Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 93 (20.11.1936)
- Date
- 1936-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaltung einer Bffentlieh - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Kr. 93 /jalwgang 41 Preis 29 Rpfe JÜDISCHE RDNDSCHAO BERLIN ח כסלו הרצ״ז FREITAG, 20. NOVEMBER 1936 Sdt1ifM«ltnngfVerl*g n. A1ulr«nnnv1ltu{1 Bi Fminli Samtnsl-Natnmer J1 (BUmarck) »031. Mom* RM 2,—, i« Vierteljahr RM 5,75, 1 RM 5A9. - Po,(»check - Konten der Vertrieb. . At GroB - Berlin), Berlin 17392 (Kr da» übriff. Reich), besteht kein Anspnidh auf Nachlieferung oder Errtal ״Abwehr gegen Judenhaß, nicht gegen Faschismus‘* Der Umstand, daß in manchen Landern faschisti« sehe Gruppen mit einem antisemitischen Programm hcrvorgetrcten sind, 11 at zur Folge gehabt, daß die Abwehrstellung, die die Juden dieser Lander gegen diese wie gegen alle antisemitischen Strömlingen einnelimen mußteil, oft als programmatischer ״Antifaschismus“ gedeutet wurde, woran zuweilen linksstehende Juden, die keinen klaren Unterschied zwischen ihrer jüdischen und ihrer politischen Stellungnahme machten, mitschuldig waren. Da das Programm der faschistischen Gruppen in erster Linie gegen den Sozialismus gerichtet ist, so daß ein heftiger politischer Kampf zwischen Sozialisten und Faschisten entbrennt, so geraten die unpolitischer, jtideti in eine besonders schwierige Lage, weil die Möglichkeit besteht, daß sie ohne ihr Zutun als Juden schlechthin mit einer politischen Gruppe identifiziert werden. Wir haben bereits mehrmals darauf hin- ׳)״wiesen, daß eine solche Klassifizierung unrichtig ist. Wir haben uns an dieser Stelle in Nr. 68 vom 23. August in einem Leitartikel ״Zwischen den Fronten“ mit dieser eigenartigen Situation der Juden eingehend beschäftigt. Die Juden bilden als Juden in den Ländern, wo sie die Möglichkeit politischer Betätigung haben, keine geschlossene politische Gruppe; jeder einzelne Jude wird vielmehr je nach seiner persönlichen Neigung oder aber nach seinen beruflichen, sozialen oder wirtschaftlichen Interessen sich einer bestimmten politischen Partei ansehließen. Nur in jüdischer Beziehung sind die Juden verbunden, nicht in Angelegenheiten allgemein staatlicher Natur. Es ist bekannt, daß einer der größten konservativen Staatsmänner Englands (Disraeli) jüdischer Abstammung war, ebenso wie im liberalen oder sozialistischen Lager da oder dort Juden hervortreten. Jetier einzelne Jude , wird im politischen Leben je nach der Partei, der er an- | ghört, deren Grundsätze vertreten; dagegen kann man | annehmen, daß alle Juden dort einig sind, wo es sich' um [ einen Angriff auf ihre Stellung als Juden oder um spezifisch jüdische Werke handelt. Da nun die englischen Faschisten ihre Ausfälle auf das Londoner East End deutlich antisemitisch gestaltet haben, ist es selbstverständlich, daß die Juden dagegen Stellung nahmen. Es ist nicht zu verwundern, muß aber von den Juden zu rück gewiesen werden, daß interessierte Kreise diese Haltung der Juden politisch auszunutzen versuchten, und zwar von beiden Seiten. Auf der einen Seite bildeten sich — offenbar von sozialistischer oder kommunistischer Seite — Verleidigungskomitees, die von niemanden autorisiert waren und den jüdischen Widerstand gegen die Uehcrfälle im East End vor einen bestimmten politischen Wagen spannen wollten. Auf der anderen Seite hat der Führer der Faschisten, Sir Oswald Moslcy, in einem in einer itatienischen Zeitung gegebenen Interview, über das wir bericitfeien, die Behauptung aufgestellt, der bei den Londoner Zwischenfällen zutage getretene ״Antifaschismus“ der Juden sei ein Beweis dafür, daß die Juden die guten Beziehungen zwischen England und Italien stören wollen. Dies ist natürlich eine absurde Behauptung, da die Abwehr der Juden gegen Uehcrfälle auf jüdische Laden im Londoner East End nicht das geringste mit Außenpolitik zu tun hat. Diese Zusammenhänge sind aber für die Juden in der heutige״ Weltsituation besonders gefährlich, weil die Tatsachen viel zu kompliziert sind, um in ihrer wirkliehen Gestalt von dem einfachen Mann ohne weiteres verstanden zu werden. Diese Erkenntnis scheint die englischen Juden bewogen zu haben, einen begrüßenswerten Versuch einer Klärung zu machen. Demgemäß wird über die am letzten Sonntag abgehaitene Sitzung der Gesa rn t v e r tretungder englisch-jüdischen Gemeinschaft (״Board of Deputics of British Jews“) folgendes berichtet: Der Board of Deputics hatte vor einiger Zeit eine Kommission eingesetzt, die die Aufgabe hatte, die jüdische Abwehrtätigkeit gegenüber judenfciudlichen Angriffen zu ״koordinieren“, d. h. zu verhindern, daß diese Aktionen sich zersplittern und von einzelnen, der Gesamtheit nicht verantwortlichen Personen oder Gruppen ohne zentrale Ueberwaclumg geführt werden. Ob diese ״Koordinations-Kommission“ in ihrer Arbeit versagt hat, wird in dem Berichte nicht erwähnt. Es heißt jedoch, daß der Präsident des Board of Dcputies, Herr Ncvillc Laski, eine Reorganisation angekümligt habe. Den Vorsitz in der Koordinations-Kommission übernimmt Laski selbst. Ihm werden der frühere Abgeordnete Barnett Jänner und P. Horovltz als Vizepräsidenten zur Seite stehen. In die Kommission werden Vertreter der jüdischen gesellschaftlichen Vereinigungen und der ehemaligen Kriegsteilnehmer sowie eine Reihe von Fachleuten aufgenominen. Präsident Laski betonte, daß die Vereinheitlichung aller Bemühungen auf diesem Gebiet unter Aufsicht des Board eine wesentliche Vorbedingung erfolgreicher Arbeit sei. Er verurteilte aufs schärfste die unberufene Bildung von Komitees, die ohne Auftrag störend in eine Arbeit eingreifen, die von einer der Gesamtheit verantwortlichen Körperschaft getragen werden muß. Solche in letzter Zeit gegründete Organisationen, die sich durch ihren Namen einen repräsentativen Charakter anmaßen, brächten Verwirrung in die Oeffentlichkeit. Verantwortungsbewußte Personen müßten sich ihnen daher fcrnhalten: Die öffentlichen Kundgebungen Christlieber Kirchen und Organisationen, in denen die Sympathie, für die Juden und die Ablehnung des Judenhasses zum Ausdruck kommt, seien von der jüdischen Gemeinschaft mit tiefer seelischer Genugtuung aufgenommen worden. ln der Aussprache wurde die Tätigkeit selbsternannter jüdischer Körperschaften• in der Abwehr- Arbeit einmütig verurteilt. In diesem Zusammenhang wurde auch dargelegt, warum der Board die Zusammenarbeit mit dem sogenannten ״Peoples Council“ ablehnt. Dieser habe sich den ״Kampf gegen Faschismus und Antisemitismus“ zum Ziel gesetzt. Die jüdische Gemeinschaft, die jedoch a 1 s solche keine politische Körperschaft ist, lasse sich aber in einen Kampf gegen den Faschismus nicht hineinziehen. Unter faschistischem Regime leben in Italien 50 000 Juden in Sicherheit und freundschaftlichem Verhältnis zu ihren Mitbürgern. Die Bindungen des ״People-־. Council“ an linksstehende Kreise machten es dem ״Board of Deputics“ als jüdischer Gesamtvertretung gleichfalls tmmöglich, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Abwehr des Juden- Hasses müsse unter dem Aspekt der Gesamtjudenheit Englands uad nicht bloß unter dem des East End erfolgen. Soweit der Bericht aus London. Aus ihm ergibt sich: Die Juden als Gesamtheit wehren sich gegen Angriffe. Die Stellungnahme zum Faschismus als einem politischen S y s t e m wird jedoch jeder einzelne nach seiner persönlichen Ueberzeugung entscheiden müssen. Es wird dabei wie überall auch bei den Juden eine Vielfalt von Meinungen geben. Deutsche Forschung zur Judeniruge Veranstaltung des Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland Am Donnerstag, 11 Uhr, fand nach einer DNB.-Meldung in der großen Aula der Universität München die feierliche Eröffnung der F orscliu n g s a b. t e i 1 u!1 g ״Judenfr a g e“ des R e i c h s i 11 s t i t ״ t s für ücsclii c h t c des neuen Deutschland statt. Die Bedeutung dieses kulturpolitischen Ereignisses, das die erste .Kundgebung der gesamten deutschen Wissenschaft zum jüdischen Problem darstellt, wird durch die Anwesenheit zahlreicher Vertreter von Partei und Staat, Wehrmacht und Wissenschaft unterstrichen. Nach einer Ansprache des Präsidenten der bayerischen Akademie der Wissenschaften, Professor Dr. Karl Alexander v- Müller, sprach der Präsident des Rciehsinsfituts für Geschichte des neuen Deutschland, Professor Walther Frank, über das Thema ״Deutsche Wissenschaft und Judenfrage“. Daun trat im großen Senatssaal der Universität München die erste Akademie-Tagung der Forschungsabteiiimg Judenfrage des Reichsinstituts zusammen. rv geschlossenen S i t /. u n g e n dauern vom 21. November. Es werden u. a. folgende Vorgehalten: 19. bis Professor Dr. Gerhard Kittel (Tübingen): ״Die Ent״ 8 f e h u n g des Judentums und die J u d e n f r a g e*; Dozent Dr. Karl Georg Kuhn (Tübingen): ״Die Ent- ®tthung des Talmuds und des talmudischen Denkens“; Professor Dr. Rudolf Tomasch ek (Dresden) in Vertrehuig von Geheimrat Professor Philipp Lenard (Heidelberg): ״Naturforschung und Weltanschauung“; Professor Dr. Hans Alfred Grunsky (München): ״Die Juden frage in der Philosophiegeschicht c“; Professor Dr. Max Wundt (Tübingen): ״Nathan der Weise (Aufklärung und Judentum)“; Professor Dr. Herbert Meyer (Göttingen): ״Das iüdis che Hehl er recht“; Professor Dr. Johannes Heckei (München): ״Der Einbrucli des jüdischen Geistes in das deutsche Staats- und Kirchenrecht durch Friedrich Julius Stahl“; Generaldirektor Dr. Rudolf Buttmann (München): ״Das deutsche Bibliothekswesen und die Judenfrage“; Professor Dr. Hans Bogner (Freiburg i. Br.): ״Die J 11 - denfrage in der griechisch-römischen Welt“; Professor Dr. Johannes Alt (Wiirzburg): ״Voraus- Setzungen und Grundlagen der wissenschaftlichen Bearbeitung der deutschsprachigen jüdischen Li- Professor Dr. Franz Koch (Berlin); ״JakobWasser• Dr. Wilhelm Stapel (Hamburg): ״Durch welche Mittel erreichte das Judentum seine literarische Vormacht- Stellung in Deutschland in der Zeit von 1918 bis 1933?“ An der Pforte des Landes Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter K. L, An Bord der ״Gcrusalemme* Vor Haifa, 9. November Ueberfahrt nach Palästina. Eine Spanne Zeit, un* Distanz zu den Dingen zu gewinnen, die uns beengen, die wir hinter uns zurückgelassen haben und denen wir entgegenfahre״. Das Schiff — ein Judenscliiff wie all die vielen, die Palästina zustreben — bietet ein buntes Bild jüdischen Lebens. Aus allen Enden Europas sind sie zusammengesucht, die hier einem Ziele zufaliren, das für viele von ihnen neu ist, für manche aber dein Gefühle nach vertraut. Clmluzim und Kapitalisten, ״Angeforderte“ lind Touristen, Verwancltenhesueher und Informationsuchende sind es — oft genug i!1 einer Person vereinigt. Dazu kommen die vielen palästinensischen Rückreisenden, die von kürzeren oder längeren Europa- Aufenthalten licimkehren. Die Skala der Reisenden ist also breit genug, um die verschiedensten Typen zu umfassen: Vom polnischen Cliassid mit: Kaftan und Pejoth, der auch beim stürmischsten Wetter in der kleineu Schiffssynagoge Geniore lernt und anscheinend nichts von Neptuns Launen merkt, bis zum bekannten Berliner Gemeinde-Liberalen, der mit den Zionisten oft genug in der Repräsentanz die Klingen gekreuzt bat, vom Mitglied der Agency - Exekutive bis zum Kapellmeister des Berliner Kulturbundes, der nach Palästina führt, um seine Arbeitskraft teilweise dem Huberman-Orchesterzu leihen. Eine Gruppe von Aerzten aus Deutschland fällt besonders auf, die ins Land fahren, um ihre Lizenz zu sichern. Und zwischen ihnen allen Kinder — Kinder aus Palästina und Europa, die stets für Leben zu sorgen wissen. * Und das ist gut so. Wer in früheren Jahren nach Palästina fuhr, konnte von dem fröhlichen Treiben berichten, das die Tage der Ueberfahrt ausfüllte. Heute ist das nicht der Fall. Es fehlt der starke Anteil junger Chaiuzim, aber auch die Stimmung der Reisenden läßt ausgelassene Freude kaum aufkomincn. Die Last der Golah liegt auf allen. Jeder von all den vielen, die als Olim oder Touristen ins Land fahren, trägt sein Schicksal mit sich, und jeder weiß auch, daß er dieses sein Leben in Europa nicht aus dein Gedächtnis streichen kann. Alle erwarten von Palästina eine We n d e ihres Lebens; alle aber wissen auch, welch schwere Sorgen ihrer in Palästina harren, welche Kämpfe sie zu bestehen haben werden, um wirklich Bürger des Landes zu sein. * Der Schiffsreisende ist auf wenige Nachrichten ringewiesen, die ihm der Sciiiffstelegraph übermittelt. Eis ist nun lehrreich, wie Juden auf diese Nachrichten reagieren, welche von ihnen überhaupt ihr Interesse erwecken. Mit größter Spannung erwartete man den Ausgang der Präsidentenwahl in EISA., und als bekannt wurde, daß Roosevelt mit gewaltiger Mehrheit wiedcrgcwiihlt worden war, da begrüßte jedermann diese Nachricht mit einem Aufatmen. — Warum wohl? — Niemand von all denen, die diese Stellung einnahmen, konnte wohl die Tragweite der Sache selbst richtig einschätzen. Aber man interpretierte das Ereignis als ein Bekenntnis des amerikanischen Volkes zur Kontinuität, ein Festhalten des amerikanischen Volkes an seinen Grundsätzen, die allen Bürgern die Möglichkeit der freien Mitwirkung im Staat geben. Die zweite Nachricht, die uns in diesen Tagen erreichte, war die Mitteilung vom arabischer! Boykottbeschluß gegenüber der Königlichen Kommission in Palästina. Dieser Beschluß zeigt, daß die extremen Elemente im arabischen Lager auch jetzt einen sehr starken Einfluß haben. Die Motivierung des Beschlusses allerdings — Boykott der Kommission, weil die jüdische Einwanderung nicht eingestellt wird — erweckt gerade bei denen, die jetzt inmitten ihrer Alijah sind, die Hoffnung, daß sie auch nicht für beschränkte Zeit die Letzten sein werden, die ins Land kommen, sondern daß nach ihnen .Woche um Woche die Schiffe die kostbare Fracht der Menschen bringen werden. * Was suchen sie alle im Lande? Jeder gewiß das persönliche Glück, das er in der alten Heimat nicht oder nur unzureichend finden konnte. Darüber hinaus aber etwas, was ihn mit aH den ande-