Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 91 (13.11.1936)
- Date
- 1936-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1 i t י־ tq3& 1' ( < I )Nr.jW / Jahrgang 4i Preis 25 Rpf• JÜDISCHE RUNDSCHAU Scferlftl^Itwigt Vertag u. Anxeigenverwalttm?! Berlin Wl 5, Melnekifelr.lO Fernrafi Semmel-Nammer Jl (Bismarck) $031״ — Bezugspreis einschlie&Hch Bestellgeld i« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5^9. — Postscheck •Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 173*92 (für das übrige Reich), ln Fällen höherer Gew/alt besteht kein Anspruch au( Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. - Erscheint jeden Dienstag and Freitag. BERLIN כ״ח חשוו תרצ״ז FREITAG, 13. NOVEMBER 1936 Gültig! Amzeigenpreisliate Nr. 5• Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Familien י Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vornuszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnaKmeschluB für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag -Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt IQr das indische Volk die Schaffung einer dffentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Weizmanns Rede in Basel Man wird es uns nicht leichter machen“ » Eigenbericht der ״J. R.“ Basel, 11. November Der Präsident der Jewish Agency, Dr. Wcizmann, der sich auf dem Weg von London nach Palästina befindet, sprach in Basel — zum letztenmal, bevor er seine Darlegimgen vor der Kommission machen wird — in einer außerordentlieh stark besuchten öffentlichen Kundgebung, zu der Jeden ans der ganzen weiteren Umgebung berbeigeeilt waren. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Aktion ״Mifal Bizzaron“ (= Oeldsamuilung für Sicherung und Festigung der jüdischen Position in Palästina) statt. Wcizmann hat schon vor etwa 7 Wochen in einer groben Rede in Amsterdam das politische Programm der Jewish Agency entwickelt. Die ״jüd. Rundschau“ hat damals (in Nr. 77) diese Rede ausführlich wiedergegeben. Seine Ausführungen in Basel bewegten sich auf der gleichen Linie, erhalten aber größere Aktualität durch die Tatsache, daß die Kommission inzwischen in Palästina eingetroffen ist und ihre Arbeit beginnt. Weizmanns Baseler Rede deutete an, wie er die jüdische Sache vor der Kommission zu vertreten gedenkt. Man kann den Fragen der Kommission nicht vorgreifen, erklärte Wcizmann, aber einen a 11 g e ni e i - n e n Plan kann man sich zurechtlegen. Wir werden heweisen, sagte Wcizmann, und haben es in einer Periode fruclitbarer Tätigkeit voll Fleiß und Arbeit bewiesen, daß die Aufnahmefähigkeit Palästinas ungeahnt gesteigert werden kann. Die Ursache der Unruhen, ist keine ö k o n o - mische, es kann von einer ״Verdrängung“ der Araber durch die Juden nicht die Rede sein, da die arabische Bevölkerung andauernd steigt, durch natürlichen Zuwachs und durch Zu- Minderung, ihre wirtschaftliche La ge sich ständig verbessert und die Araber heute mehr als je im Lande verwurzelt sind. Eine solche Kolonisation, wie die jüdische in Palästina, die eine dauernde Verbesserung der Lage der ansässigen Bevölkerung bewirkt, ist einzig in der Geschichte. Wenn trotzdem ein arabischer Widerstand besteht, so ist er darauf zurück znfülireri, daß die Araber für ihre Zukunft fürchten, für den Fall, daß sie eine Minorität bilden sollten. Obwohl die Befürchtungen unbegründet sind, müssen wir sie aus der Welt schaffen, und zwar dadurch, daß wir das Verhältnis so gestalten, daß keiner der Teile herrschen und keiner beherrscht wer d c n s o 11. Durch diese politische Parität, die von der Zahl nicht abhängig ist, wird cs möglich sein, einen Weg zum Frieden zu finden. Dieser Vorschlag, meint Wcizmann weiter, wird die Extremisten nicht befriedigen, aber er wird Verständnis finden vor der W e 11 m e i 11 u 11 g, vor der gemäßigten Majorität in Palästina und vor dem Völkerbund als Garanten des Mandates. Wir sind verpflichtet, einen Vorschlag als Diskussionsbasis vorztibringen, aber was wir nicht diskutieren und nie annehmen können, ist eine Regelung, die einen Verzicht auf Positionen bedeutet, die wir bereits inne haben, oder die vorsieht, daß wir dauernd eine Minorität bleiben sollen. Wir haben ein Recht auf Einwanderung, solange das Land aufnahmc f ä h i g ist. Die Kommission wird Vorschläge unterbreiten, um weitere Unruhen in Zukunft zu verhindern; es ist nicht ihre Aufgabe, ein Urteil zu fällen, dagegen kann sie ein Verdienst erwerben, wenn sie der Regierung die Wege aufweist, durch die eine Erreichung des Friedens möglich ist. Was die Kommission uns bringen wird, weiß ich noch nicht; man wird cs uns wohl nicht leichter machen, aber wir werden auch wachsende Schwierigkeiten überwinden. Stürmischer Beifall dankte Wcizmann für seine Rede, zu der Paul Dreyfus-dc Günzburg für den Keren Hajessod die einleitenden Worte gesprochen hatte, in einer anschließenden Zusammenkunft dankte der Präsident des Schweizerischen Zionistenverbandes, Dr, Marcus Cohn, für den Vortrag. W 1׳ i z m a n n nahm herzliche Worte der Verbundenheit und der Segenswünsche für seine Aufgabe, für die er sich nach Palästina begibt, entgegen, und fügte am Schluß noch hinzu: ״Die Arbeit, die vor mir steht, ist nicht eine Last, sondern eine Verantwortung, aber ich bin zuversiclitlicli, denn unsere Taten werden für mich sprechen.“ Am Mittwoch ist Wcizmann nach Palästina wcitergercist. Die Kommission eingetroffien Jerusalem, 12. November (telephonisch). (JTA.) Im Regierungshaus In Jerusalem wurden die Beratungen der L'ntersuchungskommission am 12. November, 3 Uhr nachm., mit einer eindrucksvollen Kundgebung eröffnet, an der die hohen Regierungsbeamten mit dein High Commissioner an der Spitze teilnalimen. Unter den Gästen befanden sich das Konsularcorps, di« Kirchenhäupter (mit Ausnahme des Mufti), die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency, die Vertreter des Jüdischen Nationalrates Palästinas (Waad Leumi) und Repräsentanten aller großen jüdischen Organisationen und Institutionen. Der High Commissioner hielt eine Begrüßungsansprache, in der er die weittragende Bedeutung der jetzt beginnenden Arbeit für die Zukunft des Landes umriß. Er hieß den Vorsitzenden der Kommission Lord Peel und die übrigen Kornmissionsmitglieder in Palästina willkommen und erklärte, niemand wisse besser als er, wie s c h w i e r i g die Aufgabe sei, die die Kommission zu bewältigen habe. Er hege volle Zuversicht, daß die Kommission dank der Weisheit, Erfahrung und Autorität ihrer Mitglieder den Weg zu einer gerechten und für alle Beteiligten billigen Lösung der Probleme finden werde, mit denen Palästina jetzt belastet sei. Ansprache Lord Peels Im Namen der Kommission antwortete ihr Vorsitzender Earl Peel. Er dankte und erklärte, die Kommission werde aufs eifrigste bestrebt sein, ihre Arbeit in absolut voraussetzungsfrerem und öfterem Geiste zu beginnen. Alle Erfahrungen, die von anderen Persönlichkeiten früher in dieser Frage gemacht wurden, und alle Beiträge, die von jhnen zur Lösung der Frage geleistet wurden, sollen fiir die Kommission als vergessen gelten. Keinerlei Bektindungen seien von der Kommission entgegengenommen worden, bevor sie London verließ. Die Kommission hege keine Zwei- Jel über die Schwierigkeit ihrer Aufgabe und gebe sich diesbezüglich keinerlei Illusion hin. An die Bevölkerung Paiäsfinas, ohne Unterschied der Gruppenzugehörigkeit, richtet uie Kommission den Appell, zu den Schwierigkeiten, die ,brer Arbeit entgegenstehen, keine weiteren hinzuzufügen, während die Kommission auf dem Wege nach Palästina **ז, sei dort ein Ereignis eingetreten, das kaum dazu bei- Ragen könne, ihre Arbeit zu erleichtern. Ein großer Teil ״er Bevölkerung habe durch den Mund seiner Führer erbükt, daß er sich von den Arbeiten der Kommission lernb a 11 en wolle. Es würde sehr bedauerlich sein» wenn sich die Kommission genötigt sehen sollte, zu Schlußfolge- Jungen und Entscheidungen zu gelangen, ohne den Rat dieses Bevölkerungsteiles zu hören. ״Die Kgl. Kommission, fuhr Lord Peel fort, sei eine *plikommen unabhängige Körperschaft. Sie trage keinerlei 'erantwortung fiir die gegenwärtige oder frühere Politik der *kgierung. Er appelliere an alle, die Palästina lieben und deren ganze Zukunft mit diesem Lande verknüpft ist, sich den Bestrebungen der Kommission anzuschließen und an ihren Arbeiten teilzunehmen. Es würde, schloß Lord Peel, wahrlich beklagenswert sein, wenn Furcht, Kampf und Zwietracht das Schicksal des Heiligen Landes sein sollte, das einst der ganzen Welt die Botschaft des Friedens und der Verständigung zwischen den Menschen gebracht hat. (Siehe auch Seite 14) Außenminister Beck in London Anläßlich des Besuches des polnischen Außenministers Beck in London waren in der polnischen Presse und im An- Schluß daran in verschiedenen Zeitungen anderer Länder Nachrichten verbreitet, wonach der Minister bei seinen Besprechungen mit dem englischen Außenminister Eden und anderen Mitgliedern der englischen Regierung auch über die Judenfrage in Polen und über die Notwendigkeit der (J f f e 11• h a 11 u n g V a I ä s t i n a s für jüdische Auswanderer aus Polen sprechen werde. Ob diese Absicht tatsächlich a u s g c - führt worden ist und mit welchem Resultat, ist aus dem offiziellen Com 1mmi<|Ue nicht ersichtlich. Eine solche Intervention von Beck würde durchaus in der Linie der in dieser Frage von der polnischen Regierung befolgten Politik liegen. Hat doch erst kürzlich der pol- 11 i sehe Botschafter in London im Außenamt in dieser Angelegenheit vorgesprochen. Ebenso ist die polnische Stellungnahme bei der letzten Vöikerbundsversainmlung in Genf noch in Erinnerung, in der Polen unter Berufung auf seine überschüssigen Juden Kolonien verlangte. In London hat Minister Beck vor Vertretern der Presse erklärt, die polnische Regierung stehe den jüdischen Aspirationen in Palästina und der jüdischen Auswanderung aus Polen nach Palästina mit Sympathie gegenüber. Die Lage der Juden in Polen bezeichnete Beck mit Rücksicht darauf, daß die Juden einen hohen Prozentsatz der Bevölkerung bilden und vorwiegend in den Handelsberufen zusammengedrängt sind, als ein ernstes sozirlcs Problem. Der polnische Außenminister ließ aber nichts darüber verlaufen, ob er bei seinen Besprechungen mit der englischen Regierung die Frage der jüdischen Auswanderung aus Polen nach Palästina erörtert hat. Er sagte mir, die polnische Regierung sei zwar an Auswanderung interessiert, er besitze jedoch bezüglich der Details und Möglichkeiten einer Ein- Wanderung nach Palästina nicht dieselbe Sachkenntnis wie die britische Regierung. * Wenn auch vom Standpunkt einer jüdischen Massenatts- Wanderung aus Polen diese Verhandlungen im Augenblick nicht viel Erfolg versprechen, so ist es dennoch zu begrüßen, daß die englische Regierung, die jetzt vor weittragenden Ent- Scheidungen in bezug auf Palästina steht, in drastischer Weise darauf aufmerksam gemacht wird, daß die ungelöste Jude nt rage einiger Länder ein Problem ersten Ranges isl, dessen Zusammenhang mit dem Pakistinaproblem unter keinen Umständen verkannt werden darf. Brandeis Zu seinem 80. Geburtstag Am heutigen Tage wird Louis ü. Brandeis 80 Jahre alt. Brandeis ist einer aus der kleinen Zahl von Juden unserer Zeit, die eine der höchsten Stellungen im öffentliehen Leben eines großen Landes erlangt haben. Sein Name ist in der europäischen Ocffentlichkeit und bei Fülo: Arciu» den Juden Europas (mit Ausnahme der ihm nahestehenden Zionisten) weniger bekannt, als es sonst bei popu- Liren Figuren der Fall ist. Dies kommt daher, daß der Aufstieg von Brandeis sich ganz und gar im inneren Leben. der. Vereinigten 'Staaten vollzog, aus einer gesellschaftlichen Dynamik heraus, die detn europäischen Betraciiter fern ist. Und doch ist Brandeis, dieser Mann mit echt amerikanischer Haltung und Habitus, zugleich eine einzigartige jüdische Figur, und seine Lehcnsgcsehichte ist ein für das Judentum an der.Grenze des lü. 11. 20. Jahrhunderts aufschlußreiches und charakteristisches Kapitel. Dazu kommt noch, daß Brandeis in einem bestimmten weltgeschichtlichen Augenblick entscheidend in die deschichte des jüdischen Volkes eingegriffen hat. Heute steht dieser ״grand old man“, der ״große alte Mann“ der amerikanischen Judenheit, nicht mehr aktiv im öl feiltliehen jüdischen Leben, aber von seinem Schreibtisch aus, auf dem sich Dokumente und Berichte ans der ganzen jüdischen Welt sammeln, beobachtet er mit klarem Blick und scharfem Verstand alle Ereignisse, berät seine engsten Freunde, lernt und liest unablässig in jüdischen Büchern und Geschichtswcrken. Und ist einer der angesehensten, allgemein verehrten, durch sein unbestechliches Urteil, seinen aufrechten Charakter und seine persönliche Integrität hervorragenden Bürger der Vereinigten Staaten. Die Lebensgeschichie von Louis Brandeis klingt wie eine Romanze aus einer Zeit des Umbruchs in der jiidisehen Entwicklung. Väterlicher- und mütterlicherseits entstammt er einer alten jüdischen Familie, deren Angehörige durch Generationen hindurch eng mit dem Judentum verbunden waren. Auf dem alten Prager Judenfriedhof kam! man durch vier Jahrhunderte zurück die Familie Brandeis verfolgen. Der Vater von Brandeis, aus Prag stammend, stand in der ersten Hälfte des tO. Jahrhun• derts in der liberalen Bewegung und ging nach dem Scheitern der Revolution von 1848 nach Amerika, und zwar nach dem mittleren Westen, um Farmer zu werden. In Louisville im Staate Kentucky wurde nun Louis Brandeis geboren, und so hatte er keinen direkten Zusammenhang mehr mit der jüdischen Familientradition. In einem gänzlich anderen Milieu wuchs er auf, von Jugend an vollständig in der amerikanischen Gedankenwelt lebend — ein gründlicherer Bruch der Kontinuität läßt sich kaum denken! Louis Brandeis wurde später ein berühmter Anwalt in Boston, der die Aufmerksamkeit auf sich zog, weil er in seiner beruflichen Tätigkeit eine ethische und idealistische Note vertrat, die ungewöhnlieh war. Er führte eine Reihe von Prozessen im Interesse der Bevölkerung gegen die Vergewaltigung durch die großen kapitalistischen Trusts. Schon im Jahre 1896 erlangte er im Volksmund den Beinamen ״Der Volksanwalt“. Seine ganze Tätigkeit war von sozialem Geist erfüllt und gegen soziales Unrecht gerichtet. Dieser Haltung ist er bis heute treu geblieben. Seit 1916 ist er Pit f ׳U I ׳ f, f ' » f! fl י . J; » 7 r »1 » |