Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 88 (3.11.1936)
- Date
- 1936-11-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 88, 3. XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Wie gestalte Ich den Schahbat? Für Schabbat, 7. November Wochenabschnitt ״Chaje Sara“ (I. B. M. Kap. 23, 1 — 25, 19) I. Zum Wochenabschnitt. Der Beginn unseres Wochen* ihschnittcs enthält eine sehr lebhafte Schilderung des Boden• icaufs von Abraham. Wir möchten die Behandlung dieser Stelle im Genesis-Kommentar von B. Jacob für eine Unterhaltung auf dem Oneg-Schabbat besonders empfehlen.. , Fortgeschrittene arbeiten einmal den Unterschied zwischen der Darstellung Eliesers und dem wirklichen Verlauf der Begegnung mit Riwka heraus. Der ״Malbim“, ein moderner Erklärer, findet hierfür sehr feine psychologische Deutungen. II. Von den Richtern. (S. auch Nr. 87.) Obgleich nran es bei einem ״Gerichtshof aus dreien“ bei den einzelnen mit diesen Eigenschaften nicht sehr streng nimmt, müssen doch bei jedem folgende sieben Dinge zu finden sein: Weisheit, Demut, Gottesfurcht, Feindschaft zum Geld, Liebe zur Wahrheit, Beliebtheit bei den Menschen, ein guter Ruf. All diese Dinge sind in der Thora ausdrücklich erklärt. So heißt es V. B. M. Kap. 1, 15; II. B. M. Kap. 18, 21: (Die Richter sollen sein): 1) ״W eise und verständige Männer“; damit ist gesagt, daß sie weise seir» müssen; 2) ״und bekannt euren Stamm e!1“: das sind die, die den Menschen angenehm sind. Und wodurch werden sie bei den Menschen beliebt? — Dadurch, daß sie wohlwollend sind, von demüfiger Seele, von angenehmem Umgang; ihr Tun und Reden ist ruhig. Und der Vers fährt fort: 3) ״Männer von Mut“: Das sind die Helden au Geboten, die es mit sich genau nehmen und ihren Trieb bezwingen, so daß au ihnen keine Schande ist und kein böser Name. Und zu Männern von Mut gehört cs, daß sie ein mutiges Herz haben, um den Bedrückten aus der Hand des Bedrückers zu retten, so wie es heißt: ״Und Mosche stand auf und half ihnen“ (den Töchtern Jitros). Und so wie Mosche demütig war, so muß jeder Richter 4) demütig sein. 5) ״Go 11 es f ü r c h - tige“: Wie der Wortsinn. 6) ״Feinde dem Gewinn“: Auch hinter ihrem Gekle sind sie nicht her, und laufen nicht, um Geld zu häufen. 7) ״Mämer von Wahrheit“: Daß sie von sich aus der Gerechtigkeit nach jagen, die Wahrheit liehen und die Gewalt hassen und jeder Art des Unrechts fliehen. 1• E- Die Halachah bis zum Abschluß der Mischna Anschließend an unsere letzte Unterhaltung über die Persünlichkeit Hillcls und seine Bedeutung für die Weiterentwicklung der Halachah gehen wir auf die geistig-politische Strömung ein, aus deren Mitte die Träger der Halachah hervorgegangen sind. Die Halachisten gehörten jenem Gelehrten- Stande an, der mit der Zeit immer mehr an Einfluß auf das öffentliche Leben gewann und von Bedeutung für die Entwicklung des späteren Judentums geworden ist. Noch lange bevor Hiilel Präsident, Nassi, des obersten Gerichtshofes, des Svnhedrion in Jerusalem geworden war, ging die Führung dieser wichtigen Körperschaft in die Hände der Pharisäer über. Das Synhcdrion, das in den Tempelrhumen in Jerusalcm zusammen trat, war seit alters her die höchste gesetzgeberische Instanz des Landes, an deren Spitze der Hohepriester stand. Es war sowohl der oberste Rat des Landes, [tar, Entscheidungen in Fragen der Staatsverwaltung zu treffen hatte, wie die gesetzgeberische Körperschaft, die nicht nur Entscheidungen in öenchtssachen fällte, sondern das biblische besetz zu interpretieren hatte. Schon in ältester Zeit bestand .nnerhalb des judäischen Staatswesens eine Tendenz, dem religiös-sittlichen Prinzip im Leben des Volkes die Vorherrschaft zu geben. Zur Regierungszeit des Hasmonäerfürsten Jochanan-Hyrkanos (135—104 v. Chr.) krsitailisierten sich die zwei politisch-religiösen Hauptrichtungen innerhalb des judäischen Staates heraus, die zur Bildung der Parteien der Sadduzäer und Pharisäer geführt haben. Während die Saddu- 7äer (Abkömmlinge von Zaddok, einer alten angesehenen Priesterfamilie) die Partei der herrschenden Oberschicht und der priesterlicben Aristokratie waren und mehr eine weltliche Richtung auf dem Boden des überlieferten schriftlichen Ge• setzes einnalmien, sammelten sich in der Partei der Pharisäer, der Peruschitn (״Abgesonderte“), der Stand der Gelehrten und die breiten Volksniassen, die im Geiste der Theokratie und des Gesetzes erzogen waren. Während die ersteren das politische Moment im Staatsleben hervorkehrten, war der Wahlspruch der Pharisäer die Wahrung der nationalreligiösen Eigenart auch auf Kosten der staatspolitisehen Selbständigkeit. Die Pharisäer waren gegen die von den Sadduzäern angestrebte Verwandlung Judäas in einen militärisch-politisclicn Organismus, wie ihn der damalige außerjudäische Kulturkreis kannte. Entscheidend für sie war das religiös-sittliche Moment und nicht das machtpolitische. Wir dürfen hier keine rein politische Scheidung, etwa Von Demokratie und Aristokratie, durchführen. Sicherlich vertraten die Sadduzäer eine mehr konservative und die Pliarisäer eine demokratisch-fortschrittliche Richtung im judäischen Staatsleben, aber noch wesentlichere Unterschiede bestimmten ihre geistige Physiognomie. Die jahrzehntelangen Kämpfe der beiden Richtungen waren auch von religöscn Gesichtspunkten oft bestimmt, besonders diejenigen auf dem Gebiete der Auslegung des Gesetzes, wobei die Anpassung an die veränderten Lebensumstände zum Ausdruck kam. Mit der Zeit gewannen die Pharisäer die Oberhand im öffentlichen Leben und übernahmen die Führung der höchsten Staatsbehörde, des Synhedrions, und ihre Richtung wurde für die weitere innere wie äußere Gestaltung des Volkslebens von ausschlaggebender Bedeutung. Die Entwicklungslinie war bereits deinlieh vorgezcichnet. Sie führt uns von dieser Zeit über Hiilel, über das Lehrhaus von Jawne, an dessen Spitze R. Jochanan h. Sakkai stand, bis zum Abschluß der Mischna durch R. Jehuda ha-Nassi zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts. Diese wichtige und vielleicht entscheidende Etappe werden wir bei unserer nächsten Unterhaltung zu behandeln haben. J. M. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 3. November: Beromünster (540), 18.30: Moszkowski: Spanische Tänze. — Paris (1648), 17: Meyerhecr: Hugenotten ur.d Jüdin, ■— Bukarest (365). 20.30: GoMmvrk: Ouvertüre zu ״Sakuntala“. — Paris (1648), 20.45: Vortrag Julius Honda: ״Der Streit der Generationen“‘. —■ Kalundborg (1250), 22.15: U. a. Mendels.,ahn. Mittwoch, 4. November: Toulouse (328), 11.45: Rubinstein und Otfcnbach. — Pari, (1648), 15.15: Novelle von Tristan ttemard. ״— London (342), 19: Goldmark: Im Garten. Donnerstag, 5. November: Bukarest (365). 20: Komguld: Arie aus ״Die tute Stadt". — Monte Cetteri (257), 21: Midi.md: Aktuelles. — Hilver.utn If (302t, 22.10: Wagncr-Konzcrt des Amsterdamer Concertgelxritw-Orclie.H 1Dirigent: Bruno Walter. Freitag, 6• November: Paris (1648), 11.45: Jüdische Sendung: 14.30: U. a. Meyerbeer: ,,Die Afiikanerin". —!.von (463), 17.30: Miihaud: Ghaaddisches Lied- —- Stockholm (1389), 1,: Mendels'-otm“ Lied ohne Worte. ■— Wien (506), 20: U. a. Offenbaeh: Ouver- Uire zu ,,Die schone Helena“. Sonnabend, 7. November: PragLjbütz (470), 15: M׳-ndt I-sohn: Sinionie Nr. 4, A-Dur. — Brussel, (ranz. (484), 19.15: P. a. Mer!- delssohn: Aus ״Lin Sommernachtstraum". — Rabat (499), 21.15: üfienbach: Pariser Leben. ANTWORTEN DER REDAKTION Martin Friedländer, Breslau. Unsere Mitarbeiterin hat in ihrem Beitrag ״Jerusalem nach Streikabbruch“ die allgemeine Stimmung in der Stadt geschildert und ist nur in diesem Zusammenhang auch darauf zu sprechen gekommen, daß die arabischen Restaurants, die so lange geschlossen waren, wieder ihre Hammclkotelctts servieren, die nach der bei Arabern und z. B. auch bei vielen Europäern allgemein herrschenden Meinung ausgezeichnet zuhereitet werden, wie dies auch in vielen europäischen Reisebüchern über Palästina gelegentlich erwähnt wird. Es sollte damit natürlich in keiner Weise der Meinung Ausdruck gegeben werden, daß diese Speisen für Juden bestimmt sind, am allerwenigsten wollte unsere Mitarbeiterin oder gar unsere Redaktion durch die von Ihnen beanstandete Bemerkung das Empfinden religieser Leser verletzen. Dies sei zur Beseitigung von Miß- Verständnissen ausdrücklich festgestellt Druckfehler-Berichtigung. Im Literaturblatt in Nr. 85 hat sich bei der Besprechung des neuer! Buches von Dr. A. Brody ein Druckfehler cingeschlichen. Der behandelte Mischna-Traktat heißt natürlich Tamid (und nicht ״Tatmid“). Kunst im Reich Leipzig. Der Arbeit des Kuiiuilmmlcs galten die Gastspiele der Bcrliner Ensembles starke kün-tierische Impulse. Hane Wilhelm Steinberg erschien mit dem Berliner Kulturbund •Orchester in einer Sinfonie von Mozart, und der Lroi< a. — Sehr erfreulich war auch das Berliner Kulturbund-Sel lau-piel in Molnars ״Große Liebe“; es war eine äußerst g< pflegte, bis ins Klein ■te wohlbesorgte und bis zu den Chargen lieiunttr vorzüglich besetzte Aufführung. — Max Ost,,! t ת sprach übet: ,.Judendarsteilungen in der Kunst". — ״Der bunte Karren“, die Leipziger jiidi-che Kninkun-tbiihne, die ihr neues Programm verführte, ist in der (״■stalnrng o,tjüdischer Szenen vorbildlich. Diese vor angedciitrter Dckojation gc.picllen, gejiing«- nen und getanzten Lieder nirid absolut echt und stilrein, der Urnen innewohnende Humor ist prächtig und ohne Kiarnpt gelöst. So itn ״Senieiel4', ei'rin entzückenden Stückchen sozialer Textru.degung, otler in ,,Schalt, .still!", einer Szene aus dem Vorzimmer des Rehben, wo der Sehame, den Cha .-ilirii rjuasi eilten. Hnrbencht: von des Rebbens Tun gibt. Diese Nummern stehen und lallen mit S. S 0 n n ג l> e n d (Sonini), de? als Sänger und Darsteller ostjüdiseher Figuren unübcrtreflhrh ist. Ihm gleichwt rtig ist K r i e d w a 1 d. Regi-scur, Textdichter, Cordtrencier und Meister in jiddischen Charaktertypen (Josseie Mokier irr Krez). Dazwischen eine bunte Schüssel von Chan-ons, Lictlent und Sketche-, nui-ikaüsch appetitlich angerichtet (Leo Sclitinliat: b) — gute, sympathische, jüdisdie Kleinkunst. Dr. R abinowitz Musik in Hamburg. Sabine Kalter, ehemals erste Altistin an der Hamburgi'r Staatsoper, sang Lieder von Mendelssolm, Franz und Schumann, Opernarien aus ״Prophet“, ״Samsun und Dalila“ und ״Macbeth“. Die Lieder nahmen den größten Teil des Programms ein. Die große Gestaltungskunst, die Innigkeit des Vortrages, die restlose Beherrschung dieser kostbarer! Stimme, die in jedem Stärkegrail von erlesenem WohlRlang ist, befähigen die Sängerin im höchsten Maße zum Liedgesang. Sabine Kalter hatte einen glücklichen Abend und beglückte eine grobe, begeisterte Zuhörerschaft. — Bernhard A b r a tn r» w i t s c h verabschiedete sielt vor seiner Ans- Wanderung nach Amerika von seinen Hamburger Freunden, die in stattlicher Anzahl erschienen waren, mit einem eigenen Klavierabend. Wir sehen mit grobem Bedauern diesen ernsthaft strebenden Künstler scheiden. Der Künstler wurde herzlieh gefeiert. G. de 11. Hofrat Adolf Theilhaber, von down Ableben im Alter von 82 Jahren wir bereits kurz berichteten, war als Frauenarzt und Krchsforschcr in Kreisen ejer Wissenschaft sehr geschätzt. Theilhaber hat mehr als '200 Arbeiten, insbesondere über die Bekämpfung des Krebses, veröffentlicht. Als praktischer Ar/t und Leiter einer eigenen Privatklinik in München war er sehr bekannt, daneben alter hat er immer seine Forschungsarbeit wettergeführt, so z. B. hatte er einen Spezialforschungsauftrag der Unit ersität Basel. Wie wir vor zwei Jahren berichteten, beging Theilhaber damals das 60jährige lioktorjubiläum und wurde aus diesem Anlaß von Freunden und von der wissenschaftlichen Weit gefeiert, insbesondere hat auch die Universität Wür/burg, an der er als Zwanzigjähriger promoviert hatte, ihm ein Glückwunschschreiben gesandt. Dem Sohne des Verblichenen, Dr. Felix A. Theilhaber, der jetzt mit seiner Familie in Palästina lebt, wendet sich aus Anlaß des Minschddens seines Vaters die allgemeine Teilnahme der Zionisten Deutschlands zu. Der Senior der Rabbiner in Deutschland, Dr. Leo Kahn (Wiesbaden), starb im Alter von 05 Jahren. Er wurde 1812 in Sulzburg i. Baden geboren. Im Jahre 1S6Q kam er als Rabbiner nach Wiesbaden. Es gelang ihm, eine Gemeinde zu begründen, in der die religiöse Tradition zur Geltung kam und in deren Schule das Hebräische mit besonderer Liebe und Sorgfalt gepflegt wurde. Jüdische Versammlungstätigkeit in Wien. Unser Wiener J. R.-Korrespondent schreibt: Das allgemeine Vcrsammlungsverbot in ganz Oesterreich lief am 31. Oktober ab. Dies ist für die Wiener Judenschaft mit Rücksicht auf die bevorstehen• den Kultuswahlen von eminenter Bedeutung. Die wahi• werbenden Parteien waren bis nun auf die Presse - und Flu f z e 11 e 1 ח r o p a g a n d a beschrankt. Die Aufhebung des Verbots gibt ihnen nun, wenn auch nur für eine einzige Woche, die Möglichkeit, in großen öffentlichen Wähler- Versammlungen vor den Wählern ihr Programm zu entwickeln. In einzelnen Bezirken wurden .sämtliche verfügbaren Vortrags• und Versammlungssäle von den verschiedener! Parteien gemietet. Für jeden Abend sind bereits jetzt große Wähler- Versammlungen angekuitdigl. Djirka zerrte an dem fremden Strick an der fremden Krippe und drehte sieh Sender nach, alter sie konnte sielt nicht frei machen, der Strick ließ sie nicht. So warf sie den Kopf auf und ab, als ob sie sagen wollte: Also so hehandelst du mich! Verkaufen tust du mich! So einer bist du! Sender leimte es ab, auf den Handel eins zu trinken. Er wäre noch vor dem Frühstück, sagte er, hätte noch nicht einmal ein Glas Tee gehabt. Aber Bär mit dem satten Gesicht drang in ihn. ״Schau her“, sagte er, ״wir können doch die Stute nicht von einem zum andern gehen lassen, ohne den Handel zu beleuchten!“ Der Schnaps fiel in Senders leeren Magen wie aut glühende Kohlen. Besoffener Dampf drang in seinen müden Kopf, scharfe Süßigkeit in seinen bitteren Kummer. Dia Schmerzen in seinen Eingeweiden wollten nicht aufhören. Nach dem dritten Glase fing er betrunken an zu stammein: ״Gott soll geben ... soll ... geb ...“ Seine Stimme brach in einem schrillen Laut. Trihien erstickten ihn. Er brachte nicht zu Ende, was er hatte sagen wollen, sprach seinen Wunsch nicht aus. Bär wußte von Senders Unglück und versuchte, satt und gutmütig, ihn zu trösten: ״Mach dir nichts draus, Sender! Gott wird schon helfen! Man wird Pandre schon nicht über einen Knopf ver• faulen lassen!“ Die gutmütigen Reden brachten Sender vollends um seine Haltung. ״Was weißt du von meinem Elend!“ weinte er, ganz aufgelöst. ״Ich war ein glücklicher Mensch! Was hat uns denn gefehlt! Es muß ein böses Aug — du kannst dir nicht vorstellen, was der Brand aus mir und den Meinen gemacht hat! Mein Leben lang hab ich geschuftet, Bär! Und jetzt! Pandre — im Gefängnis! Schmendrik hab ich f'Or sieben Rubel verkauft, und ein Krüppel ist er, der arme! Lud jetzt auch noch Djirka, jetzt auch noch...“ Bär erschrak. Er hatte nicht gedacht, daß ein Mann, ein Fuhrmann wie Sender sich so gehen lassen würde. S:>lche Klagen — wie ein Weih. Wie er ihn so von der Seite ansah, war keine Spur mehr von dem stämmigen arbeitsamen Chassid, dem geachteten Obmann der Gilde, nein Mann, den alle respektierten. Er war wie ausgewechselt. Er »ah verfallen aus. Er schien eingeschrumpft zu sein, unter dem weitgewordenen Rock. Das geht nicht mehr lange, lief es Bär durch den fettet» Kopf. Aber anstatt etwas zu sogen, goß er Sender eit» viertes Glas Branntwein ein. Zurück fuhr Sender mit Schmarwoz allein. Er hatte nun den Leltmberg im Rücken, und vor sich den schmalen Landstreifen zwischen den! Dnjepr und dem See, Ihm war aber, als hörte er Djirka, die er verkauft hatte, immer noch hinterher traben, mit dem Strick angebunden, mit dem Schweif schlagend. Er hörte sie tänzeln auf den leichten Füßen, den Schlag der Hufe zum Takt der Räder, wie auf dem Herweg. Alle Weile wendete er sich um und schaute unruhig nach ihr, mit verschleierten Augen. War er be״ trunken? War der Ton nur das eintönige Schlagen des Wassers gegen den Damm? Sender war so verwuchsen mit seinen Pferden, daß ihm jetzt war wie einem Mann, dem man ein Bein abgenommen 11 nt, und der noch immer Schmerz in dem amputierten Gliede fühlt. Ein paarmal drehte er sich um. Vielleicht war ein Wunder geschehen? Halte er Djirka nicht verkauft, hatte er sie nicht mit eigenen Augen gesehen, angebunden an eines Fremden Stalltür? Und sie läuft doch nach und schlägt mit dem Schweif! Es könnte doch sein... Doch statt ihrer sali er Schilfkolhen am Ufer des Sees, der jetzt vom Morgennebel frei war, sich beugen und schwanken im Morgenwind, wie Roßschweife. Und das Schilf erinnerte Sender an die Frösche, deren Ruf er auf dem Herwege gehört hatte. Bu—hu! Bu—hu hatte es ihn gerufen, aus der schleimigen Tiefe des Sees, aus dem milchigen Dampf. Und wie er daran dachte, war ihm, als hörte er sie wieder, und sein Herz sank, ״Schneller!“ murmelte er. ״Ich muß rasch nach' Haus!“ Der Schatten der Mühle fiel wie schwarzer Neltcl Über ihn und seinen Wagen. Die Bohlcnbrücke über der Schleuse sehütterte unter den Rüdem. Das Brüllen des Wehrs unter der Brücke verschlang für ein paar Augenblicke Senders trübe Gedanken. In der nächsten Minute war er über den Damm hinweg auf dem schmalen Randstreifen, der immer noch zwischen beiden Gewässern hinlief. Und nun sah Sender, was er auf dem Hinwege nicht bemerkt hatte, weil er nach der Begegnung mit Meier dem Knoten und Schmendrik keinen Gedanken mehr faßte: Er sah, daß der schmale Landstreifen viel schmaler geworden war. Von beiden Seiten sah man in dem erdigen Sand ausfeschwcnunte Löcher, zickzack ig wie in zersplitterten lanken. Sender hatte davon gehört, daß vor ein paar Wochen nach einem schweren Gewitter der Dnjepr ungewöhnlich gestiegen war. Der ganze Kessel war voll von heftigen Wellen mit weiß schaumenden Brechern. Sogar die sanfteren Wasser des Sees waren gestiegen und hatten ihren Schaum in den Dnjepr gespritzt. Die Leute hatten gefürchtet, der Damm würde brechen und die Landenge mit der Straße völlig überschwemmt werden. Aber die Flut war zurückgetreten und die Straße zum Unlersherg war geblieben. Die ganze Stadt war hcrausgelauicn, um den Anblick zu selten. Die Schuljungen meinten, es wäre eine neue Sintflut, wie in der Bibel. Aber Sender war 7.11 krank gewesen, kalte zuviel andere Sorgen im Kopfe gehabt, als daß er sich so etwas ungeschaut hätte. Und jetzt sah er zum erstenmal die Zeichen, die die L'cberschweinmung zurückgelasscn hatte. Die Flut hatte auf beiden Seiten große Stücke Erde hernusgebissen wie mit Ricsen/ühncn. Die Weiden waren noch voller Schlamm an den weichen, ze!kämmten Zweigen, die die schmutzigen Wellen überschwemmt hatten. Durch den Brannlweindunst in Senders Kopf schwammen lauter Bibelstellen herauf, lieber die Sintflut: ... und die Wasser fielen, und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels.... Und ließ Wind auf Erden kommen.... Ein Wind kam auf über den sinkenden Wassern; und zwischen ihnen fuhr er allein auf seinem Wägelchen, mit nur einem Pferd davor. Schmarwoz — das war alles, was von seinen drei Pferden übrig war. Fuhr dahin, zwischen den Gewässern, ein neuer Noah, nach der Sintflut über Schklow.... Noah hatte eine Taube ausgesandt, um zu sehen, oh die Wasser sich zurückgezogen vom Angesicht der Erde. Und die Taube... W 'as für eine Taube? Was für ein Gurren war das? Was für ein Gelächter? Wie Taul>engurren, und wie Hexengekreisch, alles in einem! Dr drehte sich um. Rechts neben seinem Wagen, wie aus dem Boden ge* wachsen, war die wahnsinnige Chaje Sarah. Sie trabte dahin, hielt Schritt mit Schmarwoz, ihr ewiges Bündel hielt sie im Arm. Vielleicht wieder ein Kind, das sie im Trog ertranken würde — vielleicht nur ein Bündel Lumpen, zusammengepackt wie ein Wickelkind. Sie drückte es an die Brust, wiegte es, als ob’s ein Kind wäre. Und ihre schlauen Augen mit unreinem Glitzern übcrströintcn vor Lachen, drehten sich ip den fettigen Ibiutsäckchen, sprangen wie Fiscltlein in einem Netz in lauter Lachfnltchcn. Sender sah, wie das verrückte Lachen in ihr kochte, sie hielt es zurück, nur der Schaum dieses Gelächters schlug durch die aufgeblähten Nasenlöcher; Hihi! Hihi! (Fortsetzung folgt)