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Jüdische Rundschau · 1936-10-23 · Heft 85 (23.10.1936) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 85 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Beo t 1 121 IvLrl NR. 85,23. OKTOBER 1936 Eröffnung des Wintersemesters an der Lehranstalt Die Arbeit des Wintersemesters a!1 der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wurde nach alter Tradition am 20. Oktober mit einer kleinen akademisehen Feier eingeleitct. Nachdem Prof. El bogen den Dank der Lehranstalt an den nun endgültig aus dem Kollegium ausgeschiedenen Tahnuddozenten Dr. Chanoch Aibeck ausgesprochen hatte, hielt der Nachfolger Albecks, Dr. Alexander Out mann, eine programmatische Rede über sein Arbeitsgebiet, in der er die Gründe für das Versagen der talmudisehen Disziplin an den westeuropäischen jüdischen Hochschulen untersuchte und neue Methoden vorschlug, dem Talmudstudium erfolgreicher näherzukommen. Daß eine Be- Schränkung des Talmudlernens vorgenommen würde, käme nicht in Betracht, weil der Talmud eine nicht wegdenkbare Kulturquelle und außerdem noch immer die Grundlage aller religiösen Entscheidungen ist. Wenn auch die Neuzeit den Rabbiner vor andere Aufgaben stelle, so müsse er doch auch aut diesem Gebiet fähig sein, selbständig zu arbeiten und Ent- Scheidungen zu fällen. Dr. Gutmanri trat für eine Wissenschaftliehe Lernmethode ein, die von der Grammatik und der Kulturkunde der Antike her den Weg zum Ziel abkürzen soll. Voraussetzung für die Erreichung des Ziels sei aber stets die intensive Mitarbeit der Studierenden, die sich eingehender als bisher diesem Gebiet widmen müßten. In diesem Zusammenhang sei wieder auf die all gemeinen Vorlesungen an der Lehranstalt hingewiesen, von denen vor allem eine Vorlesung Prof. Franz Oppenheimers über ״Nationalökonomisclie Grundlagen der Soziologie“ und eine Vorlesung Prof. Eugen Täublers über .,Fremdgötter in der Bibel“ eine weitere Oeffentlichkeit interessieren dürften. —n. Künstlerisches Leben in Palästina. Im Kulturbund sprach Dr. Werner Levie über ״Künstlerisches Leben in Palästina“. Das palästinensische Publikum — Juden aus aller Welt — wurde geschildert, seine Aktivität und seine Passivität — die Passivität infolge Sprachschwierigkeiten — und ebenso die wichtigsten palästinensischen Bühnen, tunen breiten Raum nahm die Schilderung der Habimah ein, die zwar ein hebräisches Theater, aber kein Palästina-Theater sei. 111 den vielen Jahren, seit sie in Palästina spielt, ging noch kein in Palästina in hebräischer Sprache geschriebenes Drama _ über ihre Bühne. Auch heute noch hält die Habimah an ihrem bekannten durch Waclitangoff begründeten Stil fest, auch heute noch ist sie ein Kollektiv, aber, und das ist der Hauptansatzpnnkt für die Kritik: ein Kollektiv ohne Nachwuchs. Anders das Ohel-Theater, das palästinensische Arbeitertheater. Mosche Halevy leitet es bewußt als Volkstheater und pflegt 1!en sephardischen Stil im Gegensatz zum aschkenasischen, jiddischen, deutschen. Ais Beispiel schilderte Dr. Levie die dramatische revuemäßige Darstellung der Geschichte von ,,Jakob und Rahel“. Es w׳ird mehr getanzt und gesungen als gesprochen. Auch Stephan Zweigs ״Jeremias“ wurde demgemäß umgedichtet. Abschließend gab der Redner noch eine Kurze Charakteristik von Bistritzky, dessen Drama ״Schabbatai Zwi“ im November vom Kulturbund »ufgeführt wird. R. M. Kapellmeister Berthold Sander vom Jüdischen Kulturbund Berlin feiert am 26. Oktober sein 25iähriges Bühnenjubiläum, fr begann seine Laufbahn im Jahre 1911 in Trier unter Heinz Tietjcn und gelangte über Hamburg, Mainz, Darmstadt nach Braunschweig. In den Jahren 1031 — 1933 war Sander als musikalischer Oberleiter in Hildesheim tätig. Jubiläum. Am 17. Oktober sind 50 Jahre vergangen, daß Herr David Schenker sich ehrenhalber der Aufgabe des Krankenbesuchs (Bikktir cholim) unterzieht, und zwar 32 Jahre lang in unserer Gemeinde und 18 Jahre in seiner Heimatstadt Krakau. Barwltwih-Termln. Am 31. Oktober (15. Marchesrhwan): Israel Peter B i a 1 e r, Sohn von Victor Biaier. W 15, Pariser Str. 17 a, Mitteilungen der Jüdischen Winterhilfe Am nächsten Sonntag, dem 25. Oktober: Haussammlung! Die von der Winterhilfe durchgeführten Haussammlungen sind als Ersatz für die hei uns nicht möglichen Straßen- Sammlungen anzusehen. Infolgedessen sind Abzüge vom Einkommen usw. keineswegs mit den Haussaimniungen identisch. Die Eintopfspende, die an den Eintopfsonntagen gesammelt wird, bleibt davon unberührt. Bei Firmen und Betrieben, in denen mehrere jüdische Angestellte beschäftigt sind, empfiehlt es sich, einen Obmann zu bestellen, der die monatlichen Winterhilfsbeiträge Uba-hckccle-QU, 0£R Güdkc^eh^inkn(uS{e: Berlin 93446 der jüdischen Angestellten kassiert und an die Jüdische Winterhilfe abführt. Meldungen von Obleuten an die Jüdische Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Abteilung Angestelltenspende, Berlin C 2, Rosenstr. 2/4. Die Jüdische Winterhilfe bittet dringend, ihr Schreibtische, Tische und Stühle zur Verfügung zu stellen. Angebotc erbeten an die Jüdische Winterhilfe (Abt. Sachspenden), Rosenstr. 2/4. Sie bittet ferner um Ueberlassung von Radioapparaten und Zubehörteilen. Meldungen: Jüdische Winterhilfe, Abt. ״Seelische Winterhilfe“, Rosenstr. 2/4. Für den Westen Berlins werden noch Sammler und Sammlerinnen benötigt. Damen und Herren, die im Westen wohnen, werden gebeten, sich schriftlich bei der Abteilung Haussammlung der Jüdischen Winterhilfe, Rosenstr. 2/4, zu melden. Jüdische Architekten. Mit einem Vortrag von Dr. Osborn über ״Jüdische Architekten seit HK) Jahren“ eröffnete der Jüdische Museumsverein die Reihe seiner kunshvissenschaftlichen Vorträge. Es war verdienstlich, einmal die Teilnähme jüdischer Architekten an dem baukünstlerischen Schaffen der letzten hundert Jahre aufzuzeigen, ein Gebiet der jiidisehen Kunstwissenschaft, das bis jetzt verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden hatte. Dr. Oshorn behandelte das künstierische Schaffen des Erbauers der Berliner Börse, Friedrich Hitzig (1811 —־ t SSO), Sohn des bekannten Kriminalisten und Urenkel des Berliner Münzjudett Daniel Itzig. Eine Anzahl der repräsentativsten Villen im Tiergartenviertel sind Arbeiten dieses Schinkel-Schülers. Von ihm stammt auch das Reichsbankgebäude und der Neubau der Technischen Hochschule. Eine Anzahl jüdischer Architekten bauten in dem, im 19. Jahrhundert so beliebten historisierenden Baustil, so Edwin O p p 1 c r, Hannover, dessen Synagogenbau in Hannover einen Mischstil aus romanischen” und gotischen Bauelementen zeigt. Achnlich baute Adolf W o 1 f f in Süddeutschiand eine Anzahl Synagogen. Die Architektenfirma Cremer und Woiffenstein erhielt beim Wettbewerb des Reichstagsbaucs den 2. Preis und führte 11. a. das Warenhaus Tielz am Alexanderplatz und das Reichsfinanzrninisterium aus. Der geschmackvolle Erbauer von Viiictipaiaslen, Alfred Breslauer, wurde vom Vortragenden gewürdigt. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Berliner Baukunst. Ausführlich wurde das Schaffen Alfred Messels gewürdigt, von seinem Frühwerk, dem Museum In Darmstadt an, bis zu den Entwürfen zum Deutschen Museum in Berlin, dessen Vollendung Messel nicht mehr erlebte. Eine meisterhafte Kunstanalyse wurde Messels berühmtester Schöpfung, dem Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz, zuteil. Erich Mendelsohn wurde unter den Architekten der jüngeren Generation besonders hervorgehoben. Im selben Geiste schuf Fritz Nathan in Süddeutschland eine Anzahl Warenhäuser, vor allem aller die wunderschöne Anlage des jüdischen Friedhofs in Frankfurt a. M. In Hamburg wurde das Ballinhaus von Gebrüder (ierson und die 1931 vollendete Synagoge von F r i e d m a n n und Ascher gebaut. Von den Arbeiten der Wiener jüdischen Architekten wurden die Wohnbauten und Theatcrdckoration von Oscar Strnad hervorgehoben. In Berlin schufen Leo Nachtlicht das Cafe Germania und der Theaterarchitekt Oskar Kaufmann u. a. den Bau der Volksbühne und der Komödie. Von Kaufmann zeigte Dr. Oshorn neuere Arbeiten, wie den sehr interessanten Entwurf für das Habimahtlicatcr und ein Freilichtkino in Haifa. Nachdem der Vortrag im Anfang auf die antike palästinensische Architektur iiingcwiesen hatte, klang er in einer sehr fesselnden Betrachtung moderner p a I ä s 1 i 11 c ת - Bischer Baukunst aus. V011 der älteren Generation wurde Alexander Bärwald, der Erbauer des Polytechnikums, gewürdigt. Die städtebaulichen Arbeiten von Richard Kauftmann aus Frankfurt, wie die Anlage der Kolonie Nahalal Arbeitshäuser am Toten .Meer zeigen, wie die klimatischen Bedingungen in Palästina unseren /Architekten neue Bauaufgahen stellen. Dr. Irmgard Schüler Die Loge ״Linas Hacholim“ veranstaltete am 11. Oktober in den Musiker-Eests.den einen Theater-Abend. Zur Auffuhrmig kam ״Hochzeit aus Spaß״ (Der f .11 in Id Chochcm) von Rakofi unter Mitwirkung v11״ F rau und Frl. Baum, Frl. Knopf und den Herren: WitlrHolin, Memlelsohn, Wurzeldarf, Ncmclh, Herz, Baufcki und Schneider. Die Regie führte Herr Witteisohn. Ankündigungen Zionistische Veranstaltungen Fraucn-Arbeitsgcmeinschaft für Palästina. <;!!1pjun l.irhirrfoMo und N'nrdwf'1, ArhoR Hi 1!.1 h M <;011,10 f *!:!1! h! Iinv.n ויי }: den Prohlrmfn »irr S׳n1׳T". (An 11 < ׳ .{ T־- i;, ..I ru'ilnn r; P.t'n- .5•hn.t“.) 140t;np,!'! י tik! i!>״: Am iiktnh!10.30 ,!־ l’hr, bei Pr,3u Sin:׳rr. NW. iw--- '!י׳, .. ..!;:,,:,p׳\\;!'׳>!,i und (0־:!: Jrdm Dif-n-tsg um 20.30 ז hr 1.״u ■ r).r. (;r1:pprim Hrim. Ro- Äfnfhalrr Str. 44, 711 rin*m Tr.-d_ V hr ׳^ זfuoronwT/dt (Lriiung: Frau I.i 11 v Dh^r): ,,/,ionien־׳־hr Oru^!,h:r. Photogruppe T’munah. Am 27. ^0-mAn, 2000 l'W, limm, R3־nf־ Straße 54. ״Von Berlin nach JenimAni׳־,!•;:!der einer Reise. Rcf.: Herbert Sonncnteid. Hebräische Kurse der BZV. A nfangerkurse: Am 27. Oktober, 19 1 'hr, Heim. Kan!Mr. 54, Peimng: Dr. H!o:e־r. Am 2. Nnvemhor, 20 Uhr, Konditorei Hansa. Flensburger Srr. Id, l.ritung: U. Dawidoiwirz, In nächster Zeit beginnen weueie An!,in^crkur;-e in Steghu und im Heim. Ro--enrhnlrr Sfr. 44. AnntHHuncr und Auskunft: KuUurabteilurig der BZW, Meinekc.Mr, 10 (J 1 9031). Hebräische Seminare der BZV. BibcKeniinar Dr. Ch. BorodianWi (Lektüre von Psalmen). Jeden Sonnabend 19 Uhr, KanUtr. 54. Rechtsfragen der Bibel '(Qur!lcnlck11!1c). Dr. S, Mn.v. Jeden Dicnsfag 20.45 Uhr, Kantstr. 54. Beginn 20. Oktober. Mi-rima-Seminar Dr. S. Ma.'T. Quellrnlekuirr unter Zuziehung der Grm.1r;1h mit Brklärung in deutscher Sprache. Jeden Montag 20 Fhr. Kant-fr. 54. Beginn 1.9. Okfober: Krhymolo/ue!irr hebr;nw-hen Sprarhr, Dr. M. Brcser. Jeden Sonnabend. Kantstr. 54, 19.30 Ohr für Anfäng*׳r, 20.30 An die Mitglieder der BZV Diejenigen Mitarbeiter der Rosch Haschanah-Campagne des KKL, die וזזה letzten Sonntag nicht angetroffen wurden, werden dringend ersucht, ihren Sammelblock ohne Verzug 7.11״ rückrusenden und den gesammelten Betrag auf das Postscheckkonto des Keren Kajemeih Lejisrae!, Berlin ‘28247 ein7.117.ahlcn. BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG stottern, er schämte sich, weil er an den Klatsch dachte, den es damals deswegen gegeben hatte, weil man Pandre hatte alle Abend ins Gutshaus gehen sehen, und wie dar Torhüter sich vor ihm verneigte. ״Ja“, sagte er also hetrübten Herzens, weil doch sogar Pandrea Verteidiger in der alten schmutzigen Wäsche kramte und die liederliche Vergangenheit ausgraben wollt« — ״ja, ich hab reden hören. Aber das war lange bevor Pandre mein Eidam war.“ Der Verteidiger unterbrach üin sofort. ״Keine Zeit verreden, keine halben Worte! Sagt mir alles, was Ihr wißt, das ist höchst wichtigl Es war eine Heldentat, die Dame zu retten, unter eigener Lebensgefahr! Wißt Ihr, wo die Gutsherrin jetzt sein kann?“ Sender wußte es nicht. Wie sollte er das wissen? fragte er. Was für Geschäfte hatte er mit dem Gut? Er wußte nur, daß die Dame in den heißen Sommermonaten im Gutshaus« zu wohnen pflegte. Das ganze übrige Jahr lebte sie in Petersburg. ״Wir müssen uns ihre Adresse beschaffen!“ sagte der Anwalt, und legte seine Papiere zusammen. ״Wir müssen ihr schreiben! Sie soll bestätigen, sie und ihr Kutscher, was Pandre getan hat!“ Sender kam mit einem Lächeln zur Synagoge. So war e« klar, Gott schuf die Heilung vor der Krankheit. Plötzlich, nach Jahren, sollte das Geschwätz über Noah und die Gutsherrin zu etwas gut sein! Es war ein Glück für Kuschke Brand, daß Sender nicht daheim war, als er zurückkam. Denn Schmendrik sah erschöpft aus, als hätte er die ganze Nacht auf der Hochzeit getanzt. Sein feuchter Rücken rauchte im kühlen Maimorgen, und seine lustigen Augen hatten einen unsicheren Blick. Schaum triefte von seinem Gebiß, und aein schweratmender Bauch glänzte unter den Gurten ■wie geölt Und schmale Kreuze auf dem schwarzen Fell zeigten, wo Kuschkes Peitsche seinen Rücken gestriemt batte — Beweis, daß Kuschke das Lieblingspferd seines Konkurrenten nicht ge- »ehernt hatte. Senders Frau kam gleich herausgelaufen, um Schmendrik anzusehen, aber ehe sie einen Blick auf das Pferd werfen konnte, zog Kuschke einen Haufen Siibermünzen heraus, zählte ihr zehn silberne Halbrubelstücke aut und gab noch ein paar Gulden dazu, sein halbes Trinkgeld, wie 6f abgemacht war, Senders Frau hatte schon lange nicht so viel Geld in der verarbeiteten Hand gehabt, und es machte »1e blind für alles andere. Kuschke benützte das, spannte Schmendrik eilig aus und führte ihn in den Stall. Bevor er noch Zeit hatte, die Stalltür hinter Ihm am verriegeln, hörte er Meri aus dem Hause rufen, ob er nicht hereinkommen und ein Glas Tee haben wollte — er müßte müde sein nach einem 80 langen Weg. Mit einer so hübschen jungen Frau Tee zu trinken, war keine alltägliche Gelegenheit für Kuschke. Wenn Pandre fre> gewesen wäre, hätte Kuschke nicht einmal gewagt, sie anzuschauen. Also lief er rasch ins Haus und vergaß, die Stalltür zu verschließen. Zum Unglück stund ein großes Schaff mit eiskaltem Wasser in der Nähe der Stalltür. Senders Frau hatte es für die Pferde in die Remise geholt und es da zum Vorwärmen stehen lassen, denn es hatte am Morgen noch gereift, wie das manchmal im frühen Mai verkommt. Es schwammen noch kleine Eisbröckchen auf dem Wasser. Schmendrik steckte den kleinen Kopf auf dem schön gebogenen Halse aus der StaUtür und sah den Wassereimer. Er schlürfte zuerst vorsichtig, etwas erschreckt von der Kälte; dann, weil er durstig war, schlappte er gierig, die Eisklümpchen zermalmend, das Ganze aus, soff sich voll mit eiskaltem Wasser, während er noch dampfte. * Als Sender aus der Synagoge kam und den Haufen Silber auf dem Tisch sah, zählte er das Geld nicht. Er ging zuerst in den Stall, um zu sehen, wie Schmendrik aussah, nachdem er die ganze Nacht über die Zlobiner Chaussee gelaufen war, die bei den Fuhrleuten wegen ihrer vielen Löcher und Steine verrufen war. Im Halbdunkel des Stalles sah er Schmendrik traurig vor der Krippe stehen. Er hatte kein Korn angerührt. Sender klopfte ihm zärtlich den Hals, Schmendrik nickte mit dem Kopf, hin und her, wie eine Pagode, aber er schaute sich nicht nach seinem Herrn um und starrte unausgesetzt vor sich hin. Seine Ohren zitterten, und ein Schleimfaden rann von seinem Maul. Sender sank das Herz. Er lief ins Haus und schrie: ״Wo ist Kuschke? Was hat er gemacht?“ Die Frau, bestrebt, ihn zu besänftigen, hielt ihm den Haufen Silber hin. ״Da“, sagte sie, ״fünf Hubel und fünfundvierzig Kopeken!“ Aber Sender stieß ihre Hand weg, daß ein paar von den Münzen auf den Boden rollten. ״Wo ist Kuschke?“ schrie er, ״er hat Schmendrik umgebracht!“ ״Unsinn! Kuschke hat das Pferd heil und gesund zurückgebracht“, sagte Meri, um die Mutter zu verteidigen. ״Ich hab es ihn selber ausspannen sehen.“ Und sie fügte hinzu: ״Kuschke hat vor einer Weile noch hier gesessen und seinen Tee mit Kandis getrunken.“ Sie liefen alle drei in die Remis«, und sahen sofort, daß der Wassereirner lm war bia auf den letzten Tropien! Sender raufte sich die spärlichen Haare. Schmendrik war hin! Nichts meinzu marlicn! Er war sibirische Rasse, und. wenn er das eiskalte Wasser in den erhitzten I^eih bekommen hatte, war das sein Ende. Die Hölle brach los in Senders Haus. Stalltür — zugeschlossen — Wasser — Eis — Kuschke — — die Worte warfen sich alle drei immer wieder zu. Meri stöhnte und weinte, und die Mutter bettelte unaufhörlich: ״Mann! Sender! Um Gottes willen, denk an Meri!“ Als die erste Aufregung vorüber war, rannte Senders Frau auf flinken Füßen um den Tierarzt. Der Tierarzt kam, steckte Schmendrik ein Stück Talg in den After und goß ihm Bittersalzlösung in den Hals, aber er schüttete mehr auf den Boden als in des Pferdes Maul. Dann seufzte er, und klagte über die harten Zeiten und nahm einen halben Rubel von Kuschkes Silber mit — von dem Gewinn, der Elend in Senders Haus gebracht hatte. Er würde morgen wiederkommen, sagte der Tierarzt. Schmendrik stand weiter vor der vollen Krippe, wie he* täubt. In der Dämmerstunde hörten sie einen dumpfen Fall. Sie rannten in den Stall - Schmendrik war umgefallen und hatte sich dabei den Kopf an der scharfen Ecke der Krippe gestoßen. Er haue eine große Beule zwischen den Ohren. Das Pferd lag auf der Seite, mit ausgestreckletr. Hals. Der Bauch war aufgedunsen, es keuchte, die großen Augen blinzelten wie vor scharfem Licht, und die Nüstern entließen ein schnarchendes Stöhnen. Hitze schlug von iiim aus, und über das glatte Fell lief ein Zittern, wie wenn ein böser Wind vor dem Gewitter über reife Kornücker geht. Was war da noch zu sagen. Schmendrik schien verloren« * Am Morgen gab man ihm einen Aderlaß. Danach schien es ihm besser zu gehen; er zog die Vorderbeine unter sich, das machte Sender etwas Hoffnung, daß er sich erholen würde. Er trank ein bißchen Haferschleim, nahm ein Stückeben Zucker mit den zitternden Lippen und verfiel wieder in Benommenheit. So ging es, einen Tag besser, einen Tag schlechter. Nach etwa zehn lagen stand er auf; aber cs war nicht mehr der alte Schmendrik. Ein trauriger Schatten seines alten Selbst, mit erloschenen Augen. Sender nahm ihn ins Freie hinaus und bemerkte bald, daß er nach einer Seite zog. Immer nach rechts, immer nach rechts. Wie ein Kahn mit zerbrochenem Steuer strömabwärts treibt — kannst an den Rudern ziehen, soviel du willst, das Boot gellt immer nach der Seite, wo das Steuer klemmt (Fortsetzung folgt)

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