Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-11-13 · Heft 91 (13.11.1936) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 91 (13.11.1936)
Date
1936-11-13
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2654007--29839-2691385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4. Jahrgang / Nr. 21 Beilage der ״Jüdischen Rundschau Berlin, den 13. XI. 1936 i's W Das Haus zu den zwei Löwen Vor ungefähr dreihundert Jahren lebte in einem Fischerdorf nicht weit von Köln ein ehrsamer, frommer Mann namens Josua. Er war Fährmann und wohnte in einem Häuschen dicht am breiten Rheinstrom. Kamen Leute, die aut das andere Ufer wollten, so setzte sie Josua in einem kleinen Nachen über. Zuweilen fuhr er auch stromabwärts und brachte die Landleute zur Stadt oder holte sie wieder. Man reiste dazumal noch nicht so viel wie heute, und oft saß Josua stundenlang vor seinem Hause, ohne daß jemand kam. Gern las er auch in den heiligen Büchern, die er von seinem Vater geerbt hatte. Oder er schrieb Thorarollen, die ihm jüdische Gemeinden abkauften. Ueberhaupt die Buchstaben hatten es ihm angetan, und wenn er gerade Lust verspürte, nahm er seinen Farbkasten her und malte ihrer viele Blätter voll, so kunstreich, daß es eine Freude war, sie anzuschauen. Josua hatte eine brave Frau, mit der er' in Eintracht und Frieden lebte. Sie war heiteren und sanften Gemütes und trug ihren Namen Täubchen zu Recht. Und da sie viel Gutes tat und sich fleißig der Kranken und Armen annahm, ohne Aufhebens davon zu machen, waren ihr die Dorfbewohner allesamt von Herzen zugetan. Josua und Täubchen waren die einzigen Juden im Dorfe. Wenn der Schabbat kam, standen sie früh am Morgen Oft saß Josua stundenlang vor seinem Haus S A■ A»■*• * ■ 'juJk | '׳ז fr ."bi; > aut und gingen eine Stunde Wegs weit in die Synagoge nach Deutz, der uralten Judengemeinde gegenüber der großen Stadt Köln. Es war ein schmuckloses, unscheinbares Gotteshaus, in dem sich seit mehr als dreihundert Jahren die Juden von Deutz und den naheliegenden Ortschaften zum Gebet zusammenfanden. Drinnen aber war es heimelig und warm. Durch die bunten Fensterscheiben fiel das Licht aut den Almemor und die Betpulte; es glitzerte in den messingenen Leuchtern, die von der Decke herabhingen; es beschien den heiligen Schrein, der die Thorarollen barg, darunter auch eine, die Josua mit fleißiger Hand geschrieben hatte. Und wenn er betend zur Osfwand gerichtet stand, verweilten seine Blicke oft auf dem samtenen Vorhang, den eichenen Säulen zur Seite, auf den steinernen Tafeln und den zwei vergoldeten Löwen, die sie mit ihren Vorder- *tatzen festhielten. Und einmal kam es ihm in den Sinn, zwei neue Löwen zu schnitzen und sie der Synagoge zu schenken, auf daß sie den alten die heilige Last abnähmen. Es war an einem stürmischen Herbstabend. Da saß der Fährmann mit seinem Weibe in der Stube. Er hielt in seinen Händen ein kräftiges Holz und begann daraus die versprochenen Löwen zu schnitzen; Täubchen, die strickte, sah ihm bei der Arbeit zu. Da pochte jemand heftig an die Haustür; eine rauhe Stimme rief: ״Fährmann, mach auf!“ Josua erhob sich, schob den Riegel zurück und öffnete die Tür. Ein Mann trat ein, der auf seiner Schulter eine schwere Last trug. Er neigte sich zur Seite und der Sack Ein Mann trat ein, der auf seiner Schulter eine schwere Last trug «lumMO ■ w V■ ■■■' ׳f ׳ ־־r ■*rtrs fruS: fiel polternd zur Erde. Dann setzte er sich und holte tief Atem, denn er war viele Stunden mit seiner Bürde gegangen. Als er ein paar Augenblicke geruht hatte, sprach er zu Josua; ״Schiffer, in dem Sack da habe ich einen kostbaren Schatz, du mußt ihn mir noch heute nacht nach Köln bringen, ich werde dir dafür reichen Lohn geben. ״Das geht nicht!“ antwortete Josua, ״schaut nur hinaus zum Rhein und horcht, wie der Sturm wütet; bei solchem Unwetter kann ich unmöglich fahren.“ ״Du wirst es doch tun, es muß sein!“ ״Ich kann nicht, beim besten Willen nicht“, erwiderte Josua. ״Ich werde dir zehn Goldstücke geben.“ Josua blieb bei seiner Weigerung. Der Fremde tat ein paar Schritte durch die Stube; dann blieb er stehen, blickte Josua scharf in die Augen und sprach: ״Wenn du denn durchaus nicht fahren willst, so heb mir den Sack auf, bis ich wiederkomme; aber niemand darf etwas davon erfahren, hörst du?“ Da wich der Fährmann erregt zurück und erwiderte: ״Ihr tragt doch nicht unrecht Gut bei euch? Wer seid ihr?“ Der Fremde sah den Fährmann finster an: ,,Wenn du es wissen willst: ich bin der Räuber Hannes, die Häscher sind mir auf den Fersen, ich Hannes zog einen Dolch und drang auf den Wehrlosen ein WM/a 1! I ^5 י•!. 1 ä Iss *ln . ■ih :.i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.