Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 89 (6.11.1936)
- Date
- 1936-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2654005--29779-2691323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU Bdirlftleitang,Verlag וו• Anxelgenverwaltangt Berlin Wl$t Melnekeatr.10 fernrnf t Simmel Nummer j 1 (Bismarck) 9031, — EW.u^-spms einschließlich Bestellgeld j« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 b*w. KM 5,39, — Postscheck ־ Konten der Vertriebs - Abteilung״ Berlin 71573 (für Groß ־ Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). ln Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Ke7ug«gehijhrcn. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag. BERLIN ב״א חשוו תרצ״ז FREITAG, 6. NOVEMBER 1936 GBltlff! Anzelgenpreisllate Nr, 5. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf״ für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme ron Anreigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätten wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit*- anteigen nur gegen Vorauszahlung auf Postsrhedk * Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi» Freitag 9—18 Uhr, Annahmeschluß für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, fiir di« Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anteigen an» Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstreb♦ für das jOdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Roosevclts Sieg Der gewaltige Wahlsieg des Präsidenten Roosevelt, der!])gemein als eines der wichtigsten Ereignisse der zeitgenössi• sehen Geschichte empfunden wird, leitet eine neue Epoche der Entwicklung Amerikas ein. Dies ist für das jüdische Volk insofern hedeuf1111g־svoll, als die größte jüdische Gruppe der Welt in den Vereinigten Staaten lebt und an ihrem Aufbau aktivsten Anteil nimmt. Obwohl die Juden als solche keine besondere Partei bilden, so ist doch anzuncliiiH'ii, daß die große Mehrheit der Juden — ebenso wie ja die Mehrheit aller Amerikaner — für Roosevelt gestimmt hat. Die Wahl Roosevclts ist aber weit über das bloß amerikanische Feld bedeutungsvoll. Denn Roosevelt, der jetzt nach der Wahl fast unbeschrankte politische Bewegungsfreiheit haben wird, kann auch i!1 anderen Weltfragen viel gewichtiger seine Stimme erheben als zuvor. Als Juden und als Menschen hoffen und wünschen wir, daß er den Weg finden wird, um das ganze Gewicht Amerikas zugunsten der Erhaltung des Weltfriedens, nach dem alle Volker lechzen, in die Waagschale zu werfen. Was speziell jüdische Interessen betrifft, so könnte die Haltung der Vereinigten Staaten für das jetzt im Vordergrund stehende Palästina- P r o b I e m von großem Einfluß sein. Fs sei daran erinnert, daß die Regierung der Vereinigten Staaten schon vor 20 Jahren bei der Vorbereitung der Haifoitr-1 )ek'aration nutgewirkt hat. Der damalige Präsident Wilson, dem der in diesem Monat sein SO. Lebensjahr vollendende Brandeis besonders nahestand, hat sich für die Idee des Jüdischen Natioiialhcims eingesetzt, und die Vereinigten Staaten haben, obwohl sie nicht Mitglied tles Völkerbundes sind und daher die Verwaltung des Mandats nicht niitkontrollieren, durch eine spezielle Vereinbarung mit Großbritannien eine Stellung erhalten, die ihr Interesse an der Durchführung des Mandats dokumentiert. Präsident Roosevelt hat bei einer großen Zahl von Gelegenheiten seine Sympathie für das Jüdische Nationalhcim w<v.l für die Arbeit in Palästina ausgesprochen. Die ״Jüdische Randschau“ hat die Botschaften, die Roosevelt an vc-rschiedfiie zionistische Tagungen noch in den letzten Wochen;aiidte, jeweils veröffentlicht. Zu einem jetzt in Amerika trscheinendeii Jahrbuch, in dein die jüdischen Leistlingen in Palästina dargestellt werden, hat Roosevelt ein Schreiben an den ״United Palestine Appeal" gerichtet, in dein er darauf hinweist, daß ״jedes Volk ein unerschütterliches Recht auf Leben,_ Freiheit und Streben nach Glück hat. Völkerrechtlieh sei den Juden das Recht auf Wiederansiedlung im Lande zuerkannt worden, in dem ihre Religion entstand und dem die moderne Kultur viel verdankt“. Roosevelt hat einmal scherzhaft gesagt, der jüdische Aufbau Palästinas sei zu vergleichen mit dem ״New Deal“, den Roosevelt selbst in Amerika durchgeführt hat. Die Pioniere des jüdischen Aufbaues seien auch Arbeiter au einem ״New Deal“. Die a m e r i k a 11 is e 11 c J u d e n 11 « i t, was auch immer sie sonst für Differenzen haben möge, stellt geschlossen hinter dem Palästina-Gedanken. Präsident Roosevelt hat den amerikanischen Juden wiederholt seine Hilfe in dieser Sache z ti gesagt. Die Stunde, da entschlossene Mille not tut, kann nahe sein. in der Wahlkampagne gegen Roosevelt wurde, wie unser amerikanischer Beriebivrsiatler wiederholt mitgeteilt hat, auch das antisemitische A r g u in c!1t verwendet. Man hat ihm vorgeworfen, daß viele seiner Mitarbeiter I 11 d e!1 sind. Wie das Resultat beweist, ist dieses Argument bei der großen ,Mehrheit der Amerikaner wirkungslos geblieben. Unter den jüdischen Mitarbeitern Roosevelts sind zu nennen vor allem Gouverneur Lehman von New York, der jetzt auch mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde; der Schatzkanzlcr M. o r ge 11111 an; ferner gilt als einflußreicher Ratgeber des Präsidenten Prof. Felix Frankf 11 r t e r. (Dieser war früher in der zionistischen Bewegung aktiv tätig und hat während der Frieilcnskouferenz in Ver* sailies 1910 die Verhandlungen mit Emir Feisal geführt, der einen offiziellen Brief an Frankfurter schrieb, in dem die arabische Zustimmung zur Errichtung des Jüdischen Nationalhcims ausgesprochen wird.) Offenbar infolge dieser antisemitischen Kampagne ist Roosevelt von Pressevertretern einmal befragt worden, ob er von Juden abstammc. Er hat darauf erwidert: ,,Meine Almen sind vor 300 Jahren aus Mailand liier eingewaiidert. Ob diese holländischen Vorfahren Juden, Katholiken oder Protestanten waren, kümmert mich nicht, solange ich weiß, daß sie gute Bürger und gottesgläubig waren.“ Die J u d c n in A m e r i k a können unter Roosevelt voller Gleichberechtigung sicher sein. Er hat seine Grundsätze über die G 1 c i c h b e h a n d 111 n g aller Minder• heiten wiederholt offiziell proklamiert. Itn Mai dieses Jahres hat er einer jüdischen Versammlung in New York durch den Innenminister lekes, der persönlich anwesend war, eine Botschaft übermittelt, die wir damals in der ״J. R.“ veröffentlicht haben und in der cs hieß; ״Präsident Roosevelt hat mich beauftragt, Ihnen als einem wertvollen Element der Nation zu sagen, daß er der Ueberzeugung ist, daß eine wahre, dauernde Verstlindigung zwischen den Nationen nicht möglich ist, solange Minderheiten unter ihnen das Recht, ein normales!.eben zu führen, entbehren. Der Präsident bringt durch mich Ihnen, als den Vertretern einer großen, mannhaflen Rasse, den festen Glauben zum Ausdruck, daß die Regierting der Vereinigten Staaten als Vollstreckerin des Volkswillens den innerhalb ihrer Grenzen lebenden Minderheiten stets achtsame Obluit widmen und jene vitalen Rechte unverletzt aufrechterhalten wird, die die Verfassung auch dem bescheidensten unserer Bürger gewährleistet.“ Diese Grundsätze sind eine Gewähr für die Juden Arnerikas, daß sie uater Rascevelts Regierung die Möglichkeit positiver Mitarbeit im amerikanischen Leben haben werden. Unter den vielen tausenden Glückwünschen, die dem Priisideuten zu seiner Wahl zugehen, werden gewiß auch viele jüdische sein. Beirat der Reichsvertretung tagt Bekenntnis zu Palästina Wir erhalten folgendes Communique: Am 2. November trat in Frankfurt a. M. der neugeschaffene Rat bei der Reichsvertretting der Juden in Deutschland, der die Vertreter der Landesverbände jüdischer Gemeinden und der großen jüdischen Organisationen umfaßt, *tun erstenmal zusammen. In dieser Sitzung gab der Rat von der Gesamtheit der Aufgaben Rechenschaft, deren Erhillmig die Arbeit der kommenden Atonale zugewandt sein muß. Während der Umfang der Aufgaben immer größer geworden ist, wird die Leistungsfähigkeit der Gemeinden und der jüdischen Gesamtheit in Deutschland durch die Verminderung der Zahl und der wirtschaftlichen Kräfte der Juden in Deutschland immer schwächer. Es herrschte lieber- Einstimmung, daß nur fester, selbstloser Zusammenschluß und echte Opferbereitschaft die Gewähr dafür geben können, daß unsere Gemeinschaft in •geschichtlicher Zeit den großen und schweren Pflichten gerecht werden kann, die sie erfüllen muß. In der Beratung des Rates kam allseitig zum Ausdruck, daß Vorbereitung und I )urchführrmg der Aus w a nder 11 n g m alle Länder, B e r 11 f s 11 m s c h i c h t u 11 g, Sc h 111 ״ und מ i I d u n g s sv e s e n, Wirtschaftshilfe und W ohl- •alt rts pflege das Kernstück der Arbeit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland sind und in der nächsten *-eit bleiben werden. Die Aufbringung der Mittel für die Erfüllung dieser Aufgaben obliegt zum erheblichen Teil dem Zentralaus• jehuß für Hilfe und Auf b a 11 bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Er hilft den Angehörigen unserer Gemeinschaft, denen eine Lebensniöglichkeit erhalten werden soll, sowie denen, die ihre Zukunft in anderen Ländern aufhaueri wollen. Der Zenfr’alatissdurß muß daher noch mehr als bisher ein Gemeinschaftswerk aller Juden in Deutschland werden. Bei der Beratung des Rates herrschte ferner Ucbercin- )'mtniung, daß auch weiterhin überaus dringlich die Aufgabe lsk mit allen Kräften an der Neugestaltung Midischert Schicksals in Palästina zu wirken, das in den letzten Jahren Zehntausemlen jüdischer Menschen aus Deutschland zur neuen Heimat geworden ist. Die Juden in Palästina schicken sich an, die Wunden, die schwere Kampfesmonate geschlagen Italien, in ungebrochener Aufbaukraft zu heilen. Der Bereitschaft der Juden in der ganzen Welt muß auch in Deutschland die über das gewohnte Maß hinausgehende Mitarbeit aller Juden am Aufbau Palästinas entsprechen. Mit ihrem Opfer für den Keren Hajessod (Jüdisches Palästina«־erk e. V.), dessen Arbeit in diesem Jahr im Zeichen des ״Mifai Bi/zaron u'w itacium“ (.Festigung, Sicherung und Erweiterung des Aufbauwerkes) steht, erhörtet auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ihren Ans p r 11 c h a 11 f O f f e 11 h a 11 u n g der Tore Palästinas und aut die Verwirklichung der Ralfotir-IDeklaration und des Palästina-Mandats. In der Beratung des Rates kam zum Ausdruck, daß die L a n d e sver b a n d e j ii bischer G e 111 e i n d e!1, die jiitlisclicn Gemeinden und jüdischen Organisationen bisher bemüht waren und auch für die Folge bemüht sein werden, alles zu tun, um den an sie gestellten Anforderungen nach Kräften nadmikomrnen. Unabwcisiiche Voraussetzung der Bewältigung der dringenden Aufgabe ist cs aber, daß jeder einzelne Jude in Deutschland das Gebot der Gemeinschaft aus ganzer Kraft verwirklicht. 1800 neue Zertifikate Wie uns nach Schluß des Blattes aus London telephoniert wird, hat Kolonialminister Ormsby-Gore Donnerstag abend im englischen Unterhaus bekanntgegeben, daß die Regierung beschlossen hat, der Jewish Agency fiir das im Oktober beginnende Halbjahr ein Sehedule von 1800 Zertifikaten zu bewilligen. Inbegriffen sind 300 Zertifikate fiir Juden aus Deutschland, die unter Kapitalisten- Kategorie eingewandert sind, aber bisher ihr Vermögen nicht transferieren konnten. Lord Peels Abreise Neue Zertifikate — Englische Methoden — Für Einheit in Tel-Awiw — Semesterbeginn auf dem Skopus Die Nachricht, daß die englische Regierung am Tage der Abreise der Poel-Kommission ein neues Zertiiikats-Schcdule bewilligt hat, muß als ein politisch es Faktum ersten Ranges gewertet werden. Es ist ein Erfolg, zu dem man die Jewish Agency und Dr. Weizmann beglückwünschen kann. Eine arabische Zeitung ist der Meinung, der Kolonienminister habe für den Lag des Eintreffens der Untersuchungs-Kommission die Einstellung der jii disehen Einwanderung in Aussicht gestellt. Es hat sich gezeigt, daß diese Behauptung falsch war. Sie stellt auch im Widerspruch mit den offiziellen Erklärungen Onnsbv-C)ores, daß England unter keinen Umständen der Gewaltpolitik weichen werde und eine bedingungslose Einstellung tles Streiks und der Unruhen gefordert wurde. Von jüdischer Seite ist unzweideutig klargemacht worden, daß eine Einstellung der Limvnnderung als eine schwere Verletzung der wichtigsten Mandatsbestimmung betrachtet werden müßte. Aber auch abgesehen von solchen Legitiinitiitsgesichtspunkten ist die Fortdauer der Einwanderung ein elementares Bedürfnis, das begründet ist in den aller Welt bekannten Tatsachen. Soeben erst hat, wie gemeldet wird, der polnische Botschafter im englischen Außenamt Vorstellungen erhoben, um eine Einschränkung der Einwanderung zu verhindern, da diese für das übervölkerte Polen mit seiner brennenden jüdischen Frage von katastrophalen Wirkungen wäre. Aehriliches gilt auch für andere Länder. Die Palästina-Regierung muß natiirlieh von den Verhältnissen Palästinas ausgehen, aber in Anbetracht der Motive, aus denen das Mandat entstanden ist, muß auch das Auswanderungsbedürf 11 is der Juden als ein Faktor von großem Gewicht mitberücksichtigt werden. Der im Weißbuch von 1922 aufgestellte Grundsatz, daß die Einwanderung sich im Rahmen der wirtschaftlichen Aufnahmefälligkeit des Landes halten soll, wurde auch von den Juden schon itn eigenen Interesse anerkannt, aber sie könnten sich nicht damit zufrieden geben, daß die Einwanderung etwa aus politischen Gründen zeitweise ganz sistiert oder mehr beschränkt wird, als es die wirtschaftliche Aufnahme- Fähigkeit erfordert. Das Festhalten an dem normalen alljährlichen Gcschäftsgang ist ein Beweis dafür, daß die Ent- Wicklung weitergehen muH und daß die Regierung keine Abwürgung der Einwanderung beabsichtigt. Gewiß ist fiir die auf Auswanderung Wartenden die Zahl der Zertifikate von größter Wichtigkeit, aber angesichts der jetzigen politischen Enge gehen wir so weit zu sagen, daß die Bewilligung von Zertifikaten in diesem Moment von größter prinzipieller Bedeutung ist, obwohl deren Zahl diesmal nicht dem wirklichen Bedürfnis entspricht. Die Araber werden aus der Zuteilung der Zertifikate erkennen, daß England an den Grundsätzen seiner Politik festhält. Es bleibt ab/mvarten, wie die Araber auf diese Tatsache reagieren werden. * Mit der Abreise der Kgl. Kommission nach Palästina beginnt ein neues Kapitel der palästinensischen Nachkriegs-Geschichte. In einer Zeit, da Europa im Zeichen tiefgreifender Neuordnungen steht und da sich vor allem auch itn Nahen Orient gewaltige Erschütterungen vollziehen, «׳erden die Grundfragen, auf denen die Staatsordnung Palästinas beruht, aufgerollt. Die Kommission hat das Mandat als gegebene Tatsache zu betrachten, an der nicht zu rütteln ist, aber sie soll für dessen praktische A11 s f ii h r u 11 g Ratschläge geben, und bei der Elastizität der Interpretation kommt cs eben auf die praktische Ausführung an. Von allen Seiten wird jetzt schon ein Druck auf die Kommission ausgeiibt, Juden und Araber sind eifrig mit der Vorbereitung des ]Materials beschäftigt. Obwohl das Endziel der Araber nichts Geringeres ist als die völlige Befreiung von der englischen Herrschaft, rechnen sie doch damit, bei den Engländern Sympathien zu finden, und diese Meinung ist angesichts der englischen Haltung nicht ganz unberechtigt. Es ist eine der Eigentümlichkeiten Englands, daß die nationalen Bestrebungen, die auf ein Losreißen von der englischen Herrschaft abziden, bei vielen Engländern selbst Wohlwollen und Sympathie finden. Diese Haltung mag philosophisch und humanistisch begründet