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Jüdische Rundschau · 1936-11-27 · Heft 95 (27.11.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 95 (27.11.1936)
Date
1936-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fjr. 95 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU |Arl(tlelt1u1(1\erl«2 a. Anx»lgeo־v«rwalt11ng1׳ Barlla W15, Metnekcatr.lO feromfi 8«ו»ו1ומו Nammer J1 (Bismarck) W51, — Bezugspreis einsdhließlich Bestellgeld i« Mannt RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 b*w. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung״ Berlin 71573 (für Gro8 Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewillt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint Jeden Dienstag «nd Freitag» BERLIN י״ג כסלו תרצ״ז FREITAG, 27. NOVEMBER 1936 Gflltigt Anxnigeapreialiite Nr, 5, Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., fü Familien ־ Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben trief an bestimmten Piähcn wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*, anzeigen nur gegen Vorauszahhiog auf Postscheck - Kant» Berlin 71618 oder bar Montag bis F r * i t % g 9—18 Uhr. Annahme Schluß für die Dienstag * Ausgabe Montag 10 Uhr, für ,die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr» (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) An drei Punkten der Well... Weizmann vor der Kommission ״Unsere Hand ist zum Frieden ausgestreckt . . Die Not der Juden Jerusalem. 25. November. (JTA.) Der Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation, Dr. Chaim Weizmann, wurde am Mittwoch, dem 25. November, in öffentlicher Sitzung von der Kgl. Kommission vernommen. Der Sitzungssaal war dicht von Zuhörern besetzt, die den Ausführungen mit großer Anteilnahme folgten. Dr. Weizmann war in Begleitung von verschiedenen Mitgliedern der Exekutive erschienen. Weizmann begann sein* Darlegungen mit einer Erklärung der Verbindung zwischen jüdischer Bevölkerung, Judcithcit und Exekutive der Jewish Agency. Er ging dann ausführlich auf die tragische Lage der Juden in der Welt ein. Er schilderte die Not der Juden in Europa und zog Vergleiche mit der Lage der Judenheil vor zwanzig Jahren. Während es damals eine große Auswanderung, insbesondere nach den Vereinigten Staaten, gegeben hat, sind jetzt alle Tore der Welt verschlossen. In diesem Zusammenhänge erörterte Dr. Weizmann ausführlich die Lage der Juden in Polen. Ihre Situation wäre am besten durch <las Wort des polnischen Außenministers Beck gekennzeichnet, der erklärt habe, zwei Milüonen Juden müßten Polen verlassen. Die Lage der Juden in Polen sei nicht zuletzt deshalb so schlecht, vzeil Polen ein Agrarland sei und eine iiberschüs*ige Landbevölkerung habe, die in die Stadt dränge. Wenn die Landbewohner aber in die Stadt kommen, dann nehmen sic die wirtschaftlichen Positionen der Juden in der Stadt ein. Dr. Weizmann sagte, die Lage der Juden in Polen sei, da es sich um eine viel größere Zahl handle, akuter als die Lage der Juden in Deutschland, wo es weniger Juden im Vergleich zu Polen gibt. Weizmann betonte sodann, daß die Juden entschlossen steil, sich als ein Volk zu bewahren. Nirgends j feien die Juden eine Mehrheit, überall eine Minderheit. Es I muß, so rief Dr. Weizmann aus, einen Platz in der weiten Welt geben, wo wir so leben können wie wir wollen. Weizmann kam schließlich auf das Verhältnis der Juden zu und in Palästina zu sprechen. Die Sitzung wtird׳* dann für Furze Zeit unterbrochen. Nach der Pause setzte Weizmann seine Aussage fort. Das Verhältnis zu den Arabern Er sprach zunächst über die Beziehungen der Juden zu den Arabern und warf die Frage aut, ob die heutigen arabischen Führer überhaupt im Namen des arabischen Voikes sprechen können. Einer, der dieses Recht sicherlich gehabt habe, war, so sagte Dr. Weizmann, der verstorbene König Feisal. Ich habe König Pcisal ganz genau über die jüdischen Absichten und Pläne in Palästina aufgeklärt. Er hat genau begriffen, um was es dem jüdischen Volke geht, und wir sind gute Freunde geworden. Er hat mit mir das bekannte arabischjüdische Freundschafts-Abkommen geschlossen, dessen moralischcr Wert bis heute noch nicht gemindert worden ist. Beim Zustandekommen dieses Vertrages hat auch Colonel Lawrence viel!nitgeholfen, der einer der wärmsten und zuverlässigsten Freunde der Araber gewesen ist. Es ist möglich, fuhr Dr. Weizmann fort, daß wir in das Land wie f remde kommen, wie Menschen, die nur ihre eigene Arbeit tun, und dje nichts tun, um sich die Freundschaft der Araber zu verschaffen. Al>er unsere Hand ist auch jetzt noch ausgestreckt zu Frieden und Freundschaft mit den Arabern. Leider hören wir keine Antwort auf unseren Appell. Wenn die Kgl. Kommission die Wege und Möglichkeiten untersuchen will, die zu einer arabisch-jüdischen Freundsehaft führen, so sind wir bereit, dabei mitzuhelfen. Weizmann behandelte dann verschiedene Fragen des Palästina-Aufbaues, das Problem der Kolonisation, der Ein- Wanderung u. a. Er legte hierzu den jüdischen Standpunkt dar. Zur Frage der Einwanderung führte Weizmann aus, die Juden hilligtcn das Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit, aber dieses Prinzip muß gerecht angcwendet werden. Wenn ein Jude nach Palästina kommt, so soll er nicht das Tor zu seiner Heimat geschlossen finden. Er soll in das Land kommen können, wie ein Belgier oder wie ein Engländer, der in seine früher besetzte Heiniat znrückkehrt. Dr. Weizmann .kritisierte die Aussagen, die der Vizedircktor des Boden-Departements, Bennctt, und der Leiter des Bewässerungs-Departements der Palästina- Regierung, Douglas Andrews, gemacht haben. Er erklärte, es sei noch viel Land für eine Kolonisation verfügbar, ln diesem Zusammenhang nannte Dr. Weizmann das Hule• Gebiet, Wenn die Juden den Grundsatz der Selbstarbeit befolgen, so geschehe dies, um den Vorwurf zu ver* meiden, Parasiten zu sein. In seinen weiteren Ausführungen erörterte Weizmann die Frage, was die Araber aus dem Weltkrieg heimgebracht haben. Für sie habe .der Krieg mit einem giinstigen Ergebnis geendigt, und zwar so günstig wie für kein anderes Volk. Die Araber haben heute tiinf Staaten. Wenn sie auch damit noch unzufrieden sind, dann muß man fragen, welches Volk und welcher Mensch dann überhaupt zufrieden sein kann. Wir sind, so fuhr Dr. Weizmann fort, in das kleine Land Palästina gekommen, beseelt von dem besten Willen, die alten Traditionen fortzusetzen, gemeinsam mit den Arabern zum allgemeinen Besten zu arbeiten. Es gibt eine alte Tradition in der arabisch-jüdischen Zusammenarbeit. Es hat eine solche Zusammenarbeit in historischen Zeiten gegeben. Sie hat die schönsten Resultate gehabt, sie hat die Kultur des alten Spanien bauen helfen. Es ist sicherlich noch ein Weg vorhanden, und es gibt noch eine Möglichkeit, die alte Tradition der Zusammenarbeit zu erneuern. Es kann noch zu einer arabisch-jüdischen Zusammenarbeit kommen. (Fortsetzung Seite 2) Erörterung: der Judenfrage An drei geographisch weit auseinanderliegenden Punkten der Welt ist in der vergangenen Woche die Judeufrage weithin hörbar öffentlich erörtert worden. Spricht man jetzt häufig von einer ״Schicksalsstunde Europas“, spürt man die Spannungen und Erschütterungen eines Fieberzustandes, der einmal da und einmal dort aufflackert, so ist die furchibare und tragische Aktualität der Judeufrage eines der Symptome dieses Zu- Standes. Die Juden, die Jahrhunderte lang auf der Wanderschaft waren, aber immer wieder für Jahrhunderte Fuß faßten, sich einwur/elten, mit aller Dankbarkeif ihr ganzes Sein in den Dienst der Länder, die ihnen Heimat wurden, zu stellen bereit waren, fühlen deutlich, daß ihr Gesell sek wieder an einem Wendepunkt angelangt ist. Wo sie sich verwurzelt wähnten, werden sie entwurzelt, die Wanderschaft beginnt von neuem, und dieser Prozeß ist für die Welt, die mit Sorgen und Problemen hinreichend beladen ist, ein zusätzliches Element der Beunruhigung, dem sie ratlos gegenübersteht. So gelangt die Judeufrage an die Oberfläche, und an zahlreichen Diskussionen merken wir wohl, daß sic empfunden wird, aber wir sehen keinen Ausweg zu ihrer Lösung. Die drei Ereignisse, auf die eingangs hingewiesett wurde, gehen einen Je leinen Ausschnitt aus dem Bilde, und daß sie für uns nicht in bloßer Verzweiflung enden, sondern daß wir auch eine Stimme des Trostes, der Stärkung und der Hoffnung empfinden, haben wir der Tatsache zu danken, daß an einer der drei Stellen die Stimme des jüdischen Lebenswillens ertönte, die Stimme, die aus dem übervollen Herzen des Volkes emporsfieg. Lublin, München, Jerusalem. Die Judenfrage zeigt sich von ihren drei Aspekten: dem wirtschaftlichen, dem kulturellen, dem geistig-politischen. In den Plaidoyers vor dem Berufungsgericht in Lublin wurden die Ur- Sachen der traurigen Vorfälle von Pr/vtyk erörtert, wo Juden sich gegen den terroristischen Versuch, sie vollständig aus ihren Wirbcliaftspositionen zu verdrängen, zur Wehr setzten. Die tieferen Gründe dieser Vorgänge sind in dem ökonomischen Zustand des polnischen Volkes zu suchen; es gelang dem Verteidiger, auf Grund von Studien polnischer Sachverständiger nachzuweisen, daß es sich um eine Entwicklung handelt, mit der die Juden nur indirekt zu tun haben. Die Welt macht eine Umwandlung durch, die Agrarstaaten leiden. Auch wenn cs keine Juden gäbe, wäre die Lage der polnischen Bauern ebenso schlecht. Dies hat auch, wie wir berichte! haben, der polnische Delegierte bei der Tagung des Wanderungsausschusses des Intern atit Minien Arbeits• anites in Genf unumwunden zugegeben. Dennoch he• nutzt man diese Unzufriedenheit der Bauern zur aiitijüdischen Agitation, und die Lage der Juden in Polen wird Unhaltbar. — Treten in den Erörterungen vor dem Lubliner (iericht die vv 1 r t s c h a f 11 i c I! e n Ursache n des Judenelends in Polen klar zutage, so beleuchtete die von dem ״Reichsinstitut für Gcscliichte des neuen!Deutschland“ in München veranstaltete Akademische Tagung vor allem die kulturelle Seite der Judenfrage. Die Referate, die in München gehalten wurden, behandeln so manche Themen, die lauge Zeit kontrovers waren, und da noch nicht die ganzen Referate vorliegcn, sondern die weitere ()Öffentlichkeit auf die notwendig kurzen Zeitungsberichte angewiesen ist, können wir auch die uns Juden natürlich interessierende Frage, welches Material im einzelnen den Vorträgen zugrunde gelegt wurde, nicht übersehen. Eines aber erkennen wir jetzt schon deutlich, nämlich die Umwertung der Werte, die sich hier so greifbar manifestiert. Gestalten jüdischer Herkunft wie Friedrich Julius Stahl oder Jakob Wassermann, die zwar vom jüdischen Gesichtspunkt häufig kritisch betrachte( wurden, die aber gerade in der nichtjirdischen Welt sich früher eines überaus großen Ansehens erfreuten, werden jetzt wegen ihres Zusammenhanges mit dem Judentum verworfen. Auch für die Bibelvrissenschaft hat die neue Einstellung tiefgehende Konsequenzen. Durch diese Referate, die sämtlich auf dem Prinzip des Rassen-Antiseniitisimis fußen, wird das Wesen der ״Furschuiigsabteilung Judenfrage“ des Reichsinstituts, über deren Eröffnung wir schon in der vorigen Nummer berichteten, deutlich umrissen. Das Judentum ist hier Objekt der Erörterung, wir Juden aber sind dabei Außenstehende. Unsere eigene Betrachtungsweise der jüdischen Dinge muß von unseren eigenen Quellen ausgehen; aber die Art und Weise, wie hier die repräsentative geistige Welt des Erschwerungen der Einwanderung Brasilien, Argentinien, Paraguay Der ״Hilfsverein der Juden in Deutschland“ teilt mit: Im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Spanien sind in letzter Zeit in mehreren überseeischen Ländern gewisse Erschwerungen der Einwanderung eingeführt worden, da naturgemäß besonders die südamerikanischen Staaten die Einwanderung radikaler Elemente aus Spanien befürchten, Hierbei handelt es sich vor allem um folgende Maßnahmen: t. Brasilien, über das zum Teil irreführende Nachflehten ln der Presse erschienen sind, hat bisher keine Aendcrung des Einwanderungsgesetz.es eingeführt, wohl aber die Kontrolle wesentlich verschärft und die Visierung von Pässen für Staatenlose — und zwar sowohl für Touristenreisen wie für Geschäftsreisen und für die Einwanderung — eingestellt. Die Verschärfung der Kontrolle gilt 8«wohl für Touristen wie für die Einwanderung auf Chamaden (Anforderungsschreiben von in Brasilien ansässigen Personen). Was die Touristen ein Wanderung an geht, so wird das Datum der Einreise und die Dauer des Aufenthaltes genau überwacht. Bei der Einwanderung auf Chamaden ist in letzter Zeit die Kontrolle ebenfalls strenger gestaltet Worden, wobei aufgedeckt wurde, daß mit den sogenannten Landarbeiter-Chamaden, d. h. Anforderungsschreiben für landwirtschaftliche Arbeitskräfte, grober Mißbrauch gehieben wurde. Es wurde festgestellt, daß diese Chamaden zum Teil gewerbsmäßig vermittelt und an Personen verkauft wurden, die keineswegs Landarbeiter waren. Einigen dieser Personen wurde die Landung verweigert und in der brasilianischen Presse hat der Vorfall *u erregten Erörterungen Anlaß gegeben. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland kann vor der Verwendung solcher Chamaden nur dringend warnen. 2. ln Argentinien ist durch ein neues Dekret die Kontrolle ebenfalls wesentlich verschärft worden. Die »fgentMschen Konsuln im Auslande dürfen Pässe nicht visieren, ohne vorher geprüft zu haben, daß die persönlichen Eigenschaften und sonstigen Umstände des Einwanderers wirklich so sind, wie in seinen Papieren angegeben ist. Die Einwanderung aller Personen, die eine Gefahr lür die physische oder moralische Gesundheit der Bevölkerung bilden oder gegen die verfassungsmäßigen argentinischen Einrichtungen konspirieren könnten, ist verboten. Es muß besonders hervorgehoben werden, daß die verschärfte Kontrolle sich auch auf die Einreise von Touristen bezieht bzw. auf die Passagiere erster Klasse. Das neue Dekret, das noch eine Reih« technischer Einzelheiten enthält, tritt ani 1. Januar 1937 in Kraft, wobei alle entgegengesetzten gesetzlichen Bestimmungen für ungültig erklärt werden. Schon jetzt ist eine gewisse dilatorische Behandlung von Chamaden (Anforderungsschreiben in Argentinien ansässiger Personen zugunsten erwandernder Verwandten) seitens der Behörden festzustellen. Diese dilatorische Behandlung tritt allerdings nicht ein, soweit es sich um Chamaden zugunsten der allernächsten Verwandten handelt, sondern nui bei etwas entfernteren Verwandten. 3. Endlich entsprechen die Pressemeldungen über eine Einwanderungssperre für Juden in Paraguay, insbesondere die Meldung der JTA. (vgl. ״J. R.“ Nr. 94, Seite 1) leider den Tatsachen. Selbst Personen, deren Pässe für Paraguay schon visiert sind, müssen dringend vor der Ein- Wanderung gewarnt werden. # Das Brasilianische Konsulat in Warschau hat von der Brasilianischen Regierung die telegraphische Anweisung erhalten, in Zukunft keine Visen an jüdische Aus- Wanderer .׳«.! erteilen, die sich in Brasilien als landwirtschaftliche Arbeiter betätigen wollen. Die polnischc Regierung erwägt, wie es heißt, Schritte gegen diese Maßnahme der Brasilianischen Regierung und gegen die Einwanderungssperre nach Paraguay zu unternehmen.

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