkung dieser Haltung ist nicht amsgehüeben, und heute führen zahlreiche Geschäfte des älteren Jischuw ihre Betriebe bereits nach diesen ,Methoden, die dein Interesse der Gesamtheit dienen. Mangelnde Organisation Dabei ist die Lage i״ vieler Hinsicht wenig befriedigend. Es gibt keinerlei Organisation des Einzelhandels, die" mit den Regierungsbehörden bzw. den nationalen Instanzen Dr. Weizmann vor der Kommission Dr. Weizmann bei seiner Aussage vor der Kgl. Konvnission. Der Zeuge (X) sitzt der Kommission gegenüber mit dem Rüchen zum Publikum. Folo. j,״,.״״! I :!, io f '־. I ' , k * ) } f! t I t ■/ I 1 i