Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 88 (3.11.1936)
- Date
- 1936-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2654004--29762-2691305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 88 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpf» JÜDISCHE RUNDSCHAU ScftfirifftlcitanjCrVcrlasr n, A1»elf«DVcrwftlt11ng1 BerllnW II, Metaekestr.10 Farnraft Sunm•! * Nammer J1 (Bismarck) 9031. — fiezugaprcift cmachlieBHch Bertell^eld je Monat RM 2,-־, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung• RM!38 b*w. RM 5,39• ■— Postachedk . Konten der Vertriebs ■ Abteiluna־: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das ubrijje Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa scBon gezahlter Berugsgehühren. — Erscheint joden Dienetag and Freitag. BERLIN י״ח מרחשוו תרצ״ו DIENSTAG, 3. NOVEMBER 1936 Gfiltigt Anxelgenpreieliite Nr. 5* Die 12 gespaltene mm •Zeile 20 Fpf., für Familien Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewahr geleistet. Gelegenheit*• anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 716 18 oder bar Montag bis Freitag 9— 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag -Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fdr das jüdisch« Volk die Schaffung einer 41fentllct1 - rechtlich gesicherten Heimstatt« in Palästina. (Baseler Programm) Jüdischer Nobelpreisträger Prof. Otto Löwi (Graz), der 21. Nobelpreisträger jüdischer Abstammung J. R., Wien, 1. November Wie aus Stockholm berichtet wird, hat daselbst das Professorenkollegium des Karolinischcn Institutes den Nobel- Preis für 1936 in Physiologie und Medizin dem Londoner Professor Sir Henry Hallett-Dale und dem österreichisehen Forscher Professor i>r, Otto Löwi von der Grazer Universität gemeinsam für ihre Entdeckungen über chemische Ucberführung der Nervenwirkung verliehen. Hofrat Professor Dr. Otto Löwi, der fünfte österreichisehe Nobelpreisträger auf dem Gebiete der Medizin, seit über einem Vierteljahrhundert Vorstand des Pharmakologischcn Institutes in Graz, ist Jude. Er wurde im Jahre 1873 als Sohn jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, studierte in Deutschland und kam im Jahre 190b gemeinsam mit seinem berühmten Lehrer, Prof essor Hans Horst* Meyer, der in jenem Jahre als Vorstand eines neuen Institutes für experimentelle Pharmakologie nach Wien berufen wurde, als dessen bedeutendster Schüler nach Wien, wo er schon damals durch seine aufsehenerregenden Forschungen über die chemischen Wirkungen auf die Herznerven die Aufmerksamkeit der ganzen wissenschaftlichen Welt auf sich lenkte. Es gelang ihm als erstem naclizuweisen, daß die Wirkung der Herznerven, des sogenannten Vagus, durch einen chemischen Stoff :׳׳.!Stande kommt, der als ״Vag us-St off nach Löwi‘־ Eingang in die inedizinisehe Weltliteratur gefunden hat Neueste Forschungen über dieses Gebiet, das in den letzten Jahren im Mittelpunkt der medizinisch-chemischen Forschung stand, haben die Richtigkeit seiner Erkenntnisse bestätigt. Der Vagus-Stoff wird als ein im Körper selbst gebildeter, äußerst wertvoller Stoff bezeichnet, der als Gegenspieler des den Sympathikus erregenden Adrenalins den Blutdruck senkt, den Puls verlangsamt, die Gefäße und besonders die Kapillaren erweitert und so die wichtigen Herzkranzgefäße öffnet. Gestützt auf die grundlegenden Forschungen des Professors Löwi hat der jetzt mit diesem gemeinsam mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Londoner Pharmakologe Sir Henry Hallett-Dale seine wissenschädlichen Untersuchungen weitergeführt. Mit Professor Dr. Löwi hat der fünfte Oesterreieher und der dritte Jude auf dem medizinischen Gebiete den Nobelpreis erhalten. Unter den österreichischen Nobel- Preisträgern für Medizin: Professor der Ohrenheilkünde Dr, Robert Barany, Professor Pregel, Professor Dr. Landsteiner und Professor Dr. Wagner-Ja uregg, war die Hälfte, nämlich Barany und Landsteiner, Juden. (Von den anderen bisherigen Nobel-Preisträgem Oesterreichs, den Professoren Schrödinger und Fried, ist letzterer ebenfalls Jude.) Der neue österreichische Nobel-Preisträger, dem nun das gesamte medizinische Oesterreich mit großer Herzlichkeit die Glückwünsche zu dieser höchsten Auszeichnung der wissenschaftlichen Welt entgegenbringt, ist auch heute ein aufrechter Jude. Er ist Mitglied der Grazer Kultusgemcinde und zählt zu den aktiven Mitgliedern der B’ne-B'rith-Loge in Graz. Prof Löwi ist auch ein Freund des jüdischen Pa.lästina werkes und des Keren Hajessod. Der ״Gesamfverband jüdischer Hochschüler Oesterreichs“, die ״Juda a“, hat an Professor Dr. Löwi im Namen der jüdischen Studentenschaft Oesterreichs, sowie im Namen des Weltverbandes jüdischer Studenten ein herzliches Glückwunschschreiben gesandt. Die bisherigen jüdischen Preisträger Seit dem Bestehen des Nobelpreises befanden sich unter 183 Erwählten 20 Nobelpreisträger jüdischer Abstammung: Adolph von Baeyer (Professor an der Universität München; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1905). Albert Abraham Michclson (Professor an der Universität Chicago; Nobelpreis für Physik des Jahres 1907). Paul Ehrlieh (Professor, Geheimer Obermedizinalrat, Frankfurt a. M.; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1908). Gabriel Lippmann (Professor an der Universität Paris; Nobelpreis für Physik des Jahres 1908). Hija Mctsehnikoff (Direktor am Institut Pasteur, Paris; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1908). Paul Heyse (Deutschland; Nobelpreis für Literatur des Jahres 1910). Otto Wallach (Professor an der Universität Göttingen; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1910). Tobias Michael Carel Ass er und Alfred Hermann Fried (Friedens-Nobelpreis des Jahres 1911). Robert Barany (Wien; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1914). Richard Willstätter (Professor an der Universität München; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1915). Fritz. Haber (Deutschland; Nobelpreis für Chemie des Jahres 1919). Afbert Einstein (Deutschland; Nobelpreis für Physik des Jahres 1921). Niels Bohr (Professor an der Universität Kopenhagen; Nobelpreis für Physik des Jahres 1922). Otto Meyerhof (Professor an der Universität Kiel; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1922). James Franck (Professor an der Universität Döttingen) und Gustav Hertz (Halle a. d. Saale; Nobelpreis für Physik des Jahres 1925). Henri Bcrgson (Mitglied der Französischen Akademie, Paris; Nobelpreis für Literatur des Jahres 1927). Karl Landsteiner (Wien, New York; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 193:)). Otto H. War bürg (Deutschland; Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 1931). — Ein Teil dieser Nobelpreisträger gehörte freilich nicht mehr der jüdischen Gemeinschaft an; mehrere der Genannten sind christliche Halbjuden. Regierung ernennt Rokach Der Bürgermeister-Streit in Tel-Awiw Der High Commissioner von Palästina hat am letzten Freitag den bisherigen Vizebürgermeister Israel Rokach tum Bürgermeister von Tel-Awiw ernannt. Gemäß eines Palcor-Berichtes traten der progressive und der Arbeiterflügel des Stadtrates zu einer Beratung zusammen. Die Progressiven beschlossen, Rokach auf/ufordern, die Ernennung gegen den Willen der Mehrheit des Stadtrates, dessen Wahl mit 8 gegen 7 Stimmen auf Chclauche gefallen war, nicht anzunehmen. Die Ernennung von Rokach wird als eine Gefahr für die Autonomie der Tel-Awiwcr Stidtverwaltung betrachtet. '* Nach dem Munizipalitätengesetz hat die Regierung den Bürgermeister aus der Mitte der Stadtverwaltung zu ernennen. Die Autonomie der Stadtverwaltungen ist in diesem Punkt also nur eine scheinbare, und nur in dem Fa]! von Tel-Awiw wurde bisher nach außen hin der Schein «inet Bürgermeister-״Wahl״ erweckt; die Ernennung des Bürgermeisters, sofern es sich um dieselbe Person handelt, wirkte dann wie eine ״Bestätigung“ der Wald. Im Fall Diiengoff war dieser Vorgang dadurch erleichtert, daß über die Persönlichkeit des zu bestellenden Bürgermeisters völlige Einigkeit bestand. Nachdem jetzt Differenzen entstanden waren, hat sich die Regierung offenbar vor! dem Gedanken leiten lassen, daß sie den bisherigen Vizebürgermeister, der ohnedies den größten Teil der Verwaltung«- geschähe schon jetzt geführt hat und in dieser Eigenschaft auch mit der Regierung häufig zu tun hatte, zum Bürgermeister ernannte, an Stelle des von der Stadtverwaltung mit e'״er Stimme Mehrheit gewählten Kandidaten Chclouche, der seine Eignung für die Verwaltungsgeschäfte der Stadt bisher noch nicht zu erweisen Gelegenheit hatte. Es ist vom jüdischen Standpunkt tief bedauerlich, daß nach dem Tode Dizengoffs, der die jüdische Einheit der Stadt verkörperte, sofort die Zersplitterung zum Ausdruck kam. Es wäre aber zu wünschen, daß dieses Kapitel möglichst bald abgeschlossen und ein Weg der Zusammenarbeit aller Teile der Bevölkerung Tel-Avviws gefunden wird. Die Nadt kann weder auf den einen noch auf den anderen Flügel verzichten. Staatssekretariat für Ein Jude im englischen Kabinett Der englische Transportministcr Leslie Hore-Belisha ist zu Kabinettsrang befördert worden. Die Ergänzung des britischen Kabinetts wurde durch den Tod des bisherigen Staatssekretärs von Schottland, Sir Godfrey Collins, erforderlich. Collins gehörte der nationallibcralcn Partei an und da sein Nachfolger im Schottland, der bisherige Ackerbauministcr Walter Elliot, ein Konservativer ist und auch der neu ins Aekerbaurninisterium cingetretene Minister Morrison den Konservativen zugehört, hat Ministerpräsident Baldwin den Transportministcr Höre- Belisha, der zwar der Regierung, aber nicht dem Kabinett angehörtc, ins Kabinett berufe n. Hore-Bclisha ist demnach gegenwärtig das einzige jüdische Mitglied des britischen Kabinetts. Ein anderer jüdischer Minister, Sir Philip Sassoon, Unterstaats- Sekretär für Luftfahrt (übrigens der einzige Minister, der seit Beginn der nationalen Regierung sein Amt stets bcibehalten. hat), ist nicht Mitglied des Kabinetts. Die englische Presse drückt ihre Zustimmung zur Ernennung Horc-Belishas aus und hebt hervor, daß dies eine wohlverdiente Anerkennung für die Leistungen des Ministers sei. Hore-Bclisha hat sich als Verkchrsminister insbesondere eine scharfe Bekämpfung der Ver* k e h r s u 11 f ä 11 e, die in England viele Todesopfer fordern, zum Ziel gesetzt und auf diesem Gebiete große Erfolge erzielt. Die Vcrkchrsunfälle sind außerordentlich zurückgegangen. ln London ist Hore-Belisha besonders populär durch die sogenannten ״Beiisha-Beacons“, die nach ihm benannten großen gelben kugelförmigen Zeichen, die der Verkehrsrcgulicrtmg dienen. Hore-Bclisha hat als Abgeordneter auch Interesse für und gelegentlich an den Arbei- Deputies“ teilgenommen. Foto; Archiv Die Freiheits•Statue Ein Jubiläum — Heute Wahltag in U SA — Umsturz in Bagdad — Der 2. November Vor wenigen Tagen wurde in New York eine eindrucksvolle Feier abgehalten. Am 28. Oktober waren es fünfzig Jahre, seitdem die berühmte Freiheits- Statue, die ״Statue of Liberty‘, auf einer Insel int New Yorker Hafen errichtet wurde. Seitdem ist diese Kolossalstatue wohl eines der bekanntesten I)enkinäler der Welt geworden. Oie Frage, ob dieses Standbild auch ״schön“ im ästhetischen Sinn wirkt, kann hier beiseite gelassen werden; sie mag dem Geschmack ihrer Zeit entsprechen, sicherlich wird sie nicht unter den großen Kunstwerken der Geschichte rangieren. Aber diese Statue ist ein Symbol; nicht nur der amerikanischen Unabhängigkeit, zu deren Jahrhundertfeier sie von französischen Freunden den l'SA. gestiftet wind(.׳, sor!- dem der Idee der ״Freiheit“, die dieses Land unter den Ländern der Welt repräsentieren wollte. Präsident Rooscvelt, über dessen Verbleiben im Amt am heutigen Tage die entscheidende Abstimmung stattfimlet, hat trotz der Mühen des Wahlkampfes an der New-Yorker Feier teilgcnonunen und in seiner Rede auf die ״zahllosen Wieder Touristen ״ Visen Wie Palcor aus Jerusalem drahtet, ist das Zirkular, durch das die Britischen Konsulate angewiesen wurden, Touristenvisen nicht zu erteilen, zurückgezogen worden. Diese Nachricht wird gewiß mit großer Genugtuung auf genommen werden. Einwanderer aus anderen Ländern, die, an der Freiheitsstatuc vorbei, hierherkamen“ hingewiesen und uereii Verdienste an dem Aufbau der Vereinigten Staaten gepriesen. Sie kamen, so sagte er, aus hundert alten Ländern und brachten deren Kulturen in ein neues Land. Die 50 Jahre, die die Freiheitsstatue auf ihrem Platz, steht, sind auch für die j ii d i s c 11 e W;1 n d e r 11 n g ein entscheidender Zeitabschnitt gewesen. 111 dem soeben erschienenen amerikanischen jüdischen Jahrbuch (The American jewisli Ycarbook 5(197, Jewish Puhlication Society, Philadelphia) finden wir eine Statistik der jiidischeu Einwanderung nach den Vereinigten Staaten 1 SS 1 bis 1935, deren üesamtziffer auf 2 '3 TJ 881 berechnet wird (von einer Gesamteimvandenmg von '27 7S7 792), wobei zu berücksichtigen ist, daß für die Jahre von 1 •SSI bis 1907 keine vollständige offizielle Statistik (sondern nur über einzelne Häfen) vorliegt, so daß die Zahlen wahrschcinlich größer waren. Jedenfalls hat sich die amerikanische Judenheit einschließlich des natürlichen Zu- Wachses in dieser Zeit um fast vier Millionen vermehrt. I)ic 4'2 Millionen Juden Amerikas werden beute als freie Bürger ihrer neuen Heimat ihre Stimme abgeben; sic bilden als Juden natürlich keine politische Gruppe, sondern gehören beiden der großen Parteien an. Diese zum größten Teil ehemals russischen Juden, die in: zaristischen Rußland unter Ausnahmegesetzen lebten, sind von Dank und Liebe zu dem Land ihrer Freiheit erfüllt; trotzdem wissen sie, daß die jüdis che Frage auch für sie noch nicht ״gelöst“ ist Die grolle Bedeutung, die die Freiheitsstatue vor der Eingangspforte Amerikas für den Ei וו wanderer hatte, hat sie freilich heute nicht mehr. Auch Amerika hat seine Tore bis auf einen schmalen Spalt geschlossen. In den Jahren 1931 bis 1935 betrug die jüdische Einwanderung durchschnittlich nur noch 3958. Auch in Amerika merken wir Ansätze zu einer anderen Haltung, die nicht mehr ganz mit den Vorstellungen übereinstimmen, als deren Wahrzeichen die Freiheitsstatue galt — wenigstens im Bewußtsein all derer, die in den letzten 50 Jahren sehnsüchtig nach einer neue!! Heimat blickten. * Für Menschen, die so glücklich sind,׳ bodenständig in geordneten Verhältnissen zu leben, ist es schwer, sich in die Seele von Auswanderern zu versetzen, die suchend einer ungewissen Zukunft cntgcgcngchen. Es ist ein schweres Los, an fremde Tore pochen zu müssen. Ein Mensch in neuer Umgebung bedarf der stützenden Hand, bedarf menschlicher Solidarität, er erwartet eine praktische Humanität, an die zu glauben wir gelehrt wurden. Und oft genug wird der Glaube nicht enttäuscht. Es gibt nichts Bewegenderes als Beweise echter Menschlichkeit und Nächstenliebe über alle Grenzen der Natio-!