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Jüdische Rundschau · 1936-11-10 · Heft 90 (10.11.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 90 (10.11.1936)
Date
1936-11-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 90 10 XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Ein neues Jugendbuch Jüdisches Jugendbuch. 6. Jahrgang des Jüdischen Jugendkalenders, herausgegeben vom Emil Bernhard Cohn. — Jüdischer Verlag, Berlin. Unter den Büchern, die für das jüdische Kind bestimmt sind, nimmt Emil Bernhard Cohns Jugendbuch eine besondere Stellung ein. Die Beliebtheit des Buches zeigt sich schon darin, daß es bereits im 6. Jahrgang erscheint und immer wieder neue junge Freunde gewonnen hat. Das wird gewiB auch bei dem diesmaligen Jahrgang der Fall sein, der äußerlich und dem Oehalt nach iür jedes jüdische Kind etwas Schönes bringt. Neben einem Kalendarium für 5697, da» auch einen Stundenplan enthält und eine besonders nette Beigabe des Buches darstelit, bringt das Buch selbst zum erheblichen Teil Beiträge des Herausgebers. Wir finden von ihm ein Geleitgedicht und daneben eine ganze Reihe von Erzählungen. Besonders wohlgeraten ist die Geschichte von Herrn Christobai und seinen Juden, die — wie andere Teile des Buches — von Ernst Markuse mit flotten Zeichnungen illustriert ist. Diese Geschichte rankt sich um Christoph Columbus und stellt eine Episode aus der Ent* deckung Amerikas dar. ln die Gegenwart führt die Er• Zahlung des gleichen Verfassers ״Land in Aufruhr“, die ein Abenteuer eines frischen Jungen im heutigen Palästina er• zählt. An Heinrich Heines Kindheitstage knüpfen persönliche Erinnerungen des Autors an; das gleiche gilt von den Erinncrungen an ״Neuhebräisch vor 40 Jahren“. Diesen Beiträgen folgen zwei nette Spiele, die von vielen Kindern und Schulklassen aufgeführt werden dürften, von Gerda Senser, ganz reizend illustriert von Edith Samuel. Das erste Spiel behandelt den Besuch der Königin von Saba bei Salomo, während das zweite das Thema Ruth zum Inhalt hat. Eduard Levy erzählt von Chelmcrn Naronim und Herschels Ostropole, während Fritz Hochfeld über Jargon und Jiddisch plaudert. Eine Erzählung von Mosenthal führt in eine noch gar nicht so ferne, dennoch aber der heutigen Jugend bereits entschwundene Zeit, in ein kleine» deutsches Städtchen mit einer Judengemeinde im vergangenen Jahrhundert zurück. Zu diesen Beiträgen gesellen sich Gedichte von Leopold Marx, E. L. Lädier, Arthur Freud, Jehuda Halevi und Morris Rosen fei d (in Uebersetzungen) sowie Rätsel und das immer beliebte ״Frag mich was“. Herzl-Worte, die geschickt ausgewählt sind, und «ine Reihe von Bildseiten vervollständigen das Buch, das ebenso unterhaltend wie amüsant und in allen Teilen von vortrefflicher Haltung ist. Es wird die Jugend erfreuen und Eltern und Lesern ein erwünschtes Geschenk bieten. oe. Ein Frauen-Leben Prance* Külpe: ״Mütter und Töchter“. — Dieselbe! ״Und Tächter werden Mütter“. Ein Roman aus dem Leben. Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich und Leipzig. In einem zweibändigen Roman zieht die baltische, jetzt 115 70jährige in der Schweiz lebende Schriftstellerin die Bilanz ihres Lebens. Sie kommt aus einer kleinbürgerlich beschränkien Welt, löst sich von Enge und Vorurteilen und findet den Weg zu eigener Pcrsöniichkeitsentfaltung. Wie schwer diese Kraff zur Selbständigkeit und inneren Wahrhaftigkeit erworben werden muß, kann man ermessen, wenn man bedenkt, wie sich ein Mädchen (und später Frau) jener Ocnera- Hon im Bürgertum des zaristischen Rußland gegen Ein- Wirkungen und Werturteile ihrer Umwelt wehren mußte. Diidu, die Heldin des Romans, befreit sich aus der Ehe mit einem Schwächling und hat in der zweiten Ehe mit dem Pastor weit ernstere Probleme zu bewältigen. Stark bewegt von religiösen Fragen, findet sie nicht immer die Uebereinitimmung mit dem gradlinigen Christentum ihres Gatten. Sie neigt zu einer Humanitätsreligion, in deren Licht sie auch die Judenfrage sieht, in einer der rührendsten Szenen des Buches verteidigt sie einen alten Juden, der bei ihr ein Bila seiner verstorbenen Frau bestellt, gegen das Mißtrauen ihres Gatten, der nicht glaubt, daß der Jude den Preis zahlen wird. Als dann im letzten Moment vor der Abreise der Pastorsfamilie der Jude atemlos gelaufen kommt, um seine Schuld zu bezahlen, ist dies ein symbolischer Vorgang und eine Rechtfertigung von Dudus Glauben an das Echte und Wahre in alien Menschen. Auch andere jüdische Gestalten gehen durch das Buch, freilich nur in loser Berührung. Als Dudu mit dem bildungshungrigen 18jährigen ״Sohn des Galosclienliämllcrs Koben“ spricht, der sie um Literaturunterricht bittet, da — so heißt es in dem Buche — sah Dudu ״die ungeheure Kette von Leid und Schmach, die jahrhundertelang von den Gliedern dieses Volkes getragen worden war, und an der sie immer noch schleppten, als sei es eine Selbstverständlichkeit.“ Hier scheint für Dudu ein Problem des praktischen Christenturne noch offen zu sein. Die Autorin gelangt schließlich, wenn wir recht verstehen, zur Theosophie; ihr Werdegang ist gerade für Menschen, die selbst aus ganz anderen Welten kommen, ein Einblick in den Wandel von Lebens- und Gesellschaftsansehaimngen im letzten halben Jahrhundert. Ein König und sechs Frauen Francis Hacket!: ״Heinrich VIII.“ Verlag Rowohlt, Berlin. Vor kurzem zeigten wir an dieser Stelle das neue Buch von Hackett über den französischen König Franz I. an. Der Vorläufer dieses Werkes, die umfangreiche Studie über Heinrich VfII., ist von besonderer Kraft der Darstellung und ausgezeichnet durch eine souveräne Beherrschung des Stoffes. Heinrich ist jener merkwürdige König, der sechsmal in seinem Lehen heiratete, zwei seiner Frauen köpfen ließ, zwei in die Verbannung schickte, ein Schicksal, dein seine letzte Frau nur dadurch entging, daß er rechtzeitig starb; nur mit einer Frau ist Heinrich glücklich gewesen, und sie wurde ihm früh durch den Tod entrissen. Hackett versteht es meisterhaft, die zahlreichen Umstände darzulegcn, die das verschlungene Leben jenes cholerisch veranlagten Fürsten formten; aus Politik, Religion, Machthunger, Intrigen, Krankheitert schält sich allmählich ein Bild des Menschen und seiner Zeit heraus: kurz nach der Vertreibung der Juden aus Spanien, als die Welt in den Strudel der Reformation gerät, England die Loslösung von Rom vollzieht und neue Staats- V'::;sen und Gedankensysteme sich anbahnen. N. Josef Maria Frank: ״Per und Petra“. Ein Bornholm-Roman. Universitas Deutsche Verlags-A.-G,, Berlin. So manchem unserer Leser, der einmal Ferien auf der östlichen dänischen Insel Bornholm verbracht hat, wird die czaubernde Landschaft und das liebenswürdige Volk unverge Blich sein. Der Roman von Frank führt uns mitten in diese Landschaft und dieses insulare Bauernvolk, er hat den zarten atmosphärischen Hauch dieser kleinen nordischen Welt; und darin steht die ergreifende Geschichte von Petra, der treuen und standhaften Frau, die auch den Mann nach manchen Wirrsalen zu sich selbst zurückführt. Es ist ein Epos erdnaher Menschen, deren natur- und heimatverbundenes Wesen sich in ihrem Leben ausprägt. Romane Alexander Jakowlew: ״Der Mensch und die Steppe“. Roman. Herbert Keichner Verlag, Wien. Der Russe Alexander Jakowlew hat es in seinem Roman meisterhaft verstanden, uns in die Wolgalandschaft mit der Unendlichkeit ihrer Steppe und ihrer Menschen einzufühien. Sein Roman beschäftigt sich mit dem Schicksal einer russisehen Familie, den Andronows, Kaufleuten und Oroßgnind* besitzern, die allmählich — wir erleben drei Generationen — die Steppe erobern. Durch großzügige Kolonisation machen sie das Steppenland urbar und werden dank ihrer Zähigkeit, ihrem Mut und Geschick Herren der Steppe, mächtig und reich. Aber nicht für immer bleiben sie die Sieger der Steppe; die Steppe wird Kriegsschauplatz, der Bürgerkrieg, der in ihr wütet, vernichtet ihre Besitztümer, und sie verlieren alles. Allein und vollständig verarmt stirbt Viktor Andronow, der Held des Romans in der Steppe auf der .. .— I , .- Rfir'hor? Buchhandlung Martin Salomon UU V* I l.w I * Berlin NO 43. *•u• 79 '; E 3 2639 .-־ Flucht. Abgesehen von den wunderbaren Naturschilderungen, die eine besondere Verbundenheit des Autors mit der Steppennatur erkennen lassen, der feinen Charakteristik ihrer Mensehen, interessiert uns an diesem Roman besonders die Frage der Kolonisation, die zwischen einem Professor der Agronomie und dein alten Andronow erörtert wird. — Die Uebersetzung von Boris Krotkow ist ausgezeichnet. Gerhart Pohl: Die BrUder Wagemann. Roman. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart-Berlin. Es gibt wenige große dramatisch« Motive, und das Feindlichc׳-ßnider-Motiv oder, wie man es nach seiner ersten und ein für allemal klassischen Gestaltung nennen darf, das Kain - und - Abel - Motiv ist vidieicht das größte, das Epiker und Dramatiker aller Literaturen nicht müde werden, immer von neuem abzuwandcln. Auch in diesem Roman ist der ältere Bruder der Kain, der zwiespältige, machtverführte, ehrgeizzerfressene und nach seiner grausen Tat der unstete, aber endlich doch gelöste und nur plötzlich, scheinbar erundlos dennoch vom Blitz erschlagene Mörder. Der jüngere Bruder Wagemann aber hat auch das Helle, Klare, Einhellige, Lichte und Treue von Abels Urbild. Und die Tat geschieht wie zufällig, in einer politischen Schlägerei zwischen schlesischen Freischärlern und Arbeitern der ersten Nachkriegsjahre, und der offensichtliche Anlaß der Brüderfeindschaft ist eine Frau, die ein Kind des Ermordeten trägt und daun die Frau des Mörders wird und ihn so gewissermaßen entsühnt. Dieser Roman ist ganz hinreißend aufgebaut, und kein virtuoser Kriminalromanlöwe hätte die einzelnen Phasen der erregenden Handlungen, ihre Ritardandos und Explosionen geschickter Ineinander fügen können. Darüber hinaus spürt man den dichterischen Anspruch und Elan. Aber eben darin wird das Ganze problematisch. Diese Sprache ist noch nicht klar gegoren, noch nicht zur Ruhe des reinen Erzählens gekommen, aber nicht aus originalitätssüchtiger Schwäche, sondern, mau spürt das immer wieder, aus Kraftüberschuß und innerem Kampf, wir sind auch darin noch, wie der eine W’agemanti es formuliert, ״die Generation ohne Gnade“, die sielt alles am schwersten erkämpfen muß. Und doch gibt cs auch in diesem Roman schon ganz klare, schöne Perlen, z. B. einen Satz von einem alten Wciblein, ״daß sich Perle um Perle in die andere Welt hinüberbetet“', H, Die erste Uebersetzung des Talmud vollendet Während von dem viel weniger umfangreichen ״Jerusafemischen Talmud“ eine vollständige französische Üeber- Setzung erschienen ist, war der ״Babylonische Talmud“ bisher noch nicht zur Gänze in eine andere Sprache übertragen worden. Im 10. Jahrhundert wurde mehrfach ver* sucht, dieses dem Namen nach zwar allen bekannte, aber nur von sehr wenigen wirklich gekannte Fumlamentalwerk der jüdischen Religion zu übersetzen. Alle diese Versuche sind jedoch an dem ungeheuren Umfang dieser aller Wissens- und Lebensgebiete des antiken Judentums umfassenden Enzykiopädie und an den Schwierigkeiten ihres Textes gescheitert. Auch dem 1896 von Lazarus G 0 1 d s c h in i d t begonnenen Unternehmen einer vollständigen deutschen IJebcriragung des Babylonischen Talmud wurde das gleiche Schicksal prophezeit. Trotz alleT sachlichen und persönlichen Schwierigkeiten hat Goldschmidt seine Riesenaufgabe jedoch in vierzigjähriger Arbeit ohne fremde Hilfe zu Ende geführt, so daß er jetzt das Werk abschließen konnte. Im Jüdisches Verlag, Berlin, ist das Werk in zwölf Bänden erschienen. Der letzte Band dieser Ausgabe, enthaltend die Traktate Temura. Kerethoth, Mcila, Tamid, Middath, Qinnim, Nidda und die Mischna Taharufh ist soeben herausgekommen. Die zwölf hervorragend ausgestatteten Bände enthalten rund 10 000 Seifen. Demgegenüber ist der Preis für das Gesamtwerk (216 RM. für die Ausgabe in Ganzleinen und 252 RM, iür die Halblederatisgabe) als gering zu bezeichnen. Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung^ am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimslhaler Straße 43-44 Mitglied der jüdischer. Gemeinde Telefon BUjrfl*rek 6506 Zusendung nach allen StAcitteilen und er war sehr aufgeregt... Er konnte sich nicht erinnern. Nein, er war eher sicher. Er glaube, nein. Gewiß nicht Pandres Anwalt wollte wissen, wieso er das aui einmal so gewiß wußte, wenn er einen Augenblick vorher noch gesagt hätte, er glaube es nicht, /,wischen nicht glauben und gewiß wissen wäre ein Unterschied. ״Ich glaube, ich bin gewiß, daß der Zeuge sich vor irgend jemandem fürchtet und deshalb bin ich sicher, daß er nicht die Wahrheit sagt!“ Aber der Staatsanwalt griff ein. Wie kam der Fuhrmann Überhaupt dazu, sich einzumischen, und den Sladlhauptmann in der Ausübung seines Amtes zu behindern? Während er den Eigentümer nach den Ursachen des Feuers fragte? Damit war Pandre beinahe erledigt. Aber sein Anwalt brachte als letzten, schwerwiegenden Beweis «inen Brief der Gutsherrin vor, eine beeidete und vor dem Notar beglaubigte Aussage als Bestätigung, daß I’andre nicht nur einmal, sondern bei verschiedenen Gelegenheiten »ein Leben für andere einsetzte. ״Die Dame ist gegenwärtig in Petersburg und leidend, kann also nicht selbst"kommen, um ihre Aussage persönlich zu machen“, hieß cs. ״Aber sie bestätigt mit eigener Hand, daß der Schklower Börger Noah Pandre ihr das Leben gerettet hat, als ihre Pferde mit der Equipage durchgegangen waren und sie sich für verloren hielt. Sie erinnert sich auch genau, daß Noah Pandre in dem Augenblick seinen Korb voll Fleisch, den er zu seinen Kunden tragen wollte, achtlos fallen ließ, den Hunden zum Fräße, nur um eine Unbekannte zu retten.“ Und sie drückte ihm hiermit öffentlich ihren Dank aus, den Dank einer Hochgeborenen. Der Brief stimmte den Gerichtshof wieder zu Pandres Gunsten, Er wurde nur zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt, und die sechs Monate Untersuchungshaft wurden ungerechnet. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL / DER KAMPF In den sechs Monaten, die Pandre im Arrest verbracht hatte, hatte er sich etwas an die Stickluft des Gefängnisse# gewöhnt, an die Arrestanten, an die Gitterfenster. Trotzdem schien ihm, als er nun nach dem Urteilsspruch in» Gefängnis k«m, um sein Straf Jahr hier abzusitzen, die Luft den Atem lu nehmen. Alle Hoffnung schwand. Viel trug dazu bei, daß er an Stelle der eigenen Kleider, die er bisher hatte tragen dürfen, die Gelungen entrecht anzichen mußte, mit ihrem Geruch nach fremdem Schweiß. Diese winterlichen Fuhrmannskleider waren natürlich jetzt zu wann und zu abgenutzt. Aber es hing doch noch der Hauch der freien Straße daran, der Geruch dar Heimat, di« Erinnerung an den Kutschersitz und an seine Frau. Er hatte oft den Knopf an seineT dunklen Jacke angeschaut, den Mari gerade am Tage vor seiner Verhaftung in der Eile mit weißem Garn angenäht hatt«, und das Herz hatte ihm dabei süß gepocht. Während er in seinen schweren Wintersachen schwitzte, hatte ihn das Gefühl getröstet, daß er für nicht» im Gefängnis saß, und frei sein würde, sobald die Verhandlung vorüber war. Er saß also im Gefängnis, wie man in einer schlechten Schenke sitzt, auf halbem Wege, utn einen Regenguß abzuwarten und weitevzugehen, sobald er nachläßt. Die Nachricht vom Tode des Rabbi schlug ihn zum ersten Male nieder. Dann kam es ärger und ärger — die Nachricht vom Schicksal der Pferde, von Senders Tod; und die Unruhe wuchs. Jetzt erst, heute, ausgeliefert, umeekleidet, ln der widrigen Luft, fühlte er, daß er wirklich ein Gefangener war, wie ule anderen, und daß er die Zähne zusammenbeißen und es aushalten mußte. Pandre ging durch den Saal wie ein nackter Mensch durch die Dämpfkammer im Bad; er sieht einen Mischmasch von Dampf und Leibern; dann erst wird es ihm klarer vor den Augen. Der Wärter zeigte ihm einen freien Platz, und Pandre legte sein Bündel auf die breite schmutzige Pritsche, die den Gefangenen als Sitz und Tisch und Bett zu dienen hatte. Er setzte sich, zog einen Fuß unter sich, und döste vor sich hin. Hoffentlich würde man ihm Arbeit geben. Schwere Arbeit. Er mußte schuften, um zu vergossen. Auch da« angestandene Blut in seinen Adern verlangte nach Arbeit. Und ebenso »eine leere Tasche. Er hatte keine Kopeke. Wer sollte ihm auch etwas schicken? Sein« arme Schwiegermutter atand in Schklow auf dem Markt den ganzen Tag und verkaufte den Bauern Kreuzerkuchen. Wer weiß, ob sie und Meri genug zu essen haltenl Oh, Pandre, schön ist das! Du hast dem Millionär geholfen — da• hast du nun davon! Wie Pandre so dasaß, kam ein kleingewachsener Arrestant aui ihn zu. Ein Junger Mensch, mit lebhaften Augen und krausem Ilaar. An den Füßon trug er ein Paar zu große, gute Pantoffel, die wenig zu dem Zuchthausanzug paßten, der wie ein Sack um ihn hing. Er schaut« Pandre besorgt an, die breiten Schultern, die schweben Fäuste, die schwellenden Muskeln unter seiner Jacke, das harte Kinn mit dem Grübchen darin. Dünn fragte er unsicher: ״Jud?“ ״Ilm!“ nickte Pandre. ״Du —?“ Fröhliche Feuerehen tanzten in den Augen des ander«!. ״Siehst es dochAber du — Uab’ icli kaum geglaubt. — Wie lange sollst du denn sitzen?“ ״Ein Jahr noch!" ״Pah!“ machte der andere wegwerfend. ״Da« ist doch gar nichts! Was hast du denn gemacht י Ein Pferd gestohlen?“ ״Nein“, sagte Pandre ״Ein Fuhrmann stiehlt keine Pferde!“ ״Hast du einem einen Rippenstoß gegeben?“ ״Nein. Ich hob keinen geschlagen. Sie haben lauter Lügen von mir erzählt. Ich soll den Stadthauptmann und zwei Polizisten niedergeschlagen haben.“ Pandre sagte das mit einem trüben Lächeln, tind der andere krümmte sich vor Lachen. ״So! Also sonst hast du nicht» getan? Den Stadthauptmann und noch zwei Polizisten? Sag mal, hast du sie wenigstens anständig verhauen?“ Das war neu für Pandre. Zum erstenmal seit »einer Verhaftung vor einem halben Jahr traf er jemanden, der nicht vor seiner Untat erschrak, sondern sogar lachte. ״Du bist gut weggekommen“, lächelte der andere. ״Bloß ein Jahr! Da» ist gar *Juchts 1“ Pandre merkte plötzlich, daß er viel zu viel mit einem Unbekannten redete. Sein Anwalt hatte ihn vor der Verhandlung davor gewarnt. Also unterbrach er kurz; ״Und wer bist du?“ Der andere war verwundert, als ob einer fragte, ob zweimal zwei vier wäre. ״Ich? Hast nie von Scheitel, dem Dieb, gehört?“ Die Offenherzigkeit der kurzen Antwort trieb Pandre das warme Blut ins Gesicht, er wurde rot. Dieser Junge schien tatsächlich stolz zu sein auf sein Fach, protzt« damit, wie ein Krätziger mit seinem Grind! Aber sein Blick war offen, •r sah gar nicht schlimm aus. Viel eher wie ein Mensch, der seine Börse voll Geld weitherzig einem Fremden in den Schoß wirft, ohne Angst, daß jemand etwas herausnahm. Pandre mußte wider Willen lächeln. Er sagte: ״So, Also kurz und gut. Einfach Dieb.“ Der junge Mann nahm das als gebührende Bestätigung und antwortete ernsthaft: 30״ einfach ist das nun wieder nicht Man riskiert seinen Hals! Und schließlich sind die Pantoffel hier alles, was mir Übriggeblieben ist. Aber mit Gottes Hilfe —“ und er fuhr mit leiserer Stimme fort — ״wenn ich erst hier wieder raus bin...“ Pandre war empört, daß Gott mit diesem zweifelhaften Gewerbe in Beziehung gebracht wurde. (Fortsetzung folgt)

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