Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-11-27 · Heft 95 (27.11.1936) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 95 (27.11.1936)
Date
1936-11-27
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2654011--29917-2691467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

KINDER ND S CHAU Berlin, den 27. XI. 1936 PT ־WF־ ־*ייי Beilage der ״Jüdischen Rundschau״ jp—ןן-- חף־־־ןו־ TT <3& 4. Jahrgang / Nr. 22 —Bl— lÄ׳ Ein Lift fährt nach Erez Israel Die alte Tanne wurde abgeschlagen Die alte Tanne wunderte sich. Was waren doch für merkwürdige Dinge mit ihr geschehen, seitdem die Holzfäller sie abgeschlagen hatten! Ins Tal geschafft und zu Brettern zersägt — gut: das war mit vielen anderen ihrer Art auch geschehen, und sie war doch noch in Gesellschaft gewesen. Aber seither? Was hatte man da für einen riesenhaften Kasten aus ihren Brettern zusammengefügt? Einen Kasten wie ein Zimmer groß! Und kein Mensch sagte mehr Tanne oder Fichte zu ihr ״ —־L i 11“ hieß sie jetzt in ihrer neuen Gestalt. Was das wohl heißen mochte? Das Fahren auf Rädern war sie ja nun schon fast gewohnt, seitdem sie ihren schönen alten Platz hoch oben in den Bergen hatte verlassen müssen. (Jot1, wieviel war sie gefahren. E st einfach auf Achsen zu Tale, nachher war sie gar mit andern zu einem Floß vereint auf einem Flusse geschwömmen. Dann zu Bohlen zersägt war sie auf der Eisenbahn gerollt, und nun als Lift fuhr sie Auto. Zwar bloß Lastauto, denn sie hatte ja ein ganz hübsches Gewicht. Und dann nahm man die eine Seite von ihr ab und fing an, ihren großen Bauch zu füllen. Du lieber Himmel, was packte man alles in sie hinein! Schränke und Tische und Stühle und Matratzen, ein richtiges Klavier und Betten und, weiß der Kuckuck was für Krimskrams. Einen ganzen Haushalt.... Die alte Bergwaldtanne, die nun Lift hieß, wunderte sich immer mehr. Als ihr Bauch vollgefüllt war, wurde er wieder zugemacht und sorgfältig verschraubt. Das Lastauto ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, aber es brachte ihn doch riehtig zum Güterbahnhof und auf einen flachen Eisenbahnwagen, und nun rollte er wieder einmal auf Schienen. Weit, weit weg in eine andere große Stadt, die am Meer lag und einen Hafen hatte. T riest nannten sie die Leute. Ja, und da kamen die Menschen, die all diese sonderbaren Dinge mit ihm angestellt hatten, mit etwas noch viel Sonderbarerem. Sie nannten es Kran, und es hatte einen mächtigen Eisenarm und lange Ketten daran, und was glaubt ihr? Dieser Eisenarm mit seinen langen Ketten packte einfach unsern guten Lift, schwenkte ihn durch die Luft und setzte ihn, klack! — wo anders hin. Was meint ihr wohl wohin? Auf ein Schiff 1m Wasser! Und nicht nur gerade so oben auf •die Deckp'anken, nein, an den Ketten ließ er ihn ganz sorgfältig tief in den Schiffsbauch hinunter, in ganz schwarze Finsternis, zwischen allerhand anderen Kram. Da stand nun unser Lift und wunderte sich wieder. Viel anderes brachte der Kran noch an und ließ es in den Schiffs- ***י*0!נ־ Einen ganzen Haushalt packte matt hinein nun rollte er auf Schienen bauch hinunter, nein, nein, unser Lift blieb nicht allein, es wurde sogar recht verdrießlich eng um ihn. Eine ganze Anzahl Lifts wie er selbst wurden neben und hinter und auf ihn gestellt. Ach nein, schön war das gar nicht. Heiß und eng und dunkel. Und dann fing etwas zu brummen und zu schnurren an in seinerNachbarschaft: das sei die Schiffsmaschine, wußte ein großer Koffer, und man brauche keine Angst vor ihr zu haben. $.ber das Schlimmste war: jetzt schaukelte plötzlich alles — hin ... das sei die Schiffsmaschine, und her — hin wußte ein großer Koffer und her —, unserm Lift mit seinem vollen Bauch wurde ganz übel bei diesem Hin und Her — Hin und Her. Den meisten andern, die da mit ihm verstaut lagen, erging es nicht anders: es ächzte und stöhnte um ihn herum, und nur der große Koffer lachte. Er hatte derlei schon oft mitgemacht und war daran gewohnt. Jetzt fahre eben das Schiff durch das Wasser, und dabei schaukele es halt. Dabei sei weiter nichts, nur wer es zum ersten Male mitmache, dem würde ein bißchen übel. Seekrankheit nenne man das, und den meisten Menschen erginge es nicht anders.... Unser Lift fügte sich in das Unvermeidliche; er träumte von Sturmnächten, die er als Tanne oben auf dem Berge erlebt hatte: das war auch ein ewiges Hin — Her — Hin — Her, und es brauste dazu auch ganz ähnlich, wie die Schiffsmaschine nebenan brummte und schnurrte. Jetzt wunderte sich unser Lift auch schon beinahe nicht mehr. Mit halbem Ohr hörte er zu, was der Koffer erzählte, der dieselbe Reise schon einmal oben auf Deck gemacht hatte. Jetzt fährt man durch das Mittelmeer, sagte er, eine gewaltig große Wasserfläche mit vielen schönen Inseln darin. Fische und Möwen könne man sehen, wenn man oben auf Deck stände und das ewige Rollen und Wo gen der Wellen. Manchmal wäre aber auch Sturm, dann würden die Wellen wild und schlügen über das Deck und man wr;rde naß. Dann könnte jeder froh sein, der hier unten im Schiffsbauch verstaut sei. Dann schlief unser guter Lift ein von dem schaukelnden Hin und Her und wachte erst auf, als helles Sonnenlicht in seine Finsternis funkelte. Was war nun? Das Schaukein hatte aufgehört, das Brummen und Schnurren hatte aufgehört, und eben langte wieder der eiserne Arm eines Krans in die Finsternis des Schiffsbauches und packte — wen? Ihn, unsern Lift, und schwenkte ihn langsam aus der Tiefe empor in solch helles strahlendes Licht, daß er ordentlieh seine Astlöcher ein bißchen zusammenkneifen mußte, um es ertragen zu können. Wie war jetzt alles anders! Solch strahlend blauen Himmel und so viele vergnügte Menschen erinnerte er sich selbst an den schönsten Sommertagen in seinem Bergwalde nicht Drei oder vier spielten darauf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.